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BAUSTEIN 401 - 450

427. Ich bin JHWH, dein Gott  -  20. Januar 2022

So beginnt der Dekalog, den ich hier nach Dtn 5,6-21 zitiere. Die ersten drei Verse lauten: „Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Kultbild machen, keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

In dem Artikel „Der Löwe und die Gazelle“ vom 19.4.2008 schreibt Uri Avnery , dass der Auszug eines ganzen Volkes aus Ägypten, wo sie versklavt waren, nie stattgefunden haben kann, da es kein einziges historisches Zeugnis darüber gibt. Dennoch sei der Auszug aus Ägypten das zentrale Bild, welches das jüdische Selbstverständnis konstituiert. (Siehe: www.lebenshaus-alb.de/magazin/004985.html.)

Dieses Bild konstituiert auch das christliche Selbstverständnis, wenn man den Besuch Jesu in der Synagoge von Nazaret bedenkt, von dem das Lukasevangelium berichtet: „Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4,16-21.)

Das Deuteronomium ist ein zentrales Kapitel der Heiligen Schrift Jesu, die auch zu unserer Heiligen Schrift gehört. Und JHWH, der Gott Jesu, den er seinen Vater nennt, ist auch unser Gott. Neben JHWH sollen wir keine anderen Götter haben. Ursprünglich gemeint sind Götter der Israel umgebenden Völker wie Baal und Moloch. Der Moloch ist in unserer Vorstellung eine unersättliche Macht, die alles verschlingt. Was wir meiden sollen, ist alles Dämonische.

Im Unterschied zu den Götterbildern der Religionen der Umwelt ist die JHWH-Verehrung Israels frei von materiellen Bildern. Nach dem Wikipedia-Artikel „Gott der Vater“ wird Gott in der Hebräischen Bibel, in anderen Schriften des Judentums und im jüdischen Gebet als (mein, unser) Vater angesprochen und bezeichnet. „In diesem Sinne sind nach jüdischer Tradition alle Menschen Söhne und Töchter Gottes, (göttliche) Personen werden nicht angebetet und Ruach HaQodesh (der Heilige Geist, wörtlich ‚Heiliger Atem‘) wird nicht in den Stand eines Gottes erhoben. Die Christologie lehrt, dass Jesus Christus an diese Tradition angeknüpft habe, indem er Gott vertraulich, in der aramäischen Sprache, als Abba (‚Papa‘) anredete und seine Jünger das Vaterunser lehrte.“

Gott als Vater anzusprechen, hat im Christentum dazu geführt, in Bildern der Trinität Gott Vater als alten Mann mit grauem Bart darzustellen. Ich bleibe dabei, mir von Gott Vater kein Bild zu machen. Er ist unvorstellbar. Kein Bild trifft auf ihn zu. Ihn als Vater anzureden, was ich nicht tue, ist eine Brücke, um sich ihm als einem Du nähern zu können, das für uns da ist. Voll Vertrauen fühle ich auch so, dass er für uns da ist. Er ist JHWH, das heißt, er ist da, er ist für uns da. Er ist für sein Volk Israel da. Darüber hinaus ist er für alle Menschen da, die seine Liebe zulassen.

In tiefem Vertrauen sage ich mit Psalm 139: „JHWH, du hast mich erforscht und kennst mich. / Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. Ob ich gehe oder ruhe, du hast es gemessen. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. Ja, noch nicht ist das Wort auf meiner Zunge, siehe, JHWH, da hast du es schon völlig erkannt. Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. Wohin kann ich gehen vor deinem Geist, wohin vor deinem Angesicht fliehen? Wenn ich hinaufstiege zum Himmel - dort bist du; wenn ich mich lagerte in der Unterwelt - siehe, da bist du. Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen. Würde ich sagen: Finsternis soll mich verschlingen und das Licht um mich soll Nacht sein! Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, / die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis.“

Der Heilige Geist wird in Bildern der Trinität als eine Taube dargestellt. Das kommt vom Bericht über die Taufe Jesu in den drei synoptischen Evangelien. „Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.“ (Mk 1,10.)

Im griechischen Text steht „wie eine Taube“. „Wie eine Taube“, das kann nur die Art und Weise meinen, in der der Geist auf Jesus herabkam. Man sollte sich nicht vorstellen, dass der Geist als eine Taube herabkam. Darüber hinaus machen Günther Schwarz und Jörn Schwarz in ihrem Buch „Das Jesus-Evangelium“ auf Seite 455 auf etwas aufmerksam, das bei Rückübersetzung des griechischen Evangelientextes ins Aramäische, in die Muttersprache Jesu, zutage tritt: Die beiden aramäischen Wortverbindungen für „wie eine Taube“ und „geradewegs“ unterscheiden sich nur durch Vokalzeichen, die in schriftlichen Texten ursprünglich nicht vorhanden waren. Ohne Vokalzeichen kann die aramäische Wortverbindung     beides bedeuten. Also ist auch die folgende plausible Übersetzung möglich: „Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist geradewegs auf ihn herabkam.“ (Mk 1,10.)

Das Buch Genesis beginnt mit den folgenden beiden Versen: „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ Im Anfang und immer ist Gottes Geist am Werk. Setzen wir uns seinem Wirken aus, wie Jesus es getan hat.

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426. Covid-19 ist erst der Anfang  -  20. November 2021

Was? Wir sind in ein Zeitalter von Pandemien eingetreten? Die Schlüsselrollen haben das Agro-Business und die Fast-Food-Industrie, die von korrupten Regierungen und einem außer Kontrolle geratenen kapitalistischen globalen System angetrieben werden?

Der in San Diego lebende Soziologe Mike Davis hat das bereits 2005 in seinem Buch „The Monster at Our Door“ vorausgesagt. Die neue, um Covid-19 aktualisierte Ausgabe des Buches erscheint im Februar 2022 unter dem Titel „The Monster Enters“.

Mike Davis hat am 23.Dezember 2020 der digitalen Zeitschrift „Republik“ ein Interview zu diesem Thema gegeben, aus dem ich jetzt zitiere. Das gesamte Interview befindet sich auf www.republik.ch/2020/12/23/covid-19-ist-erst-der-anfang.

„Der ‚New Yorker‘ schrieb im April dieses Jahres, Sie hätten mit der Vogel­grippe eine Zombie-Apokalypse erwartet. Und mit dem Corona­virus stattdessen einen Asteroiden erhalten, der auf der Erde einschlägt. Hatten wir trotz des Schreckens von Covid-19 Glück im Unglück?

Leider gibt es viele Monster, die vor unseren Türen lauern. Unter den bedrohlichsten ist tatsächlich die Vogel­grippe: Das sind Influenza-A-Viren, die in Wildvögeln hausen, welche Haustiere anstecken. Dort können sie sich zu Hybridviren verbinden und auf Menschen überspringen. Diese Bedrohung ist nicht kleiner geworden.

Können Sie uns genauer erklären, wie das geht – vom für den Wildvogel harmlosen Virus zur tödlichen Gefahr für den Menschen?

Wilde Vögel sind das natürliche Reservoir für Influenza­viren. Die Viren sind für diese Vögel nicht gefährlich – genau so, wie das Corona­virus für die Fleder­mäuse auch nicht gefährlich ist. Die Viren leben in den Därmen dieser Vögel sowie im Wasser der kanadischen und sibirischen Seen, zu denen sie jeden Sommer zurück­kehren. Nun migrieren die Wildvögel. Auch nach Südost­asien, wo eines der genialsten landwirtschaftlichen Systeme der Welt erfunden wurde, ein sehr produktives System: Man pflanzt am selben Ort Reis, wo man auch Hühner oder Enten sowie Schweine aufzieht. Die Enten oder Hühner picken Insekten und Unkraut aus den Feldern, und die Wildvögel gesellen sich dort zu ihnen – und übertragen ihre Viren auf die Hausvögel. Und diese stecken dann die Schweine an.

Wie kommen sie vom Schwein zum Menschen?

Schweine haben sehr ähnliche Immun­systeme wie Menschen. Ein Schwein kann sich sowohl bei einem Menschen als auch bei einer Ente mit Influenza anstecken. Diese verschiedenen Influenza­viren können nicht nur punktuell mutieren, sondern gleich ganze Stücke ihres genetischen Materials miteinander austauschen innerhalb des Schweins. Am Ende haben Sie also einen Hybriden mit menschlichen Virenstämmen sowie mit Stämmen von wilden Vögeln, die für den Menschen tödlich sind. Und diese Hybride können von den Schweinen auf den Menschen überspringen. So entstand die Spanische Grippe 1918.

Sie folgerten in Ihrem Buch: Die industrialisierte Massen­tierhaltung wird uns in die Katastrophe führen. Warum? Bisher sprachen Sie von Wildvögeln und Hausschweinen.

Die industrielle Viehzucht verschärft jeden Teil dieser Interaktionen. An der Stelle einiger Hühner haben Sie nun Hundert­tausende von Hühnern in Massen­mästereien, welche die Kleinbauern in Südost­asien systematisch verdrängt haben. Auch Schweine werden in krasser Konzentration gezüchtet, dort wie hier. Ein Beispiel aus meiner Umgebung: Ich kenne einen Betrieb in der Wüste von West-Utah. Sie riechen ihn, lange bevor Sie ihn sehen, schon aus 30 Kilometern Distanz. Da leben 250’000 Schweine unter Bedingungen, die man sich fast nicht vorstellen kann, wo immer wieder Arbeiter sterben, weil sie in diese riesigen Teiche mit Schweine­exkrementen fallen. Eine albtraum­haftere Szenerie könnten Sie sich nicht ausdenken.

Arbeiter, die in Schweine­exkrementen ertrinken?

Die Fleisch- und Geflügel­produktion ist in den USA eine Niedriglohn­industrie. Die Arbeits­kräfte sind mehrheitlich mexikanische Immigranten. Das Tiefpreis­poulet, das zu einem wichtigen Teil der weltweiten Ernährung geworden ist, entsteht in Fabriken mit Fließ­bändern und automatischen Fütterungs­anlagen. Der Preis dafür ist hoch: für die Arbeiterinnen. Für die öffentliche Gesundheit. Für die Umwelt. Fast Food beruht auf dem Raubbau von Umwelt­ressourcen, der Zerstörung von Familien­farmen und der traditionellen Ökologie der Nahrungsmittelproduktion.

[...]

Können wir noch einmal zurück­kommen auf die Super­mästereien, die Sekundentakt-Schlachtungen und ihre Rolle bei der Entstehung von Vogelgrippe, Schweine­grippe und Coronavirus?

Die Massentierhaltung ist eine Teilchen­beschleunigerin. Mehr Körper auf weniger Raum bedeuten mehr Chancen für die Entstehung von Mutationen oder Hybridviren und für ihre Verbreitung, egal bei welchem Virus. Jetzt versuchen wir gerade, dieses Corona­virus in den Griff zu bekommen. Das heißt aber nicht, dass die anderen Monster nicht weiter vor unseren Türen lauern. Die bedrohlichsten sind, wie gesagt: die Vogelgrippe­viren. Wir wissen heute, dass wir wohl nur eine einzige Mutation davon entfernt sind, dass einer der tödlichsten Stämme der Vogel­grippe pandemisch wird.“

[...]

Wenn wir aufhören, Fleisch und Fisch zu essen, oder wenn wir zumindest anfangen, viel bewusster oder lokaler zu konsumieren, verschwindet dann das Pandemie­problem?

Nein. Fast jede Epidemiologin würde wohl dem folgenden Satz zustimmen: Covid-19 ist nur der Anfang und das erste Kapitel einer neuen Ära von Pandemien. Es sei denn, wir können die Grenzen zwischen solchen natürlichen Viren­reservoiren und Menschen kontrollieren und beibehalten.

Soweit das Interview mit Mike Davis.

Nun erwähne ich noch ein anderes Buch, nämlich das Buch „Schöne Neue Welt 2030 – Vom Fall der Demokratie und dem Aufstieg einer totalitären Ordnung“. Die Buchbeschreibung lautet: „Die Corona-Krise brachte es an den Tag: Seit Beginn des Jahres 2020 ist die Fassade der westlichen Demokratien zusammengebrochen. Beim Umgang mit der Pandemie griffen die Machthaber fast allerorts zu autoritären Methoden. Ihre Instrumentalisierung geriet zu einem Eliten-Komplott, das jede Verschwörungstheorie in den Schatten stellt. Nichts hat die reale Funktion des bürgerlichen Staates so klar ins Licht gerückt wie diese Krise. Ullrich Mies lässt internationale Expertinnen und Experten zu Wort kommen. Sie befassen sich mit der ‚Neuen Normalität‘, die die Globalisten der Finanzwelt und des World Economic Forum für die Menschheit vorgesehen haben: eine digitalisierte, kontrollierte und transhumanistische, eine entmenschlichte Welt. Dagegen gilt es, die Analyse zu schärfen und die Erkenntnis als Waffe des Widerstands einzusetzen.“

Der Herausgeber Ullrich Mies hat in das Buch Beiträge von neunzehn Autoren aufgenommen, auch von ihm selbst. Ich freue mich schon darauf, das Buch zu lesen. In den Kundenrezensionen habe ich folgende Sätze gefunden:

„Hintergrund der Pandemie einfach und logisch erklärt. Lesen und sich seine Meinung bilden. Viele Punkte, die man vielleicht nicht bedacht hatte. Wie immer gilt: Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst.“

„Das ist wohl leider die Wahrheit. Man kann nur raten, dieses Buch zu lesen. Es ist die pure Aufklärung. Aber bange machen gilt ja nicht. Wehe den Menschen dieses Landes und dieser Welt, wenn es Wirklichkeit wird, was hier mit großen Lettern an die Wand gemalt wird. Lest und handelt, sofern man versteht und akzeptiert, dass hier mindestens ‚ein Stückchen‘ Zukunftswahrheit vorgestellt wird. Vielleicht ist noch Zeit für eine wichtige Tat.“

Meine wichtige Tat ist das Gebet, dessen Kraft nicht zu unterschätzen ist.

Nun komme ich zu einem weiteren Buch, nämlich dem Buch „Immer-mehr und Nie-genug!: Eine kurze Geschichte der Ökonomie der Maßlosigkeit“ von dem Wirtschaftsethiker Bernhard Ungericht.

Der Autor hat zu diesem Buch einen Artikel in der von Heini Staudinger herausgegebenen Zeitschrift „Brennstoff“ Nr.60 veröffentlicht. (Siehe www.brennstoff.com/ausgaben/.) Ich zitiere aus diesem Artikel.

„Immer mehr Menschen spüren, dass etwas nicht stimmt. Es dämmert uns, dass etwas gefährlich aus dem Lot geraten ist. Warum gibt es ein Nebeneinander von obszönem Reichtum und erschreckendster Armut und warum wird das sogar weitgehend als normal betrachtet? Warum gilt eine durch ökonomische Ungleichheit, Konkurrenz und soziale Hierarchie zerrissene Gesellschaft als Höhepunkt zivilisatorischer Entwicklung? Warum kann heute die Wirtschaft erfolgreich als moralfreie und von angeblichen ökonomischen Gesetzen beherrschte Sphäre dargestellt werden? Wie kommt es, dass die Wirtschaftswissenschaft als vernunftgeleitete Disziplin gilt, während gleichzeitig doch ihre grundlegenden theoretischen Annahmen und Empfehlungen die natürlichen Lebensgrundlagen systematisch bedrohen? Warum akzeptieren wir, dass junge Menschen an den Wirtschaftshochschulen alles über die Maximierung der Profite, die effiziente Ausbeutung von Arbeitskräften, die Manipulation von Konsumenten, den Verkauf von Nutzlosem oder die rücksichtslose Beseitigung von Mitbewerbern lernen, aber absolut nichts darüber, wie eine lebensdienliche Wirtschaft aussehen könnte?“

Alle von mir in diesem Baustein vorgestellten Bücher fordern ein radikales Umdenken, eine neue Form der Weltwirtschaft. Wir befinden uns in der Situation, die das Buch Exodus für den Pharao und seine Ratgeber beschreibt: Entweder wir nehmen das ernst und handeln danach, oder es kommt die nächste schreckliche Plage.

Schöne Neue Welt.
(Aldous Huxley, „Schöne Neue Welt: Ein Roman der Zukunft“.)

Feedback von Manfried Faber:

Deinen Baustein 426 habe ich mit Interesse gelesen.

In der Kritik der Zustände stimme ich mit den vielen Bemerkungen überein.

Wir sollten nur nicht in einen Zustand der Depression verfallen, da uns all das Negative sehr bedrückt. Wir sollten das wie ein Arzt sehen, der einen Patienten behandelt, ohne sich selbst seelisch zu engagieren. Die vielen Krankheiten seiner Patienten könnte er sonst nicht ertragen.
Wehren ja - Depression nein.

Wir Menschen stehen anscheinend in Gefahr, in kollektive Angst zu verfallen.
Im Mittelalter haben sich die Menschen vor der Hölle gefürchtet.
Eine Angst, die finanziell und zur Festigung von Hierarchien ausgenützt wurde.

Es gibt auch viel Positives in der Welt, an dem wir uns erfreuen sollten.
Meist finden wir das jedoch im Kleinen und Bescheidenen.

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425. Die Kirche Jesu Christi  -  4. November 2021

Unlängst betete ich den trostreichen Rosenkranz. Beim zweiten Geheimnis „Jesus, der in seiner Kirche lebt und wirkt“ fragte ich mich: „‚Seine Kirche‘, was ist das?“

In der folgenden Nacht hatte ich einen Traum: von einer Kirche, in der Evangelisch und Römisch-katholisch vereint sind, in der die eigenen Schätze und die Schätze der anderen gleich geachtet werden. Diese Kirche hatte in dem Traum eine ungeheure Realität, so, als würde Jesus in dem Traum zu mir sagen: „Ja, das ist meine Kirche.“

Nun, im wachen Zustand, nehme ich in das Traumerlebnis die orthodoxen Kirchen mit hinein. Diese Einheit zu leben ist unsere Aufgabe, unabhängig davon, was die Leiter all dieser Teilkirchen sagen, die aus der Verstrickung in die Fehlentscheidungen der Vergangenheit nicht herausfinden.

Eine analoge Einheit zu leben wäre in der Politik dringend erforderlich. Derzeit ist es so, dass in demokratischen Systemen die Logik der einzelnen Parteien bestimmt, was durchgeführt wird, zusammen mit der Logik der verschiedenen Lobbys. Dabei arbeiten die Parteien und Lobbys nicht miteinander, sondern gegeneinander. Das Finden von Entscheidungen im freien Spiel der Kräfte kommt kaum zustande. Eine erwähnenswerte Ausnahme war in Österreich die Expertenregierung unter Brigitte Bierlein, die von 3. Juni 2019 bis 31. September 2019 über die Parteienmentalität hinausreichende Entscheidungen treffen konnte. Allerdings musste sich die Regierung unter Sebastian Kurz, die seit 8. Jänner 2020 im Amt war, nicht an die Parlamentsbeschlüsse aus der Bierlein-Zeit halten.

In der Schweizer Konkordanzdemokratie ist das freie Spiel der Kräfte nicht wirklich gegeben.

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424. Sat-Chit-Ananda  -  29. September 2021

Ich bin gerade dabei, das Buch „Die Hochzeit von Ost und West – Hoffnung für die Menschheit“ von Bede Griffiths zu lesen. Bede Griffiths (1906 – 1993) war ein Benediktinermönch, der seit 1955 in Indien lebte und 1968 den Sat-Chit-Ananda Ashram in Tannirpalli/Tamil Nadu übernahm, der auch als Shantivanam („Wald des Friedens“) bekannt ist. Shantivanam wurde unter der spirituellen Führung von Bede Griffiths (Swami Dayanda – Glückseligkeit des Erbarmens) zu einem Begegnungszentrum der Weltreligionen und des kontemplativen Lebens und besteht bis auf den heutigen Tag.

„Bede Griffiths glaubte nicht an einen Monotheismus, sondern fühlte sich in der Trinität, der Drei-Einigkeit geborgen. Wie kaum ein anderer verkörperte er geradezu leuchtend das trinitarische Zusammenwirken von Sat-Chit-Ananda: Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.“ (Aus: Roland R. Ropers, „Bede Griffiths: der Mozart unter den Mystikern“.)

In dem oben erwähnten Buch schreibt Bede Griffiths in dem Kapitel „Die Entdeckung Indiens“: „Die letzte Wirklichkeit wird in der Tiefe der Seele erfahren, in der Substanz oder dem Zentrum ihres Bewusstseins, als ihr eigener Grund oder Quell, als ihr wahres Sein oder Selbst (Atman). Diese Gotteserfahrung wird in dem Wort Sat-Chit-Ananda zusammengefasst. Gott oder letzte Wirklichkeit wird erfahren als absolutes Sein (Sat), als reines Bewusstsein verstanden (Chit), wobei absolute Glückseligkeit empfunden wird (Ananda). Dies war die Erfahrung der Seher der Upanishaden und war seitdem auch die Erfahrung unzähliger heiliger Männer in Indien. Es ist eine Erfahrung der Selbsttranszendenz, die eine intuitive Einsicht in die Wirklichkeit gibt. Dieses Wissen muss der westliche Mensch erlangen lernen. Alle ohne Unterschied haben diese andere Dimension des menschlichen Bewusstseins zu entdecken, jenes weiblich intuitive Bewusstsein, in der der rationale Geist nicht länger dominiert, sondern sich selbst einem höheren Gesetz seines eigenen Wesens unterwirft und damit seine Beschränkungen transzendiert.“ (Bede Griffiths, „Die Hochzeit von Ost und West“, S. 28.)

Sat-Chit-Ananda ist eine Komponente in meinem Selbst, die ich vergessen, aber niemals verloren hatte. Im Jahr 1971 war sie durch die Lehren von Sri Aurobindo zu mir gekommen. Aufgrund eines Zeitschriftenartikels, den mir Gerhild, meine Frau gezeigt hatte, hatte ich Kontakt mit dem Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry (heute Puducherry) in Tamil Nadu (Südindien) aufgenommen und immer wieder kleine silberne Kuverts mit Blessings von Mira Alfassa (der spirituellen Partnerin von Sri Aurobindo) bekommen. Die Kuverts waren – materiell gesehen – leer und teilten mir doch viel mit. Im Sommer 1971 reiste ich mit Gerhild und unseren zwei kleinen Kindern nach Pondicherry. Wir wohnten mehr als fünf Wochen im Sri Aurobindo Ashram. An einem Morgen half ich mehrere Stunden lang beim Graben für die Fundamente des Matrimandir, des sakralen Zentralgebäudes der internationalen Stadt Auroville, und fühlte mich in der roten Erde dort verwurzelt.
















Foto des Matrimandir von Vivek Chugh / FreeImages

Für Sri Aurobindo ist Sat-Chit-Ananda eine Beschreibung des Brahman, des höchsten göttlichen Wesens. So erklärt er in seinem Werk Isha Upanishad: ‚Gott ist Sat-Chit-Ananda. Er manifestiert Sich als unendliches Sein, dessen Wesen Bewusstsein ist, dessen Wesen wiederum Glückseligkeit ist.‘ Ferner führt er in einem Brief aus: ‚Sat-Chit-Ananda ist der Eine mit einem dreifachen Aspekt. Im Höchsten sind die drei nicht drei, sondern eins – Sein ist Bewusstsein, Bewusstsein ist Glückseligkeit, und so sind sie untrennbar, nicht nur untrennbar, sondern so sehr jedes das andere, dass sie gar nicht unterscheidbar sind.‘“ (Wikipedia-Artikel „Sat-Chit-Ananda“ mit von mir leicht veränderter Übersetzung.)

Ich fühlte mich vor einem halben Jahrhundert unfähig, Schriften von Sri Aurobindo zu lesen. Sie kamen mir sehr abstrakt vor. Das Buch „Sri Aurobindo oder Das Abenteuer des Bewusstseins“ von Satprem, der es unter der Leitung von Mira Alfassa verfasst hatte, war damals für mich von großer Bedeutung.

Wie können wir Sat-Chit-Ananda erfassen? Die Vorstellungen der Vernunft reichen dazu nicht. Auch das intuitive Einfühlen reicht nicht. Die Fülle dessen wird in Erfahrungen geschenkt, die den Alltag übersteigen. Ich gebe ein Beispiel. Am 13. Mai 2001 habe ich in mein literarisches Tagebuch die folgende Eintragung gemacht:
„Heute beim Morgenspaziergang oberhalb von Rütte: Ich bin alle Herrlichkeit des Himmels und der Erde.
Niemals vergessen.“

Dieser Notiz habe ich die folgende Anmerkung hinzugefügt:
„Das oben Gesagte betrifft mich nicht in Abgrenzung von anderen. Was ich bin, bist du.“

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423. Christentum und Islam  -  21. September 2021

Im Oktober 2005 verbrachte ich ein paar Tage in Taizé und nahm dort an einem Treffen mit einem Bruder teil, der viele Jahre in Bangladesch verbracht hatte. Er stellte die Frage: „Wieso hat Gott es zugelassen, dass auch noch der Islam entstanden ist?“ Er und niemand in der Runde wusste eine Antwort.

Ich bin gerade dabei, das Buch „Der Jesus-Mythos“ von Peter de Rosa zu lesen. Er ist ein ehemaliger römisch-katholischer Priester und Jesuit, ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Irland. Was er im Kapitel „Der Mythos der von Christus gestifteten Kirche“ auf Seite 412/413 ausführt, ist für mich, dem die historischen Kenntnisse gefehlt haben, eine Antwort auf diese Frage.

Nach Peter de Rosa schrieb der oströmische Kaiser Justinian in seinem großen zivilrechtlichen Kodex: „Wir wissen, dass nichts Gott so gefällig ist wie die Einmütigkeit im Glauben aller Christen in der Sache des wahren, makellosen Glaubens.“

Peter de Rosa fährt fort: „Zum Beweis ließ er allein in Kleinasien 70.000 Menschen zwangstaufen und zwang alle Christen, die Dogmen des Konzils von Chalkedon anzunehmen. Prokopius schreibt in seiner Geheimen Geschichte über Justinian: ‚Er schien ein überzeugter Christusgläubiger zu sein, doch dies bedeutete den Untergang für seine Untertanen. [...] Er steckte hinter einer unkalkulierbaren Zahl von Morden. Da es sein Ehrgeiz war, alle in eine einzige Form christlichen Glaubens zu zwängen, vernichtete er skrupellos jeden, der sich nicht anpasste, und dabei hielt er den Anschein der Frömmigkeit aufrecht. Denn er betrachtete es nicht als Mord, solange diejenigen, die starben, zufällig nicht seine Überzeugungen teilten.‘“

Peter de Rosa meint dazu: „Die schrecklichen Verfolgungen durch eine einst verfolgte Kirche machten die Kirche verhasst. Sie garantierten, dass viele Christen ein Jahrhundert später den Islam mit offenen Armen aufnahmen.“

Brüder aus Taizé leben seit 1974 in Bangladesch, seit 1987 in der Stadt Mymensingh. Die Brüder „versuchen, Versöhnung zwischen Christen verschiedener Konfessionen, Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen und Anhängern verschiedener Religionen zu säen. Sie stehen in ständigem Kontakt mit den verschiedenen Gruppen, und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gehen bei ihnen ein und aus: Schüler und Studenten, Koranschüler, arme Frauen, Straßenkinder, Christen aller Konfessionen des Landes, Hindus, Muslime und Agnostiker.“ (Nach der Website der Communauté von Taizé.)

Sie können die Geschichte der Kirche nicht rückgängig machen, aber sie können zu dem Bewusstsein beitragen, dass nur durch ein Zusammentreffen von Menschen verschiedener Richtungen in einer liebevollen Atmosphäre Heilung geschehen kann.

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422. Lass los von deinen Ängsten  -  6. Mai 2021

In meiner täglichen Gebetszeit singe ich gegen Ende das Lied „Trachte nach meinem Wesen“, das in der Zeit der charismatischen Gemeindeerneuerung in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts entstanden ist. In der ersten Strophe spricht mich Christus an, in der zweiten Strophe antworte ich darauf. Die erste Strophe enthält den Satz „Lass los von deinen Ängsten und erfahre erst mein Tun“, die zweite Strophe antwortet darauf mit „Ich gebe dir meine Ängste und bin offen für dein Tun“.

Auf der Website patienten-information.de wird zwischen Angst als Gefühl und Angst als Erkrankung unterschieden. „Das Gefühl der Angst ist eine normale Reaktion auf Gefahr. Sie soll Menschen helfen, die Ursache der Gefahr auszuschalten oder ihr zu entkommen.“ „Bei Angststörungen sind die Angstgefühle sehr ausgeprägt und überschreiten ein normales Maß. Die Lebensqualität und der Alltag der Betroffenen werden dadurch stark beeinträchtigt.“

Die Website neurologen-und-psychiater-im-netz.org stellt die Frage, wo normale Angst aufhört und wann krankhafte Angst anfängt, und beantwortet sie wie folgt.

 „Ich denke 80 Prozent des Tages über meine Ängste nach.
 Ich werde durch die Ängste in meiner Lebensqualität erheblich eingeschränkt.
 Meine Bewegungsfreiheit ist wegen meiner Ängste erheblich eingeschränkt.
 Wegen meiner Ängste werde ich immer depressiver.
 Wegen meiner Ängste habe ich schon Selbstmordgedanken gehabt.
 Ich bekämpfe meine Ängste mit Alkohol, Beruhigungstabletten oder Drogen.
 Wegen meiner Ängste ist meine Partnerschaft ernsthaft in Gefahr.
 Wegen meiner Ängste habe ich Probleme im Beruf bzw. bin ich arbeitslos.“

Welche Art von Angst entsteht durch die Corona-Krise? In einem Interview der ÄrzteZeitung sagt der Angstforscher Borwin Bandelow dazu: „Die Menschen bekommen Angst, weil sie einer neuen, großen und unbeherrschbaren Gefahr gegenüberstehen.“

Mit welcher Art von Gefahr sehen sich die Menschen konfrontiert?

 Angst vor dem Virus
 Angst vor der Impfung
 Angst wegen der wirtschaftlichen Entwicklung
 Angst, weil man selbst wirtschaftlich ruiniert ist oder die Arbeit verloren hat
 Angst wegen der Einschränkung der Grundrechte

Wir sind in einer Situation, in der es nicht so weitergehen kann wie bisher. Eine grundlegende Erneuerung der Politik ist notwendig, weg vom neokolonialistischen, neoliberalen Denken, von der Anhäufung von Macht und Besitz, von der Steigerung der Militärausgaben. Dafür sehe ich aber kein Anzeichen. Nicht einmal der Handel mit Derivaten wird verboten. Das Schuldenmachen hat Ausmaße angenommen, die zur Bildung von gewaltigen Blasen geführt haben.

Der Gründer und Geschäftsführer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, schreibt in seinem Buch „Covid-19: Der große Umbruch“ auf Seite 11 – 14: „Viele von uns fragen sich, wann sich die Dinge wieder normalisieren. Die kurze Antwort: Niemals.“

Das führt zu der Frage, wie lang die Pandemie dauern wird. Die Lockdowns werden nicht die Lösung sein. Die Impfung wird nicht die Lösung sein. Die Regierungen wenden die Inzidenzzahlen an, die auf nicht unproblematische Weise ermittelt werden. Es wird immer wieder Mutanten des Corona-Virus SARS-CoV-2 geben und immer wieder adaptierte Impfstoffe dagegen. Ein Leben auf Dauer mit Abstand und Masken ist absurd und nicht zielführend.

Wie können die Menschen in dieser Situation die Angst vor der Zukunft verhindern? Meine täglichen Gebetszeiten umfassen Rosenkranz und freie Gebete und nehmen 1 - 1½ Stunden in Anspruch. Dabei bete ich auch für die Welt in dieser Situation. Ich bin überzeugt, dass solches Gebet notwendig ist und Kraft hat. Werden meine Frau und ich trotz unseres Alters noch Aufgaben bekommen, die über unseren liebevollen Alltag und kleine Hilfeleistungen hinausgehen? Wir werden sehen. Und das Tun von Jesus Christus erfahren.

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421. Ecce Homo  -  14. April 2021



Vor dem Bild der zur Anbetung ausgestellten Monstranz, das auf der linken Seite zu sehen ist, singe ich gern das Lied mit folgendem Text:

„Im Anschauen Deines Bildes, im Anschauen Deines Bildes, da werden wir verwandelt, da werden wir verwandelt, da werden wir verwandelt in Dein Bild.“

Dieser Text wird zweimal gesungen und danach ein dreimaliges „Amen“.

Immer wieder frage ich mich, was der Text bedeutet.

Die Hostie, die den Leib des Herrn nicht nur darstellt, sondern die der Leib des Herrn ist, zeigt mir dennoch nicht den Leib des lebendigen Jesus Christus, sondern ein Bild von ihm. Wenn ich ihn nun in dieser Form anschaue, anbete, werde ich nicht in ihn verwandelt, sondern in ein Bild von ihm.

Wenn diese Verwandlung wirklich geschieht, dann strahle ich die Anwesenheit unseres Herrn Jesus Christus in die Welt hinein aus.











Seine Anwesenheit in der konsekrierten Hostie ist die Anwesenheit eines, der sein Leben hingegeben hat, der gekreuzigt wurde, weil er die reine Wahrheit ausgesprochen, verkörpert und gelebt hat, in einer Art und Weise, von der uns die Evangelien berichten.

Im 19. Kapitel des Johannesevangeliums lesen wir, dass die Soldaten den gegeißelten Jesus als König der Juden verhöhnten, indem sie ihm einen purpurroten Mantel umlegten und einen Kranz aus Dornen auf das Haupt setzten. Pilatus brachte den blutenden Jesus hinaus zur Menge und sagte: „Seht euch den Menschen an.“

Und nun sehe ich ihn mir an, in der Darstellung von Tizian, gefesselt und mit einem Rohrstock statt eines Zepters.



Hinter seinen Kopf hat Tizian das Leuchten gemalt, das von Jesus auf dem Berg der Verklärung ausgegangen ist und das von der Hostie auf dem Bild der zur Anbetung ausgestellten Monstranz ausgeht, das ich oben wiedergegeben habe.

Wer Jesus nachfolgt, ob er sich nun zu ihm bekennt oder nicht, und wer das in der Öffentlichkeit bekennt und erfahrbar macht, wird angegriffen, verleumdet und in manchen Fällen auch verfolgt. Für den Schutz, den die Muttergottes für uns bereithält, können wir dabei dankbar sein.

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420. Der wiederkommen wird in Herrlichkeit  -  9. März 2021

Das dritte Geheimnis des trostreichen Rosenkranzes lautet: „Der wiederkommen wird in Herrlichkeit.“ Die Wiederkunft Christi erwarten wir am Ende der Zeit. Wann das sein wird, wissen wir nicht. „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Mk 13,32.)

Im Lukasevangelium schildert Jesus die kosmischen Zeichen der Endzeit wie folgt: „Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ (Lk 21,25-28.)

Am Ende der Zeit wird es keinen auf der Erde lebenden Menschen geben; es wird auch keine Erde geben.

Ich zitiere nun einen Abschnitt aus dem Unterkapitel „Die Erde wird einmal unbewohnbar“ meines Buches „Vom Tod zum Leben“.

Die Erde hat als Planet eine endliche Lebensdauer. Eine viel kürzere Dauer haben die Bedingungen, unter denen höhere Lebensformen auf der Erde bestehen können. Und in noch kürzerer Zeit könnten Bedingungen eintreten, die das Leben der Menschen auf der Erde zwar nicht unmöglich machen, aber einschneidend verändern.

Dazu ein Beispiel: „Die Zerstörung von Ökosystemen wie die der Korallenriffe, die in Jahrtausenden gewaltige Kalk­strukturen erzeugt haben, kann dramatische Folgen für die dann ungeschützten Küsten und ihre Bewohner haben sowie die Erosion als Folge des Seespiegelanstiegs zusätzlich verstärken. Wenn aber der Klimawandel im heutigen Ausmaß weitergeht, könnten selbstverstärkende Prozesse, wie etwa die Freisetzung des stark wirksamen Treibhaus­gases Methan aus Permafrostböden und unterseeischen Methaneislagern, zu radikalen Änderungen der Lebens­bedingungen auf der Erde führen. Die Welt wird dies überleben, aber auch wir Menschen?“ (Aus: Jörg Ott, „Das Mittelmeer im (Klima-)Wandel“, Naturfreunde-Magazin.)

Nun aber noch ein Ausblick in die spätere Zukunft. Die Sonne wird pro 100 Millionen Jahre um ein Prozent leucht­kräftiger. In einer Milliarde Jahren wird sie entsprechend um zehn Prozent heller sein als heute. Dann heizt sie die Erde allmählich so stark auf, dass die Ozeane verdampfen und durch den Wasserdampf in der Luft ein überschießender Treibhauseffekt einsetzt. Nach weiteren 200 Millionen Jahren liegt die Oberflächentemperatur der Erde bei 60 bis 70 Grad Celsius, die letzten höheren Lebensformen sterben spätes­tens jetzt aus. Im Laufe der folgenden Jahrhundertmillionen steigt die Temperatur unseres Planeten auf etwa 1000 Grad an. Die letzten Mikroorganismen gehen zugrunde. In etwa sieben Milliarden Jahren, wenn sich ihre Vorräte an Kernbrennstoff dem Ende zuneigen, wird die Sonne zu einem Roten Riesen. Dabei zieht sich der Kern zusammen, die Gashülle expandiert aber, und zwar so weit, dass sie über die Bahnen der inneren Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars hinausreicht. In 7,59 Milliarden Jahren wird die Erde in der Sonne verdampfen. (Nach: Michael Oden­wald, „Welches Ende wird der Erde beschieden sein?“, Focus-Online, 27. März 2009.)

Soweit das Zitat aus meinem Buch.

In meinem Baustein 419. Und Corona habe ich auf James Lovelock und auf sein Buch „Das Gaia-Prinzip“ hingewiesen. James Lovelock begreift die Erde als ein Lebewesen. Tyler Volk, der die Gaia-Hypothese weiterentwickelt hat, beschreibt die Erde nicht mehr als ein Lebewesen, sondern als ein lebensähnliches System. Wie dem auch sei, die Erde wird als ein sich selbst regulierendes System gesehen, bei dem die lebenden und die nicht lebenden Bestandteile ständig aufeinander einwirken, als ein System, das die Fähigkeit besitzt, ein inneres Gleichgewicht bei variierenden äußeren und inneren Umständen aufrechtzuerhalten, und zwar ein solches Gleichgewicht, das Leben ermöglicht. Wie wir weiter oben gesehen haben, gehen die Möglichkeiten des Systems Erde einmal zu Ende.

Bei der Wiederkunft Christi wird es also keinen auf der Erde lebenden Menschen geben; es wird auch keine Erde geben.

Die „Offenbarung Jesu Christi“, wie das letzte Buch der Bibel sich selbst nennt, spricht an mehreren Stellen vom Alpha und vom Omega. „Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Offb 22,12-13.)

„Das Alpha und das Omega sind der erste und der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet. Dieser Ausdruck wird sowohl für Gott den Vater als auch für Gott den Sohn benutzt. Gott in Christus schließt alles mit ein, was zwischen dem Alpha und dem Omega liegt, er ist der Erste und der Letzte und auch der Anfänger und der Vollender. Dieser Begriff bringt Gottes Fülle, sein alles umfassendes Wesen sowie seine Allmacht und Souveränität zum Ausdruck. Er ist der Ursprung und die Quelle aller Dinge und er wird alles dem von ihm bestimmten Ende zuführen.“ (Beschreibung der Offenbarung auf der Website www.jesus.ch.)

Die Wiederkunft Christi sehen wir heute nicht mit dem antiken, sondern mit unserem Weltbild, das die Entwicklung der Naturwissenschaften mit einschließt.

Pierre Teilhard de Chardin spricht von seiner Erfahrung des kosmischen Christus. Und Leonardo Boff hat diese Erfahrung in seinem Weltbild aufgenommen und weiterentwickelt.

„Im Kontext ökologischer und spiritueller Krise sowie des postrnodernen Pantheismus entwirft 1988 der kalifornische Dominikaner Matthew Fox eine mystisch-politische (und recht euphorische) kosmische Christologie: Die gesamte leidende Schöpfung hat Christustransparenz, und im Omegapunkt des kosmischen Christus fließen Hoffnungsbilder aus verschiedensten Traditionen, alle dualistischen Trennungen (Geist - Materie, Mann - Frau, Herz - Verstand usw.) aufhebend, ins ersehnte All-Eins zusammen; der reale historische Jesus beginnt zu verschwinden (M. Fox, Vision).“ (Aus dem Artikel „Jesus Christus im Zeitalter sich überstürzender Neuerungen“, in dem kein Autor angegeben ist.)

„Christus, gestern und heute
Anfang und Ende
Alpha und Omega
Sein ist die Zeit und die Ewigkeit
Sein ist die Macht und die Herrlichkeit
in alle Ewigkeit (Ritus der Osternacht, Osterkerze)“ (Aus demselben Artikel.)

Fast täglich kommt in meinem Gebet der folgende, an Jesus Christus gerichtete Satz vor: „Mach uns alle zu Mithelfern bei deinem Werk der Vollendung der Schöpfung.“ Das ist unsere Hoffnung. Denn es geht um unser Hier und Jetzt.

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419. Und Corona  -  19. Februar 2021

Der Baustein hat den Titel „Und Corona“. Was gehört vor das „Und“?

Ich beginne mit „Jesus Christus und Corona“ und Zitaten der Sächsischen Bekenntnis-Initiative, die ich dort unter dem Titel „Jesus ist der Ruhepol in Corona-Zeiten“ gefunden habe. (Die Website der Sächsischen Bekenntnis-Initiative ist https://www.bekenntnisinitiative.de/.)

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28-30.)

„Jesus will der Ruhepol unseres Lebens sein. [...] Bei Jesus kommen wir zur Ruhe. Deshalb dürfen und sollen wir zu ihm kommen.“

„Was heißt es, die Ruhe Jesu Christi zu erleben in Corona-Zeiten? Ich nenne ein paar Beispiele:“

„Ich habe die Ruhe und Weisheit von Jesus, selbst die Fakten zu beschaffen und zu prüfen, die mir helfen, mir ein eigenes Urteil zu bilden. Ich glaube an Jesus, nicht an die Tagesschau oder an Virologen.“

„Gelassen kann ich mich dem Vorwurf aussetzen, ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Denn das stimmt nicht. Verschwörungstheorien beruhen auf Misstrauen. Meine Skepsis beruht stattdessen auf dem Vertrauen in Jesus Christus und die Klarheit, die mir der Heilige Geist gibt, sodass ich den Themen selbst auf den Grund gehen kann.“

„Jesus ist der Ruhepol unseres Lebens. Ihn sollen wir bezeugen. Wir sollen bemüht sein, nur durch unser Zeugnis von Jesus Christus Anstoß zu erregen bei den Menschen. Aber nicht dadurch, dass wir zum Thema Corona unverrückbare Positionen vertreten.“

Nun komme ich zu „Krieg gegen Mikroben und Corona“.

Zach Bush MD ist ein auf innere Medizin, Endokrinologie und Hospizpflege spezialisierter Arzt. Er ist ein international anerkannter Pädagoge und Vordenker im Bereich Mikrobiom in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Nahrungsmittelsysteme.

Bevor ich von seiner Website (in Übersetzung) zitiere, müssen die Begriffe „Mikrobiom“ und „Virom“ erklärt werden.

Ein Mikrobiom ist die Gemeinschaft aller Mikroorganismen, die in einer bestimmten Umgebung zusammenleben, z.B. im Körper von Menschen, Tieren, Pflanzen und im Erdboden. Mikroorganismen (Mikroben) sind einzellige lebende Organismen. Beispiele für Mikroorganismen sind Pilze, Bakterien, Archaeen und Protozoen.

Viren sind nicht Teil des Mikrobioms. Sie leben nicht, sie sind nur genetische Informationen, die in ein Protein eingewickelt sind.

Ein Virom ist die Ansammlung von Viren, die mit einem bestimmten Ökosystem, Organismus oder Holobionten assoziiert sind.

Nun zur Website von Dr. Zach Bush (https://zachbushmd.com/).

„Die letzten 30 Jahre der Mikrobiomforschung erfordern eine radikale Veränderung unseres Modells der menschlichen Gesundheit.“

„Seit Jahrhunderten führt die westliche Medizin Krieg gegen Mikroben. Ironischerweise rettet uns dieser Krieg nicht. Er bringt uns um. Warum? Wir sind nicht gegen die Natur. Wir sind das Ergebnis der Natur. Unser Überleben erfordert jetzt, dass wir diese Realität annehmen - schnell. Und es gibt noch etwas, das wir verstehen müssen. Die Natur ist intelligent. Die Wissenschaft hat entdeckt, dass diese Intelligenz alles Leben durch ein natürliches System, das wir Mikrobiom genannt haben, durchdringt und verbindet. Das Mikrobiom besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit zur genetischen Diversifizierung durch die Mechanismen des horizontalen Gentransfers, der Exosomen und der Viren.“

„In den letzten drei Jahrzehnten hat die Menschheit eine katastrophale Zunahme von chronischen Krankheiten bei Kindern, Unfruchtbarkeit und Stoffwechselkollaps bei jungen Erwachsenen erfahren. Darüber hinaus beobachten wir jetzt den Anstieg von epidemischen neurodegenerativen und Krebserkrankungen bei Erwachsenen. Der Verlauf dieser Krankheitskurven sagt den Zusammenbruch der menschlichen Bevölkerung und die Wahrscheinlichkeit unseres eigenen Aussterbens innerhalb des Jahrhunderts voraus. Schlimmer noch, die Mikrobiomforschung in unseren planetaren Boden-, Wasser- und Luftsystemen zeigt, dass der Zusammenbruch der menschlichen Gesundheit und des menschlichen Überlebens symptomatisch für einen grundlegenden Zusammenbruch der planetaren Gesundheit und Biologie ist.“

„Aber es gibt Hoffnung. Wir können unseren Kurs korrigieren. Wir können unsere Kriegstaktik gegen die Keime beenden.“

„Das Mikrobiom und der beachtenswerte Kommunikationsweg des Viroms müssen als unser Heil und nicht als unser Feind verstanden werden. Wenn wir schnell die Richtung ändern, können wir ko-kreative Partner der Natur werden und unser eigenes Aussterben verhindern. Wenn wir dies tun, haben wir die Möglichkeit, die reichste Artenvielfalt und Vitalität hervorzubringen, die unser Planet jemals gesehen hat.“

Abschließend komme ich zu „Das Gaia-Prinzip und Corona“. Dabei beziehe ich mich auf das Buch „Das Gaia-Prinzip : Die Biographie unseres Planeten“ von James Lovelock, das in deutscher Übersetzung im Jahr 1991 veröffentlicht wurde. Das Buch enthält die Vorstellung, dass unser Planet, den er Gaia nennt, eine Art Lebewesen, ein einziger großer Organismus ist. Dabei ist das Wort „Lebewesen“ eine Metapher für ein System, das in der Lage ist, sich selbst zu organisieren, zu regenerieren und zu heilen. In der Mythologie ist Gaia die griechische Erdgottheit.

Ich zitiere aus diesem Buch.

„In den letzten Jahren wurde es den Kirchen immer deutlicher bewusst, dass sie ihre Einstellung zur Umwelt, die in biblischen Zeiten angebracht gewesen sein mag, in einer fünf Milliarden Jahre alten Welt nicht mehr länger aufrechterhalten können. Die Erde einfach als Geschenk Gottes zum Nutzen der Menschen anzusehen, reicht nicht aus. Auch die Vorstellung, dass unsere Verantwortlichkeit gegenüber der Erde der Aufgabe eines Verwalters entspräche, öffnet dem Missbrauch Tür und Tor. Wir selbst, unsere Felder und Weiden belegen heute schon so viele verfügbare Flächen der Erde mit Beschlag, dass sich Theologen bereits zu fragen beginnen, ob wir als Verwalter das Recht dazu haben, den ganzen Planeten in einen besseren Schweinestall zu verwandeln. [...] Bei Gaia sind wir Teil und Teilhaber eines demokratischen Gefüges, dessen Gesetze allerdings auch festlegen, dass Arten, die ihrer Umgebung schaden, durch natürliche Selektion aus der Gemeinschaft entfernt werden. Wenn es uns wirklich um die Menschheit geht, dann müssen wir auch die anderen Organismen respektieren. Wenn wir aber nur an uns Menschen denken und das natürliche Leben auf der Erde unbeachtet lassen, dann haben wir damit den Grundstein für unsere eigene Zerstörung gelegt und für die Zerstörung einer Welt, in der wir leben können.“ (A.a.O., S.12/13.)

„Gaia ist in meinen Augen weder die gütige, alles verzeihende Mutter noch eine zarte, zerbrechliche Jungfrau, die einer brutalen Menschheit hilflos ausgeliefert ist. Vielmehr ist sie streng und hart. Denen, die die Regeln einhalten, verschafft sie eine stets warme, angenehme Welt; unbarmherzig aber vernichtet sie jene, die zu weit gehen. Ihr unbewusstes Ziel ist ein Planet, der für das Leben bereit ist. Stehen die Menschen diesem Ziel im Weg, werden sie mit der gleichen Mitleidlosigkeit eliminiert, mit der das Elektronengehirn einer atomaren Interkontinentalrakete sein Ziel ansteuert.“ (A.a.O., S.272.)

Und Jesus Christus? Der Manichäismus spricht von dem wie am Kreuz so im Kosmos leidenden Jesus (Jesus patibilis). Er repräsentiert die Summe des Lichts, das in der Materie gefangen ist. Im ganzen Kosmos trägt er das Lichtkreuz. Wenn wir diesen Gedanken aufnehmen, so leidet Jesus Christus mit allen Verbrechen der Menschheit mit, auch mit allen ihren Verbrechen gegen die Natur. Nach dieser Anschauung hat die Menschheit den Auftrag, das Böse durch Liebe zu überwinden. Das geht über ein passives Mitleiden weit hinaus. In der Corona-Zeit sind wir alle zur Aktivität aufgerufen.

Und Corona? Corona ist eine Aufforderung, eine Warnung, die nicht überhört werden darf. Wenn ich die Mainstream-Medien anschaue, so sehe ich nicht, dass die Warnung von den Entscheidungsträgern wahrgenommen wird. Man führt Krieg gegen das Virus. Man sucht sein Heil in zu früh zugelassenen Impfstoffen (meist mRNA-basierte Impfstoffe oder Vektorviren-Impfstoffe). Man hat die Schulden im Blick, die die Staaten durch die vielen Lockdowns anhäufen. Man wagt aber nicht, einen Corona-Lastenausgleich von den Reichsten per Gesetz einzuführen, z.B. in der EU oder in den USA. Und vor allem: Man denkt nicht an die Erde.

Bis es zu spät sein wird?

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418. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei  -  16. Januar 2021

In diesem Baustein gehe ich der Frage nach, wie die Eucharistie ohne Priester gefeiert werden kann. Zunächst folge ich einem im Jahr 2012 verfassten Artikel des Theologen Siegfried George mit dem Titel „Messe ohne Priester“.

Zum Verständnis von christlicher Liturgie schauen wir auf das Urchristentum. „In der Apostelgeschichte 2,46 wird berichtet: ‚Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens.‘ Da es in der damaligen Zeit keine christlichen Kirchen gab, trafen sich die Glaubenden zur Feier des Abendmahls in ihren Häusern. Man kann sagen: Aus Häusern wurden Hauskirchen.“

„Erfreulicherweise nimmt die Empörung über die Verweigerung von Reformen durch die Bischöfe unter den Gläubigen zu. So äußerten kürzlich zwei Nonnen, die weit über 50 Jahre in Lehre und Mission ihres Ordens tätig waren, den Wunsch, wie in der Urkirche in Hauskirchen Eucharistie zu feiern, und zwar ohne Priester. Dazu gehörte – ihrer Meinung nach – auch die Ordination von Frauen, wie sie in der Apostelgeschichte (16,14-15) an Lydia, der Vorsteherin der Hausgemeinde, belegt sei.“

Wer hat in der Urkirche die Eucharistiefeiern geleitet? „Nirgendwo im Neuen Testament ist erkennbar, dass der Vorsitz bei der Eucharistiefeier bestimmten Amtsträgern vorbehalten ist (Handbuch der Dogmatik II, Patmos Verlag 2000, S. 348). In ähnlicher Weise schreibt der holländische Theologe Edward Schillebeeckx: Nirgendwo wird im Neuen Testament das kirchliche Amt mit dem Vorsitz bei der Eucharistie in einen ausdrücklichen Zusammenhang gebracht. Das heißt allerdings nicht, dass jeder Gläubige so ohne weiteres der Eucharistie vorstehen könnte. In den Hausgemeinden in Korinth waren es die Gastgeber, die die Eucharistiefeier in ihrem Haus leiteten, sie waren dann aber auch die Vorsteher dieser Hausgemeinden (Concilium Heft 3, 1980, S. 212).“

„Schon zu Lebzeiten der Apostel bildeten sich in den christlichen Gemeinden institutionelle Strukturen. Judenchristliche Gemeinden haben nach dem Vorbild der Synagogengemeinde ein Kollegium von ‚Ältesten‘ (presbyteroi) als Leitungsgremien. Im hellenistischen Bereich wird aus der profanen Stadtverwaltung das Amt des ‚Aufsehers‘ (episkopos) übernommen. Daneben ist von Diakonen die Rede. Für die heutige Diskussion ist von Bedeutung, dass in den verschiedenen Diensten auch Frauen zu finden sind.“

„Trotzdem gibt es bereits in der alten Kirche einen Beleg dafür, dass in Notfällen auch ein Laie der Feier der Eucharistie vorstehen darf. Tertullian schreibt, dass es unter normalen Umständen dem Gemeindeleiter, für ihn konkret dem Bischof mit seinem presbyterialen Rat, zusteht, der Eucharistie vorzustehen. Doch schreibt er: ‚Wenn aber kein Kollegium bestellter (zugeordneter) Diener da ist, dann musst Du, der Laie, die Eucharistie feiern und taufen, dann bist du dein eigener Priester, denn wo zwei oder drei zusammen sind, ist auch die Kirche da, auch wenn diese drei Laien sind. (Schillebeeckx a.a.O. S. 213).“

Im Weiteren folge ich dem Vortrag „Priesterlose Eucharistiefeier?“, den der Theologe Franz Nikolasch im Jahr 2012 beim Forum XXIII in St. Pölten gehalten hat.

Nach dem Kirchenrecht (can. 900 § 1 des CIC) vermag nur der gültig geweihte Priester in der Person Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen. Die gängige Auffassung ist, „nur der geweihte Priester besitze die ‚Konsekrationsgewalt‘, kraft der er allein Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandeln könne.“

In der Regel wird eine Gemeinde durch einen für diesen Dienst ordinierten Vorsteher geleitet und dementsprechend steht auch ihre Eucharistiefeier unter der Leitung eines ordinierten Vorstehers. Die Existenz einer Gemeinde hängt aber nicht vom Vorhandensein eines ordinierten Amtsträgers ab.“

Das Priesterverständnis des Neuen Testaments: „Unserem deutschen Wort ‚Priester‘ entsprechen im Neuen Testament zwei total verschiedene Begriffe, zum einen der Begriff ‚presbyteros‘ im Sinne von ‚Ältester‘ als Mitglied eines Leitungsgremiums der christlichen Gemeinde, die wiederum diesen Begriff aus dem Judentum übernommen hat. Andererseits entspricht das Wort ‚Priester‘ dem Begriff ‚hiereus‘ im Sinne eines ‚Kultpriesters‘, eines Mittlers zwischen einer Gottheit und deren Gläubigen. So wird der Begriff ‚hiereus‘ im Neuen Testament für einen heidnischen Kultpriester verwendet, wie den Priester des Zeus [...], dann aber für die atl. Priester, die den Jahwe-Kult am Tempel in Jerusalem versehen, wie etwa Zacharias, der Vater Johannes des Täufers (Lk 1,5) [...]. Im Unterschied zu allen anderen gläubigen Juden konnten nur sie das Heiligtum des Tempels zum täglichen Weihrauchopfer betreten und nur der Hohepriester durfte einmal im Jahr, am Versöhnungstag, in das Allerheiligste des Tempels eintreten. Das Volk musste in den Vorhöfen des Tempels verweilen und hatte keinen Zugang zum Heiligtum.“

Unter Bezugnahme auf dieses Verständnis wird in mehreren Kapiteln des Hebräerbriefes Jesus Christus als der einzige Priester des Neuen Bundes bezeichnet, für den nicht nur Melchisedech, der ‚Priester des höchsten Gottes‘ (Gen. 14,18), sondern vor allem die Priester und Hohenpriester des Volkes Israel Vorbilder waren. Von Kap. 4,14 bis Kap. 10,18 handelt dieser Brief von Jesus Christus als dem wahren und endgültigen Hohenpriester des Neuen Bundes und dem einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen.“

An diesem Priestertum Jesu Christi haben alle, die durch ihn erlöst wurden, Anteil. Von ihnen sagt der 1. Petrusbrief: ‚Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen‘ (2,5) und ‚Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde‘ (2,9). Der Verfasser verwendet für ‚Priesterschaft‘ das Wort ‚hierateuma‘, um damit die Teilhabe am Priestertum Jesu Christi, des einzigen ‚hiereus‘ bzw. ‚archiereus‘ des Neuen Bundes auszudrücken, eine Teilhabe, die eben allen Erlösten zukommt.“

Beim Pessachmahl, in dessen Rahmen ja nach den Synoptikern die Deuteworte des Herrn über Brot und Wein stehen, bewirkt das Gedächtnis der Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten die Gegenwärtigung dieses Geschehens für die feiernde Gemeinde. [...] Im semitischen Denken ist ‚Gedächtnis‘ nie nur Erinnerung an längst vergangene Ereignisse, sondern bedeutet immer deren Gegenwärtigung.“

„Wenn Jesus beim Abendmahl den Seinen aufträgt: ‚Tut dies zu meinem Gedächtnis‘, so zeigen diese Worte an, dass nunmehr an die Stelle des Gedächtnisses der Befreiung aus Ägypten durch das Essen des Pessachlammes das Gedächtnis der durch Jesus Christus gewirkten endgültigen Erlösung aus der Macht des Bösen durch das Essen des wahren Pessachlammes Jesus Christus getreten ist: ‚Nehmt und esst alle davon, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; nehmt und trinkt alle daraus, das ist der Kelch meines Blutes, das für euch vergossen wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis‘. Da durch die Wir-Form der Eucharistischen Hochgebete ausgedrückt wird, dass die gesamte versammelte Gemeinde das Gedächtnis des Herrn begeht und den Vater bittet, seinen Geist herabzusenden, damit die Zeichen von Brot und Wein zum Leib und Blut Jesu Christi werden, bewirkt die Gemeinde auch in ihrer Gesamtheit das Geschehen, entsprechend dem Wort des Herrn: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘. Wo immer also eine Gemeinde sich versammelt, normalerweise unter der Leitung des ordinierten Vorstehers, um in der Feier des Mahles des Herrn zu gedenken, dort ist der Herr entsprechend seiner Zusage auch im Mahl in ihrer Mitte gegenwärtig. Entscheidend ist aber nicht der Vorsteher, der im Namen der Gemeinde handelt und spricht, sondern die Gemeinde selbst. Wird ihr ein Vorsteher für diese Feier verwehrt, so ist ihr dennoch nicht die Gegenwart des Herrn in der Feier des Mahles verwehrt, wenn sie sein Gedächtnis begeht und den Vater bittet, er möge durch seinen Geist die Gaben heiligen.“

Im dritten Teil dieses Bausteins gebe ich meine eigenen Überlegungen zum Thema wieder.

Das Kirchenrecht bindet die Leitung der Eucharistie an den Priester; eine Ausnahme in Notfällen ist nicht vorgesehen. Das betrifft Gemeinden im Amazonasgebiet, zu denen nur selten ein Priester kommen kann. Das betrifft aber bei Seuchen auch Situationen des Lockdown, die den Besuch von Gottesdiensten unmöglich machen, und Risiken der Ansteckung in Gottesdiensten, die nur mit Abstand und Maske gefeiert werden können.

Diese Gegebenheiten machen es sinnvoll, auch wieder in Hauskirchen Eucharistie zu feiern. Wenn kein Priester dabei ist, dann liegt die Leitung der Eucharistiefeier bei den Gastgebern. Sich alternative Mahlfeiern auszudenken, um nicht gegen das Kirchenrecht zu handeln und um keine Exkommunikation zu riskieren, entspricht nicht der vollen Hingabe an Jesus Christus.

In einer solchen Eucharistiefeier feiern wir nicht das Sakrament der römisch-katholischen Kirche, sondern das Mysterium der einen Kirche Jesu Christi, die in der römisch-katholischen Kirche sowie in den anderen christlichen Kirchen in unvollkommener Weise subsistiert.

In der Emmauserzählung (Lk 24,13-35) erkennen die beiden Jünger den Auferstandenen, als er mit ihnen bei Tisch liegt, das Brot nimmt, den Lobpreis spricht, das Brot bricht und ihnen gibt. In der Kommentierten Studienausgabe der Einheitsübersetzung (Stuttgarter Neues Testament, Band 3) fand ich dazu folgenden Kommentar von Wilfried Eisele: In diesem Ereignis wird ein Grundzug christlichen Gemeindelebens sichtbar. „Wo immer das Brot gebrochen wird, wie Jesus es seinen Aposteln beim Abschiedsmahl zur Regel gemacht hat, ist er selbst als der Gekreuzigte und Auferstandene gegenwärtig und reicht als Gastgeber seinen Jüngerinnen und Jüngern nicht weniger als sich selbst. [...] Dass Jesus sich in dem Moment, in dem er von den Jüngern erkannt wird, ihren Blicken entzieht, ändert nichts an seiner bleibenden Gegenwart, sondern zeigt lediglich an, dass der Auferstandene auf andere Weise als der Irdische mit seinen Jüngerinnen und Jüngern unterwegs und bei seinem Mahl anwesend ist.“

Nicht ein Zelebrant, sondern Jesus selbst ist der Gastgeber.

Als Jesus am Kreuz starb, riss der Vorhang im Tempel mitten entzwei. (Lk 23,45. Ebenso bei Markus und Matthäus.) Zur Stelle bei Lukas kommentiert Wilfried Eisele wie folgt: „Die beiden Vorhänge, die im Jerusalemer Tempel am Eingang zum Gotteshaus und am Eingang zum darin befindlichen Allerheiligsten hingen, stellten dem jüdischen Historiker Flavius Josephus zufolge das Weltall nach Farben und Formen symbolisch dar. Wie die Schöpfung mit dem Bau des Heiligtums zur Vollendung gekommen ist, so bringt der Tod Jesu diese kosmisch-kultische Weltordnung ins Wanken und hebt zugleich die Trennung zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch auf.“

Dass beim Tod Jesu der Vorhang zerriss, ist ein Zeichen dafür, dass durch seinen Tod der freie Zugang zu Gott ermöglicht worden ist. In Mt 15,6 wirft Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten vor, das Wort Gottes um ihrer Überlieferung willen außer Kraft gesetzt zu haben. Und in unserer Zeit kann man der römisch-katholischen Kirche vorwerfen, dass sie durch ihr Kirchenrecht und ihren Katechismus die freie Abhaltung der Eucharistiefeiern versperren will – aus Angst vor Wildwuchs, der sich doch in ihren eigenen Dokumenten befindet.

Die Antwort kann nur sein: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29.)

Fast täglich singe ich das Lied „Trachte nach meinem Wesen“. In der ersten Strophe spricht Jesus zum Menschen. In der zweiten Strophe antwortet der Mensch. Die zweite Strophe endet mit dem Satz: „Sei du allein mein Herr.“

Ja, so soll es sein.

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417. Messianische Juden  -  7. Januar 2021

Unter dem Begriff „Messianische Juden“ fasse ich (vereinfachend!) alle messianisch-jüdischen Gemeinden zusammen, die mehrheitlich Mitglieder mit jüdischen Wurzeln haben und die weltweit und insbesondere im Staat Israel entstanden sind. Die Gemeinden sind judenmissionarisch tätig. Ihre historischen Wurzeln im Staat Israel liegen in der organisierten Judenmission, die von protestantischen Missionsgesellschaften im 19. Jahrhundert betrieben wurde. Diese Gemeinden verstehen sich nicht als Judenchristen nach dem antiken Vorbild, sondern sie bilden eine junge und auch zeitgenössische Bewegung, die daran glaubt, dass Jesus von Nazaret der Messias Israels, der Sohn Gottes und der Heiland der Völker ist.

Messianische Juden feiern die jüdischen Jahresfeste wie Pessach (Feier zur Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten), Schawuot (Wochenfest, zeitnah zu Pfingsten) oder Sukkot (Laubhüttenfest im Herbst). Auch andere jüdische Feste wie Rosch haSchana, Sukkot, Jom Kippur, Chanukka und Purim werden gefeiert. Dabei erhalten alle Feste, besonders sichtbar das Pessach, eine messianisch-jüdische Deutung. Traditionelle jüdische Riten werden in messianisch-jüdischer Prägung neu interpretiert und gestaltet. In ihren Gottesdiensten feiern sie auch das Abendmahl, manche Gemeinden wöchentlich, andere seltener. Ihre Gottesdienste feien sie am Sabbat. Sie befolgen die jüdischen Gesetze, auch die Speisegebote, und lassen die Knaben beschneiden. Sie feiern vorwiegend die Erwachsenentaufe, bei der man ganz untergetaucht wird.

Martin Steiner hat in seiner Diplomarbeit „Messianische Juden und Hebräisch sprechende Katholiken“ an der Universität Wien vier Jerusalemer Gemeinden untersucht, darunter die von einer christlichen Kirche unabhängige synagogal-strukturierte Gemeinde Roeh Israel, das heißt Schafhirt oder Hüter Israels.

Ich bringe nun einige Zitate von der Website Roeh Israels (netivyah.org) in deutscher Übersetzung. Jeschua ist der hebräische Name von Jesus.

„Roeh Israel ist eine messianisch-jüdische Gemeinde in Jerusalem. Wir nennen uns ‚messianisch‘, weil wir Anhänger Jeschuas sind, die ihn als Messias akzeptieren. Mit ‚jüdisch‘ meinen wir, dass die Gemeinde dem kulturellen Muster folgt, das in der Synagoge über Generationen hinweg durch die Vorsehung Gottes bewahrt wurde, und dass sie sich vor allem an die jüdische Gemeinschaft wendet.“

„Ein Großteil der jüdischen Tradition und der Halacha wird eingehalten, sofern sie nicht dem geschriebenen Wort Gottes widerspricht, wie es in seinem ursprünglichen Kontext verstanden wird.“

„Der Shabbatgottesdienst der Gemeinde besteht ausschließlich aus den Shabbat-Morgensynagogengebeten (Shacharit HaShabbat). Diese werden direkt aus einem gewöhnlichen orthodoxen jüdischen Siddur (Gebetbuch) gelesen. Viele der Gebete und Psalmen werden vom Kantor der Gemeinde gesungen und geleitet. Der wöchentliche Tora-Abschnitt wird aus einer der Tora-Schriftrollen der Gemeinde gelesen, und wir haben mehrere Aliot (Aufrufe), in denen alle die regelmäßigen Segnungen vor und nach der Tora-Lesung rezitieren. Wir lesen auch einen ausgewählten Teil aus den Propheten und dem Neuen Testament. Nach der Tora-Lesung gibt es eine kurze Predigt, die normalerweise auf dem Tora-Abschnitt dieser Woche beruht.“

„Netivyah ist unser Dienst für Bibelunterricht. Netivyah bedeutet auf Hebräisch ‚der Weg des Herrn‘. ‚Der Weg‘ war einer der Namen, unter denen die frühe Gemeinschaft der Gläubigen im Brit Chadasha (Neuen Testament) bekannt war. Paulus sagt: ‚Dem Weg entsprechend, den sie eine Sekte nennen, diene ich dem Gott meiner Väter. Ich glaube an alles, was im Gesetz und in den Propheten steht.‘ (Apg 24,14). Als Anhänger des ‚Weges‘ glauben wir an den Gott Israels, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Wir versuchen, dem Gesetz Gottes (der Tora) und dem Rest der Schrift - den Propheten und den Schriften - treu zu bleiben. Wir glauben, dass der in Gottes Wort verheißene Messias Jeschua ist, der ‚sein Volk von seinen Sünden erlöst.‘ (Mt 1,21).“

„Netivyah ist im 21. Jahrhundert ein Erbe dieser Gemeinschaft des ersten Jahrhunderts. Ihre Hauptziele sind es, die Gläubigen dazu auszurüsten, den Juden die gute Nachricht vom Messias zu überbringen und den messianisch-jüdischen Gläubigen die Möglichkeit zu geben, auf ähnliche Weise wie die Gläubigen des ersten Jahrhunderts zu leben und zu beten. Netivyah bemüht sich auch, die jüdischen Wurzeln des Neuen Testaments zugänglich zu machen und eine treue und biblisch angemessene Haltung gegenüber Israel zu propagieren. Ihr Hauptaugenmerk liegt darauf, Juden und Christen gleichermaßen zu lehren, das Neue Testament als jüdisches Buch zu verstehen und zu schätzen, das eng mit dem Tanakh, der hebräischen Bibel, verbunden ist, und dieses Verständnis auf unser eigenes Leben anzuwenden.“

Da viele messianische Juden missionarisch aktiv sind und den Glauben an Jesus an Juden weitergeben wollen, wird ihnen von Seiten des Judentums äußerst reserviert und kritisch begegnet.

Die Website haGalil.com (Jüdisches Leben online)  ist ein deutsch-jüdisches Nachrichtenmagazin mit Redaktionen in München und Tel Aviv. Sie ist ein Ort des Lernens für Juden und alle, die sich für das Judentum interessieren. Unter juden.judentum.org betreibt haGalil.com eine Aktion gegen die Judenmission. Ich bringe nun einige Zitate von dieser Aktion.

„Das Hauptanliegen der messianischen Bewegung besteht darin, die Unterschiede zwischen Judentum und Christentum zu verwischen - letztlich aufzuheben - um diejenigen unter den Juden anzulocken, die der christlichen Botschaft ansonsten widerstehen würden, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, ältere Menschen, russische Juden und Menschen aus gemischten Partnerschaften.“

„Diese Bewegung basiert auf Ignoranz, weil sie sowohl Judentum als auch Christentum missdeutet, missversteht und entstellt. Das Judentum wird verdreht, weil historisch, theologisch, halachisch und auch praktisch ein Jude, der sich als Anhänger Jesu bezeichnet, sofort aufhört, ein Jude zu sein. (‚Halachisch‘ heißt ‚nach dem jüdischen Religionsgesetz‘).“

„Vor 2000 Jahren bereits misslang der Versuch, die Juden zum Verzicht auf das Judentum zu bewegen, indem man so tat, als wäre es möglich, Christ und Jude zugleich zu sein, an Jesus zu glauben und zugleich zu beten ‚Schma Israel Adoschem Eloheinu Adoschem Echad‘. Und dieser Versuch wird auch heute scheitern, beide Ideen sind nicht zu vereinen.“

„Wenn Ihr den Weg von ‚Juden für Jesus‘ geht, verratet Ihr Eure jüdische Familie, das jüdische Volk und unseren ewigen Glauben an den Einen und Einzigen G’tt, der unveränderlich ist und uns die Tora und seinen liebenden Schutz in allen Schreckenszeiten im Laufe unserer Geschichte gegeben hat.“

Die Wikipedia sagt dazu Folgendes: „‚Juden für Jesus‘ (englisch ‚Jews for Jesus‘; JfJ) ist ein amerikanisches, evangelikales Missionswerk, das Juden zum Christentum bekehren will. Es wird dem religiösen Synkretismus hinzugerechnet, weil in ihm Elemente des Judentums und des Christentums vermischt und zu einem neuen Weltbild verschmolzen werden. ‚Juden für Jesus‘ verstehen sich als jüdische Organisation, ein Anspruch, der von allen jüdischen Denominationen abgelehnt wird.“

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416. JHWH  -  5. Dezember 2020

Mose hat einen Aufseher der Frondienst leistenden Israeliten erschlagen und flieht nach Midian. Als er dort die Schafe seines Schwiegervaters Jitro weidet, sieht er am Gottesberg Horeb einen Dornbusch, der brennt, ohne zu verbrennen. Gott spricht zu ihm aus dem Dornbusch. Er sendet ihn zum Pharao und beauftragt ihn, die Israeliten aus Ägypten herauszuführen. Mose fragt Gott nach seinem Namen und erhält als Antwort: „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich werde sein, der ich sein werde“ oder „Ich bin (für euch) da“ oder „Ich werde (für euch) da sein“. (Exodus 3,14.) Dieser Satz spielt an den Gottesnamen JHWH an, der im Tanach, der hebräischen Bibel, tausende Male vorkommt.

Der Gottesname JHWH wird im Judentum aus Ehrfurcht niemals ausgesprochen, sondern stattdessen wird Adonai („Meine Herren“), HaSchem („Der Name“) oder Der Ewige gesagt.

Der Gottesname JHWH, der Satz, der aus dem Dornbusch kommt: Ist das nur eine Aussage über Gott oder ist das die Formulierung einer Lebensaufgabe, die jeder Mensch auf sich selbst beziehen kann?

Das heißt: Die unermessliche und bedingungslose Liebe, die Liebe Gottes, empfangen und weitergeben an alles in der Schöpfung, dem der einzelne Mensch begegnet oder für das er sich verantwortlich fühlt, an jeden Menschen, jedes Tier, jede Pflanze, jede Formation der Erde, ohne dabei auf sich selbst zu vergessen.

Wie geht das? Indem man sich jeden Tag aufs Neue dafür zur Verfügung stellt. Diese Lebensaufgabe ist nicht uniform, sondern wird von jedem Menschen einzigartig entfaltet.

Das heißt: Ich trete dir als eine Ausstrahlung JHWHs entgegen, unabhängig davon, wie du mir gegenübertrittst, vielleicht als jemand, der mich kränken, mir schaden will. Das geht nur durch tägliches Gebet, tägliche Zwiesprache mit Gott oder der Gottesmutter Maria.

In der Mitte der Bergpredigt steht der Satz: „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ (Matthäus 5,48.)

Und in der Mitte der Feldrede stehen die folgenden Worte: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36.)

Zur Vollkommenheit gehört die Barmherzigkeit, aber genauso das Schauen auf die Gerechtigkeit, die allen zuteil werden soll, die unter ihrer Ausbeutung leiden.

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415. Und führe uns nicht in Versuchung  -  31. Oktober 2020

Je mehr ich die letzte Vaterunserbitte anschaue, desto mehr enthält sie ein Geheimnis.

In der gegenwärtigen ökumenischen Fassung lautet sie: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Im Matthäusevangelium lautet sie: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen.“ (Mt 6,13 in der Einheitsübersetzung 2016.)

Im Lukasevangelium lautet sie: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Der zweite Satzteil fehlt. (Lk 11,4 in der Einheitsübersetzung 2016.)

Das Vaterunser hat im Matthäusevangelium sieben, im Lukasevangelium fünf Bitten. Die Fassung im Lukasevangelium dürfte die ursprünglichere Version des Vaterunsers sein.

Zu Mt 6,13 fand ich folgenden Kommentar: „In V.13 dürften Christen um die existenzielle Verschonung durch die Versuchung Satans bitten, die Jesus bestanden hat (vgl. 4,1-11).“ (Die Bibel, Einheitsübersetzung, Kommentierte Studienausgabe, Stuttgarter Neues Testament, Band 3, 1. Auflage 2018, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart.)

Zu Lk 11,4 gibt es in derselben Studienausgabe einen sehr langen Kommentar. Ich zitiere nur den Schluss davon: „Wenn er sein Vertrauen auf Gott verliert, hat der gläubige Mensch alles verloren. Deshalb läuft sein ganzes Bittgebet am Ende auf die eine Bitte um Bewahrung des Glaubens hinaus, weil er nur so den Tod überwinden und ewiges Leben finden kann (22,40.46).“

Ich bringe nun einige weitere Varianten der letzten Vaterunserbitte.

Günther Schwarz und Jörn Schwarz haben die ältesten griechischen und altsyrischen Grundtexte in die aramäische Muttersprache Jesu rückübersetzt und anschließend den so gewonnenen Wortlaut ins Deutsche übertragen. Beim Vaterunser beziehen sie sich auf die Fassungen des Matthäus- und des Lukasevangeliums. In ihrem rekonstruierten Text lautet die letzte Vaterunserbitte, wie folgt: „Und lass retten uns aus unserer Versuchung.“ (Das Jesus-Evangelium, Einführung, 1993, Ukkam-Verlag, München.)

Der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide hat aufgezeigt, dass eine Zurückübersetzung dieser Textstelle ins Hebräische die Lösung des Problems bringen könnte. Das entsprechende hebräische Wort kann nämlich nicht nur „bringen“ oder „führen“, sondern auch „kommen lassen“ heißen. Die letzte Vaterunserbitte würde dann lauten: „Lass uns nicht in die Versuchung kommen.“

Holger Grimme hat einige Schriften des Neuen Tetaments vom Khabouris Codex der östlichen aramäischen Peschitta ins Deutsche übersetzt. Im Zusammenhang mit dem Vaterunser ist es das folgende Buch: Aramäisch – Deutsches Neues Testament ADNT III, Drittes Buch mit: Verkündigung von Mattai • Verkündigung von Luqa • Philemon • Yehuda, Erstauflage 2011, Inspire Verlag, Wallenfels. Leider ist das Buch vergriffen und auch antiquarisch nicht zu bekommen.

Ich konnte jedoch auf das Aramäisch – Englische Neue Testament zurückgreifen, der Übersetzung des Neuen Testaments vom Khabouris Codex der östlichen aramäischen Peschitta ins Englische. Dort wird die letzte Vaterunserbitte wie folgt übersetzt:

Mt 6,13. And not bring us into trial, but deliver us from the evil one.

Annotation: YHWH does not lead His people into “temptation,” but He does test and prove them.

Deutsche Übersetzung:

Mt 6,13. Und bring uns nicht in die Erprobung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Anmerkung: JHWH führt sein Volk nicht in „Versuchung“, sondern er erprobt es und stellt es auf die Probe.

Lk 11,4. [...] And lead us not into trial, but save us from the evil one.

Deutsche Übersetzung:

Lk 11,4. [...] Und führe uns nicht in die Erprobung, sondern rette uns vor dem Bösen.

(Aramaic English New Testament, Fifth Edition, Peshitta English Aramaic Critical Edition, 2016, Netzari Press, Sedro-Woolley, WA.)

In einem kleinen Buch sind Meditationen zum Vaterunser von Papst Franziskus enthalten. Die beiden Teilsätze der letzten Vaterunserbitte werden von ihm in getrennten Kapiteln behandelt. Zum ersten Teilsatz „Und führe uns nicht in Versuchung“ (Mt 6,13a) sagt er: „Eine andere Version lautet: ‚Lass uns nicht in Versuchung geraten‘. [...] Wie auch immer man den Text versteht, wir müssen ausschließen, dass Gott der Urheber der Versuchungen ist. [...] Im Brief des Apostels Jakobus lesen wir: ‚Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung (1,13).“

„Wenn wir versucht sind, Böses zu tun, die Brüderlichkeit mit den anderen zu verleugnen und absolute Macht über alles und alle zu wünschen, dann hat Jesus diese Versuchung bereits für uns bekämpft. [...] Gleich nachdem er von Johannes die Taufe empfangen hat, [...] zieht Jesus sich in die Wüste zurück und wird vom Satan versucht. [...] Jesus weist jedoch jede Versuchung zurück und geht siegreich daraus hervor.“

Zum zweiten Teilsatz „Sondern erlöse uns von dem Bösen“ (Mt 6,13b) sagt Franziskus: „Mit diesem Wort bittet der Beter [...], vom Bösen befreit zu werden. Das ursprüngliche griechische Verb [...] stellt uns die Gegenwart des Bösen vor Augen, das uns zu ergreifen und verschlingen sucht (vgl. 1 Petr 5,8). [...] Der Apostel Petrus sagt auch, dass der Widersacher, der Teufel, wie ein brüllender Löwe umhergehe, um uns zu verschlingen, und wir bitten Gott, uns zu befreien.“

„Es gibt ein mysteriöses Böses, das gewiss nicht das Werk Gottes ist, sondern das sich heimlich in die Geschichte einschleicht: geräuschlos wie die Schlange, die still das Gift mit sich bringt. [...] Der Beter ist nicht blind und hat dieses Böse, das so aufdringlich ist und so sehr im Gegensatz zum Geheimnis Gottes steht, klar vor Augen. Er erkennt es in der Natur, in der Geschichte, ja sogar in seinem eigenen Herzen.“ Wir bitten Gott, uns davon zu befreien.

(Papst Franziskus, „Lasst uns beten, wie es der Herr uns gelehrt hat, Meditationen zum Vaterunser“, St.Benno Verlag GmbH, Leipzig, 2019.)

Franz Josef Weißenböck hat in einem Buch Mutmaßungen über das Vaterunser veröffentlicht. Zur letzten Vaterunserbitte schreibt er: „Ist es Gott, der in Versuchung führt? Es lassen sich Belege dafür anführen. Etwa im Buch Jesaja: ‚Ich bin der HERR und sonst niemand. Der das Licht formt und das Dunkel erschafft, der das Heil macht und das Unheil erschafft, ich bin der HERR, der all dies macht.‘ (Jes 45,6-7.)“

„Das Gute kommt aus der Hand Gottes, aber ebenso das Böse. Also kommt auch die Versuchung von Gott? [...] Das griechische Wort peirasmos ist [...] vermutlich am treffendsten mit ‚Probe‘ zu übersetzen. [...] Die ‚Good News Translation‘ aus dem Jahr 1992 übersetzt denn auch die Vaterunserbitte so: Do not bring us to hard testing.“

„Wer um Erlösung ‚von dem Bösen‘ betet, für den sind beide Möglichkeiten offen, die sachliche wie die personale, das Böse wie der Böse. [...] Das griechische Wort poneros kann das Böse ebenso wie den Bösen bezeichnen.“ Der Böse ist der Teufel. Das Böse ist in der gesamten Menschheitsgeschichte übergenug vorhanden.

Im Anhang seines Buches bringt Weißenböck verschiedene Übersetzungen des Vaterunsers. Die letzte Vaterunserbitte in zwei dieser Übersetzungen gebe ich jetzt wieder.

„Führe uns nicht zum Verrat an dir, sondern löse uns aus dem Bösen.“ (Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006.)

„Lass uns nicht in Versuchung geraten, dir, unserem guten Vater, untreu zu werden, und befreie uns von allem Bösen.“ (Das Neue Testament, Rom 2008. „Eine Übersetzung, die das zu vermitteln sucht, was der Grundtext für seine ersten Leser zum Ausdruck brachte.“)

(Franz Josef Weißenböck, „Vater unser – Mutmaßungen über das Gebet des Herrn“, Edition VaBene, Wien – Klosterneuburg, 2017.)

In „Gedanken zu Glaube und Zeit“, Nr. 213, vom 11. März 2017 (Hg.: Heribert Franz Köck und Herbert Kohlmaier) fand ich einen Kommentar zur letzten Vaterunserbitte von Franz Kogler. Von diesem Kommentar zitiere ich nun einen kleinen Teil: „Im griechischen Text ist Gott eindeutig der Handelnde und nicht nur der, der etwas zulässt. [...] Und: An zahlreichen Stellen im Alten und auch im Neuen Testament begegnen uns Versuchungserzählungen.“

„Die Übersetzung ‚Und führe uns nicht in Versuchung‘ sagt ja streng genommen nicht, dass Gott versucht (wörtlich: ‚Und führe uns nicht in die Versuchung hinein, sondern von dem Bösen weg‘). Es ist eben zu unterscheiden zwischen dem Subjekt, von dem die Versuchung ausgeht, und dem Subjekt, das mit der Situation der Versuchung konfrontiert. Das mit der Versuchung konfrontierende Subjekt ist Gott, der die aktuelle Situation [...] aktiv herbeiführt. Er ist aber nicht der eigentliche Versucher, von dem das Böse ausgeht.“

Im Matthäusevangelium wird Jesus nach seiner Taufe „vom Geist Gottes mit der Versuchung durch den Teufel konfrontiert (Mt 4,1-11). [...] Jesus hat die Bewährung bestanden, weil er sich ganz am Willen Gottes festgemacht hat. Diese Herausforderung bleibt auch den Nachfolgern Jesu nicht erspart.“

Meine Spurensuche bei den Erklärungen der letzten Vaterunserbitte zeigt: In Gott ist ein Geheimnis, das wir nicht entschlüsseln können.

Ich selbst habe früher jahrelang gebetet: „Und lass uns der Versuchung nicht erliegen.“ Diese Formulierung geht auf Origenes zurück. Seit ich vor zwei Jahren mit dem Rosenkranzbeten begonnen habe, bete ich wieder: „Und führe uns nicht in Versuchung.“

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414. Mein Blick auf das Christentum  -  6. September 2020

Meinen Blick auf das Christentum habe ich in den letzten Tagen in den beiden folgenden Prosagedichten zusammengefasst:

1. Text der Fragen:

Meine Fragen
unbeantwortbar.
Warum hat Gott,
der das Opfer Abrahams nicht annahm
und den Isaak verschonte,
seinen eigenen Sohn geopfert?
Warum hat Gott
das Volk Israel
dem Hass der Christen ausgeliefert?

2. Text des Bekenntnisses:

Und doch ist der Sohn
durch Ängste und Verlassenheit,
durch unsägliche Schmerzen
und einen letzten erbärmlichen Schrei am Kreuz,
durch die größtmögliche Erniedrigung
und soziale Ausgrenzung hindurch
der alleinige Erlöser geworden
für die Menschheit
und die ganze Schöpfung,
der den einzigen Weg zeigt,
um den in diesen Tagen dramatischen
Niedergang der Menschheit
aufzuhalten.
Lasst uns die Augen öffnen.
Lasst uns seine Werkzeuge
werden und sein.

Den Niedergang der Menschheit bekomme ich seit Beginn der Corona-Pandemie immer stärker durch verschiedene Mitteilungen in den Medien vor Augen geführt. Als Beispiele bringe ich zwei Zitate aus dem Newsletter der IPPNW, der internationalen Vereinigung von Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzten in sozialer Verantwortung, vom 2. September 2020:

Die Chancen auf Abrüstung und Entspannung scheinen gegenwärtig nicht gut. Die in Jahrzehnten erbaute Sicherheitsarchitektur aus Rüstungskontroll- und Abrüstungsverträgen sowie Formen internationaler Transparenz und Ausgleichs zerfällt vor unseren Augen. Ein wachsendes gegenseitiges Misstrauen führt zu verstärkter militärischer Aufrüstung und diese schürt wiederum neues Misstrauen.

Zum gestrigen Antikriegstag weist die ärztliche Friedensorganisation IPPNW auf die steigende Gefahr von Gewaltkonflikten und humanitärer Not aufgrund der Corona-Pandemie hin. Insbesondere in Konflikt- und Krisenländern drohten sozioökonomische Verwerfungen und politische Unruhen. [...] Der UN-Generalsekretär António Guterres hat vor einer ‚Pandemie des Hungers‘ infolge der SARS-CoV-2-Pandemie gewarnt.

Warnende Prophezeiungen werden gegeben, damit ihr Eintreffen noch verhindert werden kann, was nicht immer klappt. Einen Hoffnungsschimmer zeigt der Newsletter von Attac, der internationalen Bewegung für eine demokratische und sozial gerechte Gestaltung der globalen Wirtschaft, vom 3. September 2020. Attac kämpft seit vielen Monaten gegen das Abkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) und weist in diesem Newsletter darauf hin, dass sich bereits vor einem Jahr das österreichische Parlament und in letzter Zeit auch noch die Parlamente der Niederlande und Walloniens (das Parlament der französischsprachigen Region Belgiens) gegen das Abkommen ausgesprochen haben. Attac gibt allerdings zu bedenken, dass das Abkommen noch lange nicht gestoppt ist. „Wir dürfen uns auf keinen Fall damit begnügen, dass das Abkommen irgendwie ‚verbessert‘ werden kann. Es steht im Widerspruch zu allem, was nötig ist, um uns und künftigen Generationen einen lebenswerten Planeten zu sichern. Daher werden wir den Druck gegen das Abkommen weiter aufrecht erhalten!“

Im selben Newsletter weist Attac darauf hin, dass CETA, das Handelsabkommen der EU mit Kanada, das die Rechte von Konzernen über die Interessen von Mensch und Umwelt stellt, am 31. Juli 2020 vom Parlament in Zypern abgelehnt wurde. „Ausschlaggebend dafür waren die Kritik an Konzernklagerechten, am Einsatz von Gentechnik und der unzureichende Schutz bei Herkunftsangaben des Halloumi-Käses.“ Damit ist das Abkommen noch nicht gestorben, denn Zypern hofft auf Änderungen im Vertragstext. „Das Nein Zyperns zu CETA ist in jedem Fall ein Sieg für uns alle. Mit unseren europäischen Verbündeten werden wir uns weiter dafür einsetzen, CETA & Co. endgültig zu Fall zu bringen.“

Organisationen wie IPPNW und Attac sind auf die Unterstützung möglichst vieler Menschen angewiesen.

Ich beende diesen Baustein mit einem Impuls von Margot Käßmann, von dem eine starke Hoffnung ausgeht: „Mit unseren Gebeten können wir als Christinnen und Christen die ganze Welt umspannen. Könnte es nicht auch eine durchbetete Welt geben, die etwas erkennen lässt von Gottes Zukunft? Das Reich Gottes: Es wird wachsen wie ein Baum, blühen wie die Liebe. Und ich bin sicher, dieser Baum wird unübersehbar sein in unserer Zeit und Welt.“

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413. Vom Vater gezeugt vor aller Zeit  -  19. Juli 2020

Die Lehre von der Trinität (Dreifaltigkeit) Gottes und die Zwei-Naturen-Lehre Jesu Christi wurden auf den ersten vier allgemein anerkannten ökumenischen Konzilien formuliert. Die Lehre von der Trinität habe ich lange Zeit hindurch abgelehnt. Doch jetzt möchte ich sie differenziert betrachten.

„Das Konzil von Konstantinopel [381] fand […] mit der Formulierung ‚ein göttliches Wesen in drei Hypostasen‘ eine begriffliche Lösung für die Bestimmung des Verhältnisses von Einheit und Dreiheit. Damit […] wurden zwei unterschiedliche Wirklichkeiten zueinander in Beziehung gesetzt: hier das eine göttliche Wesen, dort drei Formen seiner Verwirklichung. Das Bekenntnis zu dem einen Gott wurde durch den Begriff „Wesen“ (griechisch ousia) festgehalten. Griechisch hypostasis, wörtlich „das Darunterliegende“, bezeichnete die individuelle Verwirklichung dieses allgemeinen Wesens aufgrund konkreter Eigentümlichkeiten. Vater, Sohn und Geist wurden demnach als Trä­ger und Verwirklichungsformen des einen göttlichen Wesens verstanden.“

„Der Begriff der Hypostase stammte aus der griechischen Theologie. Sollte das Modell vom einen göttlichen Wesen in drei Hypostasen auch im abendländischen Kulturraum verstanden werden, mussten dafür entsprechende Begriffe aus der lateinischen Theologie gefunden werden. In diesem Zug wurde ‚Wesen‘ mit substantia wiederge­geben, ‚Hypostase‘ mit persona, abgeleitet vom griechischen prosopon, was sowohl mit ‚Antlitz, Gesicht‘ als auch mit ‚Maske, Rolle‘ wiedergegeben werden kann. […] Augustinus (354-430) und nachfolgend die mittelalterliche Theologie […] bestimmten Personsein als Eigenstand in Verbindung mit ‚In-Beziehung-Sein‘ und stellten damit die für das Personsein wesentliche Dimension der Relationalität heraus. […] Während für den antiken und mittelalterlichen theologischen Personbegriff der Aspekt der Relation […] selbstverständlich war, stehen für das neuzeitliche Verständnis von der Person ganz andere Aspekte im Vordergrund. Es verbindet damit in erster Linie Individualität, Subjektivität. Freiheit und Selbstbesitz. Durch diesen Bedeutungswandel […] kann der Eindruck entstehen, es handle sich bei den drei Personen um drei verschiedene Individuen mit je ei­genem Willen und damit letztlich doch um drei Götter. […] Der neuzeitliche Personbegriff läuft darum Gefahr, den Zugang zu einem angemessenen Verständnis von Dreifaltigkeit zu verstellen.“ (Aus: Sabine Pemsel-Maier, „Dreifaltigkeit/Trinität“, Das wissenschaftlichreligionspädagogische Lexikon im Internet.)

Das war bei mir der Fall.

„Der […] Begriff trinitas soll die Unterschiedenheit in der Einheit zum Ausdruck bringen. Auf dieser Basis hat die westkirchliche Theologie die Formel una substantia, tres personae (eine Substanz, drei Personen) geprägt […]. Um ein Missverständnis des Personbegriffs zu vermeiden, hat der zum Christentum übergetretene Rhetor Marius Victorinus (* um 280/90 † um 363) diese Formel umgeprägt und statt von Personen von ‚Subsistenzen‘ gesprochen: una substantia, tres subsistentiae (eine Substanz, drei Subsistenzen). Mit dem von ihm geschaffenen Begriff ‚Subsistenz‘ hat er den in der griechischen Trinitätstheologie […] gebräuchlichen Begriff ‚Hypostase‘ ins Lateinische übersetzt.“ (Aus: Die deutschen Bischöfe Nr. 83, „Der Glaube an den dreieinen Gott“, Eine Handreichung der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz zur Trinitätstheologie, Mai 2006.)

Mit dem Begriff „Person“ kann ich in der Trinität bis heute nichts anfangen, mit dem Begriff „Hypostase“ = „Subsistenz“ jedoch sehr viel. Nur Jesus Christus, der ja als Mensch auf der Erde gelebt hat, ist mir als Person einsichtig.

Das Nicäno-Konstantinopolitanum (das große Glaubensbekenntnis) sagt von Jesus Christus, er sei „aus dem Vater geboren vor aller Zeit“. Wenn ich es bete, sage ich lieber „vom Vater gezeugt vor aller Zeit“, da das griechische Wort „gennao“ sowohl „zeugen“ als auch „gebären“ bedeuten kann, je nachdem, ob es sich auf einen Mann oder eine Frau bezieht.

„Das Konzil [von Nicäa, 325], das überzeugt ist, dass Jesus selbst wahrer Gott ist, versucht, das Beziehungsverhältnis von Vater und Sohn als ein innergöttliches Verhältnis in seiner Wesenstiefe zu erfassen. Der Sohn, der in Jesus Mensch geworden ist und als solcher begegnet, ist […] als einziger ‚aus dem Vater gezeugt/geboren‘. Bei dem Wort ‚gezeugt/geboren‘ handelt es sich selbstverständlich um ein Bild, eine Metapher - dem natürlichen Bereich entnommen und in analoger Weise auf das innergöttliche Verhältnis von Vater und Sohn übertragen. Es darf auf keinen Fall spekulativ ausgedeutet werden, sondern will lediglich ein Gegenbegriff sein zu dem der Schöpfung bzw. des Werdens. […] Die Zeugung des Sohnes aus dem Vater meint einen Hervorgang in Gott selbst, nicht ‚aus‘ Gott ‚heraus‘. Sie verweist auf ein anfangloses und ewiges Miteinander und Gegenüber des ursprunglosen Vaters mit seinem ihm ewig zugehörigen Sohn.“

„Die Aussage ‚aus dem Vater geboren/gezeugt vor aller Zeit‘, also die Aussage über die Präexistenz Christi […] ist nur ein Teilaspekt einer umfassenderen und komplexeren Glaubenswirklichkeit: nämlich der Wesensgleichheit des ewigen Sohnes mit dem Vater, seines wahren Gottseins und damit letztlich der innergöttlichen Differenzierung, die wir mit dem Begriff der (immanenten) Trinität bezeichnen.“ (Aus: Rudolf Laufen, „Aus dem Vater geboren vor aller Zeit“, Mythos oder Kernaussage des christlichen Glaubens, „Pastoralblatt“ 53.)

„Der präexistente Sohn darf nicht vom Vater getrennt gedacht werden, sondern ist in der ewigen Einheit des Wesens mit ihm. Es ist bedenklich, dass mit der Formel der Präexistenz die göttliche Ewigkeit auf die menschliche Zeit bezogen und von ihr aus errechnet wird. Die heilsgeschichtliche Phase wird nach rückwärts verlängert und ins Unendliche ausgezogen. Das präexistente Vorher und die heilsgeschichtliche Zeit dürfen nicht getrennt oder addiert werden, sondern sie sind ineinander gegenwärtig.” (Aus: Karl Hermann Schelkle, „Theologie des Neuen Testaments“, Bd. II, S. 189.)

„Vor aller Zeit“ kann also nur heißen: „ohne alle Zeit“, „zeitlos“ entsprechend zu „anfanglos“. Und so wie die Endzeit der Hintergrund der Jetztzeit ist, ist die Präexistenz der Hintergrund der heilsgeschichtlichen Zeit.

Eine bildliche Darstellung der Trinität kann es nicht geben, auch wenn sie in vielen Kirchen gefunden werden kann. Wir können uns nur ein Bild von Jesus Christus machen, der als Mensch auf der Erde gelebt hat.

„Es geht um den ‚dreieinen‘ [nicht bloß ‚dreieinigen‘] Gott, da merkt man schon am Begriff, dass das unser Vorstellen und Denken überschreitet. Das kann man nicht in ein Bild fassen. Da reicht keine bildliche Darstellung hin. Man kann sich den dreieinen Gott nicht vorstellen, und man soll das auch nicht. Der trinitarische Glaube ist sozusagen die andere Seite des Gebots: ‚Du sollst dir kein Bildnis machen‘ […]. Diesen Gott kann man nicht denken. Er sprengt unsere Maßstäbe und Denkkategorien. Er ist zu groß.“ (Aus: Hans-Martin Barth, „Trinität – wie soll man das verstehen?“, Kirche in Marburg, Juni 2014.)

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412. Attac und Corona-Pandemie  -  30. Juni 2020

Wie die Homepage von Attac Österreich zeigt, ist Attac eine internationale Bewegung, die sich für eine demokratische und sozial gerechte Gestaltung der globalen Wirtschaft einsetzt. Attac steht für „Association pour une taxation des transactions financières pour l´aide aux citoyens“, zu Deutsch „Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen zugunsten der Bürger*innen“.

Um die Arbeit von Attac während der Corona-Krise zu dokumentieren, Habe ich Ausschnitte aus einigen Newslettern herangezogen. Im Newsletter-Archiv von Attac Österreich können alle Newsletter nachgelesen werden.

Attac-Newsletter vom 20.03.2020 - Die Corona-Krise solidarisch bewältigen!

Die Corona-Pandemie verändert unser privates, berufliches und wirtschaftliches Zusammenleben dramatisch. Das enorme Ausmaß und die rasante Abfolge der Ereignisse erschweren dabei kurz- und mittelfristige Prognosen und den Blick aufs große Ganze.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich die Corona-Pandemie nicht nur zur schwersten Gesundheits-, sondern auch zur schwersten Wirtschaftskrise der letzten Jahrzehnte entwickeln könnte. Große Bereiche der Wirtschaft stehen still, gleichzeitig sinken die Einkommen vieler Menschen. All das trifft auf einen immens aufgeblähten und krisenanfälligen Finanzsektor.

Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, wie instabil der neoliberale Kapitalismus ist. Die Art, wie die Weltwirtschaft, wie Welthandel, Finanzmärkte, Landwirtschaft, Lohn- und Sorgearbeit heute organisiert sind, verwandelt die Corona-Pandemie in eine schwere wirtschaftliche und soziale Krise.

Klar ist: Unsere Wirtschaft und Gesellschaft werden nach der Coronakrise anders aussehen als vorher. Lassen wir nicht zu, dass der neoliberale Kapitalismus sich danach weiter vertieft. Engagieren wir uns jetzt für eine Politik, die das gute Leben für alle Menschen ermöglicht.

Attac-Newsletter vom 03.04.2020 – Corona-Krise: Fette Gewinne für Aktionäre?

Die Welt steuert auf die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zu. Die wichtigste Aufgabe der Banken ist es nun, Wirtschaft und Gesellschaft weiter mit Geld zu versorgen und Kreditausfälle an Menschen und Betriebe zu stunden. Und sie müssen hohe Kreditausfälle verkraften können, um nicht selbst von der Allgemeinheit gerettet werden zu müssen.

Daher haben wir am 25. März die Europäische Zentralbank (EZB) aufgefordert, für den gesamten Euroraum ein Verbot von Gewinnausschüttungen, Bonuszahlungen sowie eine strenge Begrenzung der Manager*innengehälter zu beschließen.

Und siehe da: Am 27. März hat die europäische Bankenaufsicht der EZB unseren Vorschlag übernommen und die Banken angewiesen keine Gewinne auszuschütten - im Notfall wolle man die Banken dazu zwingen. Etwaige Ausnahmen sollten jedenfalls am absoluten Minimum gehalten werden. Die Anweisung wird von immer mehr Banken in Europa umgesetzt. Und auch für eine strenge Begrenzung der Boni gab es mittlerweile Unterstützung durch die europäische Bankenaufsicht.

Wir fordern das Problem der staatlichen Abhängigkeit von den „Märkten“ an der Wurzel zu packen: Wir müssen die Finanzierung von Staaten endlich den profitorientierten spekulativen Finanzmärkten entziehen. Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte Staaten direkt nahezu zinsenloses Geld zur Verfügung stellen, wie dies auch andere Zentralbanken wie die US-Notenbank tun. Dafür müsste aber das EU-Verbot direkter Staatsfinanzierung durch die EZB fallen.

Gleichzeitig warnen wir davor, den sogenannten „Europäischen Stabilitätsmechanismus“ (ESM) für Kredite an die Krisenstaaten einzusetzen. Denn damit ist der Zwang zu einer radikalen Kürzungs- und Verarmungspolitik verbunden.

Attac-Newsletter vom 08.04.2020 – Corona-Krise: Attac fordert einen Beitrag der Reichsten!

Auf unsere Gesellschaft kommen gigantische Lasten zu, weil die Corona-Krise und die Maßnahmen zu ihrer Bewältigung eine tiefe Wirtschaftskrise auslösen. Diese Lasten werden uns noch jahrelang verfolgen - und jemand wird sie tragen müssen. In der letzten Wirtschaftskrise nach 2008 waren das wir, die breite Bevölkerung. So weit darf es nicht wieder kommen! Alle leisten derzeit einen Beitrag, die Reichsten müssen das auch tun.

Deswegen fordert Attac einen Corona-Lastenausgleich von den Reichsten.

Der extreme Reichtum einiger weniger hat in Österreich astronomische Ausmaße erreicht: Das reichste 1 Prozent in Österreich besitzt über 40 Prozent des gesamten Privatvermögens. Die 40 reichsten Familien des Landes besitzen je über 1 Milliarde Euro.

Unsere Forderung: Vermögen ab 5 Millionen Euro soll daher mit 10 Prozent, ab 100 Millionen Euro mit 30 Prozent und ab einer Milliarde Euro je einmalig mit 60 Prozent einen Beitrag leisten.

Der Corona-Lastenausgleich soll in Raten von fünf Jahren geleistet werden. Um Ausweichreaktionen zu vermeiden, wird das Nettovermögen mit Stichtag Mitte März 2020 ermittelt. Um Arbeitsplätze zu fördern, gibt es eine Sonderregelung für Betriebsvermögen.

Werden die Reichsten nicht an den Lasten der Krise beteiligt, besteht die Gefahr, dass nach der Krise Arme und Arbeitslose draufzahlen, ebenso wie jene, deren unverzichtbare Arbeit jetzt so gepriesen wird - Pflegekräfte, Reinigungspersonal, Supermarktkassierer*innen, Erntehelfer*innen und Ärzt*innen. So weit darf es diesmal nicht kommen!

Insgesamt könnten mit den Corona-Lastenausgleich in Österreich rund 70 bis 80 Milliarden Euro eingenommen werden; mehr als ein Drittel davon allein von Milliardär*innen. 

Diese Einnahmen aus dem Corona-Lastenausgleich decken die notwendigen Ausgaben für Unternehmen, Beschäftigung, Gesundheit und Soziales. Sie geben uns darüber hinaus die Mittel für wichtige Zukunftsinvestitionen, etwa zur Bekämpfung der Klimakrise. Der Weg aus der Coronakrise kann und darf keine Rückkehr zum alten Status Quo sein, sondern muss uns in eine bessere Zukunft führen.

Attac-Newsletter vom 26.05.2020 – Wie Konzerne die Corona-Krise nutzen könnten, um Staaten zu verklagen

Ein neuer Bericht des Corporate Europe Observatory (CEO) zeigt: Internationale Anwaltskanzleien liefern bereits Beispiele, wie Konzerne die Hilfsmaßnahmen gegen die Corona-Krise mittels Sonderklagerechten anfechten können, um ihre Profite zu verteidigen. Dabei ermöglicht es diese Paralleljustiz nicht nur nationale Gerichte zu umgehen, sondern auch Entschädigung für entgangene zukünftige Profite zu verlangen - etwas, das nach nationalen Rechtsstandards niemals möglich wäre.

Der Bericht dokumentiert 10 Szenarien für mögliche Klagen anhand konkreter, von Anwaltskanzleien genannten Beispiele. Dazu zählen etwa: Klagen gegen Maßnahmen zur Bereitstellung von sauberem Wasser oder zur Stützung des Gesundheitssystems. Klagen gegen Maßnahmen für erschwingliche Medikamente, Tests und Impfstoffe oder zur Eindämmung des Virus. Klagen gegen die Deckelung von Mieten oder Energiepreisen oder gegen Schuldenerlässe für Haushalte und Unternehmen. Klagen gegen Maßnahmen zur Bekämpfung von Finanzkrisen oder für gerechte Steuern. All das zeigt erneut: Sonderklagerechte für Konzerne sind ein soziales und demokratiepolitisches Desaster, bei dem nur der Profit zählt.

Daher müssen alle Klagemöglichkeiten von Investoren gegen staatliche Hilfsmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie sofort ausgesetzt werden. Mittelfristig müssen die Regierungen diese Paralleljustiz für Konzerne ersatzlos abschaffen!

Attac-Newsletter vom 15.06.2020 – EU-Aufbauplan: Keine angemessene Antwort auf die Krise

Die EU-Kommission hat am 27. Mai ihren Plan zum Aufbau nach der Corona-Krise vorgestellt. Doch der Vorschlag wird dem Ausmaß der Krise nicht gerecht, und er ändert nichts an den strukturellen Problemen der EU und der Eurozone: Die EZB darf weiterhin Staaten nicht direkt finanzieren. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedsstaaten beruhen auch künftig auf Steuer- und Standortwettbewerb - und nicht auf Kooperation.

Auf lange Sicht könnte der Aufbauplan die wirtschaftliche Krise noch verschlimmern. Denn finanzielle Hilfen soll es erst geben, wenn die EU-Kommission die Pläne der Staaten im Rahmen des sogenannten „Europäischen Semesters“ überprüft hat. Dieses Instrument zielt aber vor allem darauf ab, Defizite über Ausgabensenkungen (etwa bei Sozialem und Gesundheit) zu verringern und neoliberale Politik (etwa am Arbeitsmarkt) durchzusetzen.

Am sinnvollsten wäre es, wenn sich die Staaten jetzt zu niedrigen Zinsen direkt über die Europäische Zentralbank finanzieren, um die nötige sozial-ökologische Transformation zu gestalten. Doch dieser Weg ist durch die EU-Verträge versperrt.

Attac-Newsletter vom 25.06.2020 – Diese Wirtschaftskrise wird alles verändern

Während langsam wieder so etwas wie Normalität in unseren Alltag zurückkehrt, zeichnen sich die langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie immer deutlicher ab:

Wir stehen am Beginn einer historischen Wirtschaftskrise. Weltweit droht die Hälfte aller Arbeitnehmer*innen ihren Lebensunterhalt zu verlieren. Unser Wirtschaftssystem kann und darf nach der Krise nicht mehr so weiterlaufen wie bisher. Für Attac steht fest: 

Reiche, Konzerne und neoliberale Politiker*innen wollen die alte Ordnung beibehalten. Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein, unser Wirtschaftssystem sozial, gerecht und ökologisch zu verändern.

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411. Die eine Kirche Jesu Christi  -  25. Mai 2020

Hat Jesus von Nazaret eine Kirche gewollt oder gegründet?

Im Matthäusevangelium sagt Simon Petrus zu Jesus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16.)

Daraufhin sagt Jesus zu ihm: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18.)

Im griechischen Text steht das Wort Ekklesia, das mit Kirche oder Gemeinde übersetzt werden kann.

Kurze Zeit später versucht Petrus, dem Jesus das Leiden und  den Tod in Jerusalem auszureden. „Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Mt 16,23.)

Ist mit dem Felsen, auf den Christus seine Kirche baut, Simon Petrus gemeint oder das Bekenntnis des Jüngers, dass Jesus der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist? Nach der grammatikalischen Satzkonstruktion sind beide Blickwinkel möglich.

Das Fundament der Kirche ist jedenfalls Jesus Christus. Er wird im Neuen Testament immer wieder als der Eckstein bezeichnet, der wichtigste Stein eines jeden Baues, der alles zusammenhält.

Die Kirche, die Jesus seine Kirche nennt, ist die übergeordnete Kirche, die Gesamtkirche, nicht die Kirche in einer bestimmten historischen Gestalt.

In Lumen gentium 8,2 heißt es: „Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. [...] Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, subsistiert in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen.“

Nach der Terminologie der Alten Kirche „subsistiert“ auch das eine göttliche Wesen, „und zwar keineswegs nur in einer, sondern in drei Personen: in der Person des Vaters, in der Person des Sohnes und in der Person des Heiligen Geistes ist der eine und einzige Gott wirklich da. Deshalb können die drei ‚Personen‘ auch als die drei modi subsistendi oder individuelle Existenzweisen des einen göttlichen Wesens bezeichnet werden. [...] Und wenn schon Gott selber in der Differenz von Vater, Sohn und Heiligem Geist ‚subsistiert‘ und dennoch nicht mit sich selbst entzweit ist, also eine Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins bildet, warum sollte das dann nicht auch für die dieses mysterium trinitatis in unserer Welt darstellende Kirche gelten?“ (Aus: Michael J. Rainer, „‚Dominus Iesus‘: anstössige Wahrheit oder anstössige Kirche?“, S.60, Aufsatz von Eberhard Jüngel.)

In die Richtung dieser Frage geht der Aufsatz von Peter Knauer SJ „Die ‚katholische Kirche‘ subsistiert in der ‚katholischen Kirche‘ - Zur ökumenischen Tragweite von Lumen gentium 8,2“. Der Text in Lumen gentium 8,2 „scheint eine erstaunliche Formulierung zu enthalten: Die im Glaubensbekenntnis gemeinte katholische Kirche subsistiere in der katholischen Kirche. In einer solchen Formulierung gewinnt der zweimal vorkommende gleiche Ausdruck ‚katholische Kirche‘ unvermeidlich eine etwas unterschiedliche Bedeutung. Welche katholische Kirche ist jeweils gemeint?“

Die katholische Kirche, von der im Glaubensbekenntnis die Rede ist, ist nach LG 8,2 von vornherein in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet. „Diese irdische Verfaßtheit und Sichtbarkeit wird ihr noch im Voraus zu der Tatsache zugeschrieben, dass sie in der mit dem Papst verbundenen Kirche subsistiere.“

„Die im Glaubensbekenntnis als katholisch bezeichnete Universalkirche ist in der unter der Leitung des Papstes und der mit ihm verbundenen Bischöfe stehenden Einzelkirche voll gegenwärtig. Aber diese römische katholische Kirche ist nicht mehr selbst die Universalkirche, sondern lässt sich [...] nur noch als Einzelkirche verstehen, in der die Universalkirche sich ausdrückt.“

Die eine Kirche Jesu Christi „subsistiert tatsächlich in der Kirche, die sich die katholische römische nennt, so daß diese Kirche mit Recht beanspruchen kann, den vollen Glauben an Jesus Christus zu repräsentieren. Aber das gibt ihr nicht auch schon das Recht, zu bestreiten, daß die gleiche eine katholische Kirche Christi auch in anderen christlichen Gemeinschaften ‚wirklich gegenwärtig ist‘. Denn es ist gar nicht möglich, in mangelhafter Weise an Jesus Christus zu glauben. Man kann im Sinn der Selbstmitteilung Gottes nur entweder wirklich an ihn glauben oder gar nicht.“

„Die verschiedenen Einzelkirchen, in denen allen die eine Kirche Jesu Christi subsistiert, verdunkeln diese Subsistenz in sich selber in dem Maße, in welchem sie sich der Anerkennung dieser Subsistenz in den anderen Einzelkirchen versagen. [...] Die primatiale Hirtenaufgabe Petri würde gerade darin bestehen, sich [...] für die Anerkennung der Subsistenz der einen katholischen Kirche in allen Gemeinschaften, die an Jesus Christus glauben, einzusetzen.“

Soweit Peter Knauer SJ.

Wovon nähren wir uns in der Kirche, wovon leben wir in spiritueller Hinsicht? Von der Anbetung und von der Eucharistie, auch Abendmahl genannt. Nach Lk 22,19 und 1 Kor 11,24-25 gibt uns Jesus den Auftrag: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Nach dem Wortgebrauch in der damaligen Zeit ist gemeint: „Tut dies zu meiner Vergegenwärtigung.“

Wenn Menschen, die sich wahrhaftig dazu bekennen, dass Jesus der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist, in seinem Namen zusammenkommen, darf ihnen kein Kirchenrecht die Feier der Eucharistie verwehren, vor allem dann nicht, wenn es im privaten Rahmen eines Hauses oder einer Wohnung geschieht.

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410. Corona-Pandemie und mein Leben, unser Leben  -  24. April 2020

Am 29. Februar 2020 war ich als Lesender bei der vom Verein ::Kunst-Projekte:: in Wien veranstalteten Lesung „Literatur am Schalttag – nur alle vier Jahre!“ dabei. Auch die erste Märzwoche verlief wie sonst. Das Corona-Problem schien weit weg zu sein. Doch in der zweiten Märzwoche setzte die Regierung Bestimmungen in Kraft, die unser Leben veränderten. Und es gab die ersten von vielen folgenden Absagen. Die Vorstellung des Musicals Cats am 14. März im Ronacher, für die wir Karten gekauft hatten? Abgesagt. Die vom Verein ::Kunst-Projekte:: für 16. März angekündigte Lesung aus meinem Roman „Das andere Land – Erlebnisse des Übergangs“? Abgesagt. Familienbesuche? Nicht mehr möglich. Der gebuchte Urlaub im September in Südtirol? Wird nicht möglich sein.

Seit nunmehr sechs Wochen führen Gerhild und ich daher ein Leben der Ruhe und des Friedens besonderer Art. Wir sind jedenfalls privilegiert, weil wir um unser Haus herum einen großen Garten haben, mit Wienerwaldbäumen, aber auch Obstbäumen, mit einem Gewächshaus und Hochbeeten. Das Gewächshaus wurde erst jetzt gebaut, auf einem neuen Betonfundament. Auch das Schwimmbecken ist gerade im Bau. Das alte Schwimmbecken und das alte Gewächshaus waren in die Jahre gekommen und nicht mehr tauglich. Gott sei Dank dürfen Bauunternehmen arbeiten, wenn auch mit Auflagen. Die Bagger und Transportkarren, die durch unseren Garten fahren, lassen eine Spur der Verwüstung zurück. Die Natur wird sich aber mit unserer Hilfe das Gelände zurückerobern.

Ein einziges Mal in dieser Zeit waren wir im Wienerwald spazieren, der ja von unserem Grundstück nur fünf Minuten Fußweg entfernt ist. Ansonsten halten wir uns in Haus und Garten auf, mit wenigen Ausnahmen. Wir gehen einkaufen, was seit 6. April nur noch mit Masken möglich ist. Gerhild geht zu ihren Physiotherapiestunden. Und ich musste einmal ins Spital, um eine IVOM (intravitreale Injektion ins Auge) zu bekommen. Im Supermarkt ist die Stimmung anders als sonst. Im Spital erst recht. Begleitpersonen dürfen nicht hinein. Mir wurde Nasenflüssigkeit und Speichel entnommen und einem Test zugeführt – schon wieder ein Privileg.

Ein ganz besonderes Erlebnis für Gerhild und mich waren die zwei Fernsehübertragungen des Karfreitagsgottesdienstes und der Osternachtfeier aus dem leeren Wiener Stephansdom mit Kardinal Schönborn und ganz wenigen Personen. Was den Sonntagsgottesdienst betrifft, ist unsere Gemeinde dazu übergegangen, am Sonntag gemeinsam über das Internet zu feiern (interaktive Video-Gottesdienste mit dem Programm Zoom). Gerhild und ich nehmen nicht daran teil, feiern aber zeitgleich mit ihnen bei uns zu Hause.

Die derzeitige Situation wirkt auf mich ein wenig irreal und mir fällt das Shakespeare-Zitat ein: „All the world's a stage and all the men and women merely players.“ (Aus „As you like it“ / „Wie es euch gefällt“.) Doch es gibt einen auffallenden Unterschied zwischen der Bühnenwirklichkeit und der Wirklichkeit außerhalb der Bühne: Die Kranken außerhalb der Bühne und insbesondere die Covid-19-Kranken sind wirklich krank. Ein Priester, den wir gut kennen, ist Krankenhausseelsorger. Im Spital hat er sich mit dem Coronavirus angesteckt. Er war lang in der Intensivstation und wäre fast gestorben. Jetzt geht es ihm schon besser. Viele Menschen haben wochenlang für ihn gebetet und wir beten immer noch für ihn.

Die wirtschaftliche Situation wird für viele Betriebe besorgniserregend. Gastgewerbebetriebe dürfen nicht betreten werden. Theater haben geschlossen. Ich bringe ein paar Zitate aus ATTAC-Newslettern.

20.3.2020: „Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich die Corona-Pandemie nicht nur zur schwersten Gesundheits-, sondern auch zur schwersten Wirtschaftskrise der letzten Jahrzehnte entwickeln könnte. Große Bereiche der Wirtschaft stehen still, gleichzeitig sinken die Einkommen vieler Menschen. All das trifft auf einen immens aufgeblähten und krisenanfälligen Finanzsektor.“

„Klar ist: Unsere Wirtschaft und Gesellschaft werden nach der Coronakrise anders aussehen als vorher.“

24.4.2020: „Die Corona-Pandemie zeigt: Das neoliberale Weltmarktprojekt ist gescheitert; es gefährdet nicht nur das Klima, es gefährdet Menschenleben.“

„Die Herstellung lebensnotwendiger Güter hat sich immer mehr in die Hände einiger weniger Konzerne, die in ‚kostengünstigen‘ Ländern operieren, verlagert. ‚Günstig‘ ist es für die Konzerne dort aufgrund von Niedrigstlöhnen, minimalen Arbeitsrechten, kaum vorhandenen Umweltauflagen oder Steuervorteilen.“

„Ein Weltmarkt, wo jene mit genug Geld alles kaufen können, während die anderen nicht genug zum Leben haben, ist unethisch, gesellschaftlich ineffizient und langfristig instabil. Ein Weltmarkt, der durch ungezügelten Warentransport tagtäglich die Klimakrise verschärft und die Macht transnationaler Konzerne steigert, schadet uns allen. Wir brauchen mehr denn je eine regionalisierte Wirtschaft der kurzen Wege.“

Und ein alter Freund von Gerhild und mir, ein akademischer Maler, schreibt in seinem heutigen Newsletter: „Ihr seid doch alle noch in a good shape, oder? Wen freut's schon, dem ‚Maulkorberlass‘ Folge zu leisten, dessen sichtbares Zeichen unsere Ohren halten? Muss jetzt sein, doch besteht die Gefahr, dass die wegen der coronalen Bedingtheiten ausgebooteten bürgerlichen Grundrechte auch ausgebootet bleiben. Also, seid wachsam.“

Wie lange wird die Coronakrise dauern? Die Schätzungen der Wissenschaftler weichen voneinander ab. Der Virologe Christian Drosten sagt nach dem News-Magazin Watson: „Wir müssen vielleicht davon ausgehen, dass wir gesellschaftlich ein Jahr im Ausnahmezustand verbringen müssen.“ „Aber man wird wahrscheinlich nicht alle Maßnahmen genauso weiterführen, wie man sie jetzt gestartet hat.“

Und „Die Presse“ schrieb am 21.4.2020: „Im November schon drohe China eine neue Infektionswelle, sagt Zhang Wenhong. Und nicht nur das: ‚Die Wahrscheinlichkeit eines zweiten internationalen Ausbruchs ist hoch. Nach dem Herbst könnte die zweite Welle kommen‘, so der chinesische Infektiologe.“

Alle warten darauf, dass ein Impfstoff und ein wirksames Medikament gefunden werden. Was wir darüber hinaus zu bedenken haben, sagte Jane Goodall. Die Wiener Zeitung berichtete darüber in ihrer Ausgabe vom 11.4.2020:

„Die verheerende Corona-Pandemie ist nach Ansicht der berühmten Primatenforscherin und Umweltaktivistin Jane Goodall durch einen respektlosen Umgang des Menschen mit Natur und Tieren ausgelöst worden. ‚Unsere Missachtung der Natur und unsere Respektlosigkeit gegenüber den Tieren haben die Pandemie verursacht‘, sagte Goodall.“

„Die 86-Jährige rief zu einem anderen, bewussteren Umgang mit der Umwelt auf, um künftige Katastrophen zu verhindern. ‚Wenn wir beispielsweise den Wald zerstören, werden die verschiedenen Tierarten, die ihn bewohnen, gezwungen, auf engerem Raum zu leben. Krankheiten werden von einem Tier auf das andere übertragen - und eines dieser Tiere, das gewaltsam in die Nähe der Menschen gebracht wird, wird diese wahrscheinlich infizieren‘, erklärte die britische Forscherin.“

„Zudem sieht die Forscherin die Jagd auf Tiere, die Wildtiermärkte in Afrika und Asien sowie eine auf Fleischkonsum ausgerichtete Intensivlandwirtschaft als ‚Bedingungen, die den Viren die Möglichkeit geben, von einer Spezies auf die andere und auf den Menschen überzuspringen‘. Sie begrüße die Schließung von Märkten in China, auf denen lebendige Wildtiere zum Verkauf angeboten wurden, und hoffe, dass das vorübergehende Verbot zu einem ‚dauerhaften‘ werde und andere asiatische Länder dem Beispiel folgten.“

Es liegt also alles daran, dass die Menschheit über ihren Schatten springt, dass die Kräfte der Verständigung und Versöhnung das Übergewicht erhalten. Dafür bete ich täglich.

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409. Rosenkranz und Corona-Pandemie  -  22. März 2020













 Große Lichterprozession um Frieden und Freiheit über die Wiener Ringstraße
 1954 (Foto: RSK/Archiv)

Seit 1945 war Österreich unter den vier Alliierten, den Engländern, Amerikanern, Franzosen und Russen, aufgeteilt. Der Franziskanerpater Petrus Pavlicek litt unter der tragischen Situation der Bevölkerung. Am 2. Februar 1946, als er am Fest Mariä Lichtmess in Mariazell vor dem Gnadenbild der Muttergottes betete, vernahm er eine innere Stimme, die ihm sagte: „Tut, was ich euch sage, und ihr werdet Frieden haben!“ Dieselben Worte hatte Maria zu den Seherkindern in Fatima gesprochen.

Am 2. Februar 1947 gründete er den (seit 1949 so genannten) „Rosenkranz-Sühnekreuzzug für den Frieden der Welt“. Leopold Figl (Bundeskanzler von 1945 bis 1953, danach Außenminister) gehörte seit 1948 zu den Mitbetern, etwas später kam Julius Raab (Bundeskanzler seit 1953) dazu. Im Mai 1955 überstieg die Zahl der Mitglieder bereits eine halbe Million.

Da die Russen die Verhandlungen zur Erlangung der Freiheit Österreichs blockierten, fasste Pater Petrus 1950 den Entschluss, eine Lichterprozession über die Wiener Ringstraße zu organisieren. Der damalige Erzbischof von Wien, Kardinal Theodor Innitzer, war vorerst dagegen. Doch Leopold Figl sagte zu Pater Petrus: „Und wenn wir beide alleine gehen, mein Vaterland ist mir das wert.“ Sie waren nicht allein. Tausende gingen mit ihnen, mit Kerzen in den Händen und den Rosenkranz betend.

Die Prozessionen fanden jährlich am Fest Mariä Namen (um den 12. September) statt. 1953 nahmen 50.000 und 1954 80.000 Menschen daran teil.

Bevor Bundeskanzler Julius Raab im April 1955 zu den Staatsvertragsverhandlungen nach Moskau reiste, bat er Pater Petrus: „Lassen Sie beten wie noch nie.“

Der Staatsvertrag wurde nach der unerwarteten Zustimmung der Russen am 15. Mai 1955 im Schloss Belvedere in Wien unterzeichnet. Nachher sagte Julius Raab: „Wenn nicht so viel gebetet worden wäre, so viele Hände in Österreich sich zum Gebet gefaltet hätten, so hätten wir es wohl nicht geschafft.“

Entgegen allen Erwartungen verließen die sowjetischen Streitkräfte im Oktober 1955 Österreich.

Viele sahen das Geschenk der Freiheit Österreichs als eine Erfüllung ihrer Bitten an die Gottesmutter.

Heute ist der 22. März 2020 und wir leben wieder in einer Zeit der besonderen Herausforderungen, die durch die Epidemie mit dem neuartigen Coronavirus eingetreten sind. Um die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen, hat die Bundesregierung Maßnahmen verordnet, die die Durchführung von Lichterprozessionen unmöglich machen. Nicht einmal Gottesdienste in Kirchen sind derzeit möglich.

Umso mehr sind wir aufgerufen, in dieser Zeit und über diese Zeit hinaus besonders intensiv zu beten. Der neueste ATTAC-Newsletter gipfelt in dem Satz: „Unsere Wirtschaft und Gesellschaft werden nach der Coronakrise anders aussehen als vorher.“

Ich bin seit Februar 2019 Mitglied beim Rosenkranz-Sühnekreuzzug. Das regelmäßige Beten des Rosenkranzes und des Barmherzigkeitsrosenkranzes hat mich und mein Leben verändert. Stehen wir füreinander ein im Gebet.

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408. Sein Blut komme über uns  -  13. Januar 2020

Im Matthäusevangelium können wir lesen, dass Pilatus zögert, Jesus kreuzigen zu lassen. Das ganze Volk aber, von den Hohepriestern und Ältesten aufgehetzt, schreit immer wieder: „Ans Kreuz mit ihm!“ und, nachdem sich Pilatus die Hände gewaschen hat: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (Mt 27,22-25.)

Dieser Satz hat dazu geführt, dass Juden und Jüdinnen durch die Jahrhunderte von Christen eingeschränkt, verfolgt und getötet worden sind. Dabei hat man so argumentiert:

1. Das Volk Israel trage die primäre Verantwortung am Tod Jesu Christi.

2. Das Volk Israel sei daher für immer von Gott verworfen.

Gegen diese Argumentation spricht:

  1. Es ist der römische Statthalter, der Jesus zur Kreuzigung ausliefert, und es sind seine Soldaten, die Jesus kreuzigen.
  2. Wenn man dem jüdischen Volk eine Schuld an der Kreuzigung gibt, dann darf sich die nur auf die damals lebenden Menschen beziehen, nicht auf die Juden und Jüdinnen aller späteren Generationen.
  3. Jüdischer Widerstand wurde von den Römern immer wieder gebrochen. Im Jahr 70 n.Chr. wurde Jerusalem erobert und der Tempel zerstört. Im Jahr 135 n.Chr. endete die Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands; nach Cassius Dio verloren 580.000 Juden und Jüdinnen ihr Leben, 50 Städte und 985 Dörfer wurden zerstört. Wenn man dem jüdischen Volk eine Schuld an der Kreuzigung gibt, darf man keine darüber hinausgehende Bestrafung fordern.

Der Titel dieses Bausteins trägt aber noch eine ganz andere Bedeutung. Blut kann auch über uns kommen im Sinne des Versöhnungsblutes der Opfertiere, wie es im Alten Testament verstanden wurde. In Ablösung der Tieropfer hat das Blut Jesu, dessen Vergießen nach Matthäus vom jüdischen Volk gefordert und von Römern vollzogen wurde, mit seiner Lebenskraft versöhnende Wirkung.

Ein Beispiel dafür liefert das Einheitsgebet, das von den Brüdern vom gemeinsamen Leben in Zürich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ent­wickelt wurde. Es beginnt mit folgenden Worten:

„Herr Jesus Christus, wir beten Dich an und danken Dir,
denn durch Deinen Opfertod am Kreuz
hast Du die Welt erlöst!

Dein Blut komme über uns und über unsre Kinder gnädiglich,
über alle Menschen, an allen Orten,
in allen Ständen, mit allen ihren Anliegen,
über Dein altes Bundesvolk und das Land seines Erbes
und über die ganze nach Freiheit seufzende Kreatur.“

Aus dem Jahr 1944 ist ein Wortlaut des Gebetes überliefert, der damals erarbeitet wurde:

„O Herr Jesus Christus, wir beten Dich an und danken Dir,
denn durch Dein heiliges Blut
hast Du uns und die ganze Welt erlöst.

O Herr, Dein Blut komme über uns und unsere Kinder gnädiglich,
über alle Menschen: Christen, Juden, Mohammedaner und Heiden.

O lieber Herr und Heiland, vereinige uns ganz mit Dir und miteinander
in Deiner Blutsbruderschaft für Zeit und Ewigkeit, ganz und gar.
Dir zum Lob und Dank und uns zum Heil. Amen.“

„Es ist ein weiter Weg vom Verhör Jesu in Jerusalem bis zu den Worten im Einheitsgebet. Aus der alten Selbstverfluchung wird eine Bitte: ‚Dein Blut komme über uns… gnädiglich!‘ Der Beter heute sucht Gottes Herz, damit er den tiefen Riss zwischen Judenheit und Christenheit doch endlich heilen möge. Denn die erste Beziehung, die im Volk Gottes geheilt werden muss, ist die zwischen Christen und Juden. In dieser Trennung liegen die Ursachen für die großen Nöte der ganzen Menschheit schlechthin.“ (Aus: Michael Decker, „DEIN Blut komme über uns… GNÄDIGLICH“, www.oekumenischer-christusdienst.de/dein-blut-komme-ueber-uns.)

Die von Herzen kommende Versöhnung zwischen Christen und Juden ist notwendig. Zu einer Vereinigung der beiden Religionen wird sie nicht führen.

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407. Neugeburt der Kirche Jesu Christi  -  23. Dezember 2019

Morgen feiern wir Weihnachten, die Geburt Jesu Christi. Von dieser Geburt verkündet ein Engel den Hirten: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ (Lk 2,11.)

Vor wenigen Tagen erhielt ich den Friedenskalender 2020 der Solidarwerkstatt. In diesem Kalender fand ich einen Artikel mit dem Titel „Als die Verhinderung des Weltkriegs scheiterte“. Im August 1898 gab Zar Nikolaus II. ein Schriftstück heraus, in dem er eine internationale Friedenskonferenz anregte, auf welcher eine allgemeine Abrüstung und ein für alle Staaten verbindliches Schiedsgericht zur Verhinderung künftiger Kriege beschlossen werden sollten. Es begann mit folgenden Worten: „Die Aufrechterhaltung des allgemeinen Friedens und eine mögliche Herabsetzung der übermäßigen Rüstungen, welche auf allen Nationen lasten, stellen sich in der gegenwärtigen Lage der ganzen Welt als ein Ideal dar, auf das die Bemühungen aller Regierungen gerichtet sein müssten.“ Es enthielt den Satz: „Die wirtschaftlichen Krisen sind zum großen Teil hervorgerufen durch das System der Rüstungen bis aufs Äußerste, und die ständige Gefahr, welche in dieser Kriegsstoffsammlung ruht, machten die Armeen unserer Tage zu einer erdrückenden Last, welche die Völker mehr und mehr nur mit Mühe tragen können.“

Doch das Deutsche Reich versuchte von Anfang an, das Friedensprojekt zum Scheitern zu bringen und die Konferenz zu verhindern. Kaiser Wilhelm II. und die deutschen Eliten waren der Meinung, dass eine Konferenz, die die idealen Vorstellungen des Zaren umsetzen würde, zu einer realen Kriegsgefahr führen würde. Die Konferenz konnte nicht verhindert werden, sie fand im Frühsommer 1899 in Den Haag statt. Doch die Delegierten des Deutschen Reiches sabotierten erfolgreich jede bindende internationale Vereinbarung. Einen Schiedsgerichtshof sollte es geben, doch ohne jede Verpflichtung zur Anrufung desselben bei einem Konflikt. Die politisch völlig zahnlosen Vorschläge wurden schließlich auch von Deutschland unterschrieben, damit sich der Zar nicht vor Europa blamiere, wie Kaiser Wilhelm II. meinte. Die Aufrüstungsspirale konnte sich bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs weiter drehen.

Morgen feiern wir Weihnachten, die Geburt Jesu Christi. Von dieser Geburt verkündet ein Engel den Hirten: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ (Lk 2,11.)

Im Jahr 1898 hatte es einen Zaren gegeben, der ein Umdenken anlässlich der Gefahr des Herannahens großer Kriege vergeblich einforderte. Die heutige Situation ist ähnlich. Die Gefahr weit größerer Kriege als der bisherigen ist nicht gebannt. In der Wiener Zeitung vom 21. Dezember 2019 fand ich einen Artikel, der mit folgenden Worten beginnt: „Mit einer neu geschaffenen ‚Space Force‘ wappnet sich das US-Militär für Konflikte im Weltraum.“ Uns drohen große Katastrophen, uns drohen Kriege wegen Ressourcen, Wasserknappheit und Landverlust, hervorgerufen durch Klimaveränderungen, die durch Klimakonferenzen mit zahnlosen Ergebnissen nicht aufgehalten werden können. Welcher Machthaber fordert heute ein Umdenken ein?

Es gibt ein christliches Lied, das Joh 17,21 aufnimmt:

Vater, mach uns eins. Vater, mach uns eins, dass die Welt erkennt, du hast den Sohn gesandt. Vater, mach uns eins.

Vater, wir suchen die Einheit, die nur dein Geist geben kann, nehmen als Schwestern und Brüder einer den anderen an.

Vater, wir schätzen die Vielfalt, die es in deinem Volk gibt. Hilf uns, einander zu lieben, so wie uns Jesus geliebt.

Dieser Liedtext bringt das Notwendige auf den Punkt. Es gibt eine erdrückende Menge von theologischen Konvergenzdokumenten. Es ist nicht abzusehen, dass sie jemals eine Einheit bringen werden. Vor allem der Standpunkt der römisch-katholischen Kirche zu Abendmahl und Amt verhindert das.

Den entscheidenden Wendepunkt könnte ein ökumenisches Konzil bilden, in einem Ausmaß, das es noch nie gegeben hat, unter Teilnahme aller Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen und der römisch-katholischen Kirche. Papst Franziskus wäre prädestiniert, zu einem solchen Konzil einzuladen. Meine Hoffnung, dass der Heilige Geist es ihm eingibt, ist äußerst gering.

Ein neuer Geist der Verständigung und Liebe ist erforderlich. Alle kirchenpolitischen und kirchenrechtlichen Erwägungen müssten ihm untergeordnet, von ihm befruchtet werden. Es geht darum, alles JESUS in die Hände zu legen. Die große Kirche, die die römisch-katholische Kirche und alle anderen christlichen Kirchen umfasst, ist SEINE Kirche, nicht unsere.

Wenn jemals ein wahrhaft ökumenisches Konzil zustande kommen sollte, so wird es auch bei diesem Konzil wie bei der Friedenskonferenz von 1899 Bremsklötze geben. Wäre ein solches Konzil daher zum Scheitern verurteilt, wie auch die Friedenskonferenz gescheitert ist? Wenn das Konzil seine Aufgabe bewältigen würde, wäre das die Geburt der erlösten, einigen (nicht geeinten!) Kirche Jesu Christi.

Was hat das mit dem Weg der Menschheit zu tun, der drohend in den Abgrund zu führen scheint? Ein erfolgreiches Konzil dieser Art wäre ein unüberhörbares Signal an die anderen Religionen und an die gesamte Menschheit, ein Signal, das entscheidend zur Bewusstwerdung beitragen könnte.

Morgen feiern wir Weihnachten, die Geburt Jesu Christi. Von dieser Geburt verkündet ein Engel den Hirten: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ (Lk 2,11.)

Es ist höchste Zeit, das wörtlich zu nehmen.

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406. Morituri  -  6. Dezember 2019

19.000 zum Tode verurteilte Sträflinge grüßten im Jahr 52 n. Chr. den Kaiser Claudius mit dem Satz: „Ave Caesar, morituri te salutant!“ („Heil dir, Caesar, die Todgeweihten grüßen dich!).

Am vergangenen Sonntag während der Eucharistiefeier kam mir schlagartig der Ausruf „Morituri!“ in den Sinn, denn alle Menschen, die in der Kirche anwesend waren, gehen auf den Tod zu, keiner ist ausgenommen.

Als ich zwei Tage später zu Hause im Andachtsraum betete, wendete sich in meinem Inneren das Blatt und ich sah auf einmal ein unglaubliches Leuchten, das Leuchten derer, die auf das Leben zugehen, unabhängig von ihrer physischen Existenz.

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405. Das Herrenmahl  -  21. November 2019

Im Jahr 1978 wurde ein Dokument „Das Herrenmahl“ veröffentlicht, das von der Gemeinsamen römisch-katholisch/evangelisch-lutherischen Kommission (Vatikan/Lutherischer Weltbund) herausgegeben wurde. In der Zeitschrift „Cursillo“, die von 1961 bis 2003 von P. Josef García-Cascales CMF herausgegeben wurde, ist im selben Jahr ein Bericht über dieses Dokument veröffentlicht worden. Auf diesen Bericht habe ich mit einem Leserbrief reagiert, der in der Zeitschrift im Dezember 1978 gedruckt wurde. Ich hatte diesen Leserbrief total vergessen, jedoch hat mir ein Freund unlängst eine Kopie davon gegeben. Der Leserbrief lautet wie folgt.

Nach langen Verhandlungen gibt es nun ein katholisch-evangelisches Dokument über „Das Herrenmahl“.

Was ist gemeinsam?

Was ist noch nicht gemeinsam?

Wie schön, dass das Gemeinsame das Trennende bereits überwiegt. Noch steht „Messopfer“ gegen „Abendmahl“, „Amts-Priestertum“ gegen „allgemeines Priestertum“. Aber auch die evangelische Kirche weiß um den Begriff des Opfers, auch die katholische Kirche um das Priestertum aller Getauften.

„Dass die Abendmahls-Gemeinschaft (Interkommunion) nicht unter allen Christen möglich ist, ist ein Zeichen der Sünde, die die geglaubte Einheit des Leibes Christi zerteilt.“ (Fischer-Lexikon 3, S. 10.)

Wenn dem so ist, kann nur die Reue die entscheidende Wende bringen. Wer mit Erschütterung vor seiner eigenen Schuld und der Schuld seiner Teilkirche steht, wird dazu getrieben, sich vor dem anderen zu beugen und seine Verzeihung zu erbitten. Durch die Versöhnung entsteht Gemeinsamheit; man lernt einander kennen und miteinander leben.

Erst die gemeinsame Eucharistie wird das volle Ausmaß unserer Schuld enthüllen. Zutiefst beschämt werden wir vor dem herrlichen Gott stehen, der nur eine Kirche ins Leben gerufen hat und ruft, werden erkennen, dass diese eine Kirche eine volle Realität ist, dass wir uns so lange von Gottes Güte und Wahrheit zu egoistischer Halbwahrheit abgewandt hatten.

Die Einheit, die wir erreichen können, wird keine quantitative, sondern eine qualitative sein. Wir werden sie dann ergreifen, wenn wir alle „unverzichtbaren Standpunkte“ aufgeben, wenn wir vom Gesetz zur Barmherzigkeit vordringen, wenn wir einander anerkennen und lieben.

Soweit mein damaliger Leserbrief. Seither sind 41 Jahre vergangen. Um herauszufinden, was sich seit damals in dieser Angelegenheit bewegt hat, habe ich zwei Dokumente durchgesehen, die ich im Internet gefunden habe:

„Einheit der Kirche und Gemeinschaft im Herrenmahl - Zur neueren ökumenischen Diskussion um Eucharistie- und Kirchengemeinschaft“, Eröffnungsreferat von Bischof Karl Lehmann bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda, 25. September 2000.

„Ökumenisch sensibel Abendmahl und Eucharistie feiern“, entnommen aus: „Damit sie alle eins seien. Materialheft Konfessionelle Gottesdienste am Samstagabend“, hg. vom 2. Ökumenischen Kirchentag München 2010 e.V., München 2010.

Das Ergebnis meiner Durchsicht ist, dass wir eigentlich nicht weitergekommen sind. Meine Frau und ich gehen bei Gottesdiensten in unserer lokalen evangelischen Gemeinde zum Abendmahl, weil die evangelische Kirche A.B. alle getauften Christen und damit auch uns als Mitglieder der römisch-katholischen Kirche zum Abendmahl einlädt. Aber darum geht es nicht.

Worum es geht, wird deutlich, wenn man einen Blick auf die beiden ökumenischen Kirchentage 2003 und 2010 wirft. Es wird anschaulich am Schicksal von Gotthold Hasenhüttl. Ich folge jetzt dem Artikel „Gotthold Hasenhüttl“ in der Wikipedia. Am Rande des ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin feierte Hasenhüttl in der evangelischen Gethsemanekirche einen so bezeichneten „Abendmahlsgottesdienst nach katholischem Ritus“, wobei er explizit auch Protestanten und Nicht-Katholiken zur Kommunion einlud. Etwa 2000 Personen waren bei dieser Liturgie anwesend. Hasenhüttl wurde in einem Kirchenrechtsprozess, der am 12. November 2004 endete, vom Priesteramt suspendiert. Am 2. Januar 2006 wurde ihm auch die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

Zeitgleich zum Ökumenischen Kirchentag 2010 in München feierte er dort trotzdem erneut ein ökumenisches Abendmahl. Der Gottesdienst fand zusammen mit dem protestantischen Pfarrer Eberhard Braun im völlig überfüllten Hörsaal 1180 der TU München statt, weil keine katholische oder evangelische Kirche in München bereit war, einen Raum zur Verfügung zu stellen. Die Abendmahlfeier fand nach der leicht geänderten sogenannten Lima-Liturgie statt, die in den Jahren 1982/1983 von der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen erarbeitet wurde.

Hasenhüttl trat am 28. September 2010 aus der römisch-katholischen Kirche aus. Es steht mir nicht zu, ihn zu beurteilen. Aber eine Frage darf ich stellen: Hat er selbst und haben alle, die ihn vom Priesteramt suspendiert und ihm die Lehrerlaubnis entzogen haben, sich an der unermesslichen Liebe orientiert, die Jesus Christus in die Welt gebracht hat?

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404. Calafati und Fortuna  -  8. November 2019

Wer von euch kennt den Wurschtelprater? Jeder Wiener und jede Wienerin kennt ihn, war selbst als Kind dort und später mit den eigenen Kindern bzw. Enkelkindern.

Im Wurschtelprater gibt es den Calafatiplatz. Dort stehen zwei neun Meter hohe Kunststeinfiguren, der Calafati (großer Chineser) und die Fortuna (Glücksgöttin). Es sind Nachbildungen von zwei Figuren, die ursprünglich Mittelpunkte von Ringelspielen waren. Diese beiden Figuren sind mir vor Kurzem wieder eingefallen.

Ich frage mich: Ist es die Fortuna, die uns Glück bringt? Und auf einmal verwandeln sich die beiden Figuren. Nicht mehr die Fortuna steht da, sondern an ihrer Stelle die Maria, wie sie in Fátima erschienen ist. Und nicht mehr der Calafati steht bei ihr, sondern Jesus Christus, wie er den Jüngern nach seiner Auferstehung am Osterabend erschienen ist. Er trägt die Wundmale an seinem Körper und sagt: „Ich bringe euch den Frieden. Handgreiflich ist er vor euch. Greift nicht immer daneben.“ Und auf dem Schild mit dem Namen des Platzes steht auf einmal nicht mehr „Calafatiplatz“, sondern „Auferstehungsplatz“. Und ein Werkelmann dreht an der Kurbel seines fahrbaren Werkels und spielt immerzu die Liedfassung von „Ehre sei dem Vater“ und den Refrain des Ave-Maria-Lieds von Lourdes.

Diese Bilder, die mir gekommen sind, sind ein Zeichen dafür, dass neues Leben möglich ist.

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403. Halloween  -  31. Oktober 2019

Halloween ist traditionell ein christliches Fest. „All Hallows‘ Eve“ heißt es vollständig: Vorabend zu Allerheiligen, dem Gedenktag der verstorbenen Heiligen. Die Idee, Allerheiligen am 1. November zu feiern, stammt aus Irland. Schon die alten Kelten feierten um diese Zeit das Erntefest „Samhain“, zu Deutsch: Sommerende. Vermutlich begingen sie es so, wie man immer und überall zum Ende der Erntezeit gefeiert hat, nämlich fröhlich und ausgelassen.

Halloween ist ein Fest, an dem Kinder und Jugendliche ausgelassen sein können. Sie gehen verkleidet von Haus zu Haus, rufen „Trick or Treat“ bzw. „Süßes oder Saures“ und wollen etwas bekommen – andernfalls wagen sie es vielleicht, einen Streich zu spielen. Im angelsächsischen Bereich hat das Trick-or-treating solche Ausmaße angenommen, dass vor Halloween 2006 in der englischen Grafschaft Dorset von der Polizei die nebenstehenden Poster verteilt wurden, die verletzliche oder ängstliche Leute an ihrer Tür anbringen konnten.

Meine Intention ist es, dass christliche Pfarrgemeinden die Kinder und Jugendlichen nicht einbremsen, sondern begeistern sollen: begeistern für den ursprünglichen Sinn des Festes. Sie sollen nicht „Trick or Treat“ bzw. „Süßes oder Saures“ rufen, sondern ähnlich wie die Sternsinger zu Erscheinung des Herrn oder wie die Ratschenkinder zu Ostern mit einem längeren Spruch ankommen. Ich habe mir folgenden Spruch ausgedacht:


Wir sind fein
und nicht gemein,
wir wollen lustige Geister sein.
Es ist uns zwar nicht ganz geheuer,
doch mutig holen wir auch heuer
für eure lieben Toten
die Kastanien aus dem Feuer.
Wir wollen Spaß,
gebt uns was,
wir stopfen das
in unsern Sack
und wir segnen diesen Platz.

Im Sinne dieses Spruchs würden die Kinder und Jugendlichen für die Toten beten und die Plätze segnen, die sie besuchen. Natürlich bedarf eine solche liebevolle Abwandlung von Halloween einer Einführung – bei den Kindern und Jugendlichen genauso wie bei den Familien, die gerne bereit sind, sie zu empfangen.

Kinder müssen gewarnt werden, dass sie nicht allein losziehen sollen und in kein Haus hineingehen sollen, dessen Bewohner sie nicht gut kennen. Die Familien müssen Handhaben bekommen, mit denen sie die Kinder und Jugendlichen einladen können. Beispiele hierzu:

  1. Entsprechend zu dem oben abgebildeten „NO ENTRY“-Poster muss es einen „WELCOME“-Poster geben.
  2. Halloween-Laternen oder Halloween-Zeichen können beim Eingang zum Haus oder zur Wohnung angebracht werden.
  3. Im angelsächsischen Raum ist es üblich, am Abend des 31. Oktobers beim Eingang Licht brennen zu lassen.


Übrigens kann man sich auch mit einem Halloween-Kürbis zu Jesus Christus bekennen, wie die nebenstehende Abbildung zeigt.


Anmerkung:

Den ersten Absatz des Kapitels über Halloween habe ich im Jahr 2009 aus dem evangelischen Magazin „chrismon“ (www.chrismon.de) übernommen. Er stammt von Burkhard Weitz.




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402. Umkehr und Reue  -  23. Juli 2019

Freitag, der 22. Juni 2018 war ein besonderer Tag in meinem Leben. Ich hatte vorher das Buch „Die Erscheinungen von Kibeho - Maria spricht zur Welt aus dem Herzen Afrikas“ von Immaculée Ilibagiza gelesen, und die Intensität dieses Buches, das auch den Völkermord in Ruanda thematisiert, hat bei mir zu Umkehr und Reue geführt. In diesen Tagen wurde mir klar, dass kein Weg an Versöhnungen vorbeiführt, und am 22. Juni ging ich zur Beichte. Es war meine erste Beichte seit zehn Jahren und sie hat mir einen Weg zu einem neuen Leben geöffnet.

Am 22. Juni und in den Wochen danach habe ich versucht, möglichst viele Versöhnungen herbeizuführen. Nur in einem Fall ist es nicht gelungen. Was mir bleibt, ist das intensive Gebet für diese Person.

Im Oktober 2017 hatten Gerhild und ich an einer Pilgerreise nach Fátima teilgenommen, und im Oktober 2018 an einer Autobuswallfahrt nach Lourdes. Auf diesen beiden Reisen habe ich bleibende Schätze gewonnen. Sowohl in Fátima als auch in Lourdes betonte die erscheinende Gottesmutter Maria die Wichtigkeit des Rosenkranzgebetes.

Nach der Rückkehr von Lourdes begann ich, fast täglich einen Rosenkranz zu beten, darunter auch den Barmherzigkeitsrosenkranz, den der erscheinende Jesus der Schwester Faustyna Kowalska beigebracht hat.

Durch dieses nun schon neun Monate dauernde Rosenkranzbeten habe ich verstehen gelernt, dass der Rosenkranz eine unschätzbare Gebets- und Bibelschule ist.

Nach jedem Rosenkranzgeheimnis lasse ich das Gebet folgen, das der Engel die Seherkinder von Fátima lehrte: „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“

Mit Himmel ist hier der Ort Gottes, der göttlichen Mächte und der Menschen, die Gott nahe sein dürfen, gemeint. Fegefeuer und Hölle sind für Menschen, die von Gott getrennt sind. Das Fegefeuer ist für diejenigen, die Liebe zu Gott empfinden und die sich danach sehnen, in die Nähe zu Gott zu kommen. Die Hölle ist für diejenigen, die Gott hassen.

Ist die Hölle ewig, also definitiv? Das Gleichnis vom Gericht des Menschensohns über die Völker im Matthäusevangelium endet mit folgendem Satz: „Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (MT 25,46, Einheitsübersetzung.)

Was wird hier eigentlich mit „ewig“ übersetzt? Im griechischen Urtext steht das Wort αίώνιος (äonisch, nach dem Wörterbuch www.wortbedeutung.info auf Äonen bezogen, auf sehr lange, nach menschlichem Ermessen unübersehbare Zeiträume bezogen).

Bei der ersten Erscheinung in Fátima, am 13. Mai 1917, fragte die Dame (die am 13. Oktober 1917 ihren Namen nannte: Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz) die Seherkinder: „Wollt ihr euch Gott anbieten, alle Leiden zu ertragen, die Er euch schicken will, als Zeichen der Wiedergutmachung für die Sünden, durch die Er beleidigt wird und als Bitte für die Bekehrung der Sünder?“ Lucia antwortete für alle drei: „Ja, wir wollen es.“

Ich hoffe nicht darauf, viele Leiden zu empfangen, aber zu meinen persönlichen Gebeten gehört seit Monaten täglich die folgende Bitte: „Du mein Gott, hilf mir, dass ich jegliches Leid als Buße, als Sühne aufopfere, für meine Sünden und die Sünden der ganzen Welt.“

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401. Christentum und Judentum  -  6. Juli 2019

Jesus war der Sohn frommer jüdischer Leute. Er wurde nach acht Tagen beschnitten und nach vierzig Tagen, als die Reinigung seiner Mutter mit einem Arme-Leute-Opfer vollzogen wurde, als Erstgeborener Gott im Tempel vorgestellt.

Als er begann, mit Jüngern und Jüngerinnen im Land herumzuziehen, wurde er zu einer ungeheuren Provokation, denn er verkündete das Reich Gottes in einer Art und Weise, die keinen Zweifel daran ließ, dass es in ihm selbst verkörpert war.

Seine Auseinandersetzung mit den führenden Schichten des Volkes gipfelte in dem prophetischen Satz des Hohen Priesters Kajaphas, den er in einer Versammlung des Hohen Rates sagte: „Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.“ (Joh 11,50.)

Sein schimpflicher Tod am Kreuz machte es für Juden unmöglich, ihn als den Messias anzuerkennen. Einen Propheten kann das Judentum integrieren, einen Messias und einziggeborenen Sohn Gottes nicht.

Die Kreuzigung war für Jesus ein inneres, aber kein äußeres Muss. Als er zum ersten Mal in Nazaret in der Synagoge lehrte, brachte er die Leute so in Wut, dass sie ihn von dem Berg, auf dem ihre Stadt erbaut war, hinabstürzen wollten. „Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.“ (Lk 4,29-30.)

Als die römischen Soldaten und die Tempelwache in den Garten Getsemani kamen, um ihn zu verhaften, sagten sie ihm, dass sie Jesus von Nazaret suchten. „Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden.“ (Joh 18,4-6.)

Diese beiden Beispiele zeigen seine unbegrenzte Vollmacht und Kraft.

Die ersten Missionare, die sich nach Jesu Tod für ihn einsetzten, waren Juden, wie Petrus, Paulus und der Herrenbruder Jakobus. Die erste Gemeinde, die im Namen Jesu taufte und sich zum Herrenmahl versammelte – und damit das Paschamahl neu deutete – war die Jerusalemer Urgemeinde. Sie war jüdisch, nahm aber auch Proselyten und dem Judentum nahe stehende Gottesfürchtige auf.

Die Mission unter den Völkern führte dazu, dass die sogenannten Heidenchristen nicht mehr verpflichtet wurden, die Beschneidung der männlichen Kinder vorzunehmen und sich an mosaische und rabbinische Gesetze zu halten. Ab dem vierten Jahrhundert n. Chr. verschwand das Judenchristentum, und antijüdische Einflüsse nahmen unter den Christen zu.

Das heutige messianische Judentum, das trotz des Glaubens an Jesus jüdische Bräuche weiterführt, hat seine Ursprünge im 19. Jahrhundert. Vom Judentum werden die messianischen Juden nicht als Juden akzeptiert: „Messianische Juden gelten im Staat Israel als Konvertiten, denen keine Einbürgerung unter Bezugnahme auf das Rückkehrgesetz erlaubt wird.“ (Aus: Martin Steiner, „Messianisches Judentum“, www.religion.ch/juedisch/messianisches-judentum.html#links.)

Das Dokument „Nostra Aetate“ des 2. Vatikanischen Konzils enthält in dem Abschnitt über die jüdische Religion zwei zentrale Anliegen: „die Verurteilung des Antisemitismus, verbunden mit einem Schuldeingeständnis der Kirche als Mitverursacherin; und die Notwendigkeit, dass die Kirche niemals die Wurzeln ihres Glaubens im Judentum vergessen darf.“ (Aus: „Das Zweite Vatikanische Konzil, www.katholisch.at/konzil.)

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