Profil von Werner Krotz

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Über die Auferstandenen
Verheerungen abwenden!
Ist die Taufe christlich?
Hängt Jesus noch immer am Kreuz?
Mein Herr und mein Gott?
Bösmensch, Hartei und Schwarzteetrinker
Aus dem innersten Herzen
Altar oder Abendmahlstisch?
Was ist die Wirklichkeit?
Das Kirchenfrauenkabarett
Was hat Jesus mit Gott zu tun?
Was ist für mich "die Kirche"?
Mit Blindheit geschlagen
Glasnost und Perestroika in der Kirche
Kategorien und Paradigmen
Die Bezogenheit auf den Kosmos
Heilige Schriften und anderes Heilige
Die Ökumene bin ich
Peanuts
Anders beten
Menschen anders sehen
Einander erkennen
Erleichterung und Schande
Wie ein Mantra
Parallelwelten
Das Leben als Experiment
Die kosmische Weihe
Des Sokrates und mein Daimonion
Gegen den Wind segeln
Der kleine Gott
Die zarte und sanfte Power
Du bist Staub - aber welcher?
Die Grenzen der Heiligen Schrift
Die amputierte Kommunion
Der Schlaf und der Tod
Meine neuen Bodhisattva-Gelübde
Ökumene und Schuld
Was bedeutet die Wiedergeburt?
Was bedeutet die Taufe?
Wort des lebendigen Gottes?
Die Folgen der Gier
Ist der Buddha gottlos?
Wie real ist die Realpräsenz?
Der Sohn und der Vater
Der Jesus, der in meinem Herzen lebendig wird
Ich bin kein Schaf
Gott und Urvertrauen
Ist die Offenbarung abgeschlossen?
Ein Acrylbild zu Lk 13,10-17
Wie Bibelinterpretation nicht sein soll
Liebe und Multidimensionalität
Hingabe als Grundprinzip des Lebens
Rangstreit und Herrenmahl
Wahre Hingabe ist grenzenlos
Jesus ist für alle Menschen aller Zeiten da
Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit
Gott und Transzendenz
Einheit als Geschenk Gottes
Ist Jesus auferstanden?
Wespen, Spinnen und Nacktschnecken
Was ist heilige Schrift?
Vergeltung und Subtileres
Ein Fleisch und ein Geist
Projektionen auf Gott
Schatten und Licht
Für Mathematiker
Bibelstellen unterscheiden
Die Kraft im Becken
Bibelstellen beweisen nichts
Verständnis und Kontext
Atem - Wind - Geist - Kraft
Wer oder was ist Gott?
Die Sonne am Horizont
Von Herz zu Herz und die Folgen
Warum ich biblische Texte bearbeite
Dazu bin ich da
Die beiden Aspekte der letzten Wirklichkeit
Sakrament und Magie
Abendmahl und Eucharistie
Sexualität ist heilig
Was heißt Unfehlbarkeit?
Was heißt Nachfolge?
Erfahrung vor und nach dem Tod
Die letzte Wirklichkeit
Zeit und Ewigkeit
Mysterium
Von Herz zu Herz
Biblische Texte bearbeiten
Leben ist Bewegung

Sensitivität
Alles für alle


Über die Auferstandenen  -  7. September 2010

Die Grunderfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu nach seinem Tod war, dass er auferstanden ist. Die Herrlichkeit des auferstandenen Jesus wird besonders in der Ostkirche betont. Beim Ostergottesdienst der orthodoxen Kirche spricht der Zelebrant am Ende dreimal: „Christus ist auferstanden.“ Alle antworten darauf: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Papst Pius XII. hat 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel verkündet. In der genauen Formulierung des Dogmas, auf die ich hier nicht eingehe, wird antike, bildhafte Mythologie auch in unserer Zeit noch wörtlich genommen. Das Dogma, das ich im Detail ablehne, enthält im Ganzen nach meinem Verständnis die Aussage, dass auch Maria auferstanden ist.

Nach meiner Auffassung ist der Mensch ein vielschichtiges Wesen mit dem Christusleib, der alle anderen Schichten durchdringt. Die Verstorbenen haben die Aufgabe, ihr gesamtes irdisches Dasein, d. h. ihren physischen Leib und ihre psychischen Schichten, in den Christusleib hinein zu bergen. Bei dieser Aufgabe sind sie nicht auf sich allein gestellt, sie können vielfache Hilfe in Anspruch nehmen, allem voran die unermessliche Hilfe von Jesus und Maria. Die Wesen, die als Menschen auf der Erde gelebt haben, nach ihrem Tod durch Höllen und Himmel gegangen ist und ihre Integrationsarbeit abgeschlossen haben, sind die Auferstandenen. Von unseren irdischen Lebensverhältnissen her gesehen ist es nicht möglich zu sagen, "wann" ein bestimmter Mensch auferstanden ist, denn auf dem Weg zur Auferstehung werden die Wesen nach und nach aus unseren Kategorien von Raum, Zeit und Ewigkeit herausgezogen.

Die auferstandenen Wesen wirken ohne Zwang in die Erde und den Kosmos hinein. Sie sind eins mit allen Auferstandenen, mit Jesus und Maria und den "großen" Auferstandenen anderer Kulturkreise. Sie sind vollkommen offen für neue Horizonte, die ihnen vom transzendenten Gott oder Urgrund her geschenkt werden.

In meinem Buch "Jesus ohne Dogmen" widme ich ein ganzes Kapitel der Frage "Haben wir alle die Sünde geerbt?" und beantworte sie mit Nein. Und ich widme ein ganzes Kapitel der Frage "Werden wir alle vor Gericht gestellt?" und beantworte sie ebenfalls mit Nein. Origenes hat an einigen Stellen seines Werkes eine eschatologische "Wiederherstellung aller" (griechisch: "apokatastasis panton") erwogen. Wer umfassend liebt, kann nicht anders, als sich für eine solche Allversöhnung hinzugeben. Für mich sind die Auferstandenen diejenigen, die ihr irdisches Leben in ihre neue Seinsform hinein vollendet haben. Dabei gibt es kein Scheitern. Der Gedanke, einen Teil der Menschheit "auf ewig" in Gottesferne und höllische Zustände zu verdammen, ist eine Ausgeburt menschlicher Machtansprüche und menschlicher Projektionsmechanismen.

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Verheerungen abwenden!  -  5. September 2010

In meinem Gedankensplitter "Mein Herr und mein Gott?" habe ich das Gebet von Bruder Klaus in der von mir geänderten Form behandelt. Der Schluss dieses Gebets lautet für mich seither so:

          Mein Gott und mein Alles,
          nimm mich mir
          und gib mich ganz zu eigen dir
          und deiner Menschheit und deinem Kosmos.

Seit ich so bete, gebe ich mich täglich bewusst immer wieder Gott zu eigen und in seinem Namen der ganzen Menschheit und dem ganzen Kosmos. Den Einwand, dass das hochgestochen und abstrakt sei, kann ich nicht gelten lassen. Denn das ist ein Übungsweg, der mit den täglichen Ereignissen und Herausforderungen gepflastert ist. Der Übungsweg bedeutet für mich, auf jeden Menschen, der mir begegnet oder der mir in den Sinn kommt, genau zu schauen. Sollte dabei bei mir Angst aufkommen, dann geht es darum, auch auf diese Angst genau zu schauen. Genaues, liebevolles Schauen verhindert Abwehrreaktionen. Wenn ich zugleich den anderen Menschen und mich selbst genau anschaue, kommt es zu einem Wechsel der Perspektive. Auf einmal wird klar, dass der andere Mensch seinen eigenen Lebensweg hat, seine eigenen Sehnsüchte, und dass er von seinem Lebensweg und seinen Sehnsüchten her gesehen werden muss und kann. Es ist ungeheuer entlastend - für beide -  das andere Wesen nicht von den eigenen Erwartungen her zu sehen, sondern von dem, was diesem Wesen angemessen ist.

Ebenso geht es um genaues, liebevolles Schauen auf Tiere und Pflanzen, auf Biotope, auf Symbiosen, und das alles unter Einbeziehung der Menschen. Am Rio Xingu in Brasilien soll Belo Monte, der drittgrösste Staudamm der Welt entstehen, mit fatalen Auswirkungen auf das Ökosystem im Amanzonasbecken und die indigene Bevölkerung. Präsident Lula da Silva unterzeichnete vor wenigen Tagen einen Konzessionsvertrag mit dem Betreiberkonsortium. Die gewonnene Energie soll für die Aluminiumproduktion verwendet werden. Hier macht blanker Egoismus statt genauem Schauen blind für liebevolle Alternativlösungen.

Die Erde steuert auf unabsehbare Verheerungen zu, wenn es nicht überall auf der Erde zu Bewegungen von Menschen kommt, bei denen die Worte Gottes, die der Prophet Ezechiel einst den Israeliten zugesprochen hat, Realität geworden sind: "Ich will euch ein neues Herz verleihen und euch einen neuen Geist eingeben: Das steinerne Herz will ich aus eurer Brust herausnehmen und euch dafür ein Herz von Fleisch verleihen." (Ez 36,26.)

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Ist die Taufe christlich?  -  20. August 2010

Ist die Taufe christlich? Um diese Frage beantworten zu können, schaue ich zunächst auf die Stellen im Zweiten Bundesbuch, die etwas von der Taufe mitteilen.

Dort, wo uns die Taufe zum ersten Mal begegnet, ist es die Taufe des Johannes. Über die Taufe des Johannes wird in allen vier Evangelien berichtet. Nach dem Markusevangelium, das das älteste der Evangelien ist, predigte Johannes eine Taufe der Sinnesänderung zur Vergebung der Sünden, und er taufte die Menschen durch Untertauchen im Jordan. Auch Jesus ließ sich von Johannes im Jordan taufen. "Und sofort, heraufsteigend aus dem Wasser, sah er sich spaltend die Himmel und den Geist wie eine Taube herabsteigend auf ihn; und eine Stimme kam aus den Himmeln: Du bist mein geliebter Sohn, an dir fand ich Gefallen." (Mk 1,9-10 in der wörtlichen Übersetzung des Münchener Neuen Testaments.)

Peter Sardy weist mit Bezug auf das Buch "Das Jesus-Evangelium" von Günther Schwarz und Jörn Schwarz darauf hin, dass im Aramäischen (der Muttersprache Jesu) die Ausdrücke "wie eine Taube" und "geradewegs" nur durch Vokalzeichen unterschieden sind, die man damals noch nicht geschrieben hat. Der Geist steigt "geradewegs auf ihn herab" ist glaubhafter als "wie eine Taube auf ihn herab". (Nach Peter Sardy, "Jesus oder Paulus - Der Weg einer Befreiung", S.40.)

Jesus hatte hier also eine tiefe Erfahrung der liebenden Verbundenheit mit dem Geist oder Atem Gottes. "Jesus wurde von diesem Atem völlig verwandelt. Aus dem einfachen Handwerker, der eben noch Rettung vor einem göttlichen Zorngericht gesucht hatte, wurde ein Prophet mit einem mächtigen Selbstbewusstsein. Es war wie die Geburt eines neuen Menschen." (Peter Sardy, S.41.)

Ob sich Johannes wirklich als Vorläufer eines Größeren gesehen hat oder nicht, braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Der Autor des Markusevangeliums lässt ihn jedenfalls sagen: "Es kommt der Stärkere als ich nach mir... Ich taufte euch mit Wasser, er aber wird taufen euch mit heiligem Geist." (Mk 1,7-8 in der wörtlichen Übersetzung des Münchener Neuen Testaments.)

Das Sprechen von der Taufe mit heiligem Geist ist jedenfalls ein Bildwort und nicht buchstäblich zu verstehen. Die Wassertaufe wird durchgeführt, indem man in das Wasser eingetaucht wird. Eine vergleichbare Geisttaufe gibt es nicht. Es ist nicht möglich, dass dich jemand nimmt und in den Geist eintaucht. Die Formulierung "Er aber wird taufen euch mit heiligem Geist" verstehe ich so, dass wir alle, wie Jesus, dazu geboren sind, die Fülle heiligen Geistes zu empfangen, sanft oder umwerfend, früher oder später, langsam oder schnell. Diejenigen unter uns, denen die Fülle erst nach dem Tod geschenkt wird, in ihrer Aufarbeitung des irdischen Lebens, erhalten doch schon hier auf der Erde ein Angeld, das sie übersehen oder würdigen können.

Jesus wurde also durch die Erfahrung bei der Taufe völlig umgewandelt. Die Echtheit dieser Erfahrung wurde durch die Prüfungen während der vierzig Tage in der Wüste bestätigt. "Seine ganze Botschaft war schon in der ersten einfachen Einsicht enthalten: Weil Gott da ist, sollt ihr ihm vertrauen; weil Gott alle liebt, sollt ihr, wie er, alle lieben. Alles Weitere war nur Ausfaltung dieses Kerns." (Peter Sardy, S.71-72.)

Als Jesus öffentlich zu lehren begann, war Johannes schon im Gefängnis. Jesus kam nach Galiläa, "verkündend das Evangelium Gottes und sagend: Erfüllt ist die Zeit, und nahegekommen ist das Königtum Gottes; kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,14-15 in der wörtlichen Übersetzung des Münchener Neuen Testaments.)

Auch hier geht es um eine Sinnesänderung, die darin besteht, dass die unermessliche Liebe und helfende Kraft Gottes ernst genommen und angenommen wird. "Gottesherrschaft besagt einen Zustand, in dem endlich auch die Menschen genau das tun, was zum Heil aller dient." (Peter Sardy, S.82.)

Auf die Frage der Pharisäer, wann das Königtum Gottes kommt, antwortete ihnen Jesus: "Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichem Gebaren (= unter augenfälligen Erscheinungen); man wird auch nicht sagen können: 'Siehe, hier ist es!' oder 'Dort ist es!' Denn wisset wohl: Das Reich Gottes ist (bereits) mitten unter euch." (Lk 17,20-21.)

Jesus deutete hier an, dass er selbst und zum Teil auch die Seinen, die ihn begleiteten, das Reich Gottes schon in sich trugen, und dass es auch in der Reichweite der Fragenden war. Und Jesus sagte zu misstrauischen Leuten: "Wenn ich aber die bösen Geister durch Gottes Finger austreibe, dann ist ja das Reich Gottes (schon) zu euch gekommen." (Lk 11,20.)

Als die Jünger Leute mit Kindern fortschicken wollten, wurde Jesus unwillig und sagte ihnen: "Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn für ihresgleichen ist das Reich Gottes bestimmt. Wahrlich ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird sicherlich nicht hineinkommen!" (Mk 10,14-15.)

Peter Sardy hört hier keine Drohung, dass Menschen vom Reich Gottes ausgeschlossen werden sollen. Er hört etwas ganz anderes: Durch seine tiefe Gotteserfahrung und Heilserwartung war Jesus selbst seit seiner Taufe das Kind, das sich beschenken ließ. "Er sah die Gottesherrschaft als angekommen und sich selbst schon in dieser Gottesherrschaft. Nun rief er mit diesem Satz die anderen, wie er auch, hereinzukommen." (Peter Sardy, S.88.)

Nun aber zurück zur Frage der Taufe. Als Jesus mit seinen Jüngern in Judäa unterwegs war, taufte er nicht selbst, doch er erlaubte den Jüngern, die von Johannes zu ihm gekommen waren, die Taufe des Johannes fortzusetzen. (Joh 3,22; Joh 4,1-2.)

In Mk 10,38 und Lk 12,50 steht das Wort Taufe in einer völlig anderen Bedeutung. Von den Evangelisten wird in diesen Versen Jesus als der alles Vorauswissende dargestellt, der bewusst auf seinen Tod am Kreuz zugeht und ihn als eine Taufe (Bluttaufe) bezeichnet. Dass Jesus diese Worte selbst gesprochen hat, halte ich für ausgeschlossen. Das ist Glaubensgut der jungen Christenheit.

Bis zu diesem Punkt konnte ich im Zweiten Bundesbuch kein Anzeichen entdecken, dass Jesus selbst getauft oder eine Taufe gelehrt hätte. Was nun noch zu untersuchen ist, ist der erst im 2. Jahrhundert hinzugefügte Schluss des Markusevangeliums und der Schluss des Matthäusevangeliums. In der späten Ergänzung des Markusevangeliums erscheint der auferstandene Jesus den Jüngern und sagt: "Geht hin in alle Welt und verkündigt die Heilsbotschaft der ganzen Schöpfung! Wer da gläubig geworden ist und sich hat taufen lassen, wird gerettet werden; wer aber ungläubig geblieben ist, wird verurteilt werden." (Mk 16,15-16.)

Es ist ein schöner und wahrer Satz, dass das Heil der ganzen Schöpfung vom Menschen abhängt. Das wird im 21. Jahrhundert klar, in dem der Mensch die Fähigkeit erreicht hat, die Erde zugrunde zu richten. Ob der im Evangelium ähnlich und doch anders formulierte Satz so gemeint war, sei dahingestellt. Der zweite Satz drückt für mich vor allem die Selbstgerechtigkeit der "Gläubigen" und ihre Unbarmherzigkeit gegenüber den "Ungläubigen" aus. Der Satz hat dazu geführt, dass man glaubte, außerhalb der gläubigen Gemeinschaft gebe es kein Heil, und dass man sich zu Verfolgungen und sogar Vernichtungen anderer Menschen autorisiert fühlte. Mit Jesus hat der Satz nichts zu tun.

Auch der Schluss des Matthäusevangeliums berichtet von einer Erscheinung des auferstandenen Jesus. Er sagt zu ihnen: "Darum gehet hin und macht alle Völker zu (meinen) Jüngern (oder: zu Schülern): Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten (= aufgetragen) habe." (Mt 28,19-20.)

Nach dem evangelischen Theologen und früheren Pfarrer Dieter Potzel ist die Erwähnung der Taufe auf Vater, Sohn und heiligen Geist "eine spätere Hinzufügung, wohl aus dem 2. Jahrhundert. Denn sie fehlt z. B. in früheren biblischen Handschriften, z. B. in Handschriften des Kirchenvaters Euseb vor 325 bzw. in Zitierungen bei den Kirchenvätern Justin und Aphraates." (Zeitschrift "Der Theologe", Ausgabe Nr. 40.)

Für mich liegt es auf der Hand, dass diese Hinzufügung nicht authentische Jesusworte, sondern die Taufpraxis der frühen Christenheit wiedergibt.

Mein Resultat beim Durchsehen der Evangelien ist also, dass Jesus weder getauft noch eine Taufpraxis gelehrt hat. Nichtsdestotrotz haben die Christen von Beginn weg getauft - zunächst fast ausschließlich Erwachsene, mit Ausnahme der Fälle, wo ganze Familien getauft wurden.

Jesu Mutter Maria und die Seinen, die nach seinem Tod in Jerusalem beisammen waren, wurden nie getauft, doch sie hatten - vielleicht im Kollektiv, wie es am Beginn des 2. Kapitels der Apostelgeschichte geschildert wird - eine Erfahrung, von heiligem Geist erfüllt zu werden. Infolge dieser Geisterfahrung sprach Petrus öffentlich zu den Menschen - die in der Apostelgeschichte überlieferte Fassung seiner Rede enthält pauschale Vorwürfe gegen alle Juden, die wohl erst der Verfasser der Apostelgeschichte Jahrzehnte später eingefügt hat. Den Leuten, denen seine Rede zu Herzen ging, antwortete Petrus: "Tut Buße und lasst euch ein jeder auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden taufen, dann werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes empfangen." (Apg 2,38.)

Es ist durchaus glaubhaft, dass zunächst nur auf den Namen Jesu getauft wurde. Die Verquickung der Taufe mit der Gabe von heiligem Geist ist nach meiner Meinung problematisch. Eine magische Automatik ist nicht zu erwarten.

In der Apostelgeschichte wird auch berichtet, wie Paulus in Ephesus zu einigen Johannesjüngern sprach, die er auf Jesus hinwies. "Als sie das hörten, ließen sie sich auf den Namen des Herrn Jesus taufen; und als Paulus ihnen dann die Hände auflegte, kam der heilige Geist auf sie, und sie redeten mit Zungen und sprachen prophetisch." (Apg 19,5-6.)

Wie auch an anderen Stellen der Apostelgeschichte werden hier Glossolalie (ekstatisches, unverständliches Sprechen, das einer Deutung bedarf) und sogenanntes prophetisches Reden als Zeichen dafür angeführt, dass die Taufe eine echte Umwandlung des Menschen bewirkt hat. Bis auf den heutigen Tag sind solche Zeichen jedoch mit großer Vorsicht zu behandeln. Neben echter religiöser Ergriffenheit können hier auch ganz andere Phänomene vorliegen. Auch sind spektakuläre Erlebnisse noch keine Garantie für eine echte Umwandlung. Eine solche wird vielmehr auf vielen Schritten des Lebensweges geschenkt und erarbeitet.

Getauft wurde mit Wasser. Als Beispiel dafür führe ich die Taufe des äthiopischen Hofbeamten durch Philippus an. "Als sie nun so auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Gewässer; da sagte der Hofbeamte: 'Hier ist ja Wasser! Was steht meiner Taufe noch im Wege?' Er ließ also den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus sowohl wie der Hofbeamte, und er taufte ihn." (Apg 8,36.38.)

Warum man die Taufe eingeführt hat, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Das Untertauchen bedeutete sinnbildlich ein Sterben. Paulus erklärt das im Römerbrief so: "Wir sind also deshalb durch die Taufe in den Tod mit ihm begraben worden, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, ebenso auch wir in einem neuen Leben wandeln." (Röm 6,4.)

Zu einem solchen neuen Leben sind alle Menschen unterwegs, ob sie nun getauft sind oder nicht.

Von diesem Pauluszitat bis zu den Formulierungen über die Taufe im heutigen Katechismus der römisch-katholischen Kirche ist ein weiter Weg, der leider in den Jahrhunderten der Kirchengeschichte scheinbar unverrückbar eingerichtet wurde. Hier einige Beispiele dafür:

"403 Im Anschluß an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, dass dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei der Geburt betroffen sind und die der Tod der Seele ist."

"405 Obwohl einem jeden eigen, hat die Erbsünde bei keinem Nachkommen Adams den Charakter einer persönlichen Schuld. Der Mensch ermangelt der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, aber die menschliche Natur ist nicht durch und durch verdorben, wohl aber in ihren natürlichen Kräften verletzt. Sie ist der Verstandesschwäche, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt; diese Neigung zum Bösen wird Konkupiszenz genannt. Indem die Taufe das Gnadenleben Christi spendet, tilgt sie die Erbsünde und richtet den Menschen wieder auf Gott aus, aber die Folgen für die Natur, die geschwächt und zum Bösen geneigt ist, verbleiben im Menschen."

Indem man von fundamentalistischen Gedanken her ein Zerrbild des Menschen entworfen und eine sogenannte Erbsünde erfunden hat (ausgehend bei Augustinus von Hippo), hat man die Notwendigkeit der Taufe zementiert. Die Taufe ist bis heute das einzige Eintrittsportal in eine christliche Gemeinschaft. (Mit ganz wenigen Ausnahmen. Z. B. begehen die Quäker weder Taufe noch Abendmahl.) Jesus hat sich bis zu seinem Martertod für die Befreiung der Menschen eingesetzt, nicht für die Erfindung immer neuer Kirchengesetze. Aus seinem Leben und Sterben ist die Einführung der Taufe nicht begründbar.

Feedback von Peter Sardy:

Sie erwarten ein Feedback zu "Ist die Taufe christlich?“, in dem auch mehrere Zitate von mir stehen. Ich bin mit allem einverstanden. Was mir allerdings auffiel: Es ist mehr ein (guter) Traktat als ein "Splitter“ - es fällt einem ans Internet gewöhnten Leser nicht leicht, bis zum Ende dabei zu bleiben. Ein "Splitter“ ist nicht schwer zu überblicken, die Pointe darin ist nicht lange zu suchen. In diesem Sinn finde ich die Pointe hier nicht formuliert. Es könnte vielleicht sein: "Leute, denkt nach, was 'christlich' bedeutet, nämlich geschichtlich Entstandenes, somit nicht Endgültiges!“ Dieser Aspekt ist ja in manchen Ihrer Beiträge (mehr oder weniger offen) angesprochen und könnte sogar die ganze Sammlung der Gedankensplitter kennzeichnen.

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Hängt Jesus noch immer am Kreuz?  -  20. August 2010

Es gibt kaum eine römisch-katholische Kirche, wo man nicht eine Nachbildung des sterbenden oder toten Jesus am Kreuz findet. Unwillkürlich meine ich, dass damit den Menschen diese enge Theologie eingehämmert werden soll, dass sie alle Sünder sind, von der Erbsünde nur durch ihn befreit, dadurch, dass er abgeschlachtet wurde als Sühnopfer für unsere Sünden.

Diese Darstellung widerspricht den Tatsachen. Denn Jesus hängt nicht mehr als Leichnam am Kreuz. Er lebt. Er ist auferstanden, was besagt, dass er sein irdisches Leben ganz vollendet hat. Er hat es voll integriert in das Leben, das er jetzt hat. Das Leben des irdischen Jesus und das Leben des auferstandenen Jesus sind nicht durch den Tod getrennt. Der Tod bedeutet keine Trennung. Es gibt nur das eine Leben, das mit dem Tod nicht endet. Jesus hat dieses Leben schon auf der Erde in einer Art und Weise erfüllt, wie es uns anderen Menschen nur gegeben ist, weil er lebt. Er hat schon auf der Erde die buchstäblich grenzenlose Hingabe gelebt, bis in seinen Foltertod hinein, dem er nicht ausgewichen ist. Er hat schon auf der Erde das, was er gespürt hat, mit allen Konsequenzen gelebt und dabei die Grundfesten des Fundamentalismus ein für alle Mal zum Einsturz gebracht.

Wir haben die hohe Verantwortung, in seiner Nachfolge das Aufblühen der Erde in all ihren Lebensformen und den Frieden unter den Menschen zu verwirklichen. Wenn ich sage "in seiner Nachfolge", so meine ich nicht, dass jeder Mensch dem nachfolgen soll, was in christlichen Kirchen gelehrt wird. Die christlichen Kirchen haben mit ihren Lehren das, was Jesus in die Welt gebracht hat, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Ich meine auch nicht, dass sich jeder Mensch dafür interessieren muss, was von Jesus überliefert ist. Ich meine vielmehr, dass es jedem Menschen möglich ist, den Faden aufzunehmen und weiterzuspinnen, den Jesus in die Welt hinein geschenkt hat und schenkt. Um den zu spüren und das Entsprechende zu tun, muss man Jesus nicht kennen.

Noch zwei Bemerkungen: In evangelisch-lutherischen Kirchen ist es Tradition, Kreuze ohne Korpus darauf zu haben. Damit soll deutlich gemacht werden, dass Jesus auferstanden ist und lebt. In evangelisch-reformierten Kirchen gibt es - mit Ausnahmen - gar kein Kreuz. Eine Ausnahme ist z. B. das Auferstehungskreuz von Josef Ammann in der evangelisch-reformierten Kirche von Sargans · Mels · Vilters - Wangs in der Schweiz.

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Mein Herr und mein Gott?  -  20. August 2010

Wie ich schon in mehreren Gedankensplittern erzählt habe, rede ich Gott gerne mit dem Ausruf des Thomas aus dem Johannesevangelium an: Mein Herr und mein Gott. (Joh 20,28.)

Über Gott kann ich dreierlei sagen. Gott ist vor allem transzendent. Diese Transzendenz bedeutet, dass die meisten Aussagen über Gott nicht getroffen werden können. Man kann nicht sagen: Gott ist männlich, Gott ist weiblich, Gott ist allmächtig, Gott ist gütig, Gott ist gerecht, usw. Aber die Transzendenz bedeutet keine hermetische Abgeschlossenheit von jeder Aussagemöglichkeit. Ein kleiner Tropfen Information sickert doch durch. Und dieser Tropfen sagt mir, wie es auch im 1. Johannesbrief steht: Gott ist Liebe. (1 Joh 4,8.)

Der Satz kommt im 1. Johannesbrief zusammen mit einer engen Theologie, die besagt, dass Gott seinen einzigen Sohn als Sühnopfer für unsere Sünden hat hinschlachten lassen, dass es einen Tag des Gerichts gibt, dass es eine Sünde gibt, die zum Tod, d. h. zu ewiger Getrenntheit von Gott führt. Eine solche sadomasochistische Theologie darf heutzutage nicht mehr angenommen werden. In meiner Bearbeitung des 1. Johannesbriefs sind diese Tendenzen eliminiert.

Gott stellt keine Bedingungen wie ein kleinlicher Erzieher, der sagt: Wenn du das tust, wirst du geliebt, wenn du aber jenes tust, wirst du nicht geliebt. Die Liebe Gottes ist bedingungslos. Daher können wir uns Gott vollständig und bedingungslos anvertrauen.

Wenn wir uns Gott anvertrauen, ist er für uns nicht mehr nur ein abstraktes Prinzip, von dem man nichts aussagen kann. Er ist dann nicht zu einer Person geworden und schon gar nicht zu einem Mann, aber er ist nun ansprechbar. Traditionelle Anreden für Gott sind die Worte Gott, Vater und Herr. Dabei ist das Wort Gott wie ein Platzhalter für etwas, das man nicht aussprechen kann. Das Wort Vater kann über Gott nicht ausgesagt werden, aber es drückt das Vertrauen aus. Das Wort Herr kann über Gott ebenfalls nicht ausgesagt werden, aber es drückt die Ehrfurcht aus.

Ich möchte Gott nicht mehr so einengen, dass ich im Gebet sage, er ist nur Herr, was seine Herrschermacht und seine Männlichkeit ausdrückt. Den Schluss des Gebets von Bruder Klaus spreche ich daher jetzt so:

Mein Gott und mein Alles, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir und deiner Menschheit und deinem Kosmos.

Mein Alles - das sagt man auch von Menschen, die man liebt, nicht nur von Gott. So ist eben die Liebe. Sie verschenkt sich immer ganz und wird nicht weniger.

Das Gebet von Bruder Klaus spreche ich jetzt so:

Mein Gott und mein Alles,
nimm heute von mir,
was mich hindert zu dir.

Mein Gott und mein Alles,
gib heute mir,
was mich fördert zu dir.

Mein Gott und mein Alles,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir
und deiner Menschheit und deinem Kosmos.

Über Gott kann ich dreierlei sagen. Gott ist transzendent. Gott zeigt sich als ansprechbarer Gott. Und Gott zeigt sich auch als Gott im Kosmos. Dass Gott in allen Wesen des Kosmos lebt, in jedem Berg, in jedem Fluss, in jedem Baum, in jedem Büffel, in jedem Menschen, das haben die Indianer erkannt, doch sie wurden fast ausgerottet und ihre Religion wurde als primitiv zurückgedrängt.

Gott lebt in mir. Die Christen nennen das den heiligen Geist. Jedoch: Gott lebt in mir nicht als dritte Person der Trinität, denn das sind menschliche Erfindungen. Gott lebt in mir als eine Kraft, als etwas, das sich in vielen Ereignissen meines Lebens schenkt, als etwas, das mich leitet. Ich habe es auch mein Daimonion genannt, wie auch Sokrates von seinem Daimonion gesprochen hat. (Näheres siehe meinen Gedankensplitter "Des Sokrates und mein Daimonion".)

Gott lebt in mir nicht einfach nur als eine Kraft. Gott lebt in mir als Gott selbst, als das, was mich über mich selbst hinausführt. Ich werde dadurch etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Ich werde es, wie Jesus es geworden ist, wie er es ist.

Feedback von Peter Sardy:

Eine Perle auf dem mühsamen Weg der Suche nach einem "gültigen“ (für uns "zeitgemäßen“) Gottesbild sehe ich in Ihrem Beitrag "Mein Herr und mein Gott?“ - Wie Sie die Transzendenz Gottes – für "normales christliches Denken“ unerwartet – in neues Licht stellen (er "ist nicht Vater“), das ist wert, in weiten Kreisen bekannt zu werden. Und im gleichen Beitrag ist dann noch Raum, in dem neuen Licht auch die Immanenz Gottes daneben zu stellen ("Gott lebt in mir nicht einfach nur als eine Kraft. Gott lebt in mir als Gott selbst, als das, was mich über mich selbst hinausführt.“). Das finde ich sehr gut gesehen und wunderbar formuliert. Als notwendige "Lebenshilfe“ für uns wäre ein nur als transzendent oder nur als immanent gesehener Gott gleicherweise zu "schwach“. Wir müssen beide Eigenschaften zusammen denken, um unserem Begriff eines "unsagbar Transzendenten“ Lebenskraft zu verleihen...

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Bösmensch, Hartei und Schwarzteetrinker  -  23. Juli 2010

Zur Diffamierung werden die Worte "Gutmensch", "Weichei" und "Grünteetrinker" verwendet, manchmal sogar in Kombination. Auch die Worte "Bösmensch" und "Hartei" werden als Schimpfworte benützt, das Wort "Schwarzteetrinker" eher nicht. Jedenfalls gibt es weder den "Gutmensch" noch den "Bösmensch" - es gibt nur "Das Tier Mensch" (Titel eines Buches von Desmond Morris). Der Mensch ist das einzige Tier, das sich aus der Ordnung der Natur herausgehoben fühlen kann, das sagen kann: "Ich bin kein Tier".

In einem dreitausend Jahre alten Mythos steht der Satz: "Da schuf Gott den Menschen nach seinem Bild". Ich bin der Meinung, dass man diesen Satz vom Menschen her sehen muss. Er sagt aus, dass sich Gott uns Menschen nach dem Bild des Menschen zeigen kann, zum Beispiel als Vater.

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Aus dem innersten Herzen  -  10. Juli 2010

In meinem Gedankensplitter "Mit Blindheit geschlagen" habe ich von einem evangelischen Gottesdienst mit Abendmahl berichtet, der von einer evangelischen Lektorin geleitet wurde. In ihrer Antwort zu dem Gedankensplitter schrieb sie: "Das Lektorenamt erfüllt mich aus dem innersten Herzen."

Diese Formulierung fällt mir immer wieder ein, und so gehe ich der Frage nach: Was ist denn das eigentlich, das innerste Herz?

Ich beginne mit der Frage: Wie wird das Herz in der Bibel gesehen? "Das Herz wird in der Schrift oft als Sitz der Zuneigungen und Leidenschaften gesehen. Aber auch in Verbindung mit Weisheit und Verstand lesen wir von einem 'weisen Herzen'. Der Herr gab z. B. Salomo ein 'weises und einsichtsvolles Herz' (1. Kön 3,12). Es ist das Zentrum des Wesens des Menschen." (Aus: Bibel-Lexikon von www.bibelkommentare.de.)

Das Herz ist das Zentrum des Wesens des Menschen. Und das innerste Herz? Das innerste Herz ist das Herz in vollständiger Hingabe.

Ich liebe das Wort "Herz" sehr. Und in meiner Zusammenschau der synoptischen Evangelien (Mt, Mk, Lk) kommt es sogar noch häufiger vor als im Originaltext. Meine Zusammenschau wird unter dem Namen "Botschaft ohne Grenzen" bis Jahresende in Buchform erhältlich sein. Ich bringe jetzt einige Beispiele mit dem Wort "Herz" aus diesem Buch.

"Glücklich werden die, die nicht täuschen und verleumden, sondern sich ein reines Herz bewahren, denn Gott wohnt in ihnen." (Nach Mt 5,8.)

"Meine Jüngerinnen und Jünger, die von Herz zu Herz mit mir verbunden sind, sind das Salz der Erde, wie auch ich das Salz der Erde bin." (Nach Mt 5,13.)

"Meine Jüngerinnen und Jünger, die von Herz zu Herz mit mir verbunden sind, sind das Licht der Welt, wie auch ich das Licht der Welt bin." (Nach Mt 5,14.)

"Hänge dein Herz nicht an Gegenstände, die zugrunde gehen, sondern verschenke dein Herz und freue dich, wenn etwas zurückkommt." (Nach Mt 6,21; Lk 12,34.)

"Seid sanftmütig und von Herzen demütig wie ich. Auf diese Weise werdet ihr die Welt verändern." (Nach Mt 11,29.)

"Der Herr, unser Gott, ist  der einzige Gott. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Kraft und mit all deinen Gedanken und Gefühlen. Und ebenso sollst du deinen Mitmenschen lieben, denn er ist kostbar wie du selbst." (Mt 22,37-39; Mk 12,29-31; Lk 10,27.)

Feedback von Irene Wallner-Hofhansl:

Habe gerade deinen Gedankensplitter zum innersten Herzen gelesen und stimme mit dir überein. Das innerste Herz kann auch, so meine ich, mit dem innerlichsten Teil meines Selbst  verstanden werden, das was tief in mir (von Gott) angelegt worden ist.

Vergleichbar mit einer tiefen Liebe, aber doch anders....

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Altar oder Abendmahlstisch?  -  10. Juli 2010

Der Altar ist ursprünglich eine Stätte, um Opfer darzubringen. Nach katholischem Verständnis ist er der Ort, um das Opfer, das Jesus am Kreuz ein für allemal dargebracht hat, nicht zu wiederholen, sondern zu vergegenwärtigen.

Die evangelische und die reformierte Kirche gehen ebenfalls von dem einzigen Opfer Jesu aus. Nach evangelischem Verständnis ist der Altar der Tisch, zu dem man gerufen wird, um das Abendmahl zu empfangen. In reformierten Kirchen gibt es keinen Altar, jedoch einen Abendmahlstisch.

Nach Peter Sardy müssen wir immer allen Menschen vergeben, ohne etwas zu verlangen, denn das ist die Weise, wie Gott uns vergibt. "Das ist die klare 'Erlösungslehre' Jesu."

"Erst seit Paulus gehört es zu den Grundlagen christlicher Theologie, dass Gott für die Vergebung der vielen Sünden als Gegenleistung ein blutiges Sühnopfer forderte, und um den unendlichen Kaufpreis aufzubringen, sei er selbst Mensch geworden und habe sich kreuzigen lassen, damit er dann die Schuld korrekterweise nachlassen könne... Diese unmögliche Behauptung... Mit dem Gottesbild Jesu ist sie schlicht unvereinbar!" (Aus: "Jesus oder Paulus - Der Weg einer Befreiung" von Peter Sardy, S.107.)

Das entspricht meiner Meinung. Der Abendmahlstisch ist für mich ein einfacher Tisch, um den wir uns zur lebendigen Nachfolge Jesu versammeln, nicht zum Gedächtnis eines Opfers.

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Was ist die Wirklichkeit?  -  25. Juni 2010

Es gibt Perspektiven der Wirklichkeit und Modelle der Wirklichkeit, die auf solchen Perspektiven aufbauen.

Eine Wirklichkeit an sich gibt es nicht. Es gibt nur das Integral über die Perspektiven der Wirklichkeit. Diese Aussage entspricht selbst wieder einem Modell.

Es gibt keinen Gott an sich, der in sich selbst Trinität wäre.

Meine Aussage "Das gibt es nicht" bedeutet, dass man darüber nichts sagen kann. Meiner Meinung nach kann man nicht deswegen darüber nichts sagen, weil man darüber nichts wissen kann, sondern deswegen, weil es sich hier um eine Denkweise der Metaphysik handelt. Ich komme immer mehr dazu, Denkweisen der Metaphysik in meinem Denken und Sprechen auszuschließen.

Der Begriff „Metaphysik“ bezieht sich auf ein Werk des Aristoteles, das aus 14 Büchern allgemeinphilosophischen Inhalts bestand. Aristoteles selbst verwendete den Begriff nicht. Andronikos von Rhodos (1. Jahrhundert v. Chr.) ordnete in der ersten Aristotelesausgabe diese Bücher hinter dessen 8 Bücher zur „Physik“ ein (tà metà tà physiká). Dadurch entstand der Begriff der „Metaphysik“, der also eigentlich bedeutet: „das, was hinter der Physik im Regal steht“, aber gleichzeitig bedeutet: „das, was nach der Physik kommt“. (Nach Wikipedia.)

Wenn ich von Metaphysik spreche, habe ich insbesondere Platon und Aristoteles im Auge sowie die daran anschließende hellenistische Philosophie mit dem Neuplatonismus, da Gedankengut der hellenistischen Philosophie auch das Zweite Bundesbuch und die frühen christlichen Konzilien beeinflusst hat und die Theologie daher bis heute beeinflusst.

Auch für mich ist der Begriff Logos unaufgebbar, der in der griechischen Philosophie, im hellenistischen Judentum und im Christentum (Prolog des Johannesevangeliums!) verwendet wird.

Für mich ist es wichtig, die Frage der Wirklichkeit vom menschlichen Erleben her zu sehen. Jeder Mensch ist mit allem verbunden. In jedem Erlebnis öffnet sich eine Perspektive der Gesamtwirklichkeit, und die können wir wahrnehmen, wenn wir schauen, hören und es zulassen. Bei Beobachtungen jedweder Art ist es wichtig, dass nicht der eigene Lebensfilm abläuft, und besonders, dass nicht Angst oder Frust aufkommen, da sonst die Wahrnehmung sofort verzerrt wird. Wenn Angst oder Frust aufkommen, müssen parallel zur weiterlaufenden Beobachtung sofort Angst oder Frust zum Thema der Beobachtung gemacht werden.

Das sagt sich leichter als es ist.

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Das Kirchenfrauenkabarett  -  22. Juni 2010

Während der Kirchenvolks-Konferenz im Bildungshaus Batschuns haben wir am 19. Juni 2010 eine Aufführung des Vorarlberger Kirchenfrauenkabaretts (http://www.kirchenfrauen-kabarett.at) erlebt. Sie wurde von mir und allen Anwesenden begeistert aufgenommen. Ihre Motivation beschreiben die Frauen so:

"Wir beobachten das Geschehen, sammeln öffentliche Aussagen und Taten hoher Kirchenmänner und deren Gefolgsleute in Zeitschriften, Tageszeitungen, Radio, Fernsehen, Internet. Jedes Zitat, das wir verwenden, ist genau recherchiert und belegt. Wir greifen dabei in erster Linie Aussagen auf, die bei uns und vielen anderen Wut und Frust auslösen und verarbeiten alles humorvoll und kritisch zu Kabarett - als 'Frustschutzprogramm'."

"Man fragt uns des Öfteren, warum wir uns in dieser Kirche überhaupt noch engagieren. Wir wissen, dass wir nur etwas verändern können, wenn wir bleiben, und wir haben mit dem Kabarett eine Form gefunden, Konflikte zu verarbeiten und unseren Protest vorzubringen. Ein österreichischer Prälat hat gesagt: 'Konstruktive Kritik und gezielte Rebellion gegenüber der Kirche sind ein kräftigeres Zeichen von Liebe als resigniertes Schweigen und Lauheit.' Dieses Zitat bringt auf den Punkt, was uns motiviert."

"Für die Gestaltung der Programme verwenden wir unterschiedliche literarische und musikalische Formen. Im Laufe unserer 'Kabarettarbeit' wurde es uns auch immer wichtiger, in jedem Programm ernste Nummern zu gestalten, wie z.B. die Nichteinhaltung der Menschenrechte innerhalb der Kirche."

Auch in politischen Diktaturen hat das Kabarett stets gelebt. Zwischenzeit, die Initiative für soziale, interkulturelle und ökologische Forschung, Analyse und Bildung in Münster (http://www.zwischenzeit-muenster.de), präsentiert derzeit einen Kabarett-Abend der Spielvereinigung Penetrant & Selten Komisch mit Texten, Szenen und Chansons aus der Zeit des Dritten Reichs. Dazu gibt es folgende Information:

"Es gab sie auch während des Dritten Reichs: Versuche, kunstvoll und künstlerisch gegen das Grauen des Nationalsozialismus anzulachen. Kabarett, Satire und despektierlicher Spott überlebten selbst jene zwölf Jahre des 'tausendjährigen Reiches', über denen der Nachwelt das Lachen verging."

"Flüsterwitze huschten von Mund zu Ohr und konnten während des Zweiten Weltkriegs - als 'Wehrkraftzersetzung' - Konzentrationslager oder Tod bedeuten."

"Sogar in den Konzentrationslagern wurde Kabarett gespielt."

Es geht nicht darum, den Papst und Hitler zu vergleichen. Es geht darum, das Unrecht zu demaskieren - wo auch immer es geschieht.

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Was hat Jesus mit Gott zu tun?  -  22. Juni 2010

In dem Gedankensplitter "Die Bezogenheit auf den Kosmos" habe ich die Schlussworte des Gebets von Bruder Klaus erweitert, sodass sie lauteten:

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir und deiner Schöpfung.

Von 18. bis 20. Juni 2010 nahm ich an einer Kirchenvolks-Konferenz im Bildungshaus Batschuns teil. Die Veranstaltung war von "Wir sind Kirche" - Österreich organisiert. Ich gehöre zum Team der Veranstalter. Das Thema war: "Für eine Kirche mit Zukunft - Eckpunkte für eine menschenrechtskonforme Kirchenverfassung". Mitten während dieser Tage gab es wieder eine Erweiterung des Gebets von Bruder Klaus, denn es betete in mir:

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir und deiner Kirche und deiner Schöpfung.

Seither bete ich es immer so, wann auch immer mir das Gebet einfällt, bei Tag und in der Nacht. Als das Gebet in dieser erweiterten Form in mir entstand, fragte ich mich: Wer ist das eigentlich, den ich da mit "Mein Herr und mein Gott" anrede? Und was hat Jesus mit ihm zu tun?

Da entstand in mir die Antwort: Jesus wohnt im innersten Herzen Gottes.

Und ich fragte mich: Wessen Kirche ist das also?

Die Antwort ist mit dem Bisherigen schon gegeben. Es ist die Kirche aller, die zu Jesus bewusst Ja sagen, die ihm nachfolgen oder ihn nachahmen.

"Mein Herr und mein Gott", das sind die Worte, mit denen Thomas den auferstandenen Jesus anredet, wie er den Jüngerinnen und Jüngern erscheint. (Siehe Joh 20,28.) Und doch rede ich in meinen Psalmenbearbeitungen, die in meinem Buch "Du bist da" veröffentlicht sind, Gott gerne so an. Das tue ich, obwohl doch diese Psalmen in eine Zeit gehören, lange bevor Jesus auf der Erde geboren wurde. Doch der lebendige Gott, der angebetet wurde, lange bevor Jesus auf der Erde geboren wurde, trägt Jesus in seinem Herzen, denn Jesus wohnt im innersten Herzen Gottes. Von ihm ist er niemals getrennt.

Ergänzung vom 19. August 2010:

In der letzten Zeit habe ich die kosmische Dimension Gottes so stark erfahren. Außerdem ist ja der folgende Satz für mich essenziell: Meine Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein Gotteshaus ist die Erde. Daher bete ich den Schluss des Gebets von Bruder Klaus jetzt immer so:

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir und deiner Menschheit und deinem Kosmos.

Wenn ich es so bete, habe ich ein Gefühl von Weite, Freiheit, Glück und Verantwortung.

Feedback von Gerhild Krotz:

Der Kosmos ist mir zu weit weg. Dafür bin ich nicht verantwortlich. Ich bin nur für die Erde zuständig.

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Was ist für mich "die Kirche"?  -  14. Juni 2010

"Die Kirche" ist für mich nicht einfach die römisch-katholische Kirche, deren Mitglied ich bin, nach zweimaligem Austritt und Wiedereintritt. "Die Kirche" ist für mich auch nicht einfach die Gesamtheit aller christlichen Gemeinden.

Nach Karl Rahner gibt es auch noch die "anonymen Christen": "Wer sein Dasein, also seine Menschheit annimmt in schweigender Geduld als das Geheimnis, das in sich das Geheimnis ewiger Liebe birgt und im Schoß des Todes das Leben trägt, der sagt auch, wenn er es nicht weiß, zu Jesus Christus ja."

Es ist gefährlich, sich so auszudrücken. Ich kenne eine muslimische Stellungnahme, bei der der Autor dies als theologische Vereinnahmung bezeichnet.

Nach meiner Auffassung berührt die unfassbar große Liebe, die das Innerste und Äußerste von allem ist, jedes Detail des Kosmos und jeden Menschen. Und niemand verkörpert diese Liebe so wie Jesus, in menschlicher Gestalt und darüber hinaus. In seiner Nachfolge soll diese Liebe auch durch mich strömen, ohne dass dies durch meinen Tod beendet wird, immer und überall und überallhin.

Meine Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein Gotteshaus ist die Erde.

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Mit Blindheit geschlagen  -  14. Juni 2010

Die Führer der römisch-katholischen Kirche sind mit Blindheit geschlagen, indem sie immer noch das weibliche Element in der Kirche zurückdrängen.

Vor einer Woche habe ich - als Mitglied der römisch-katholischen Kirche - an einem Abendmahlsgottesdienst der evangelischen Kirche teilgenommen, der von einer evangelischen Lektorin geleitet wurde, die dazu die Beauftragung hatte. Dabei habe ich eine Frau am Altar erlebt, die in überzeugender Weise sowohl die evangelische Tradition als auch die Verbundenheit mit Jesus Christus dargestellt hat. Wenn sie gebetet hat, war sie im Gebet. Wenn sie verkündigt hat, war sie in der demütigen und doch bestimmten Wiedergabe dessen, was ihr anvertraut ist.

Das weibliche Element in Hingabe und Verantwortung würde auch in der römisch-katholischen Kirche eine große Bereicherung bedeuten. Ist es nicht peinlich, wenn sich geistliche Schwestern zur Eucharistiefeier einen männlichen Priester ins Haus holen müssen, oder wenn sie nur bei einem männlichen Priester beichten dürfen?

Es muss eine kirchliche Ordnung geben, eine Beauftragung zu sakramentalem Vollzug in der Öffentlichkeit. Diese Beauftragung muss nicht immer von oben kommen, sie kann auch von unten, von der Gemeinschaft gegeben werden. Eine solche Beauftragung würde auch in der römisch-katholischen Kirche genügen. Eine Weihe zur Priesterin ist nicht unbedingt nötig.

Anmerkung aufgrund eines Feedbacks:

Dieser Gedankensplitter ist mit Blick auf die Frauen geschrieben. Ansonsten hätte ich den letzten Satz genausogut so formulieren können: Eine Weihe zur Priesterin oder zum Priester ist nicht unbedingt nötig.

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Glasnost und Perestroika in der Kirche  -  14. Juni 2010

Michail Gorbatschow hat dem politischen System in der Sowjetunion ab 1985 entscheidende Impulse gegeben, die weltweit wirksam wurden. Er sprach von Glasnost (Offenheit, Transparenz, Informationsfreiheit) und Perestroika (Umbau, Umgestaltung, Umstrukturierung), innenpolitisch auch von Demokratisierung, was die Zulassung mehrerer Kandidaten bei Wahlen bedeutete. Seine Impulse führten zum Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion und zum Entstehen eines anderen Russland.

Es gibt für mich keinen Zweifel, dass in der römisch-katholischen Kirche ein Übergang zu Glasnost und Perestroika dringend erforderlich ist, begleitet von Demokratisierung bei der Bestellung der Amtsträger. Solche Impulse werden zum Zusammenbruch des absolutistischen, monarchistischen Kirchensystems führen und die Kirche neu erstrahlen lassen.

In der Sowjetunion wurde diese Bewegung durch ein Zulassen von oben in Gang gesetzt. In der römisch-katholischen Kirche ist kein Papst in Sicht, der über den entsprechenden Weitblick und das entsprechende Durchsetzungsvermögen verfügen würde.

Nach Hegel wird der Gang der Geschichte durch den Weltgeist bestimmt. In widrigen Umständen setzt die "List der Vernunft" ein, die auch egoistische, machtgierige, ja sogar verbrecherische Vorkommnisse in ihrem Sinn verwenden kann, um den Fortschritt zu mehr Freiheit und Liebe zu erreichen.

Letzten Endes müssen die Impulse von oben und die Impulse von unten zusammenwirken.

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Kategorien und Paradigmen  -  27. Mai 2010

Nach der Brockhaus-Enzyklopädie ist die allgemeine Bedeutung des Wortes Kategorie eine Gruppe, in die jemand oder eine Sache eingeordnet wird. Desmond Morris sagt in dem Buch "Das Tier Mensch": "Hat man eine bestimmte Kunstform erst einmal benannt und kategorisiert, kann man alle Werke, die in diese Kategorie fallen, nach Güte und Wert einordnen... Sobald eine Kategorie besteht, kann man die zugehörigen Kunstobjekte definieren."

Und Objekte, die man keiner Kategorie zuordnen kann? Sind etwa meine Bücher solche Objekte?

In meinen Büchern "Du bist da - Die Psalmen der Bibel in neuer Bearbeitung", "Du bist Liebe - Die Johannes-Schriften der Bibel in neuer Bearbeitung" und "Botschaft ohne Grenzen - Eine neue Zusammenschau der synoptischen Evangelien" (Letzteres noch nicht erschienen) habe ich die Bibel als Text hergenommen, den man bearbeiten und verändern kann. Und ebenso habe ich in meinem Buch "Hände weg, doch pack an - Das Daodejing in neuer Bearbeitung" die Texte des Daodejing frei umgeformt. Ich habe die Bearbeitungen aus der Quelle meiner Hingabe vorgenommen, um etwas Neues zu schaffen. Und wo gehören diese Bücher jetzt hin? Wie ich hoffe, in keine bekannte Kategorie.

Ich habe mir angesehen, nach welchen Kriterien verschiedene Verlage die Bücher auswählen, die sie herausgeben. Bei christlichen Verlagen findet man oft den Hinweis: Es muss biblisch fundiert sein. Doch das bringt mich zu der Frage: Wie fundiert ist die Bibel? Die Bibel ist heilige Schrift. Das ist für mich keine Frage. Doch sie enthält nicht das Wort Gottes in Reinkultur, denn so etwa gibt es nicht. Die Bibel enthält Theologien, Ansichten von Theologen, und diese Ansichten sind nach orientalischer Art oft in Erzählungen verpackt. Mit anderen Worten: Die Theologie beginnt nicht erst nach der Aufzeichnung der biblischen Schriften, sondern bereits bei ihrer Aufzeichnung. Und es ist nicht jede dieser ursprünglichen Theologien geeignet, immer weiter mitgeschleppt zu werden. Und wenn man sie nicht mehr mitschleppen will, ist es besser, die Originaltexte zu ändern, als sich mit Interpretationen zu behelfen.

In meinen Büchern "Jesus für alle - Die Abenteuer Gottes" und "Jesus ohne Dogmen - Die christlichen Wahrheiten neu formuliert" (Letzteres noch nicht erschienen) entfalte ich die Theologie, die sich aus den geänderten Originaltexten der Bibel ergibt und aus einem nicht bewertenden Blick auf die Geschichte des Christentums, der sogenannte Häretiker genauso wie Kirchenväter ansieht.

In meinem Buch "Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen" (derzeit in Arbeit) setze ich diese Entfaltung weiter fort, indem ich wesentliche Momente des irdischen Lebens, des Sterbens und des Lebens nach dem irdischen Tod zur Sprache bringe. Während ich dieses Buch schreibe, kommt immer mehr zum Tragen, dass ich meine Arbeit "experimentelle Theologie" genannt habe. Dieser Ausdruck hat in meinem Sinn nichts mit Bibliodrama zu tun, sondern hat folgende Bedeutung: Was ich schreibe, ist nicht ausgedacht, es ist auch nicht gechannelt, sondern ich habe es am eigenen Leib erfahren. Immer mehr komme ich dazu, alles, was meinem Organismus widerfährt, in Gesundheit und Krankheit, als Phasen des Lernens, des Anschauens und der Einsicht zu nehmen.

Pierre und Marie Curie haben zusammen das Radium entdeckt. Als man die Wirkung der Strahlung zu beobachten begann, machte Pierre Curie einen Selbstversuch: "Mit einem Pflaster klebte er sich ein Radiumpräparat für zehn Stunden an den Unterarm. Es entstand eine üble Entzündung, die zwei Monate zum Abheilen brauchte. Eine graue Narbe blieb zurück." (Aus: Wikipedia.)

Mein Leben ist keine Serie von Selbstversuchen, doch die Haltung des Experiments durchzieht mein Leben. Nicht ich experimentiere mit dem Leben, sondern das Leben experimentiert mit mir, und ich lasse das zu.

Unter einem Paradigma versteht man im einfachsten Fall ein Denkmuster oder einen Gesamtzusammenhang von Denkmustern auf einem bestimmten Wissensgebiet oder auf dem Gebiet des alltäglichen Lebens einer Bevölkerung. Bei einem Paradigma handelt es sich also wie bei der Kategorie um ein Einordnungskriterium. Während aber die Kategorie mehr zur Ordnung im Raum verwendet wird, dient das Paradigma mehr zum Ordnen in Zeit und Geschichte.

Solche Kriterien werden auch als Beurteilungskriterien und Übertragungskriterien verwendet. Die Verwendung als Beurteilungskriterium bedeutet, dass man zum Beispiel einen Text, den man liest, danach beurteilt, ob er in eine bestimmte Kategorie passt oder dem Denken nach einem bestimmten Paradigma entspricht. Die Verwendung als Übertragungskriterium bedeutet, dass man zum Beispiel einen Text, den man liest - ohne es zu merken -  Wort für Wort in seinen eigenen Verstehenshorizont überträgt.

Ich kann nicht verhindern, dass das alles auch mit meinen Büchern geschieht. Und doch sehne ich mich danach, dass wir alle immer besser lernen, die Ereignisse, die wir erleben, und die Menschen, denen wir begegnen, nicht in die Maschinerie des Schon-Erlebten einzuspannen, sondern vorurteilsfrei zu erfahren. Kategorien sind Schubladen. Niemand will in eine Schublade gezwängt werden. Paradigmen sind Abläufe auf Schienen. Niemand will dazu gezwungen werden, immer auf Schienen zu laufen.

Müssen wir immer in Kategorien und Paradigmen denken, fühlen und handeln? Ich sehne mich danach, dass wir immer mehr den Wert des Augenblicks entdecken. So gesehen ist für mich die Zeit der Kategorien und Paradigmen vorbei.

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Die Bezogenheit auf den Kosmos  -  27. Mai 2010

In dem Gedankensplitter "Hingabe als Grundprinzip des Lebens" habe ich das ganze Gebet von Bruder Klaus wiedergegeben. Es endet mit den Worten:

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Dieses Gebet begleitet mich Tag für Tag und Nacht für Nacht. In letzter Zeit habe ich mich immer wieder gefragt: Ist das Gebet so, wie es ist, nicht zu ich-bezogen? Trägt es nicht die Gefahr in sich, dass "mein Gott und ich" eine wundersame Einheit in der Zweiheit werden, die nichts anderes mehr nötig hat? Diese Gefahr ist bei mir nicht gegeben, und doch hat mir bei dem Gebet etwas gefehlt: die Bezogenheit auf den Kosmos und auf alle Wesen. Daher spreche ich den Schluss des Gebets jetzt so:

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir und deiner Schöpfung.

So fällt es mir auch leichter, das Elend im engeren und im weiteren Umkreis nicht aus den Augen zu verlieren.

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Heilige Schriften und anderes Heilige  -  4. Mai 2010

Heilige Schriften gibt es in vielen Religionen. Die englischsprachige Wikipedia zählt achtunddreißig Religionen auf, die über heilige Schriften verfügen oder verfügten.

"Bisweilen, vor allem in der Mystik, wuchs eine religiöse Richtung, die nur die innere subjektive Offenbarung anerkennt, über die heiligen Schriften ihrer überlieferten Religion hinaus: So lehnt etwa der Zen-Buddhismus jede heilige Schrift ab und gründet sich allein auf die eigene religiöse Erfahrung." (Aus: Brockhaus-Enzyklopädie.)

Der buddhistische Patriarch Bodhidharma, der von Indien nach China kam und dort zu einem der Väter des Ch'an ( = Zen) wurde, wurde vom Kaiser Wu-Di gefragt: "Was ist der höchste Sinn der heiligen Wahrheit?" Bodhidharma entgegnete: "Offene Weite - nichts von heilig". Dazu eine Erklärung: "Nichts von heilig heißt auch: nichts von unheilig. Nichts von unheilig heißt auch: nichts, von dem wir uns abwenden müssten." (Aus einem vom Haus Lueginsland veröffentlichten Artikel.)

Shankara, auch Shankarāchārya, war ein indischer Mystiker und Reformator, ein Erneuerer des Hinduismus, ein Hauptvertreter des Advaita-Vedānta. Kurz vor seinem Tod bat ihn der König Sudhanva, ihm die Essenz aller vedischen Lehren vor Augen zu führen. Daraufhin sang er die Dasha Shloki, zehn von ihm komponierte Verse. Der siebente dieser zehn Verse lautet: "Es gibt weder Lehrer noch heilige Schrift, weder Schüler noch Lehre, weder dich noch mich noch dieses empirische Universum; denn das Lehren der eigenen wahren Natur erlaubt keine Differenzierung. Deshalb bin ich das Eine, glückverheißend und rein, das alleine übrig bleibt." (Aus: "Advaita Vedanta - Erwachen zur Wirklichkeit" von Andreas Binder.)

Eckhart von Hochheim, der mittelalterliche Meister des geistlichen Lebens, sagte: "Dass wir Gott nicht finden, das kommt daher: Wir suchen ihn mit Gleichnissen, während er doch kein Gleichnis hat. Alles, was die heilige Schrift beibringen kann, ist mehr ihm ungleich als ihm gleich." (Aus den Traktaten Meister Eckharts, gefunden bei Zeno.org.)

Es gibt das geflügelte Wort "Das ist mir heilig", zum Beispiel der Mittagsschlaf. In einer Ausstellung auf dem Katholikentag 1986 in Aachen war zu sehen, was jungen Menschen heilig ist: eine besondere Muschel von einem Spaziergang am Strand bei untergehender Sonne, ein Stein von einer Bergwanderung in den Alpen, eine Postkarte aus Taizé, und so weiter. Eine sehr schöne Formulierung habe ich in einem Blog gefunden: "Die Liebe ist mir heilig; Liebe schenken zu dürfen und zu können und das Glück zu haben, Liebe empfangen zu dürfen und zu können, das ist mir heilig."

In meinen Büchern habe ich Bibeltexte und Gebete transformierend bearbeitet und so zu etwas gemacht, von dem ich mit ganzem Herzen sagen kann: Das ist mir heilig.

Eine allgemeine Lebensregel könnte sein: Was anderen Menschen heilig ist, das ist auch mir heilig. Ich spüre ganz stark, dass diese Lebensregel für mich stimmt, dass sie geeignet ist, Menschen zu befreien, dass sie dazu führt, Brücken zwischen Menschen zu bauen.

Und so sage ich zum Schluss: Die heiligen Schriften anderer Menschen sind auch mir heilig.

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Die Ökumene bin ich  -  3. Mai 2010

Zur Ökumene gehört das gemeinsame Herrenmahl. Das ist keine Frage. Alles andere sind Ausreden und Handeln gegen den Willen Jesu. Besonders im Rahmen der römisch-katholischen Kirche betet man um Einheit. Mit den Händen bittet man darum, dass die Türe aufgeht, aber man stellt einen Fuß davor, sodass sie nicht aufgehen kann.

In dieser Situation kann ich nur sagen: "Die Ökumene bin ich." Ich bin die Ökumene, wenn ich einmal im Monat als römisch-katholisches Kirchenmitglied am evangelischen Gottesdienst mit Abendmahl teilnehme. Ich bin die Ökumene, wenn ich dabei spüre, dass es keine Grenzen zwischen denen gibt, die mit Jesus verbunden sind, außer sie schaffen die Grenzen in ihren Köpfen.

In meinem Kopf gibt es keine Grenzen zwischen den Menschen. Daher ist auch einer meiner Wahlsprüche: "Meine Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein Gotteshaus ist die Erde."

Diejenigen, die im Namen Jesu gemeinsam das Herrenmahl feiern, werden in ihrem Verlangen bestärkt, von Herz zu Herz eine Beziehung zu Jesus zu entfalten und sich für die ganze Menschheit hinzugeben, in seiner Nachfolge, so wie er es getan hat. Sie können es als Geschenk empfangen, dass sich die Grenzen in ihrem Kopf auflösen.

Die Gemeinschaft Jesu braucht viele Partisanen, bei denen die Grenzen im Kopf wegfallen und die die volle Einheit in der Vielfalt leben in gegenseitiger Gastfreundschaft beim Herrenmahl.

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Peanuts  -  26. April 2010

Wenn mich in letzter Zeit etwas bekümmert, fällt mir schlagartig der Satz ein: "Das sind doch Peanuts". Es handelt sich um die kleinen Bekümmernisse des Alltags: Irgendetwas geht nicht so, wie ich will, oder von irgendjemand fühle ich mich gekränkt, was ich mir sowieso nicht anmerken lasse.

In solchen Fällen bringt mir der Satz "Das sind doch Peanuts" große Erleichterung.

Es gibt noch anderes. Zwei Monate lang war ich - bis vor wenigen Tagen - mehr krank als gesund. Das kannte ich von früher nicht. Es nagte an mir mit den Worten: Ich will doch demnächst anfangen, ein ganz besonderes Buch zu schreiben. Wie soll denn das gehen, wenn ich mich so fühle? Wird das überhaupt noch möglich sein?

In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt: Um dieses Buch schreiben zu können, war die Erfahrung von Krankheit unbedingt erforderlich. Alles, was uns widerfährt, kann als Aufgabe gesehen werden, damit wir wachsen und reifen.

Ist das nicht großartig?

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Anders beten  -  26. April 2010

In letzter Zeit beginne ich, anders zu beten. Es geht über das bewusste und aufmerksame Sprechen der Worte hinaus. Es ist mit ganzem Einsatz, aber ohne Gewalt. Zum Beispiel beim Gebet von Bruder Klaus, das ich Tag und Nacht öfter wiederhole:

Wenn ich nun bete "Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir", so ergreift mich das Wort "alles" ganz. Es ist nicht mehr gemeint "Nimm jetzt ein bisschen und dann ein bisschen, irgendwann wird es schon alles sein", sondern real gegenwärtig ist "Nimm jetzt und hier alles".

Wenn ich nun bete "Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir", so ergreift mich das Wort "alles" ganz. Es ist nicht mehr gemeint "Gib jetzt ein bisschen und dann ein bisschen, irgendwann wird es schon alles sein", sondern real gegenwärtig ist "Gib jetzt und hier alles".

Und wenn ich nun bete "Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir", so bin ich total ergriffen davon, dass ich mir "ganz" genommen werde und dass ich meinem Herrn und Gott "ganz" gegeben werde, nicht im Laufe der Zeit, sondern jetzt und hier.

Als zweites Beispiel nehme ich das Gebet meiner Weihe, das ich jeden Tag mindestens einmal spreche:

Wenn ich nun bete „Jesus, deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage meines Lebens und über den Tod hinaus", so ist totale Aktualität und Verbindlichkeit gegeben, in einem allumfassenden Jetzt.

Ebenso ist es, wenn ich nun bete „Maria, deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage meines Lebens und über den Tod hinaus".

Und ganz genauso ist es, wenn ich nun bete „Gerhild, deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage meines Lebens und über den Tod hinaus“.

So entsteht etwas, das nie und nimmer zugrunde gehen kann.

Gerhild, meine Frau, und ich haben bei der Eheschließung versprochen, einander zu lieben und zu achten, bis der Tod uns scheidet. Unsere Gemeinschaft und gemeinsame Aufgabe geht jedoch mit Sicherheit über den Tod hinaus. Daher haben wir diesen Satz des Trauungsrituals außer Kraft gesetzt. Jedem liebenden Paar ist das möglich.

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Menschen anders sehen  -  26. April 2010

In letzter Zeit beginne ich, Menschen anders zu sehen. Wenn ich jemand ansehe, so ist seine / ihre Begrenzung etwas nach außen verrückt. Das ergibt aber nicht einfach einen zusätzlichen Rand bei sonst gleichbleibender Sicht, sondern der ganze Mensch erhält in meinen Augen eine neue Dimension. Auf diese Weise sagen Menschen zu mir: "Ich bin völlig und ganz dieser irdische Mensch, zugleich bin ich aber auch etwas, das darüber hinausgeht. Meine eigentliche Wirklichkeit ist größer und umfassender als der äußere Anschein."

Das macht mich andächtig und lässt mich staunen. Und es erinnert mich daran, dass auch ich ein solcher Mensch bin.

Dieses andere Sehen, das ich gerade beschrieben habe, geschieht für mich beim Sehen mit den physischen Augen, aber es ist kein Sehen mit den physischen Augen. Es geschieht außerdem nicht jedes Mal. Es wird mir geschenkt. Um so sehen zu können, muss ich den Blick zurücknehmen; ich darf nicht glotzen. Beim Glotzen strahlt man ja etwas aus; wie soll da etwas hereinkommen?

Menschen in dieser Art anders, mit mehr Verständnis und Liebe zu sehen ist ein Geschehen "außerhalb" der üblichen Vorstellungen von Raum, Zeit und Ewigkeit.

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Einander erkennen  -  18. April 2010

Gerhild, meine Frau, und ich waren sieben Jahre getrennt. Nun sind wir bereits wieder fast sieben Jahre beisammen. Im November 2003 hat mir mein Daimonion zu verstehen gegeben, durch einen klaren Impuls und durch Worte, die in mir aufgetaucht sind, dass es nun möglich und sogar notwendig ist, wieder zusammen zu leben. Gerhild hat gespürt, dass es ernst gemeint ist, und hat sofort ja gesagt.

Es war zu spüren, dass es gut gehen würde. Aber es war nicht klar, wozu es führen würde. Es hat dazu geführt, dass uns die Augen aufgegangen sind und dass wir einander erkannt haben. Gerhild ist für mich in einer früher unvorstellbaren Weise liebenswert geworden, einfach dadurch, dass ich gelernt habe, in Ruhe auf das zu schauen, was sie wirklich ist und wie sie wirklich ist. Ihre ganze Tiefe zu erfahren und ihre aus dieser Tiefe kommenden Gedanken, Worte und Handlungen - das ist für mich mittlerweile das Schönste geworden, was die Erde mir bietet. Und es ist uns auch ein Verstehen ohne Worte geschenkt worden.

Heißt es etwa deswegen in der Bibel über Adam und Eva: "Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger" (1. Mose 4,1) und über Josef und Maria: "Er nahm seine Frau an, und nicht erkannte er sie, bis dass sie gebar einen Sohn" (Mt 1,24-25), weil zu der größtmöglichen Vereinigung zwischen Mann und Frau das gegenseitige Erkennen gehört?

Gerhild geht weit über das hinaus, was ich je erkennen kann. So bleibt sie immer faszinierend.

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Erleichterung und Schande  -  30. März 2010

Was hat uns Buddha gebracht?
Die Weisheit der Meister.

Was hat uns Christus gebracht?
Die Freiheit der Kinder Gottes.
Welche Erleichterung!

Christliche Amtsträger - allen voran Paulus - haben diese Freiheit verdunkelt.
Welche Schande!

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Wie ein Mantra  -  10. März 2010

Nach der Brockhaus-Enzyklopädie ist ein Mantra im Buddhismus, Jainismus und Hinduismus eine heilige Formel, die nach strengen Regeln rezitiert wird.

Nach dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren ist ein Mantra im Buddhismus "eine kraftgeladene Silbe oder Folge von Silben, die bestimmten kosmischen Kräften und Aspekten der Buddhas Ausdruck gibt." Die ständige Wiederholung von Mantras ist im Buddhismus eine Form der Meditation. Bei laut ausgesprochenen Mantras spielt auch der Klang eine wesentliche Rolle.

Das Ur-Mantra ist OM oder AUM und wird A-O-U-M gesungen. Es ist sowohl ein Symbol der (geschriebenen) Form als auch des (gesungenen) Klanges. Wenn man es richtig singt, kommen die Obertöne mit.

Die Sanskrit-Formel OM MANI PADME HUM (wörtlich: "OM, Juwel im Lotos, HUM") ist nach dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren das bedeutendste und älteste Mantra des tibetischen Buddhismus. "Die einfachste Erklärung des von sogenannten Keimsilben eingeschlossenen Wortpaares 'Juwel im Lotos' ist die Gleichsetzung des Juwels mit dem Erleuchtungsgeist (Bodhichitta), der im Lotos des menschlichen Bewusstseins erzeugt werden soll."

Nach dem Tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben ist OM MANI PADME HUM das Mantra des Mitgefühls. "Es verkörpert das Mitgefühl und den Segen aller Buddhas und Bodhisattvas, ruft aber speziell den Segen von Avalokiteshvara, dem Buddha des Mitgefühls, an."

Nie werde ich vergessen, wie wir zu der Zeit, als ich mit den österreichischen Buddhisten befreundet war, im Buddhistischen Meditationszentrum Scheibbs unter Anleitung eines Mönchs dieses Mantra gesungen haben, und welcher Friede und welche Ruhe sich ausbreitete, als wir später, im Schatten großer Bäume auf der Wiese vorm Haus sitzend, seinen Ausführungen lauschten.

Wie ein Mantra wird auch die folgende Grundaussage des Islam rezitiert:

Allahu akbar
la ilaha illa llah
Gott ist (unvergleichlich) groß
Es gibt keinen Gott außer Gott

Nichts gleicht dem transzendenten, unerkennbaren Gott.

Wie ein Mantra werden auch die Gesänge in Taizé wiederholt, zum Beispiel:

Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet, wachet und betet.

Wie ein Mantra ist auch das Jesusgebet (oder Herzensgebet) der Ostkirche. Seine Ursprünge reichen bis in die Tradition der Mönche und Wüstenväter des 4. Jahrhunderts zurück. Bei uns ist es auch durch das Buch "Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers" bekannt geworden. Es besteht in der Wiederholung des folgenden Satzes:

Jesus Christus, erbarme dich meiner
oder
Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner

Wie ein Mantra verwende ich seit geraumer Weile bei Tag und in der Nacht den Schluss des Gebetes von Bruder Klaus:

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Was dieser Satz mit mir macht, habe ich an zwei verschiedenen Tagen verschieden ausgedrückt:

1.   Dieser Satz ist so unfassbar. Er kann niemals ausgeschöpft werden. Man kann sich in diesen Satz nur dann immer weiter hineinbegeben, wenn man keine Gewalt anwendet. Er erzeugt eine Bewegung ohne Ende, in vollständiger Ruhe. Er ist meine Entsprechung eines Mantras, für immer. 

2.   Diesen Satz zu beten ist für mich jedes Mal so etwas wie Tod und Neugeburt. Es ist Schöpfen aus dem Brunnen der Vergänglichkeit, solange bis er leer ist.

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Parallelwelten  -  7. März 2010

In einem Song-Text der Lassie Singers lautet der Refrain: "Jeder ist in seiner eigenen Welt, aber meine ist die Richtige."

Dieser Satz hat mich immer begeistert. Auf die Spitze getrieben bedeutet er: Es gibt unendlich viele Parallelwelten, voneinander unterschieden jeweils durch ein geringfügiges Weiterrücken des Blickwinkels. Alle diese Parallelwelten, die Welten aller Menschen, aller Hunde, aller Katzen, aller Bienen, aller Ameisen, aller Seerosen, aller Flusskiesel usw. bilden zusammen die eine Welt, die unvorstellbar schön und reich und multidimensional ist.

So wie man mit einer Rot-Grün-Brille oder mit der Schielmethode aus zwei nebeneinander liegenden flachen Bildern ein dreidimensionales Bild erzeugen kann, kann jemand, der multidimensional schauen kann und keines der parallelen Bilder bevorzugt, eine unglaublich reiche und bereichernde Welt schauen, mit großer Erleichterung. Es genügt nicht, wenn man die Parallelwelten nacheinander anschaut. Man muss sie simultan erfassen.

In dieser Hinsicht bin ich immer am Üben, wie ich es auch in meinem Gedankensplitter "Liebe und Multidimensionalität" beschrieben habe. Mein Startkapital war die entsprechende Übung im Wizard-Kurs nach Harry Palmer. Aber nun ist es nicht mehr seine Übung, es ist längst meine geworden.

Wie die Lassie Singers sagen: "Jeder ist in seiner eigenen Welt, aber meine ist die Richtige."

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Das Leben als Experiment  -  2. März 2010

"Für den großen indischen Priester und Naturforscher Raimon Panikkar 'experimentiert der Wissenschaftler mit seinen Ideen, der Mönch aber mit seinem Leben'." (Zitiert nach "Der Mönch in mir - Erfahrungen eines Athos-Pilgers für unser Leben" von Heinz Nußbaumer.)

Ein Mönch zu sein - das ist auch eine Idee, bis man dazu kommt, sie fallen zu lassen, einfach nichts zu sein und im selben Atemzug alles zu sein.

Ich bin kein Mönch, sondern habe stets "in der Welt" gelebt, wie man es ausdrückt, wenn man Unterscheidungen machen will. Und doch habe ich immer mit meinem Leben experimentiert, im Jahr 1969, als ich meine heftigen Ressentiments gegen die Eltern durchschaute und zum ersten Mal das Experiment machte, ihnen zu verzeihen, im Jahr 1971, als ich den Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry (heutiger Name Puducherry) und die nach der Vision eines Spiralnebels geplante Siedlung Auroville besuchte, und später immer mehr.

Leben ist Lernen, mit jedem Atemzug. Ich habe mich selbst als Einsatz gegeben und habe immer mehr lieben gelernt. Und so geht es weiter, ohne Ende, auch nach dem letzten Atemzug.

Es war nicht ungefährlich. Ich hätte auch hassen oder verzweifeln lernen können. Aber ich habe einen unsichtbaren Schutzengel. Und einen sichtbaren: Gerhild, meine Frau. Sie konnte lang vor mir lieben. Sie hat lang vor mir gewusst, was Hingabe wirklich heißt.

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Die kosmische Weihe  -  27. Februar 2010

In diesen Gedankensplittern habe ich schon mehrmals über meine Weihe berichtet. Nun habe ich mich mit der Religiosität der Indianer auseinandergesetzt, vor allem anhand des Buches "Hüter der Erde - Begegnungen mit Indianern Nordamerikas" von Harvey Arden und Steve Wall. Diese Auseinandersetzung hat etwas mit mir gemacht. Auf einmal spüre ich meine universale Bezogenheit. Ich drücke das jetzt in meinen Worten aus: Ich bin dem Herzen Jesu geweiht, dem Herzen Marias, seiner Mutter, dem Herzen Gerhilds, meiner Frau und dem Herzen eines jeden Wesens, dem ich je begegnet bin und das ich je treffen werde, jetzt und alle Tage meines Lebens und über meinen Tod hinaus. Ich bin dem Herzen des Alls geweiht, dem innersten Herzen, durch dessen Pulsieren alles am Leben erhalten wird, von dem ich ausgehe und zu dem ich zurückkehre, in jedem Jetzt.

Schon zweimal habe ich von guten Freunden und engagierten Christen entsetzte Reaktionen auf meinen Lebensentwurf gehört, der in solche Gebiete vordringt und immer weitergeht. In der Weisheit der Indianer, die ich auf meine Weise abgewandelt habe, sehe ich die natürliche Bestimmung aller Wesen und erst recht aller Menschen. Was euch erschreckt, sind falsche Annahmen über eure persönliche Verpflichtung. Ich habe mich selbst verpflichtet, es wurde mir von niemandem aufgezwungen. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg.

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Des Sokrates und mein Daimonion  -  25. Februar 2010

Sokrates liebe ich seit der Zeit, in der ich meine ersten Philosophievorlesungen an der Universität gehört habe. Ich liebe seinen unvoreingenommenen und freien Blick auf die Dinge. Ich liebe seine Maieutik, seine Hebammenkunst, mit der er bei anderen Menschen Erkenntnis wecken konnte. Und ich liebe besonders sein Daimonion, seine innere Stimme von göttlichem Ursprung, der er bedingungslos gehorchte, auch dann, als sie ihn nicht davon abhielt, die ungerechtfertigte Verurteilung und den Tod zu erleiden.

Bei Platon in der Apologie, der Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht, erzählt Sokrates von dieser inneren Stimme: "Mir ist dieses von meiner Kindheit an geschehen, eine Stimme nämlich, welche jedes Mal, wenn sie sich hören lässt, mir von etwas abredet, was ich tun will, zugeredet aber hat sie mir nie."

Auch in mir lebt ein Daimonion. Mein Daimonion ist aber nicht nur hemmend wie das des Sokrates. Einmal hemmt es mich, etwas zu tun, ein anderes Mal aber inspiriert es mich und treibt mich an, etwas zu tun. Wie für Sokrates ist auch für mich das Daimonion die entscheidende Instanz. Ich habe ihm immer gehorcht.

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Gegen den Wind segeln  -  24. Februar 2010

Gerhild, meine Frau hat gestern beim Mittagessen gesagt: "Ich glaube, dass Religionen, die Angst machen oder die Druck und Zwang anwenden, zugrunde gehen werden."

Das trifft in hohem Maß auf das Christentum zu, auch und gerade in der Spielart der römisch-katholischen Kirche.

Wie sagt die zwölfte weise Frau im Märchen vom Dornröschen? "Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt." So bin ich mir vorgekommen, als ich meiner Frau antwortete: "Es muss nicht die Religion als Ganze sterben, sondern nur der Angst machende Teil."

Das ist es, was ich fördere. In meinen Büchern propagiere ich ein Christentum, das nicht Angst macht und verdammt. Da meiner Meinung nach die Angstmacherei und Verdammung in der Bibel selbst beginnt, da auch die Evangelien genug Drohbotschaften enthalten und nicht nur die Frohbotschaft, erarbeite ich Teile der Bibel neu, mit teilweise radikalen Änderungen.

Gestern Abend erzählte mir ein befreundeter Theologe, er werde demnächst einen Bibelabend gestalten und dabei die Apokalypse des Johannes behandeln. Er werde aus diesem Text die Frohbotschaft herausarbeiten.

Das nenne ich: Gegen den Wind segeln.

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Der kleine Gott  -  20. Februar 2010

"Großer Gott, wir loben dich" - das ist ein schönes und würdiges Kirchenlied. Aber: Wenn wir immer nur den großen Gott loben, wird da der kleine Gott nicht traurig sein?

Das ist ein Koan.

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Die zarte und sanfte Power  -  20. Februar 2010

Einmal im Jahr klebe ich Fotos in Alben ein. Dazu verwende ich Fotokleber, kleine, selbstklebende Stückchen, die auf beiden Seiten kleben. Gerhild, meine Frau hat mir aus der Papierhandlung neue mitgebracht, bei denen im Gegensatz zu den alten die Abziehfolie genau mit den Klebestückchen endet und kein bisschen darüber hinausragt. Tagelang war ich verhärmt, weil sich die Folie so schlecht von den Stückchen abziehen ließ. Dann auf einmal fiel mir auf: Wenn ich den Daumennagel ganz zart und sanft einsetzte, löste sich die Folie ganz leicht ab.

Seither ist mir klar geworden: Das ist das Prinzip der zarten und sanften Power. Entschlossenheit ohne Druck. Ich frage mich: Was ändert sich in meinem Leben und im Leben der anderen, wenn ich Menschen so behandle? Vor allem solche, die anderer Meinung sind als ich, die einen anderen Lebensentwurf haben?

Ich frage mich: Was ändert sich in meinem Gebet, wenn ich Gott so behandle? Die gleichen Worte, aber Hingabe ohne Druck. Das habe ich gerade probiert, und die Antwort war: Geh jetzt zum PC und schreib diesen Gedankensplitter. Das erinnert mich daran, dass Karlfried Graf Dürckheim, der Gründer der Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte in Todtmoos-Rütte immer gesagt hat: "Die Tür geht nach innen auf". Damit meinte er das Loslassen auf dem spirituellen Weg. Und nun denke ich mir auf einmal: Ich soll auch die Tür zum Herzen anderer Menschen nicht eindrücken, sondern zu mir her aufgehen lassen, wenn sie es wollen.

Ich sehe auf einmal ein Bild vor mir. Ein gelbes Blatt im Herbst löst sich ganz zart und sanft vom Baum und fällt zu Boden. Ich spüre es in mir, wie sich das Blatt ablöst. So wird im Idealfall mein Tod sein.

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Du bist Staub - aber welcher?  -  18. Februar 2010

In Jesus gibt es einen menschlichen und einen göttlichen, einen leidenden und einen siegreichen Aspekt. Der leidende Jesus ist nicht nur der Jesus am Kreuz auf Golgata, sondern auch der Jesus, der in und mit der ganzen Schöpfung leidet, solange sie noch nicht vollendet ist. Der Mensch Jesus ist auferstanden in seine eigene Vollendung hinein. Doch so wie der historische Jesus Brot und Wein genommen hat und gesagt hat: „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“, so hat der präexistente und durch seinen Tod nicht begrenzte Jesus den ganzen Kosmos als seinen Leib und sein Blut angenommen. Jede Eucharistiefeier und jeder Gottesdienst mit Abendmahl macht uns das gegenwärtig. In dieser innigen Verbindung führt der siegreiche Jesus den Kosmos zu seiner Vollendung.

Gestern war Aschermittwoch. Als unser Pfarrer das Aschenkreuz austeilte, sagte er jedes Mal: "Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst".

Als ich in der Schlange nach vorne ging, sah ich in einem inneren Bild sonnendurchfluteten Staub, in feinen Partikeln, und in jedem Partikel den siegreichen, kosmischen Christus.

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Die Grenzen der Heiligen Schrift  -  3. Februar 2010

Paulus von Tarsus äußert sich im ersten Korintherbrief über die Ehe wie folgt:

"Ein Mann tut gut, (überhaupt) keine Frau zu berühren; aber um der (Vermeidung der) Unzuchtsünden willen mag jeder (Mann) eine Ehefrau (= eine eigene Gattin) und jede (Frau) ihren Ehemann (= einen eigenen Gatten) haben." (1. Kor 7,1-2.)

"Der Unverheiratete ist um die Sache des Herrn besorgt: er möchte dem Herrn gefallen; der Verheiratete dagegen sorgt sich um die Dinge der Welt: er möchte seiner Frau gefallen; so ist er geteilten Herzens. Ebenso richtet die Frau, die keinen Mann mehr hat, und die Jungfrau ihr Sorgen auf die Sache des Herrn: sie möchten an Leib und Geist heilig sein; die verheiratete Frau dagegen sorgt sich um die Dinge der Welt: sie möchte ihrem Manne gefallen." (1. Kor 7,32-34.)

Paulus selbst lebte zölibatär. (1. Kor 7,7.) Er sah Sexualität als etwas, das in der Ehe zur Vermeidung von Unzucht gelebt wird, und die Ehe als etwas rein Weltliches.

Die Unterscheidung zwischen den Dingen der Welt und den Dingen der Heiligkeit lehne ich ab. Wir haben nur eine Welt, und in jedem Detail äußert sich das Heilige, das Scheinheilige und das Unheilige. Jesus kann alles berühren, ob es ihm nun zugewandt ist oder nicht.

Die Sexualität und die Ehe aus dem Bereich der Heiligung auszunehmen, ist die Aussage eines Mannes, dem die entsprechenden Erfahrungen fehlen. Wahre Hingabe ist immer unendlich, auch die Hingabe zwischen Mann und Frau, und es bleibt immer unendlich viel Raum für weitere Hingabe, an einen gesellschaftlichen Dienst, an ein Lebenswerk, an Gott. Mann und Frau können sehr vieles gemeinsam tragen, auch ein Pfarrer mit seiner Frau oder eine Pfarrerin mit ihrem Mann können das.

Die von Paulus zitierten Sätze sind irrelevant. Die Heilige Schrift hat ihre Grenzen.

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Die amputierte Kommunion  -  1. Februar 2010

Der gemeinsame Kelch ist von Jesus selbst eingesetzt. Er forderte beim Mahl am Abend vor seinem Tod die Seinen auf: "Trinkt alle daraus!" (Mt 26,27.)

Im Mittelalter suchte man in der Westkirche die Kelchkommunion der Gläubigen mehr und mehr zu vermeiden. Statt des Kommunionweines gab man den Laien weithin sogenannten Ablutionswein, das heißt gewöhnlichen Wein zu trinken, angeblich weil man Angst hatte, etwas von dem konsekrierten Wein zu verschütten. So wurde das Trinken aus dem Abendmahlskelch im abendländischen Spätmittelalter zunehmend als Vorrecht der Priester empfunden, das sie besonders sichtbar von den Laien unterschied. Ein offizielles Kelchverbot für Laien wurde jedoch erst 1415 auf dem Konzil von Konstanz erlassen. 1420 forderten die Hussiten in vier Prager Artikeln unter anderem den Laienkelch. Die Verweigerung ihrer Forderungen führte zu den Hussitenkriegen (1419-1436). Luthers Kritik am Papsttum betraf ebenfalls unter anderem den Laienkelch. "Beim Entzug des Laienkelches stellte Luther die kritische Frage, kraft welcher Vollmacht die Kirche an der klaren, eindeutigen Einsetzung des Abendmahls durch Christus etwas ändern dürfe." (Aus: "Epochen der Dogmengeschichte" von Bernhard Lohse, S. 205.)

Die theologische Lehre, dass Christus in jeder der beiden Gestalten ganz gegenwärtig sei und empfangen werde, ist demgegenüber eine Ausrede. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Kelchkommunion für Laien in der römisch-katholischen Kirche wieder erlaubt, wird jedoch beim normalen Sonntagsgottesdienst nicht durchgeführt. Da ich einmal im Monat zu einem evangelischen Sonntagsgottesdienst mit Abendmahl gehe, wo die Kelchkommunion eine Selbstverständlichkeit ist, wirkt auf mich der Kommunionempfang in einer römisch-katholischen Eucharistiefeier seltsam amputiert.

Noch in einem weiteren Punkt unterscheidet sich der evangelische vom römisch-katholischen Brauch. Bei einer römisch-katholischen Eucharistiefeier nimmt sich der Zelebrant als erster von Brot und Wein, dann wird ausgeteilt. Bei einem evangelischen Gottesdienst mit Abendmahl ist der Zelebrant der Letzte, der Brot und Wein bekommt, und er nimmt sie sich nicht selbst, sondern sie werden ihm gegeben. So schließt sich der Kreis der Feiernden.

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Der Schlaf und der Tod  -  30. Jänner 2010

Heute Nacht habe ich geträumt, dass mein Sohn Axel gestorben ist. Er wird in drei Tagen 41 Jahre alt sein. Ich wünsche mir seit längerer Zeit, dass er eine neue Erfahrung macht. Der Traum könnte ein Ausdruck dieses Wunsches sein, oder er könnte sogar ankündigen, dass diese neue Erfahrung jetzt wirklich kommt.

Erneuerung ist dringend erforderlich, eigentlich in jedem Augenblick unseres Lebens. Im dritten Kapitel des Johannesevangeliums sagt Jesus zu Nikodemus, was ich in meiner Bearbeitung wiedergebe: "Wenn du das Reich Gottes betreten willst, musst du aus Wasser und Geist geboren werden, jetzt, in deinem Alter. Das Wasser schenkt dir die Umkehr, und der Geist schenkt dir den neuen Weg. Wenn du nur von der menschlichen Mutter geboren bist, bleibst du dem Menschlichen verhaftet. Erst wenn du auch aus Gottes Geist geboren bist, bist du fähig, auf Gott zu hören. Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. Wenn du aus dem Geist geboren bist, dann bist du wie der Wind."

Diese Sätze Jesu haben manche christlichen Kirchen und Gemeinschaften so aufgefasst, dass ein einmaliges Erlebnis der Neugeburt genügt, um den Menschen in diesem Sinn zu verwandeln, und sie glauben, dass man dadurch zu einem "wiedergeborenen Christen" wird. Das ist meiner Meinung nach falsch. Es ist vielmehr notwendig, ständig zu sterben und wiedergeboren zu werden, wenn möglich in jedem Augenblick unseres Lebens. Es ist ein langer Weg, bis man das versteht, und ein noch längerer Weg, bis man es mehr und mehr zu verwirklichen beginnt.

Der Traum von Axels Tod hat mich aber auch an den letzten Tod erinnert, der das Leben auf der Erde beendet. Eigentlich muss ich keine Angst vor ihm haben. Denn jeden Abend gebe ich mich voll Vertrauen hin, hinein in die Gewissheit, dass ich einschlafen werde. Dann geschieht es, und ich weiß nicht wie, und ich habe den Zeitpunkt nicht bemerkt. Denn man schläft nicht mit bewusster Kontrolle ein, sondern mit dem Aufgeben der Kontrolle. Und genauso kann man sich mit vollem Vertrauen dem Tod hingeben. Dann geschieht es, und man weiß nicht wie, und man hat den Zeitpunkt nicht bemerkt. Denn man stirbt nicht mit bewusster Kontrolle, sondern mit dem Aufgeben der Kontrolle. Im Schlaf geht der Atem weiter, aber ohne das Wachbewusstsein. Und im Tod geht der Atem des Lebens weiter, aber ohne das irdische, gehirngesteuerte Bewusstsein. Dieses schöne Hinübergleiten betrifft vor allem den nicht gewaltsamen Tod. Bei der Aussicht auf den gewaltsamen Tod kann große Angst aufkommen. Ich habe das erlebt, als vor vielen Jahren mein Auto bei Glatteis frontal auf ein entgegenkommendes Auto zufuhr.

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Meine neuen Bodhisattva-Gelübde  -  26. Jänner 2010

Ich komme nun noch einmal auf die vier Bodhisattva-Gelübde zurück, die ich in meinem Gedankensplitter „Leben ist Bewegung“ wörtlich angeführt habe. Ich forme sie um und drücke dabei das aus, was sie mir heute aus der Hingabe an Gott und der Nachfolge Jesu bedeuten.

      Zahllos sind die Lebewesen, die Menschen, Tiere, Pflanzen, Berge, Täler und Gewässer, die Sterne und Planeten; ich gelobe, den Impuls der Rettung, der von Jesus ausgeht, aufzunehmen und weiterzutragen und mitzugestalten, bis sie alle gerettet sind.

      Gott nährt alle Wesen. Die Gedanken und Gefühle, die ihrer Rettung entgegenstehen, täuschen vor, dass sie unerschöpflich sind, doch sie sind stereotyp und werden nicht aus der Transzendenz Gottes genährt; ich gelobe, sie alle zu lassen.

•     Ich lehne die Worte, die man Jesus in Mt 7,13-14 in den Mund gelegt hat und die besagen, dass nur wenige ins Leben und ins Reich Gottes finden, ab. In meiner Bearbeitung lautet diese Stelle so: „Wenn ihr glaubt, dass der Weg in dieses Reich für viele schwer zu finden ist, oder wenn ihr meint, dass die Türe zu diesem Reich sehr eng ist und viele nicht hindurchkommen, dann setzt euch für sie ein, indem ihr in eurem Leben das tut, was sie in ihrem Leben nicht schaffen. Durch eure Hingabe wird das Reich Gottes so kräftig werden, dass es sich auch dort öffnet, wo ihr es nicht für möglich gehalten hättet.“ Ungezählt sind die Wege ins Leben und ins Reich Gottes; ich gelobe, den Impuls Jesu aufzunehmen und weiterzutragen und mitzugestalten, bis sie alle geöffnet sind.

      Ich bete jeden Tag wie Bruder Klaus: „Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“ Unvergleichlich ist der Weg solcher Erfahrung; ich gelobe, ihn mutig zu gehen.

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Ökumene und Schuld  -  24. Jänner 2010

Vor drei Tagen hat bei uns in Pressbaum in der evangelischen Kirche der ökumenische Dekanatsgottesdienst stattgefunden. Neben dem evangelischen Pfarrer und der evangelischen Lektorin waren drei römisch-katholische Priester anwesend. Ein längerer Evangelientext wurde gelesen, zum Teil von der Lektorin, und die Liedtexte waren so ausgesucht, dass immer wieder die Formulierung kam: "Wir sind eins."

Gerhild, meine Frau, und ich sprachen nachher darüber. Ich sagte: Ich freue mich, dass wir gesungen haben: Wir sind eins. Denn wir sind wirklich eins. Die Trennung ist eine Fiktion und wird künstlich aufrechterhalten.

Gerhild antwortete: Ich bin wütend und enttäuscht. Warum hat es kein Abendmahl gegeben? Es hätte doch so sein können wie in Taizé, wo evangelische und katholische Hostien nebeneinander ausgeteilt werden. Was da über Einheit gesagt worden ist, ist nur Gerede. Das ist genauso, wie wenn ich immer über Kochrezepte reden würde, und ich würde nie kochen.

Heute haben wir am Schluss der römisch-katholischen Eucharistiefeier das Gebet 28/3 für die Einheit der Kirche aus dem Gotteslob gebetet. Man beachte: Es geht in dem Gebet um die Einheit der Kirche, nicht etwa um die Einheit der Christen. In dem Gebet kommt folgender Satz vor: "Zerbrich die Mauern, die uns trennen."

In dem Moment, wo wir diesen Satz gesprochen haben, kam mir ganz stark ein Bild, nämlich das Bild einer der acht Meter hohen Mauern, die die Israelis gegen die Palästinenser bauen. Und dazu kamen mir die Sätze: So wie die Israelis die Mauern gegen die Palästinenser bauen, so bauen die Hierarchen der römisch-katholischen Kirche die Mauern gegen die anderen christlichen Kirchen. Die Hierarchen müssen ihre Schuld bekennen und diese Mauern niederreißen.

Alles andere ist Heuchelei.

Gerhild sagt dazu: Es ist billig, nur den Hierarchen die Schuld zuzuschieben. Der Widerstand von unten müsste viel stärker werden. Jede Revolution beginnt von unten.

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Was bedeutet die Wiedergeburt?  -  18. Jänner 2010

Da für Gott jedes Detail unendlichen Wert hat, ist für mich die Vorstellung einer Wiedergeburt schwer nachvollziehbar. In den von mir entwickelten Lebensmodellen habe ich sie auch nicht dargestellt, da meine Modelle ohne den Begriff "Seele" auskommen.

Wenn ein Wesen wiedergeboren wird, so muss etwas von ihm weitergegeben werden, das die Erfahrungen eines vergangenen Lebens auf der Erde bewahrt hat. Für den Buddhismus bedingen die Taten eines Menschen und das sich aus ihnen ergebende Karma eine neue Geburt, ohne dass etwas von der einen Person in die andere übergeht. Das Gefühl, eine Person oder ein Ich zu sein, wird als Illusion betrachtet. Für den Hinduismus ist der Ātman "das wirkliche, unsterbliche Selbst des Menschen, das der Westen als Seele bezeichnet." (Aus dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren.) Der Ātman wird als neues, individuelles Wesen wiedergeboren. In der Gnosis, im Manichäismus und in unterdrückten christlichen Strömungen wurde die Seelenwanderung gelehrt.

Einige Bemerkungen zur Etymologie des Wortes "Seele":

"In der hebräischen Bibel, dem Tanach, stellen 'Seele' und Körper Aspekte des als Einheit aufgefassten Menschen dar. Die den Körper belebende Kraft (religionswissenschaftlich: Körperseele, Vitalseele) heißt im biblischen Hebräisch nefesch (נפש), neschama oder auch ru'ach. Alle drei Begriffe bezeichnen ursprünglich den Atem." (Wikipedia.)

"Das altgriechische Substantiv psychē (ψυχή) hängt mit dem Verb psychein ('blasen', 'atmen') zusammen; es bedeutete ursprünglich 'Hauch', 'Atem' und daher auch 'Leben'." (Wikipedia.)

Wie ich in meinem Gedankensplitter "Leben ist Bewegung" vom 18. Mai 2009 ausgeführt habe, habe ich die vier Bodhisattva-Gelübde abgelegt, die in mir ganz lebendig sind. Das erste Gelübde lautet: "Zahllos sind die Lebewesen; ich gelobe, sie alle zu retten."

Es wäre oberflächlich zu sagen: "Jesus ist der Heiland der Welt. Er hat alle gerettet." Ich sehe das anders. Jesus hat die Bewegung der Rettung in die Welt gesetzt. Ich will Jesus vollständig nachfolgen und ich kann daher nicht anders als diese Bewegung der Rettung aufzunehmen und in seinem Namen zur Rettung aller alles beizutragen, was von mir nur kommen kann, über meinen Tod hinaus.

Nach meinem Tod wird es meine Aufgabe sein, an meiner Integration mitzuwirken, es zuzulassen, dass mein Christusleib der Reihe nach alle Elemente meiner anderen Schichten, des physischen Leibes, des Empfindungsleibes, des Gefühlsleibes und des Gedankenleibes aufnimmt, wie ich es in meinem Buch "Jesus für alle" im Kapitel "Jesus heute" beschrieben habe.

Wenn ich das nicht schaffe, darf ich mir helfen lassen. Und wenn ich es nicht schaffe, die Hilfe anzunehmen, haben wir dann einen unvollendeten Komplex, der ein neues Wesen auf der Erde generiert? Dabei ist nicht zu vergessen, dass Begriffe wie "Person" und "Ich" hier keine Erklärung liefern. Es würde ja eine neue Person mit einem neuen Ich-Bewusstsein entstehen.

Wie dem auch sei, was auch immer geschieht, meine Hingabe ist vollständig und ich wiederhole: "Zahllos sind die Lebewesen [nicht etwa nur die Menschen]; ich gelobe, sie alle zu retten."

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Was bedeutet die Taufe?  -  18. Jänner 2010

Jesus ließ sich im Jordan von Johannes taufen. (Mt 3,13; Mk 1,9; Lk 3,21.)

Johannes sagte über ihn sinngemäß: "Ich taufe euch mit dem Wasser der Reinigung und der Umkehr. Nach mir kommt einer, der wird euch mit dem Geist Gottes und dem Feuer der Liebe taufen." (Nach Mt 3,11; Mk 1,8; Lk 3,16.)

Die Kreuzigung Jesu und jegliches Leiden und Sterben in seiner Nachfolge wird im übertragenen Sinn als eine Taufe bezeichnet. (Lk 12,50; Mk 10,38-39.)

Die Jünger des Johannes berichteten ihm: "Rabbi, der Mann, der jenseits des Jordans bei dir war und für den du mit deinem Zeugnis eingetreten bist, denke nur: der tauft (jetzt auch), und alle laufen ihm zu." (Joh 3,26.)

Diese Stelle wird im Skriptum "Dogmatik" der theologischen Kurse der Erzdiözese Wien bei der Erklärung des Sakraments der Taufe mit keinem Wort erwähnt. Im Kommentar des Stuttgarter Neuen Testaments wird sie so erklärt, wie ich es in meiner Bearbeitung der Stelle ausgedrückt habe: "Nach dem Pessachfest hielt sich Jesus mit seinen Jüngern in Judäa auf. Den Jüngern, die von Johannes zu ihm gekommen waren, erlaubte er, die Menschen zu taufen."

Als der Auferstandene den Jüngerinnen und Jüngern in Galiläa erschien, sagte er über die Taufe in meiner Bearbeitung: "Und die euch darum bitten, die tauft auf den Namen des Vaters und auf den Namen des Menschensohns und Messias’, den er gesandt hat, und auf den Namen des Geistes, der von ihm ausgeht." (Nach Mt 28,19.)

Die Taufe ist ein Untertauchen, Sterben und Neugeborenwerden, wie es Jesus dem Nikodemus zumutet. In meiner Bearbeitung lautet das so: "Ich sage dir eines: Wenn du das Reich Gottes betreten willst, musst du aus Wasser und Geist geboren werden, jetzt, in deinem Alter. Das Wasser schenkt dir die Umkehr, und der Geist schenkt dir den neuen Weg." (Nach Joh 3,5.)

Wie schön, wenn dieser grundsätzliche Vorgang einem Menschen geschenkt wird! Noch schöner, wenn ein Mensch dabei fähig wird, sich bewusst auf Jesus zu beziehen! Es handelt sich dabei nicht um ein einmaliges, kurzes Ereignis, sondern um einen Vorgang, der den Menschen langsam ergreift und verwandelt. Ich frage mich: Wie viele Menschen haben in den letzten zweitausend Jahren diesem Vorgang radikal Raum gegeben, sodass er bis in die Tiefe hinein in ihnen wirken konnte?

Eine Zeremonie wie die Erwachsenentaufe oder die Tauf- und Firmerneuerung der ökumenischen charismatischen Bewegung kann ein Meilenstein auf diesem Weg sein, wofern nicht das Nachplappern dogmatischer Formulierungen verlangt wird. Eine solche Zeremonie kann aber auch Illusionen fördern, z.B. wenn die in Einzelfällen lebendige und echte Gabe der Zungenrede zu einem allgemeinen Kriterium für die Anwesenheit des heiligen Geistes gemacht wird. (Siehe Apg 10,44-48.)

Die evangelische Kirche lässt mit Recht alle getauften Christen zum Abendmahl zu. Darüber hinaus ist nach meiner Meinung jeder Mensch, der mehr bewusst oder mehr unbewusst den Vorgang der Neugeburt erlebt, zum Abendmahl eingeladen, unabhängig davon, welcher Religion er angehört und ob er überhaupt einer Religion angehört. Denn auch andere Religionen wie Islam, Hinduismus und Buddhismus kennen und verehren Jesus auf ihre Weise. Ein Sonderfall ist das Judentum, denn Juden und Jüdinnen sind durch christliche Menschen zu sehr verfolgt und verletzt worden. In jüdischer Sicht war Jesus ein bedeutender Sohn des jüdischen Volkes. Wenn aber ein Jude sagt, dass Jesus der Messias war, wird er leicht als Verräter behandelt. Nach meiner Vorstellung ist die einzige Bedingung der Zulassung zum Abendmahl die Sehnsucht, dabei zu sein. Wie der Titel eines meiner Bücher sagt: "Jesus für alle".

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Wort des lebendigen Gottes?  -  13. Jänner 2010

In den Eucharistiefeiern der römisch-katholischen Kirche sagt der Lektor nach den Lesungen "Wort des lebendigen Gottes."

Aber Gott hat den Autoren der Bibel den Text nicht wörtlich eingegeben. Gott hat in ihre konkrete Situation hinein gesprochen und sie haben das, was sie davon aufnehmen konnten, "in eigene Worte gefasst; in die ihnen eigene Sprache und Vorstellungswelt übersetzt... Dies bedeutet, dass die Bibel als Gotteswort im Menschenwort bezeichnet werden kann. In die Bibel ist sehr viel Menschliches eingeflossen; nicht nur Sprache und Ausdrücke, sondern auch menschliche Reaktionen wie Ängste, Zweifel, Aggressionen, Versuchungen zu Feuer, Schwert und Gewalt..." (Aus: "Die Bibel, Wort des lebendigen Gottes?" von Fritz Köster.)

"Die Bibel ist Wort Gottes, aber sie ist Wort Gottes in menschlicher Sprache, in menschlicher Situation. Sie ist und bleibt ein historisches Dokument aus einer fernen, weit zurück liegenden, uns fremd gewordenen Welt. Sie bedarf der kundigen Über‑Setzung in unsere Zeit."

"Es gibt also kein 'reines' Wort Gottes, unabhängig von der menschlichen Sprache, ohne Menschen-wort. Selbst die Worte Jesu, des Sohnes Gottes, unterliegen als Worte des Menschgewordenen den Gesetzen und Grenzen menschlicher Sprache." (Aus: "Zum Jahr der Bibel" von Norbert Scholl.)

Eine Bischofssynode hat im Vatikan im Jahr 2008 unter dem Titel "Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche" festgehalten:

" - dass es das Charisma der Inspiration erlaubt, zu sagen, Gott sei der Autor der Bibel, ohne dabei den Menschen selbst als wirklichen Autor auszuschließen. Denn im Unterschied zum Diktat hebt die Inspiration die persönliche Freiheit und die Fähigkeiten des Schriftstellers nicht auf, sondern erleuchtet und inspiriert sie;"

" - da die Bibel Wort Gottes in menschlicher Sprache ist, erfolgt ihre Interpretation in Übereinstimmung mit literarischen, philosophischen und theologischen Kriterien."

Die Formulierung "Wort des lebendigen Gottes" betrifft daher nicht den Inhalt jedes einzelnen Satzes der Bibel, sondern vielmehr die Bibel als Ganze in dem Sinn, dass sie eine Sammlung von Geschenken Gottes an uns ist. Dabei ist noch der Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Bundesbuch zu beachten. Die Geschichten und Prophetien des Ersten Bundesbuches wurden von Christen manchmal bloß als Hinweise auf das Kommen Jesu Christi in diese Welt gesehen. Sie sind jedoch in ihrer vollen Eigenständigkeit anzuschauen, als Geschenke des einen Gottes, der der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott des Mose und der Gott Jesu ist.

Die Formulierung "Wort Gottes in menschlicher Sprache" drückt aus, dass die Bibel in ihrer menschlichen Form und Ausdrucksweise von Gott inspiriert ist. Die Inspiration bezieht sich dabei auf jeden Satz der Bibel, nicht in dem Sinn, dass jeder Satz von Gott diktiert oder irrtumsfrei wäre, sondern in dem Sinn, dass jeder Satz in dem Hören auf Gott oder in der Auseinandersetzung mit Gott oder in dem Ringen mit Gott, in der Liebe zu Gott oder in der Wut auf Gott niedergeschrieben ist.

Unser eigenes Hören auf Gott oder unsere Auseinandersetzung mit Gott oder unser Ringen mit Gott, unsere Liebe zu Gott oder unsere Wut auf Gott werden nicht jeden Satz der Bibel anerkennen. Wir werden auch vom Geist der Bibel her neue Formulierungen finden. Aus solcher Betroffenheit sind meine Bibelbearbeitungen entstanden.

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Die Folgen der Gier  - 13. Jänner 2010

Als ich fünfundfünfzig Jahre alt war, dachte ich mir: Es müsste doch schön sein, in der Pension denselben Lebensstandard zu haben wie früher. Daher zahlte ich zweimal für mich hohe Geldbeträge bei sogenannten Risikogeldanlagen ein, wo mir sehr hohe Zinsen versprochen wurden. Ich dachte mir: In der Pension werde ich dann immer nur die Zinsen abschöpfen und so viel Geld haben wie früher, ohne dass das Stammkapital weniger wird. Ich habe beide Male das gesamte Geld verloren, denn es handelte sich um Schneeballsysteme, wie bei dem Milliardenbetrüger Bernard L. Madoff, nur in bescheidenerem Ausmaß. Die Dummheit und Gier der Anlageberater und der anderen Menschen, die darauf hereinfielen, darunter auch ich, hatten die Systeme lange Jahre am Leben erhalten, bis die Seifenblasen platzten.

Was mir damals nicht klar war: Die Gewinne, die ich einzustreifen hoffte, hätte ich durch das Blut und die Tränen, die unmenschliche Behandlung und die Qual der Armen erhalten. Das wird z.B. in dem Film "Let's make money" von Erwin Wagenhofer eindringlich gezeigt und in dem Buch "Uns gehört die Welt! - Macht und Machenschaften der Multis" von Klaus Werner-Lobo auch für Jugendliche verständlich dargestellt.

Die Börsen der Welt, die das neoliberale globale Wirtschaftssystem am Laufen halten, sind in meinen Augen Spielcasinos. Klaus Werner-Lobo schreibt in der Zusammenfassung des Kapitels "Geld regiert die Welt": "Ein großer Teil der weltweiten Finanzströme hat gar keine realwirtschaftliche Grundlage mehr (also zum Beispiel Investitionen in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen), sondern profitiert von der Spekulation auf Kursschwankungen bei Aktien, Rohstoffen oder Währungen."

Ein wirksames Mittel gegen kurzfristige Spekulationsgeschäfte mit Fremdwährungen wäre "die sogenannte Tobin-Steuer. Sie ist nach dem Nobelpreisträger James Tobin benannt und beinhaltet die Besteuerung aller Käufe und Verkäufe von Devisen in der Höhe von lediglich 0,01 bis 0,5 Prozent."

Die Tobin-Steuer wurde von James Tobin 1972 vorgeschlagen. Der Artikel über die Tobin-Steuer bei Wikipedia enthält folgende Neuigkeit: "Während der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 entschied die EU, sich für die Steuer auszusprechen und forderte den Internationalen Währungsfonds auf, die Einführung der Steuer in Angriff zu nehmen."

Diese Maßnahme allein, so heilsam sie sein mag, wird das krasse Unrechtsystem unserer Weltwirtschaft nicht ändern.

Wenn man also Geld übrig hat, was soll man damit machen?

1. Denen schenken, die zu wenig haben, und ohne jede Absicherung leben wie die "Vögel des Himmels" und die "Lilien auf dem Feld". (Mt 6, 25-34.) Das schaffen wohl nur die wenigsten. Aber man muss ja nicht alles hergeben. Klaus Werner-Lobo sagt dazu: "Wer viel hat, kann teilen: mit Obdachlosen, Flüchtlingen und anderen, die weniger haben als wir selbst. Teilen ist ein Akt des Ausgleichs und nicht des Mitleids."

2. Erspartes nur in Sparbüchern mit fixen Zinsen anlegen, nicht in Investment-Fonds.

3. Lebensversicherungen nur mit Versicherungsleistung als festem Geldbetrag abschließen, auch in diesem Fall nicht mit Fondsanteilen spekulieren.

4. Geld bei Institutionen anlegen, die Mikrokredite an die Armen vergeben. Bei Oikocredit bekommt man dafür 2 % Dividende.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Ist der Buddha gottlos?  -  13. Dezember 2009

"Der Buddhismus ist eine nicht-theistische Religion. Wie in manchen anderen Religionen - im Taoismus, Jainismus und in gewissen Formen des philosophischen Hinduismus - gibt es auch im Buddhismus für Gott keinen Platz. Er erkennt kein oberstes Wesen im Sinne eines Weltenschöpfers an." (Aus Sangharakshita: "Mensch? Gott? Buddha?".)

Brahma und andere Götter werden im Buddhismus nicht als Ausdruck der letzten Wirklichkeit gesehen. Und Fragen in die Richtung eines höchsten Gottes werden für den Erlösungsweg des Menschen als nicht relevant angesehen. Der Buddha hat solche Fragen nicht beantwortet und seinen Schülerinnen und Schülern empfohlen, sich solchen Themen nicht zuzuwenden.

Ist der Buddha deswegen gottlos? Ich habe in diesen Gedankensplittern schon vom Ishin-Denshin gesprochen, der Übertragung von Herz-Geist zu Herz-Geist. So soll das Buddha-Dharma vom Meister auf die Schüler übertragen werden. Da der Status des Meisters bzw. der Anspruch, ein Meister zu sein, auch missbraucht werden kann, sage ich lieber: von Mensch zu Mensch.

Wenn ich meinen Herz-Geist dem Buddha zuwende, so erfahre ich eine große Weite, die oft missverstanden wird. Es geht ihm darum, den Menschen einen Weg zu weisen, der sie aus dem Leid herausführt, das sie sich selbst und anderen zufügen, oder das unabänderlich als ihr eigener Tod oder der Tod ihrer Lieben auf sie wartet. Dieser Weg ist missverständlich als der Weg zur Erleuchtung bezeichnet worden, denn es geht nicht darum, Erleuchtung zu erreichen, sondern das Streben nach Erleuchtung fallen zu lassen und sich nie als eine Erleuchtete oder einen Erleuchteten zu fühlen oder zu bezeichnen. Denn jede Bezeichnung mit "ich bin" oder "er/sie ist" hält fest und verfehlt ihr Ziel.

Im Herz-Sutra sagt der Buddha: "Gate, gate, parasamgate, bodhi svaha." Für diese Worte gibt es verschiedene Übersetzungen und Deutungen.

Wörtlich: "Gegangen, gegangen, hinübergegangen, ans andere Ufer hinübergegangen, zum Erwachen gelangt, Heil!"

Man kann es aber auch so auslegen: "Zerfalle, zerfalle, alles zusammen zerfalle; wir können nichts dagegen tun."

Diese beiden Versionen sind wie zwei Seiten einer Münze. Die eine Seite bedeutet, die Vollendung gefunden zu haben. Die andere Seite bedeutet, dass alles weggefallen ist, was der Vollendung im Weg war. Doch damit ist nicht alles gesagt. Denn vollendet zu werden ist ein Vorgang, der über Zeit und Ewigkeit hinausführt und so gesehen niemals einen Abschluss findet. Von der Transzendenz werden immer neue Horizonte eröffnet. Und dass etwas wegfällt, schließt ein, dass es in die Vollendung hineinfällt und dort aufgehoben wird.

Der (historische) Buddha ist der Tathāgata, der so Dahingelangte, der so Gekommene, der Vollendete, oder derjenige, bei dem alles Hindernde zerfallen ist. Und mit dem (eigenen inneren) Buddha in uns sind wir alle auf demselben Weg, dem Weg zum Nirvāna, zum vollkommenen Überwinden von Gier, Hass und Wahn, zum Zuruhekommen der Tatabsichten und zum Eingehen in eine völlig andere Existenzweise.

Ich beschreibe nun das Nirvāna mehr mit meinen eigenen Worten als nach den verschiedenen buddhistischen Schulen. Ich bin nicht auf dem Weg zum Nirvāna, und das Nirvāna ist an keinem Ort. Es ist hier. Es ist überall. Es ist nirgends. Gier, Hass und Wahn werden nicht überwunden, sondern liebevoll berührt, bis sie ihrer Verwandlung zustimmen. Die Tatabsichten kommen zur Ruhe, aber das Strömen der Liebe kommt zur Fülle der Verwirklichungsmöglichkeiten. Das Nirvāna ist keine andere Existenzweise, sondern es ist das Einbringen von allem Irdischen in seine eigenste Existenz. Es ist unabhängig von allen Beschreibungen, allen Wegen, die gezeigt und allen Übungen, die geboten werden. Nirvāna ist nicht einfach Verlöschen, und es ist nicht einfach Glückseligkeit. Es ist nicht Abkapselung, sondern das restlose Zugewandtsein. Der Buddha hat sich geweigert, das Nirvāna zu beschreiben.

Der Buddha konnte manches nicht lehren, denn Jesus war noch nicht geboren. Einiges von dem, was er nicht lehren konnte und was doch zutiefst zu ihm und zu jedem Menschen gehört, habe ich in die obigen Beschreibungen eingeflochten.

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Wie real ist die Realpräsenz?  -  13. Dezember 2009

Die Evangelischen und die Katholischen sprechen von der Realpräsenz, womit gemeint ist, dass beim Herrenmahl, wie der ökumenische Ausdruck lautet, in Brot und Wein der Leib und das Blut des auferstandenen Jesus anwesend und gegenwärtig sind. Es handelt sich hier um mehr als um das Geschehen, das die beiden Emmausjüngerinnen oder -jünger erlebten, als sie den Auferstandenen beim Brotbrechen erkannten, worauf er ihren Blicken entschwand. (Lk 24,30-31.) Und es handelt sich um mehr als um das, was Jesus meint, wenn er sagt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18,20.)

In Brot und Wein sind also der Leib und das Blut des auferstandenen Jesus anwesend und gegenwärtig. Glauben wir das oder wissen wir das? Im Oktober 1978, gerade als Karol Józef Wojtyła zum Papst gewählt worden war, verbrachte ich zwei Tage in Darmstadt-Eberstadt, um dort die evangelischen Marienschwestern auf ihrem Wohnsitz "Kanaan" zu besuchen. Jetzt, da ich mich an diese Tage erinnere, habe ich ein wenig im Internet gesucht, um zu sehen, was aus der Gemeinschaft geworden ist. Dabei habe ich folgenden Bericht gefunden: "Wenn Gebundene frei werden ... Eine ehemalige Marienschwester erzählt ihre Geschichte." von Charlene Andersen. Der Bericht wirkt auf mich wirklich befreit, offen und ehrlich. Die Frau, die heute mit einem ehemaligen Franziskusbruder aus "Kanaan" verheiratet ist, ist in den vierzehn Jahren ihrer Ordenszugehörigkeit durch eine Hölle gegangen. Der Bericht endet mit den Worten: "Es ist nicht unsere Absicht, Streit und Spaltung hervorzurufen, wie einige behaupten. Dennoch kann es keinen wahren Frieden und keine Versöhnung geben, wenn man Handlungen und Lehren vertuscht, die wohlmeinende, vor allem junge Leute verletzen und ausbeuten. Wir wünschen all denjenigen Heilung und Freiheit, die durch 'Kanaan' negativ beeinflusst worden sind. Zu diesem Zweck werden wir auch weiterhin die Wahrheit sagen. Lassen Sie uns daran erinnert sein, dass wir alle Gott gegenüber dafür verantwortlich sind, was wir mit unserem Wissen anfangen."

Doch nun zurück zum Oktober 1978. Am zweiten Tag nahm ich an einem Gottesdienst mit Abendmahl teil, der auf "Kanaan" in der Jesu-Ruf-Kapelle stattfand und den ein evangelischer Pfarrer hielt. Bei der Predigt kritisierte der Pfarrer - wohl anlässlich der Wahl eines neuen Papstes - die Prunkentfaltung im Vatikan. Die Stimmen des Schwestern-Chors wirkten auf mich überirdisch schön. Und dann kam das Abendmahl. Ich ging nach vorne, denn alle getauften Christen waren eingeladen, also auch ich als Katholik. Ich nahm Brot und Wein und damit Leib und Blut Jesu. Es traf mich wie ein Blitz - nicht wie ein zerstörender, sondern wie ein erhellender. Es war ein Erlebnis, wie es der folgende Satz beschreibt: "Wie der Blitz vom Osten ausgeht und bis zum Westen leuchtet, so wird es auch mit der Ankunft des Menschensohnes sein." (Mt 24,27.) Ich erlebte, dass Jesu Kirche eins ist, dass er über den Spaltungen steht, die die Menschen machen. Ich erlebte, dass er wahrhaftig präsent war. Und meine Tränen flossen.

Ich komme zurück zu der Frage: Glauben wir das oder wissen wir das? Meine Antwort ist, dass Gott uns die Konvergenz von Glauben und Wissen schenkt. Erlebnisse dieser Art bilden die Bausteine des herrlichen Gebäudes aus Glauben und Wissen, und sie gehen niemals wieder verloren. Gott baut auf solchen Erlebnissen auf. Und heute, 31 Jahre später ist es so, dass oft, wenn ich zur katholischen Kommunion oder zum evangelischen Abendmahl gehe, meine ganze innere Befindlichkeit schlagartig verändert wird, von Wut zu Verständnis, von Ungeduld zu Gelassenheit, von Verwirrung zu Durchblick, von indifferenter Befindlichkeit zu dem Spüren, dass Jesus mit seinem Leib und Blut in mir ist und Heilung und Heil bewirkt.

Der Vorsteher des Gottesdienstes spricht vor dem sogenannten Einsetzungsbericht die Epiklese. In meiner Fassung des zweiten Hochgebets der römisch-katholischen Kirche lautet sie wie folgt: "Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit Leib und Blut des auferstandenen Jesus in ihnen wohnen und uns immer mehr mit ihm und untereinander verbinden."

Es erfolgt nicht auf magische Weise und es geschieht doch, dass der Leib des auferstandenen Jesus in dem Brot Wohnung nimmt und dass das Blut des auferstandenen Jesus in dem Wein Wohnung nimmt. Wenn wir Brot und Wein nehmen, werden uns im evangelischen Gottesdienst die Worte zugesprochen: "Christi Leib, für dich gegeben" und "Christi Blut, für dich vergossen". Und wenn wir nun essen und trinken, nehmen der Leib Jesu und das Blut Jesu Wohnung in uns, gestalten und verändern uns. Und wenn wir nun die anderen Menschen anschauen, ist Jesus wirklich in unserer Mitte. Es handelt sich hier wahrlich um ein Sakrament, um ein Mysterium, das ausgehend von einem Kern alles verwandelt: zuerst das Brot und den Wein, dann die Menschen, die Brot und Wein nehmen, dann die Gemeinschaft der Menschen, dann die Umwelt und die Erde.

Lassen wir die Wirkung dieses Sakramentes zu. Bremsen wir es nicht durch Unwillen, durch Unverständnis oder durch Gefühle der Unwürdigkeit.

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Der Sohn und der Vater  -  29. November 2009

Vor einigen Tagen habe ich das folgende kleine Gedicht geschrieben:

Messias

Wo viel Licht ist,
ist viel Schatten.
Doch du bist ein neues,
ein unbekanntes Licht –
ein Licht,
das keinen Schatten wirft.

Wer das schattenlose Licht sieht, sieht den Sohn, in einer unvergesslichen, für immer prägenden, unvergleichlich anziehenden Art und Weise. Den Vater kann man nicht sehen. Man kann sich ihn auch nicht vorstellen. Er / sie / es ist der Urgrund. Das Wort "Urgrund" verwende ich dabei als Platzhalter für Unsagbares, Unspürbares. Der Vater geht über Sein und Nichts, Tun und Lassen, Zeit und Ewigkeit hinaus. Man kann sich ihm zuwenden, kann sich ihm vollständig hingeben, kann ihm alles überlassen. Das kann man tun zusammen mit dem Sohn, der uns in allem und jedem vorangeht, mit dem man von Herz zu Herz verbunden sein kann, der uns mitnimmt, der uns an sich zieht.

Alles, was der Vater tut, kann er nur durch den Sohn tun. Er ist restlos auf den Sohn angewiesen. Und der Sohn ist restlos auf den Vater angewiesen. Er hat nichts, was er nicht vom Vater empfängt. Und auch wir haben letzten Endes nichts. Alles ist uns geschenkt, angefangen mit dem Leben, das wir einmal erhalten haben, vor unserer Geburt, vor unserer Empfängnis.

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Der Jesus, der in meinem Herzen lebendig wird  -  24. November 2009

Gestern Abend sagte Gerhild, meine Frau zu mir: "Es kommt nur darauf an, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Wenn ich das tue, sind alle Religionen gleichwertig."

Ich antwortete: "Ja, das hat Jesus gesagt. Er hat aber noch etwas anderes gesagt: Komm und folge mir nach."

Sie fragte: "Was heißt das, ihm nachfolgen?"

Ich antwortete: "So lieben, wie er geliebt hat, bedingungslos und bis zum Letzten."

Leider ist das Zweite Bundesbuch ein sehr menschliches Werk. Jesus spricht von Rettung und droht Verdammung an. Jesus sagt, man soll den "Bruder" nicht mit Schimpfworten benennen, er selbst beschimpft jedoch die Pharisäer und Schriftgelehrten pauschal in ganz schlimmer Weise. Jesus scheut nicht davor zurück, mit den Verachteten der Gesellschaft Gemeinschaft zu haben, aber er sagt, wenn ein "Bruder" auf die "Gemeinde" nicht hören will, so soll er ausgeschlossen werden.

Und Paulus führt das Anathema, den Bannfluch in die christlichen Gemeinden ein:
1. Kor 16,22: Wer den Herrn nicht liebt, der sei verflucht!
Gal 1,9: Wenn jemand euch eine andere Heilsbotschaft verkündigt als die, welche ihr (von mir) empfangen habt: Fluch über ihn!

Zeitbedingtes und Allzumenschliches mischt sich mit der "frohen Botschaft". Wie war Jesus wirklich? Was hat er wirklich gesagt? Ich gehe auch von anderen Blickwinkeln aus, aber mein Blickwinkel auf die Bibel ist der Blickwinkel meiner Bearbeitungen, in denen ich ausdrücke, was mir von Herzen kommt und was nach meiner Meinung dem Leben und der Liebe dient.

Ich folge Jesus nach, dem Jesus, der in meinem Herzen lebendig wird und der sich bedingungslos dafür hingibt, alle zu retten und niemanden zu verdammen. Ich sehe in seinem Leben einen Lernprozess, zum Beispiel wenn er sich zunächst nur zu den Israeliten gesandt fühlt und dann erkennt, dass er für alle Menschen da ist. Und wenn ihm grässliche apokalyptische Schilderungen in den Mund gelegt werden - hat er es wirklich gesagt, und wenn ja, hat er es deswegen gesagt, damit es niemals eintritt? Wir wissen es nicht.

Ich folge dem Jesus nach, der sich selbst vollständig dem Vater hingegeben hat und der gänzlich für alle Menschen und die ganze Schöpfung da ist, über seinen Tod hinaus. Ein anderer Jesus kann in mir nicht lebendig werden.

Gerhild kommentiert das so: Jesus war nicht römisch-katholisch!

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Ich bin kein Schaf  -  22. November 2009

Als ich vor knappen drei Jahren die Kirchenreformbewegung "Wir sind Kirche" näher kennenlernen wollte, sah ich mir die Website der Bewegung an. Da fiel mir auf, dass sie eine Schriftenreihe herausgegeben hatten, die sich "Herdenbriefe" nennt. Ich dachte mir: Wenn sich jemand mit Mitra und Hirtenstab schmückt und wenn dieser jemand "Hirtenbriefe" schreibt, so ist das seine Sache. Aber man wird doch nicht freiwillig "Herdenbriefe" herausgeben und sich selbst ein Schaf nennen. Ich bin kein Schaf.

Vorgestern habe ich einen Vortrag über die notwendige und notwendende Geschwisterlichkeit in der Kirche gehört. Der Vortragende (Paul Weß) sagte dabei, dass bereits wenige Jahrhunderte nach dem Tod Jesu die Priester für die anderen Christinnen und Christen zu Vätern wurden, die als Hirten eine Herde zu betreuen hatten. Ich bin aber kein Herdentier, nicht einmal ein Herdentier Gottes.

Der Psalm 23 beginnt mit den Worten:

Der HERR ist mein Hirt;
mir mangelt nichts.
Auf grünen Auen lässt er mich lagern,
zum Lagerplatz am Bache führt er mich.
Er erquickt meine Seele.

In meiner Bearbeitung klingt das so:

Der Herr behütet mich;
Tag und Nacht sorgt er für mich.
Wie das Vieh sich freut
über saftige Weiden und frisches Wasser,
so freue ich mich über meinen Gott.

Im Psalm 95 gibt es folgende Passage:

Denn er ist unser Gott,
und wir das Volk seiner Weide,
die Herde seiner Hand (oder: Hut).

Diese Zeilen habe ich so wiedergegeben:

Er ist unser Gott
und wir sind sein Volk,
das er liebt und das er leitet.
Gebt euch vollständig hin
und erwartet alles von ihm.

(Meine Psalmenbearbeitungen sind in meinem Buch "Du bist da" enthalten.)

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Gott und Urvertrauen  -  22. November 2009

Unlängst habe ich ein Bonmot gehört: "Ein Dogma ist ein Gesetz, das Gott vorschreibt, wie er zu sein hat." Dieses Bonmot entspricht meiner Art zu beten, ohne Gott irgendetwas vorzuschreiben.

Wenn ich bete, rede ich Gott so an: "Mein Herr und mein Gott". Das entspricht dem Gebet von Bruder Klaus, das ich täglich mehrmals bete. (Siehe meinen Gedankensplitter "Hingabe als Grundprinzip des Lebens".) Das ist auch die Aussage des Thomas über den auferstandenen Jesus. (Siehe Joh 20,28.) Und so wird Gott auch angeredet in vielen Psalmen der Bibel in meiner Bearbeitung.

Wenn ich Gott mit "Mein Herr und mein Gott" anrede, so weiß ich letzten Endes nichts über den, den ich so anspreche. Er ist weiblich / männlich / sächlich und transzendiert alle diese Bestimmungen. Aber ich gebe mich ihm voll Vertrauen vollständig hin. An einem Punkt meines Lebens, ich war schon über fünfzig Jahre alt, habe ich ein ganz tiefes Vertrauen erhalten, ein Urvertrauen, das besagt, dass ich geborgen bin, was auch immer geschieht. Ich habe damals das Urvertrauen eben nicht mit dem Verstand erfasst, sondern mit tiefer liegenden Schichten meiner Persönlichkeit. Und langsam hat es sich ausgebreitet, zum Vertrauen auf das Leben, auf Gott, auf die Welt.

Wer oder was auch immer das ist, den ich mit "Mein Herr und mein Gott" anrede, ich vertraue ihm vollkommen. Und ich setze es in Beziehung zu Jesus, dessen Herzen ich mich Tag für Tag weihe und dem ich nachfolge. Er, der mich den Weg zur Wahrheit und zum Leben führt, ist er etwa vollständig in Gott enthalten? Und ist das etwa unser aller Ziel, das Ziel aller Menschen und der ganzen Schöpfung?

Dazu sage ich ja.

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Ist die Offenbarung abgeschlossen?  -  10. November 2009

Im Johannesevangelium steht folgender Satz: "Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen (= einzigen) Sohn hingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben." (Joh 3,16.)

Die Übersetzung "eingeborener Sohn" ist von Martin Luther, die erklärende Beifügung "einziger Sohn" ist von Hermann Menge. Im griechischen Original steht hyios monogenes (monos = einzeln, einzig, genes = geboren oder gezeugt, hyios = Sohn).

Origenes hat gesagt, dass die Zeugung des Sohnes durch den Vater aus der Zeit herausgehoben ist. Es gibt keinen Zeitpunkt in der Vergangenheit, an dem das geschehen ist. In unser Verständnis hinein übertragen ist es die große, immerwährende Gegenwart des unvorstellbar innigen Verhältnisses von Vater und Sohn.

In meiner Bearbeitung (veröffentlicht in meinem Buch "Du bist Liebe") lautet der Satz in Joh 3,16 so: "Denn Gott liebt die Welt so sehr, dass er sich selbst in dem Menschensohn hingibt, damit alle, die es möchten, nicht zugrunde gehen, sondern ewig leben."

Jesus ist Gottes Sohn wie kein anderer. Er ist nicht einfach das Siegel der Propheten. Propheten gibt es auch nach Jesus. Aber Jesus ist unverwechselbar. Er allein hat für alle Zeiten, für die Zeiten vor und nach ihm, Gott selbst auf die Welt gebracht, das Wesen Gottes, die unermessliche Liebe Gottes. Er verkörpert die unermessliche Hingabe an Gott, die unvorstellbare Nähe zu Gott, die unvorstellbare Hingabe an alle Menschen und den ganzen Kosmos, die dazu führt, dass von ihm zu Recht gesagt wird: Ja, er ist selbst Gott.

In diesem Sinn ist die Offenbarung abgeschlossen.

Jesus ruft uns in die Nachfolge. Je mehr wir in diese bedingungslose Hingabe hineinwachsen, die er uns vorgelebt hat, desto mehr werden wir Gott ähnlich. Und irgendwann, bei den meisten Menschen wohl erst nach ihrem Tod, wenn wir durch alle Höllen und Himmel gegangen sind, werden wir ganz vergottet, werden wir vollständig von ihm erfüllt sein, werden wir in ihm aufgegangen sein und dabei ganz wir selbst sein. Origenes nennt das Apokatastasis panton (Wiederherstellung oder Neuordnung von allem).

Die Vergottung (Theosis) des Menschen ist nach Gregorios Palamas "eine übernatürliche Teilhabe und Einigung mit der Wesensenergie Gottes." Dabei gibt Gott seine Transzendenz und der Mensch seine Geschöpflichkeit nicht auf. Im Westen schwächt man den Ausdruck "Vergottung" des byzantinischen Theologen ab und spricht von Vergöttlichung. (Aus einer Beschreibung des Buches "Philosophie in Byzanz" von Georgi Kapriev.)

Wir haben als Menschen die Aufgabe erhalten, die ganze Schöpfung in die Neuordnung mit hineinzunehmen. Nicht nur wir selbst werden sterben und auferstehen, die ganze Erde wird sterben, und sie wird ihren Auferstehungsleib erhalten. An unserer eigenen Auferstehung und an der Auferstehung der Erde dürfen und müssen wir arbeiten, JETZT, im Namen Gottes, im Herzen mit Jesus verbunden.

In diesem Sinn ist die Offenbarung niemals abgeschlossen, solange die Erde besteht.

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Ein Acrylbild zu Lk 13,10-17  -  29. Oktober 2009

                                   

Dieses Bild habe ich zu Lk 13,10-17 gemalt: Jesus heilt am Sabbat eine Frau, deren Rücken so stark gekrümmt war, dass sie sich nicht mehr aufrichten konnte.

Ich habe nur die Farben Schwarz und Gelb verwendet, und das Bild hat einen Entstehungsprozess. Erst habe ich einen schwarzen Klumpen in der Mitte gemalt, der größer und größer geworden ist, entsprechend zu den Jahren, in denen die Frau immer mehr niedergedrückt wurde. Dann habe ich eine breite gelbe Einfassung gemalt, mit der Vorstellung, dass nun die heilende Kraft die Frau umhüllt und schützt. Schließlich habe ich das Gelb in den schwarzen Bereich eindringen lassen und habe, den Pinsel von innen nach außen führend, den schwarzen Bereich immer mehr mit Verlebendigung und Heilung erfüllt, bis schließlich das Gelb als strahlender Sieger das Schwarz nicht umgebracht, sondern integriert hat in den Bereich des Lichtes und der Liebe.

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Wie Bibelinterpretation nicht sein soll  -  12. Oktober 2009

Geht ein Mann zum Schneider und lässt Maß nehmen für einen neuen Anzug. Nach einer Woche kommt er zur Anprobe. Dabei stellt er fest, eines der Hosenbeine ist zu lang. “Nur, wenn Sie so steif stehen,” sagt der Schneider, “im Gehen, ein Bein nach vorne, passt er genau.” “Aber das Sakko schlägt am Rücken Falten!” wundert sich der Kunde. “Sie stehen so unnatürlich. Da ist das kein Wunder. Beugen Sie sich nach vorne! So passt es wie angegossen,” entgegnet der Schneider. “Und warum ist der linke Ärmel so kurz?” fragt der Mann. “Weil Ihre Schulter hängt. Ziehen Sie die Schulter hoch! Sehen Sie: Ein perfekter Sitz!” Der Mann lässt sich überzeugen. Zahlt und geht wie ihm geraten im Anzug auf die Straße. Da kommen ihm zwei Damen entgegen. Flüstert die eine der anderen zu: “Schau mal, der arme Krüppel!” Antwortet die andere: “Ja, aber einen guten Schneider hat er!”

So soll Bibelinterpretation nicht sein.

Im 19. Kapitel des ersten Mose-Buchs kündigt Gott Abraham an, dass er die Städte Sodom und Gomorra vernichten werde. Abraham tritt als Fürsprecher für die Menschen ein und bringt Gott zu der Zusage, dass er die Städte verschonen werde, wenn er auch nur zehn Gerechte dort finden werde. Gott findet aber nur einen einzigen Gerechten, nämlich Lot, den Neffen Abrahams. Daher wird Lot, seiner Frau und seinen beiden Töchtern die Möglichkeit geboten, aus Sodom zu fliehen. Es wird Lot aufgetragen, auf der Flucht nicht stehen zu bleiben und sich nicht umzudrehen.

"Als dann die Sonne über der Erde aufgegangen und Lot in Zoar angekommen war, ließ der HERR Schwefel und Feuer vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra regnen und vernichtete diese Städte und die ganze Jordan-Ebene samt allen Bewohnern der Ortschaften und allem, was auf den Fluren gewachsen war." (1.Mose 19,23-25.)

Lots Frau hatte sich umgedreht und war stehen geblieben. Da hatte sie die flüssige Lava eingehüllt, und sie war zu einer Salzsäule erstarrt.

Ich frage mich: Ist Gott wirklich so fundamentalistisch, dass er in Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Gerechten und Ungerechten unterscheidet? Und ist Gott wirklich so blind, dass er unter so vielen Menschen nur einen einzigen Gerechten findet? Und ist Gott wirklich so grausam, dass er unterschiedslos alle Menschen niedermacht, große und kleine, alte und Kinder, und dass er dazu noch die Fluren und Felder vernichtet?

Der Leiter eines Bibelabends, an dem ich teilnahm, erklärte voll Freude, diese Bibelstelle zeige, wie Gott die Menschen rette. Als ich auf das Ausmaß der Vernichtung hinwies, antwortete er: "Es hängt davon ab, wo Sie den Schwerpunkt setzen." Als er das sagte, wurde ich an den alten Witz mit dem Schneider erinnert.

Eine Freundin unserer Familie hat keine Antwort gewusst, als ihr sechsjähriger Sohn sie fragte: „Gott hat doch gesagt, Du sollst nicht töten. Und bei der Sintflut bringt er dann so viele Menschen um?“

Das Kind hat recht. Die Erwachsenen trauen sich oft nicht, so geradlinig zu denken.

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Liebe und Multidimensionalität  -  10. Oktober 2009

Es hat sich in meinem Leben als wesentlich herausgestellt, einen weiten Blickwinkel zu haben. Oder besser noch: mit möglichst vielen Blickwinkeln gleichzeitig zu schauen. Das verleiht Gelassenheit. Wenn Sie es versuchen wollen: Man muss sich zurücknehmen und vom Hinterkopf her ein weitgefächertes Schauen und Hören zulassen. Zulassen ist das richtige Wort, denn man darf dabei nicht ungeduldig sein, nicht drängen. Und es geht nie darum, einen Standpunkt durchzusetzen. Es geht immer um die Sache.

Ja, aber was ist denn eigentlich die Sache? Rutscht man auf diese Weise nicht in Beliebigkeit und Relativismus ab? Das geschieht nicht, wenn die Basis die Liebe ist. Ich habe natürlich meine Meinung, aber die wird immer neu gestaltet, sie bildet sich weiter im liebevollen Hören auf alle und alles und ganz besonders in der vollständigen Hingabe an den höchsten Herrn, den ich immer wieder bitte, mir zu zeigen: Wo ist mein Weg?

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Hingabe als Grundprinzip des Lebens  -  6. Oktober 2009

Das Grundprinzip des Lebens und der Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist Hingabe: Hingabe an Gott, Hingabe an Jesus, den unüberbietbaren Wegbereiter, Hingabe an Maria, die unüberbietbare Wegweiserin, Hingabe zwischen Mann und Frau, Hingabe an alle Menschen, Hingabe an die ganze Schöpfung. Hingabe lässt einen nicht innerlich verhungern, sondern sie führt zu Freude und Bereicherung.

Ich versuche, aus der Hingabe heraus jede Begegnung zu gestalten, jedes Denken, Fühlen und Handeln zu leben. Es gelingt mir nicht ganz, aber ich bin auf dem Weg dazu. Der Weg führt zu Freiwerden von Heuchelei und von süßlichem Lächeln, und er führt dazu, dass man zu einem Reagenzglas wird, in dem sich Bitterkeit auflöst, die eigene Bitterkeit und die Bitterkeit von Menschen, die einem begegnen. Der Weg führt zu schöpferischem Frieden. Mir ist bewusst, dass ich keinen Grausamkeiten und keinem blinden Hass ausgesetzt bin, dass es aber das alles in der Welt gibt.

Die Hingabe soll nach Möglichkeit jeden Augenblick des Lebens bestimmen. Daher bete ich täglich mehrmals das Gebet von Bruder Klaus:

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.

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Rangstreit und Herrenmahl  -  22. September 2009

Jesus warnt die Jünger immer wieder vor dem Rangstreit. Bei Matthäus, Markus und Lukas gibt es Szenen, wo die Jünger mit der Frage beschäftigt sind, wer der Größte von ihnen sei oder wer der Größte im Reich Gottes sei. (Mt 18,1-5; Mk 9,33-37; Lk 9,46-48.)

Einer Predigt des katholischen Pfarrers Josef Mohr in Heidelberg entnehme ich: "So war das also bereits am Anfang - und nicht erst später, wo die apostolischen Ränge und Ränkespiele die Kirche Christi in Mißkredit brachten, unglaubwürdig machen bis auf den heutigen Tag. Da kann er sich noch so oft wiederholen: Die Kirche, seine Jünger, seine Christen, bleiben bei dem ewigen Hickhack, eben dem 'Rangstreit der Jünger'."

In einem Informationsartikel der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs habe ich die folgenden Sätze gefunden: "Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen einigten sich erst 1973 auf ein gemeinsames Abendmahlsverständnis: 'Wir bekennen die Gegenwart des auferstandenen Herrn unter uns.' Spekulationen über die Art dieser Gegenwart werden abgelehnt – dies bleibt ein Geheimnis des Glaubens." (Das Einigungsdokument ist die "Leuenberger Konkordie".)

In dem Taschenbuch "Abendmahlsgemeinschaft ist möglich. Thesen zur Eucharistischen Gastfreundschaft" vertreten das Centre d`Etudes Oecumeniques (Strasbourg), das Institut für Ökumenische Forschung (Tübingen) und das Konfessionskundliche Institut (Bensheim) die folgende Auffassung: "Eucharistische Gastfreundschaft im Sinne der gegenseitigen Einladung, an der Mahlgemeinschaft mit Christus teilzunehmen, trotz der noch bestehenden Unterschiede im theologischen Verständnis und in der Praxis der Kirchen ist theologisch verantwortbar und in vielen Fällen pastoral sogar geboten. Die ökumenische Arbeit hat einen Stand erreicht, der nicht nur für einzelne Christen Konsequenzen hat, sondern gebietet, von einer reinen 'Notstandsseelsorge' zu einer offiziellen Praxis eucharistischer Gastfreundschaft zu kommen. Deshalb plädieren die Verfasser für eine offene Praxis eucharistischer Gastfreundschaft als Normalfall im Leben ökumenisch verbundener Gemeinden."

Dieses Buch ist kurz vor dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 herausgekommen. Wie ich einem Artikel der Welt Online vom 27. Juni 2008 entnehme, soll es auch auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München 2010 keine gemeinsame Feier des Abendmahls geben. "Die Kirchenleitungen suchen die Teilnehmer zu disziplinieren, dass es nicht zu solchen spektakulären Akten kommt wie am Rande des ersten gemeinsamen Treffens 2003 in Berlin. Dort gab es eine 'offene Kommunionfeier'. Zu ihr hatte der emeritierte katholische Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl auch Nichtkatholiken eingeladen. Er wurde prompt vom Priesteramt suspendiert - vom damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx, der als Erzbischof von München und Freising 2010 katholischer 'Gastgeber' des Kirchentages sein wird."

Ist da nicht auch der Rangstreit der Jünger im Spiel?

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Wahre Hingabe ist grenzenlos  -  22. September 2009

In früheren Gedankensplittern habe ich mitgeteilt, dass ich mich dem Herzen Jesu geweiht habe, und dem Herzen Marias, und dem Herzen Gerhilds, meiner Frau, über den Tod hinaus, und dass ich diese Weihe Tag für Tag erneuere. Daher kann ich sagen: Ich gehöre Jesus. Voll und ganz. Kann ich denn da noch jemand anderem gehören? Ja. Ich kann auch sagen: Ich gehöre Maria. Voll und ganz. Und was ganz wichtig ist: Ich gehöre Gerhild, meiner Frau. Voll und ganz. Ich gehöre ihr restlos. Da ist nichts mehr übrig, was nach anderen Frauen schielt.

Und es geht weiter, darüber hinaus. Es gibt keine Grenze dafür, sich zu verschenken. Und es raubt keine Kraft, denn es öffnet die Möglichkeit und Wirklichkeit des Gebens und Nehmens. Das ist kein Widerspruch dazu, dass es krankhafte Situationen gibt, in denen man sich schützen muss. Doch sogar in solchen Situationen erhebt sich die Frage: Was wird mir geschenkt? Was wird aus mir heraus-gemeißelt?

Wenn ich mit Menschen beisammen bin, und wenn ich dann spüre, ich gehöre jedem einzelnen von ihnen, werde ich ganz leicht und frei. Wenn ich zwischen mir und dem Menschen, den ich für böse halte oder der ganz anders ist als ich oder dessen Verhalten und Worte ich gerade überhaupt nicht verstehe, keine Mauer errichte, verhindere ich, dass wir uns beide im eigenen Saft drehen, ermögliche ich die Befreiung.

Ich gehöre allen Menschen und der ganzen Schöpfung. Wenn ich durch den Wald gehe, spüre ich, dass ich jedem Baum und jedem Tierchen gehöre. Daher weiß ich, dass ich immer mehr Achtsamkeit und Verantwortung entwickeln muss.

Alles das sind keine Gedanken für das Sitzen am Schreibtisch, sondern für die Übung im Alltag.

Täglich bitte ich Gott, dass er mir seine Kraft und Liebe schenkt, damit ich mich daran erfreuen und sie weitergeben kann. Und nun ist mir etwas anderes aufgefallen. Dieser wunderbare einzige Gott, der zugleich nah und fern, zugleich vertraut und fremd ist, will auch geliebt werden, grenzenlos geliebt werden, und er antwortet auf die Liebe, die ich ihm zuwende, mit einer grenzenlosen und unvorstellbar schönen Berührung.

Er ist ausschließlich für mich da. Und ausschließlich für dich. Voll und ganz.

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Jesus ist für alle Menschen aller Zeiten da  -  22. September 2009

Auf meine Startseite habe ich als Motto meiner Theologie geschrieben:
Meine Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein Gotteshaus ist die Erde.

So allgemein dieses Motto klingt, ich verstehe es von Jesus her. Als Beispiel bringe ich meine zusammenfassende Bearbeitung der Stellen Mt 15,21-28 und Mk 7,24-30 mit dem Titel "Jesus heilt die Tochter einer Syrophönizierin":

Jesus ging nun von Galiläa weg und zog mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in das Gebiet der alten phönizischen Städte Tyrus und Sidon. Die Leute hier hatten ihre eigene Religion und nicht die jüdische. Die Kunde von seinen Taten hatte sich auch in diesem Gebiet verbreitet, und er wurde bald von einer syrophönizischen Frau angesprochen. Sie sagte: Herr, meine Tochter ist von einem Dämon besessen. Hab Erbarmen mit uns, ich weiß, dass du helfen kannst!

Jesus hatte schon viele nichtjüdische Leute geheilt, denn aus allen Richtungen waren sie nach Galiläa gekommen. Doch diese Frau hatte ihn mit „Herr“ angesprochen und ihn damit als einen Gesandten Gottes über alle religiösen Grenzen hinweg geehrt. Daher sagte er zu ihr: Komm morgen wieder.

In der Nacht betete er intensiv zu Gott, dem Vater und erlangte dabei die Gewissheit, dass er der Heilige Gottes für alle Menschen aller Religionen war und nicht nur für die jüdischen Bewohner von Galiläa und Judäa.

Am nächsten Tag kam sie wieder. Sie strahlte vor Freude, fiel auf die Knie, ergriff seine Hand und sagte: Meine Tochter ist geheilt, Herr. Ich danke dir so sehr!

Jesus fragte: Wann wurde sie geheilt?

Die Frau sagte: Mitten in der Nacht schrie sie laut auf. Dann war es vorbei. Sie hatte wieder ihre frühere Stimme und konnte mir wieder in die Augen schauen. Ich bin so glücklich!

Da wusste Jesus, dass sie genau zu der Zeit geheilt worden war, als ihn der Vater für alle Menschen aller Religionen und aller Zeiten gesendet hatte.

In der Nachfolge Jesu bin auch ich für alle Menschen aller Religionen und aller Zeiten da.

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Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit  -  8. September 2009

Seit ich den Roman "Gigamord" von Christoph Kühnhanss gelesen habe, ist mir viel mehr bewusst, dass mein Fleisch einmal von mir abfällt und verwest, dass meine Knochen, blankgeputzt, einmal zu Staub zerfallen. Doch dieser unendlich feine, unendlich fein verteilte Staub wird wie Augen sein, die überall im Kosmos aufgehen, und besonders auf der Erde. Diese Augen werden überall strahlen, und sie werden mir, der ich dann nicht mehr bin, erlauben, überall die Liebe zum Leuchten zu bringen, denn Augen können nicht nur sehen, sondern auch etwas vermitteln.

Wer wird das Leuchten wahrnehmen?

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Gott und Transzendenz  -  8. September 2009

Heute habe ich ein kleines Gedicht gemacht:

Von Gott
das Licht wegnehmen
und die Dunkelheit,
die Zeit wegnehmen
und die Ewigkeit.
Was bleibt?
Nichts.
Was bleibt?
Gott.
Was bleibt?
Liebe pur.

Gott transzendiert alle unsere Bestimmungen der letzten Wirklichkeit. Er transzendiert das Persönliche und das Unpersönliche. Er hat etwas Verhüllendes und etwas Offenbarendes. Er hat etwas, das wartet, und etwas, das wirkt. In meiner Bearbeitung des ersten Kapitels des Daodejing habe ich geschrieben:

Es gibt einen zeitlosen Urgrund in allem.
Es gibt einen Weg in allem,
der sich in der Zeit entfaltet.
Das Wortlose
ist der Urgrund von Himmel und Erde.
Das Benennende
ist die Entelechie aller Dinge.

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Einheit als Geschenk Gottes  -  4. September 2009

Vor einigen Tagen im Arbeitszimmer. Gerhild, meine Frau, betritt den Raum. Und dann drei Eindrücke, Schlag auf Schlag. Ich sehe Gerhild von hinten und spüre: Wir sind eins. Gerhild setzt sich zu mir und schaut mich an, und ich spüre: Wir sind eins. Ich denke etwas, und in dem Augenblick spricht Gerhild es aus, und ich spüre: Wir sind eins.

Dieses Spüren der Einheit hatte eine ganz besondere Färbung. Es ging von der Erotik her in die Tiefe. Es war erotisch und zugleich viel, viel mehr, etwas Unerschütterliches, Unauslöschliches, etwas, das unabhängig von Raum und Zeit besteht.

So entsteht Staunen und Dankbarkeit, über diesen Zufall, über dieses Geschenk Gottes, das uns zugefallen ist.

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Ist Jesus auferstanden?  -  4. September 2009

Meiner Meinung nach muss man mit der Frage beginnen: Gibt es eine Auferstehung der Toten? Zur Zeit Jesu war das eine Streitfrage. Die Pharisäer sagten ja, die Sadduzäer, zu denen die höhergestellten Priester gehörten, sagten nein. In Lk 20,27 beginnt eine Auseinandersetzung zwischen Jesus und einigen Sadduzäern, die damit endet, dass Jesus in meiner Bearbeitung sagt: "Hast du nicht in der Schrift gelesen, wie Mose vor dem brennenden Dornbusch stand, und wie Gott zu ihm sagte: 'Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs'? Glaubst du denn, dass Gott ein Gott von solchen ist, die nicht mehr existieren? Oder dass er ein Gott von toten Schatten ist, die im Totenreich gefangen gehalten werden? Nein, er ist ein Gott von solchen, die zum vollen Leben erwacht sind."

Alle Menschen gehen nach dem Tod durch einen Prozess, in dem sie zum vollen Leben erwachen. Abraham, Isaak und Jakob sind zum vollen Leben erwacht. Und ausgerechnet Jesus sollte nicht zum vollen Leben erwacht sein? Das wäre absurd.

Es liegt also auf der Hand, dass Jesus auferstanden ist. Bleibt noch die Frage nach der Bedeutung des leeren Grabes. Jesus ist auferstanden, unabhängig davon, ob sein Grab nun leer war oder nicht. Was das leere Grab jedoch andeutet, ist, dass der Prozess, in dem er zum vollen Leben erwachte, von der Kürze eines Blitzes war, dass die Kategorien von Zeit und Ewigkeit blitzartig von ihm abgefallen sind. Ob das Turiner Grabtuch nun echt ist oder nicht, es ist eine Möglichkeit, dass sein Körper sich von einem Augenblick zum anderen durch Abstrahlung aufgelöst hat, und dass der abgestrahlte, verwandelte Körper in der umfassenden neuen Existenz Jesu geborgen ist.

Was ist nun das Besondere an Jesu Auferstehung? Dazu sagt der Kolosserbrief etwas. Nach Kol 1,15 ist Jesus der Erstgeborene der ganzen Schöpfung und nach Kol 1,18 ist er der Erstgeborene der Toten. Als der Erstgeborene der ganzen Schöpfung ist er unsere Brücke ins irdische Leben und als der Erstgeborene der Toten ist er unsere Brücke in das Leben, das mit dem Tod nicht endet. Er ist unser Leben.

Was das für uns bedeutet, ist freudige Erwartung oder sogar das Gefühl, schon angekommen zu sein, von dem Grauen des Todes niemals mehr verschlungen werden zu können.

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Wespen, Spinnen und Nacktschnecken  -  4. September 2009

In diesem Jahr hat es mehr Wespen als sonst gegeben. Wenn wir auf der Terrasse beim Frühstück sitzen, kommen sie. Sie interessieren sich sehr für Marmelade, Honig und Müsli. Sie trinken auch gern unseren Tee. In dem Fall müssen wir sie allerdings vor dem Ertrinken retten. Manchmal stellen wir einen kleinen Teller mit Marmelade oder saftigen Birnenresten seitlich auf, damit sie von den Sachen, die wir selbst essen wollen, abgelenkt werden. Wenn eine auf unseren Händen krabbelt, regt uns das nicht auf. Weder meine Frau noch ich haben eine Insektengiftallergie.

Bei anderen Leuten beobachten wir oft, dass sie beginnen, um sich zu schlagen, um die Wespen zu verscheuchen, oder sie erschlagen die kleinen Tiere.

Wir haben auch Spinnen im Haus. Unlängst zeigt meine Frau in eine obere Zimmerecke und sagt zu mir: "Schau dir das an." Ich sehe oben einen Weberknecht und sage: "Da sind ja lauter kleine Pünktchen daneben." Meine Frau lacht und sagt: "Das werden lauter kleine Spinnen. Die dürfen bei uns leben."

Was nicht bei uns leben darf, sind Nacktschnecken. Meine Frau hat heuer schon tausende mit der Schere zerschnitten. Angeblich ist das für die Schnecken weitgehend schmerzlos. Sie streut auch Schneckenkorn, allerdings ein solches, das für die Gehäuseschnecken unschädlich ist. Wir bekämpfen die Nacktschnecken mit Bedauern, weil wir es nicht besser wissen. Wir haben erst damit begonnen, als es erwiesen war, dass die Schnecken sonst unseren Gemüsegarten kahlfressen.

Der springende Punkt ist der: Kann ein Mensch die anderen Wesen spüren? Wenn er der kleinen Wespe zuschaut, kann er dann spüren, wie sie für sich sorgt und leben will? Wenn er durch einen Wald geht, kann er dann spüren, nicht nur denken, welch lebenserhaltendes Geschenk die Bäume sind? Es wird für die Menschheit lebensentscheidend sein, dass möglichst viele Menschen diese Spürfähigkeit entwickeln und sich von ihr auch leiten lassen. Man muss die gesamte Natur spüren können und auch die Menschen, die ein Teil der Natur sind, die selbst Säugetiere sind. Nicht nur Wespen, auch Menschen werden grundlos erschlagen. Oder sie werden bedroht und erniedrigt.

Die Menschen haben einen besonderen Auftrag. In der Bibel wird dieser Auftrag leider missverständlich ausgedrückt. Im ersten Schöpfungsbericht lässt der Autor Gott zu den Menschen, zu Mann und Frau sagen: "Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde an und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alle Lebewesen, die auf der Erde sich regen!" (1.Mose 1,28.)

Dieser Satz ist aus dem Geist einer anderen Zivilisation geschrieben, aber er ist so und so schlimm genug. Vielleicht ging der Autor von dem Idealbild eines guten Königs aus, der das Zusammenleben seiner Untertanen so ordnet, dass alle gut leben können.

Was soll dieser Satz in der heutigen Zeit? Die Menschheit vermehrt sich in den armen Ländern hemmungslos, weil die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Die Natur wird zerstört, durch die Rücksichtslosigkeit von Großkonzernen in Gemeinschaft mit korrupten Politikern, und genauso durch die Verzweiflung der ganz Armen, die ums tägliche Überleben kämpfen. Viele Arten von Lebewesen sind durch Profitgier fast oder ganz ausgerottet.

Gott hat den Menschen außergewöhnliche Fähigkeiten geschenkt. Diese Fähigkeiten können eingesetzt werden, um die Erde so zu gestalten, dass das menschliche Zusammenleben aufblüht und neben dem Menschen alle Wesen leben dürfen. Die Realität ist anders. Ungerechtigkeit führt zu Hass. Hass führt zu Terror. Wie kann sich das ändern, solange die reichen Länder nicht bereit sind, die Ausbeutung der armen Länder aufzugeben, und solange die Menschen in den reichen Ländern darauf bedacht sind, dass ihnen nichts weggenommen wird? Die Abgestumpftheit wächst. Die Empfindungsfähigkeit ist zu gering. Die Demut ist zu wenig vorhanden.

Die Menschheit ist dabei, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Es ist jetzt schon so, dass viel Hass zwischen Menschen, zwischen Bevölkerungsgruppen besteht und viel Gewalt angewendet wird. Wie wird das erst werden, wenn es zum Kampf um lebensnotwendige Ressourcen wie Wasser kommt, und wenn die Armen die zynisch bewachten Grenzen der reichen Länder überrennen, weil sie keine andere Chance mehr haben?

In dem Roman "Eiland" hat Aldous Huxley geschildert, wie sich auf einer abgelegenen tropischen Insel durch Meditation, Gestalttherapie und psychedelische Drogen eine ideale Gesellschaft entwickelt und schließlich zerstört wird, weil von außen der "Fortschritt" kommt. Daraus kann man ersehen: Die heutigen menschlichen Mittel werden nicht reichen, um eine Wende herbeizuführen. Und es wird nichts Erfolg haben, was nicht global übernommen wird.

In meinem Buch "Jesus für alle", das bald erhältlich sein wird, entwerfe ich im Kapitel "Die Auferstehung der Erde" ein Schichtenmodell der Erde, und zwar mit dem Grundbegriff "Integral". Dabei verstehe ich unter dem Integral das eine Ganzheit bildende Moment. Die entscheidende Schicht ist dabei das Christus-Integral, das alles ins Sein ruft und vollendet. Ich beschreibe in diesem Kapitel den kollektiven Übergang zur Transparenz, der jetzt auf der Erde notwendig ist, und gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass wir Menschen zu diesem Übergang viel beitragen können, dass er aber doch ohne eine besondere Emanation des Christus-Integrals nicht geschehen wird. Darum bete ich täglich um die neue Emanation des Christus-Integrals, damit die Erde nicht zugrunde geht und die Menschen in Frieden leben können.

Anmerkung vom 7. September 2010:

Die Erde wird nicht zugrunde gehen. Im Worst-Case-Szenario wird die Spezies Mensch zugrunde gehen und die Erde wird sich regenerieren. Hiezu folgendes Zitat:

"Die Gaia-Hypothese ist eine, von dem Kybernetiker und Klimatologen James Lovelock und der Mikrobiologin Lynn Margulis ausgearbeitete wissenschaftliche Konzeption des irdischen Ökosystems als lebendigem Organismus. Die Gaia-Hypothese besagt, dass unsere Erde ein intelligentes Lebewesen darstellt, das sich selbst steuert (Selbstorganisa­tion) und optimiert… Die oft falsche Interpretation der Gaia-Hypothese, dass alles eben doch nicht so schlimm ist, weil die Erde ein selbstregulierendes System ist, führt zu ökologischer und politischer Blindheit und übersieht den entscheidenden Faktor: Gaia wird überleben - aller Wahrscheinlichkeit nach auch nach einem nuklear-ökologischen Holocaust. Doch wir Menschen und unsere Lebensressourcen werden eliminiert sein." (Aus einem Artikel der Naturkost Holthausen.)

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Was ist heilige Schrift?  -  2. September 2009

Zunächst eine sprachliche Information. Ich sage nicht Altes Testament, sondern Erstes Bundesbuch. Und ich sage nicht Neues Testament, sondern Zweites Bundesbuch, in Übereinstimmung mit den Bezeichnungen, die die Reformierte Kirche der Niederlande verwendet.

Vieles im Zweiten Bundesbuch ist selbstgerecht und/oder gehässig und/oder unbarmherzig, vom Ersten Bundesbuch ganz zu schweigen. So, wie es ist, kann man es beim besten Willen nicht als "frohe Botschaft" verkünden. Dass die Bibel so geworden ist, wie sie ist, ist Sache der biblischen Autoren und der Gruppen, die sie repräsentieren. Das Ganze pauschal als heilige Schrift zu bezeichnen, dazu sage ich nein. Und es ist doch heilige Schrift, denn die heilige Schrift ist darin verborgen, wie Goldkörner im Sand. Man kann sich davon berühren lassen, kann sich dem hingeben, kann die Goldkörner freilegen und polieren.

Wenn zum Beispiel ein Gleichnis der Evangelien vorgelesen wird, das nach meiner Meinung im Sand endet, so habe ich als typische Reaktion eines Menschen gehört: "Das ist schwer zu verstehen." Man wagt nicht, einfach nein zu sagen.

Den Sand muss man weglassen oder ändern. Ein Beispiel für Weglassen ist das Buch "Taizé - Gemeinsame Gebete für das ganze Jahr". In diesem Buch wird bei jeder Andacht ein Psalm wiedergegeben. Es werden aber Verse weggelassen, und die Verse werden teilweise umgestellt. Beispiele für Ändern sind meine Bearbeitungen der Bibel. Welche biblischen Texte ich insgesamt bearbeitet habe, habe ich in meinem Gedankensplitter "Warum ich biblische Texte bearbeite" angeführt.

Das Weglassen und Umstellen von Versen geht bei einigen Psalmen gut, aber es geht nicht bei der ganzen Bibel. Es würde nur ein Torso übrigbleiben.

Die Theologie beginnt nicht nach der Bibel, sondern in der Bibel, und diese Theologie ist durchaus menschlich, z.B. als Kriegstheologie, Opfertheologie, apokalyptische Theologie usw. usw..

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Vergeltung und Subtileres  -  1. September 2009

Mt 5,39 lautet in meiner Bearbeitung: "Vergeltet Böses nicht mit Bösem." Im Sinn von Mahatma Gandhi und Martin Luther King könnte man auch sagen: "Reagiert auf Gewalt nicht mit Gewalt." Das kann aber nach meinem Verständnis nicht heißen, dass man sich und andere Menschen nicht schützen soll.

Wenn man ganz sicher ist, dass das, was der andere Mensch getan hat, böse ist, dann ist es gut, die böse Tat abzulehnen. Aber es ist nicht gut, den ganzen Menschen als böse zu bezeichnen und abzulehnen.

Als eine verhängnisvolle Verkettung des Bösen bringe ich das folgende Beispiel aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone: "Die Revolutionäre Vereinigte Front nahm Kinder mit und brachte sie dazu, schreckliche Dinge zu tun wie das Töten von Familienmitgliedern. Diese Kindersoldaten waren besonders grausam, denn sie hatten nie etwas anderes als Gewalt kennengelernt. Für sie war das Leben kein Wert, und das Töten begann ihnen Spaß zu machen. Wenn sie Leute amputieren wollten, fragten sie sie, ob sie lange Ärmel oder kurze Ärmel wollten. Lange Ärmel bedeutete, dass die Hand abgeschnitten wurde. Kurze Ärmel bedeutete, dass der ganze Arm abgeschnitten wurde." (Aus: "The High Price of Diamonds" von Tehtena Tsegaye, Übersetzung von mir, http://www.newmoon.com/content/?id=9551&type=1.)

Es gibt aber auch Taten, die nicht böse sind, sondern die einem einfach gegen den Strich gehen. Solche Taten werden oft als böse bezeichnet, das heißt, das Böse wird in sie hineinprojiziert. Ein typisches Beispiel ist die Verfolgung von sogenannten Häretikern durch die katholische und die evangelische Kirche. In vergangenen Jahrhunderten wurden abweichende Einzelpersonen und ganze Gruppen blutig, grausam und wortbrüchig (wie im Fall von Jan Hus, dem freies Geleit zugesichert wurde und der dann doch verbrannt wurde) verfolgt. Die Glaubenskongregation der römisch-katholischen Kirche, die die Nachfolgeorganisation der Inquisition ist, erniedrigt und verfolgt sogenannte Häretiker bis zum heutigen Tag, soweit die Restmacht, die ihr verblieben ist, das zulässt.

Daher ist es gut und notwendig, das oben angeführte Bibelzitat zu erweitern: "Unterdrückt das nicht, was euch gegen den Strich geht." Bzw.: "Schädigt den Menschen nicht, der etwas tut, das euch gegen den Strich geht." Voltaire soll einmal gesagt haben: "Ich verabscheue Ihre Meinung. Aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie sie äußern dürfen." Auch das kann nicht heißen, dass man sich und andere Menschen und die von der menschlichen Maßlosigkeit gequälte Erde nicht schützen soll, wenn etwas schief läuft. Doch die Gefahr ist groß, dass man für das, wogegen man sich sträubt, blind wird, und dass man den Menschen, der das tut, gar nicht mehr richtig sehen kann.

Mir ist noch etwas Subtileres aufgefallen. Ein Beispiel: Ich sitze mit anderen Leuten um einen Tisch. Jemand sagt etwas. Wenn ich nun denke: "Ich sehe das anders", habe ich schon den Kontakt mit diesem Jemand, das Gespür für ihn verloren. Wenn ich mich mit innerer Stille auf den anderen Menschen einstelle, werde ich etwas von ihm und über ihn verstehen, das ich sonst nie mitgekriegt hätte. Anschließend kann ich ja sagen, was ich sehe (nicht, wie ich das sehe), oder ich kann schweigen (wenn ich meine, es ist jetzt nicht der richtige Augenblick, das zu sagen).

Gegen die Art und Weise, wie vieles Zwischenmenschliche in der Geschichte gelaufen ist und auch heute noch läuft, will ich die Vielfalt der menschlichen Talente und Blickwinkel sehen und wertschätzen. Das ist die Aufgabe meines Buches "Jesus ohne Dogmen", an dem ich gerade arbeite.

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Ein Fleisch und ein Geist  -  15. August 2009

Im ersten Schöpfungsbericht der Bibel steht, dass Gott die Frau aus einer "Rippe" des Menschen schuf. So lautet es in den meisten Bibelübersetzungen. Doch das hebräische Wort tsäla heißt nicht nur Rippe, es heißt auch Seite, und in dieser Bedeutung wird es in der Bibel sonst verwendet. Gott macht also aus einer Seite des Menschen die Frau, und der Mensch, von dem die Seite genommen wurde, erkennt sich als der Mann, und so entstehen die beiden Seiten des Menschen, der Mensch als Mann und der Mensch als Frau. Daraufhin ruft der Mann erfreut aus: "Diese endlich ist es: Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch!"  "Darum verläßt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt seiner Frau an, und sie werden ein Fleisch sein." (1.Mose 2,23-24.)

Mit Fleisch wird hier ihre Einheit bezeichnet. Zur vollständigen Einheit gehört allerdings, dass sie auch ein Geist werden. Ein Fleisch und ein Geist, ein Fühlen und ein Tun, jetzt und bis zum Tod und über den Tod hinaus, dann in einer Existenz, in der das „Fleisch“ verwandelt ist.

Geht da nicht die Individualität verloren? Werden sie so nicht zu einem Doppelmonster, in dem weder er noch sie ihre eigentlichen Anlagen, ihren besonderen Lebensweg entfalten können? Weit gefehlt. Es ist nicht wie ein Tiegel, in dem alles homogenisiert und eingeschmolzen wird, sondern in dem Tiegel entstehen neue und überraschende Formen beider, die anders gar nicht oder jedenfalls nicht in solcher Schönheit entstanden wären.

Diesen Vorgang, der zugleich ein Zustand ist, nenne ich Glück.

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Projektionen auf Gott  -  14. August 2009

Ich gehe von folgenden Basisannahmen aus:
1. Gott ist, er ist jenseits von Sein und Nichtsein da.
2. Das Wort "Gott" ist männlich; Gott selbst ist jedoch männlich, weiblich und sächlich.

Was wurde nicht alles über Gott gesagt:
Er ist ein idealer König;
er ist ein Vater;
er ist ein Rächer;
er gibt Schutz und Geborgenheit;
und vieles andere.

Es gibt ein Bilderverbot in Bezug auf Gott:
In den zehn Geboten der Bibel;
im Calvinismus;
im Islam.

Was ist also zu tun? Sich Gott vollständig zu öffnen, mit grenzenlosem Vertrauen, mit einer großen Aufmerksamkeit, die Tag und Nacht immer wieder aufgenommen wird. Das hat ungeahnte Auswirkungen.

Es ist nicht so, dass auf diese Weise das eigene Selbst auf Gott projiziert wird. Das eigentliche, erstarkte Selbst ist das vollkommen hingegebene Selbst, das mit Gott eins wird.

Teresa von Avila hat das gewusst, und sie hat gesagt: Solo Dios, basta. Gott allein genügt.

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Schatten und Licht  -  12. August 2009

Diese beiden Begriffe verwende ich hier eigenständig, nicht im strengen Sinn der analytischen Psychologie.

Ich lese gerade den Roman "Gigamord" von Christoph Kühnhanss. Auf Seite 137 lässt er einen Jonas sagen: "Es ist längst etwas Neues zum Leben erwacht. Etwas, das weit über dem Einzelnen steht: Es ist das lebendige Monster Menschheit. Sie ist eine kopflose Spinne, die ihr tödliches Netz über den ganzen Planeten gesponnen hat, in dem alles zugrunde geht. Die Hölle, das sind wir, nicht die vielen Einzelnen, sondern das Wir aus uns allen zusammen. Dieses gewaltige, giga-köpfige Riesenmonster, dieses Giga-Subjekt, das nicht denkt, fühlt und bewusst handelt und doch will."

In diesem Zitat wird eine Bewegung geschildert, die in den Abgrund führt, die dabei ist, die Erde zu zerstören und die (nicht nur) dem Autor ernste Sorgen bereitet. Im Gegensatz dazu beschreibe ich in meinen Büchern das Leben, das unzerstörbar ist, das mit dem Tod nicht endet.

Vor einigen Tagen habe ich im Traum gesehen, wie ich durch eine Wohnung gehe, in der ich früher gewohnt habe, die früher schön und neu und gepflegt war und nun alt, verwahrlost und verkommen ist. Der Traum macht mich darauf aufmerksam, dass es in meinem Leben etwas gibt, was vernachlässigt wird. Er zeigt mir, dass es eine Lichtseite und eine Schattenseite im menschlichen Leben gibt. Er macht auf etwas aufmerksam, das im Schatten liegt.

Der Gedanke ist nun nicht von der Hand zu weisen, dass es nicht nur eine Lichtseite und eine Schattenseite der menschlichen Einzelpersönlichkeit gibt, sondern auch eine Lichtseite und eine Schattenseite der Menschheit als ganzer. Christoph Kühnhanss weist als ein Warnender auf die Schattenseite der Menschheit hin, auf das, was nicht ins Licht gehoben wird und daher ruinöses Potenzial besitzt. Ich weise auf die Lichtseite der Menschheit hin, die reinigendes, heilendes und heiligendes Potenzial besitzt.

In meiner Bearbeitung der synoptischen Evangelien lasse ich Jesus sagen: (Siehe Mt 5,14-16; Mk 4,21-22; 9,49; Lk 8,16-17; 11,33.)

"Meine Jüngerinnen und Jünger, die von Herz zu Herz mit mir verbunden sind, sind das Licht der Welt, wie auch ich das Licht der Welt bin. Man zündet keine Öllampe an und stülpt einen Waschtrog darüber, sondern man setzt sie auf das Lampengestell, damit der ganze Raum beleuchtet wird. Also lasst euer Licht leuchten, damit die Menschen durch eure Worte und Taten das Reich Gottes erfahren können. Seid wie eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt und weithin sichtbar alle Leute einlädt."

"Und bedenkt, dass ihr nichts zu verbergen habt. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird, und es ist nichts geheim, was nicht ans Licht kommen wird."

"Macht es wie das Öl in der Lampe. Lasst euch vom Feuer der Liebe verzehren, bis nichts mehr von euch übrig ist. So wird alles bewahrt, was ihr je gewesen seid und was ihr seid."

Das, was ich im letzten Absatz geschrieben habe, meine ich wörtlich, und ich bin auf dem Weg dazu. Niemand braucht Angst zu haben, dass in der vollständigen Hingabe seine Persönlichkeit ausgezehrt wird. Im Gegenteil, sie erfährt eine ungeahnte Bereicherung.

Und einen Roman wie "Gigamord" zu schreiben ist ohne Hingabe nicht möglich.

Feedback von Christoph Kühnhanss:

Die Jesuszitate treffen meine Grundintention für "Gigamord" ins Herz: Ich will ja nicht die ganze Menschheit verteufeln, sondern über diesen Umweg dazu aufrütteln, genau auf das sich zu besinnen, was uns Menschen so einzigartig macht: Die Fähigkeit zu Mitgefühl, zu Liebe, zu Nachsicht, zur Kunst, zur Philosophie, zum Licht.

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Für Mathematiker  -  9. August 2009

Gegeben sei ein Weltall W, das von einem X ins Leben gerufen und ständig am Leben erhalten wird. Dieser X hat in dem Weltall eine Entwicklung in Gang gesetzt, die zu immer größerer Bewusstheit führt, sodass das Leben zu sich selbst erwacht, und er hat dafür gesorgt, dass das Leben in einer ganz besonderen Art und Weise in der Gattung Y erwacht. Dieser X hat einen Z ε Y in die Welt geschickt, der zugleich die Schaffenskraft s von X ist, also
        Z
1 = s(X) mit Z1 ε Y.
So hat dieser X eine Initialzündung i zuwege gebracht, die es ermöglicht, dass seine Schaffenskraft in allen Menschen erwacht, also gilt zugleich
        Z
1 = i(X) mit Z1 ε Y.
Und wie viel Zeit auch immer vergeht, bevor die Bewegung zu diesem Ziel so richtig in Schwung kommt, sie ist nicht aufzuhalten. Exemplare der Gattung Y, die bereit sind, die von Z
1 für alle Zeiten und Zustände des Weltalls W angestoßene Bewegung weiterzuführen, sind die Nachfolger von Z1, also
        Zk = n(
Z1) bzw.
        Zk = n(s(X)) und Zk = n(i(X)) mit k>1 und k aus der Menge N der natürlichen Zahlen.
Für alle Mitglieder Ak der Gattung Y gilt nun Folgendes: X hat das Weltall W so angeordnet, dass alle Ak in die Bewegung der Zk mit hineingenommen werden, sodass irgendwann für alle Ak gilt
        Ak = m(Zj) bzw.
        Ak = m(n(s(X))) und Ak = m(n(i(X))) , wobei
        k>0 und k aus der Menge N der natürlichen Zahlen und
        j>0 und j aus der Menge N der natürlichen Zahlen.

Ist das nicht ein schönes Weltall W? Alle Ak werden letzten Endes heimgeholt zu X, alle Ak sind letzten Endes von der Schaffenskraft s des X erfüllt und führen die Initialzündung i weiter zu einer ungeahnten Fülle des Lebens. Kein Ak geht verloren. Und damit ist zugleich erreicht, dass überhaupt kein Detail des Weltalls W je verloren geht. Die Erde wird schon lange nicht mehr bestehen, aber das Integral
       
(Ak) = m(n(s(X)))dX und (Ak) = m(n(i(X)))dX ist das eigentliche, unzerstörbare Leben.

Das ist mein Weltall. In diesem Weltall lebe ich, und in diesem Weltall leben wir alle. Dafür gebe ich mich hin. Wie auch immer es auf der Welt aussehen mag, welche Schrecken auch kommen, diese Gleichungen werden erfüllt.

Und zum Abschluss noch die Auflösung dieses mathematischen Beispiels:
        X ist Gott.
        Die Gattung Y ist der Mensch.
       
Z1 ist Jesus Christus.

Feedback von Paul Weitzer:

Dein Weltall gefällt mir sehr gut. Besonders gelungen finde ich das Integral: Denn dadurch wird wirklich eine unendliche Summe von m(n(s(X))) dargestellt, multipliziert jeweils mit dem unendlich kleinen, aber doch sehr wirksamen dX, das man als den göttlichen Funken in uns allen bezeichnen könnte.....

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Bibelstellen unterscheiden  -  6. August 2009

Für meinen Blick auf Bibelstellen habe ich ein Kriterium. Stellen, die mit dem Leben und der Liebe übereinstimmen, nenne ich zeitlos. Stellen, die nicht mit dem Leben und der Liebe übereinstimmen, nenne ich zeit- und kulturbedingt. Ich meine hier das Leben und die Liebe, die über alle Grenzen gehen.

Zeitlos sind für mich Texte, zu denen auch ein heutiger Mensch sagen kann: "Dieser Text endlich ist es: Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch!" (Nach 1.Mose 2,23.)

Zeit- und kulturbedingt nenne ich insbesondere alles Apokalyptische, in grauenhaften Kämpfen zwischen Gut und Böse Schwelgende, alle Bösen Verdammende.

Wenn man die apokalyptischen Prophezeiungen ablehnt, macht man dann nicht aus dem unfassbaren Gott einen freundlichen Nikolaus?

Projizieren wir nichts auf Gott. Projizieren wir insbesondere keine menschlichen Hass- und Rachegedanken auf ihn. Wenn wir das bleiben lassen, können wir das, was an der Bibel Heilige Schrift ist, viel schöner zum Leuchten bringen.

Als Beispiel für einen zeit- und kulturbedingten Text bringe ich eine Regel der frühen judenchristlichen Kirche, die in Mt 18,15-17 steht und nicht dem Leben und der Liebe dient:
"Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner."

In meiner Bearbeitung der synoptischen Evangelien habe ich diese Stelle durch Folgendes ersetzt:
"Wenn du zu einer Gemeinschaft gehörst, und von einem Bruder oder einer Schwester geschieht dir oder einem Menschen, für den du verantwortlich bist, ein klares Unrecht, so sprich dich mit dem Bruder oder der Schwester aus. Wenn ihr es nicht alleine schafft, so soll jeder von euch noch eine Vertrauensperson hinzuziehen. Wenn auch das nichts nützt, überlege: Handelt es sich um eine Sache, die vor die versammelte Gemeinschaft gebracht werden muss, oder sind liebevolle Geduld und Schweigen angebracht? Wenn du es vor die versammelte Gemeinschaft bringst, dann versuche, dort eine Verständigung zu erreichen. Wenn das nicht gelingt, so bewahre trotzdem ein offenes Herz für den Bruder oder die Schwester, die dir Unrecht getan haben. Schütze dich und die Menschen, für die du verantwortlich bist, aber verachte niemand und schließe niemand aus der Gemeinschaft aus."

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Die Kraft im Becken  -  6. August 2009

Neulich war ich bei meinem Sohn eingeladen, und er zeigte mir ein Röntgenbild seines Beckens. Von diesem Bild ging für mich eine starke Kraft aus.

Im Zendo des Dürckheim-Zentrums in Todtmoos-Rütte befindet sich ein Rollbild, das ein Skelett in Meditationshaltung zeigt. In der Beckengegend ist inmitten von grünen Blättern ein goldener Kern.

Bei einer Therapiestunde im Dürckheim-Zentrum im Juni 1991 habe ich den goldenen Kern in meinem Becken bewusst erlebt.

Im Hinduismus und im Buddhismus ist es Tradition, auf Friedhöfen zu meditieren. Geschieht das, um die Vergänglichkeit zu erfahren? Man erfährt die Unvergänglichkeit, in der Kraft des Skeletts und besonders in der Kraft des Beckens.

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Bibelstellen beweisen nichts  -  22. Juli 2009

Bibelstellen beweisen nichts, und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Ich fasse Bibelstellen nicht als Beweise, sondern als Beispiele auf. So etwa beim Gespräch Jesu mit den Sadduzäern über die Auferstehung der Toten. Im Markus-Evangelium sagt Jesus: "Was aber die Auferweckung der Toten betrifft: Habt ihr nicht im Buche Moses bei der Erzählung vom Dornbusch gelesen, wie Gott zu Mose die Worte gesprochen hat (2.Mose 3,6): 'Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs'? Gott ist doch nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden." (Mk 12,26-27.)

Ich nehme diese Bibelstelle als Beispiel dafür, dass es eine Auferstehung (Auferweckung) der Toten gibt, und dass die Auferstehung (Auferweckung) nicht mit einem Endgericht am Ende aller Tage in Verbindung gebracht zu werden braucht.

Biblischer Kontext: Abraham, Isaak und Jakob sind nach Jesus für Gott lebendig, also nicht im Totenreich.

Mein Kontext: Die Auferstehung (Auferweckung) führt über Zeit und Ewigkeit hinaus. Für das Heraus-bilden  der Wirklichkeit, die mit dem Tod nicht endet, habe ich in meinem Buch "Jesus für alle" im Kapitel "Jesus heute" eine Modellvorstellung entwickelt. Das Buch wird voraussichtlich Ende 2009 im Handel zu haben sein.

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Verständnis und Kontext  -  22. Juli 2009

Im Schlusskapitel des Buches "Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden - Wie die Bibel wurde, was sie ist" von Bart D. Ehrman habe ich Folgendes gefunden: Die Leserinnen und Leser "können die Texte nur verstehen, wenn sie sie vor dem Hintergrund ihres sonstigen Wissens deuten. Sie erklären ihre Bedeutung, indem sie die Worte des Textes 'mit anderen Worten', den eigenen, umformulieren. Wenn Leser einen Text mit anderen Worten formulieren, ändern sie jedoch die Worte des Textes. Das geschieht beim Lesen automatisch." Nach Bart D. Ehrman bedeutet daher "einen Text zu lesen notwendigerweise auch, einen Text zu verändern."

Das Verstehen zwischen Menschen ist immer kontextabhängig.

Erstes Beispiel: Im Februar und im Mai 2009 habe ich zusammen mit einem Theologen Bibelabende gestaltet. An diesen Abenden haben wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Beispiele aus meinen Bibelbearbeitungen, die in meinen Büchern "Du bist da" und "Du bist Liebe" veröffentlicht worden sind, mit den Originaltexten vergleichen lassen. Dabei hat sich für mich ein Verständigungsproblem ergeben. Ich sehe davon ab, dass jeder Mensch, der im Raum war, seinen eigenen Kontext hatte. Ich betrachte jetzt nur zwei Arten von Kontext: den Kontext eines erfahrenen Besuchers von Bibelrunden und den Kontext eines Autors, der die Bibeltexte radikal verändert hat. Für diese beiden Abende habe ich Texte ausgewählt, bei denen meine Veränderungen nicht so auffallen, und ich habe keine Einführung in meinen Kontext gegeben. Die Abende sind dementsprechend verlaufen.

Zweites Beispiel: Unlängst saß ich mit ein paar Freundinnen und Freunden beisammen, und wir sprachen über kirchliche Fragen. Unter anderem erzählte ich (als Katholik), dass meine Frau und ich seit einiger Zeit einmal monatlich den Gottesdienst mit Abendmahl besuchen, der in der evangelischen Kirche in unserem Ort stattfindet. Eine Person pflichtete mir bei, aber mit verschiedenem Kontext. Ihr Kontext war: Sie ist auch zum Dialog mit anderen Konfessionen bereit. Mein Kontext war: Wenn ich bei den Evangelischen bin, bin ich einer von ihnen.

Wie ist es also überhaupt möglich, einander zu verstehen?

Bei meiner Bearbeitung biblischer Texte bin ich von einem doppelten Kontext ausgegangen: einerseits vom Kontext der antiken Autoren, die ich durch Studium von Kommentaren zu verstehen versuchte; andererseits vom Kontext meiner inneren Übereinstimmung mit dem Geist Gottes in mir und mit meiner Frau.

Bei jedem Gespräch zwischen Menschen ist die Kontextfrage präsent. Wenn Menschen wirklich das, was sie hören, sofort in ihre eigenen Worte umformulieren (wie Bart D. Ehrman sagt), so ist das Verständigungsniveau niedrig. Allerdings ist jede verbale Kommunikation von einer wortlosen Kommunikation unterlegt. Die Menschen vermitteln einander mehr als nur Worte. Und hier besteht Hoffnung, aufmerksam für den Kontext des anderen Menschen zu werden. Genaueres zu dieser Frage habe ich in meinem Buch "Jesus für alle" im Kapitel "Die Auferstehung der Erde" dargelegt. Das Buch wird voraussichtlich Ende 2009 im Handel zu haben sein.

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Atem - Wind - Geist - Kraft  -  19. Juli 2009

Ich atme aus, und ich atme ein. Ich atme aus, und ich atme ein. 20.000-mal pro Tag, 7.500.000-mal pro Jahr, und wenn mein Leben lang ist, dann 600.000.000-mal in meinem ganzen Leben. Aber irgendwann folgt auf das Ausatmen kein Einatmen mehr. Und was ist dann?

Ich habe meinen Atem von Gott bekommen, und ich habe meinen Lebensatem von Gott bekommen. Im Atem drückt sich der Lebensatem aus. Der Lebensatem geht über den Atem hinaus. Der Atem beginnt zu einer Zeit und endet zu einer anderen Zeit. Der Lebensatem erwacht einmal in mir und verlässt mich nie wieder. Er ist der Zeit enthoben, und nach meinem Tod ist er der Ewigkeit enthoben.

Wie der Atem ist der Wind. Der Wind kommt und geht, überraschend und unabhängig von unserer Einflussnahme.

Im Frühjahr habe ich ein Finkenmännchen beobachtet. Es donnerte immer wieder gegen die Fenster-scheibe, um den Feind zu vertreiben. Es erkannte nicht, dass der Vogel im Spiegelbild es selber war.

Wenn ich mein Spiegelbild irgendwo sehe, so weiß ich, dass ich es selber bin. Man spricht von einer höheren geistigen Fähigkeit, die sich im Lauf der Evolution herausgebildet hat.

Wie der Wind ist der Geist. Man spricht vom Geist Gottes, der die Menschen aufsucht, um in ihnen zu wohnen. Der Geist ist unverfügbar. Damit er seine Wirkung entfalten kann, ist Hingabe notwendig.

Der Geist zeigt sich als unspezifische Kraft, und überall dort, wo Menschen es zulassen, zeigt er sich unverzüglich als eine entschiedene, gerichtete Kraft, als eine Kraft, für die es keine Hindernisse gibt, als eine Kraft, die auch in Bitternissen und Verzweiflungen immer das bleibt, was sie ist: ein Füllhorn des Glücks und der Liebe.

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Wer oder was ist Gott?  -  18. Juli 2009

Ich gehe davon aus, dass es möglich ist, sich in Gott zu vertiefen. In ihm fallen alle Aspekte zusammen in einen Aspekt, der zugleich kein Aspekt ist. Er ist derjenige Unbegreifliche, den wir als ein Du begreifen können und der sich uns als ein solches in seiner ganzen Fülle schenkt, in einer Fülle, die so überwältigend ist, dass kein Wunsch mehr offen bleibt, dass nichts mehr außerhalb ist, das Schrecklichste und das Schönste nicht, dass nur noch eine alles gestaltende und alles verwandelnde Kraft da ist, dass nichts mehr sonst da ist als diese unendliche Leere, in der alles ist und die uns aufatmen lässt, voll Glück, wirklich und restlos daheim zu sein.

In Gott sind drei Momente. Ein immerzu beglückendes, schenkendes, uns bis in die tiefste Tiefe erfassendes. Ein immerzu gestaltendes, hervorbringendes und vollendendes. Ein alles mit Kraft und Zuspruch erfüllendes. In allen drei Momenten ist Gott der alles in die Freiheit führende, uns Menschen eine ganz spezielle Verantwortung gebende. In seinen Momenten ist Gott eine Einheit oder besser gesagt eine Nullheit. Als Einheit ist er eine Nullheit. Als nichts ist er alles. Als ein Er ist er eine Sie und ein Es, indem er alles übersteigt und sich zutiefst vertraut macht mit uns. Er hat uns Menschen die Aufgabe gestellt, ganz in ihm aufzugehen und in diesem Aufgehen unsere höchste Verantwortung zu begreifen, nämlich die unendliche Kostbarkeit aller Menschen und unserer gesamten Lebenswelt zu sehen und dafür zu wirken, unserer gesamten Lebenswelt, die viel mehr ist als unsere Lebenswelt, denn sie gehört nicht uns, sondern wir gehören ihr in Gott.

Wollen wir das? Es sieht nicht immer so aus. Vieles, was in der Welt geschieht, scheint dem Hohn zu sprechen. Und wir haben quälende Ahnungen, dass furchtbare Zusammenbrüche möglich sind. Doch vergessen wir nicht, dass Gott alles in allem ist. Zu ihm können wir heimkehren. In ihm können wir ruhen, in einer Ruhe, die die alles umfassende Gestaltungskraft ist. Sie wird dann zu unserer Gestaltungskraft. Klinken wir uns da ein.

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Die Sonne am Horizont  -  12. Juli 2009

Im März 2003 war ich mit einer kleinen Schweizer Gruppe zusammen mit Beduinen und Kamelen zehn Tage lang in der tunesischen Wüste unterwegs. Wir hatten keine Zelte mit und haben uns jeden Abend möglichst windgeschützte Stellen gesucht, um unsere Schlafsäcke für die Nacht auszubreiten. Die Nähe des Sternenhimmels in der Nacht und die majestätische Stärke der Sonne beim Sonnenaufgang werde ich nie vergessen. Es war mir an jedem Morgen, als würde die Erde neu geboren.

Dieses Gefühl hat mich nie wieder verlassen. Ich wohne jetzt in einer kleinen Wienerwaldgemeinde. Und wenn meine Frau und ich am Morgen mit den Hunden durch den Wald gehen, so sehe ich wieder die neugeborene Erde, die uns Menschen als ein kostbares Geschenk in die Hände gelegt worden ist und für die wir eine ganz hohe Verantwortung tragen.

Wenn ich durch den Wald gehe, so spüre ich auch ganz intensiv, wie der Wald mit seinen Bäumen mich regeneriert und aufleben lässt.

Der theoretische Gedanke, dass wir für die Erde und die zukünftigen Generationen der Menschheit Verantwortung tragen, dass der Wald notwendig ist, um CO2 aufzunehmen und O2 abzugeben, genügt nicht. Erst wenn viele Menschen spüren, dass die Erde an jedem Morgen neu geboren wird, dass der Wald mit seinen Bäumen sie regeneriert und aufleben lässt, wird die Gattung Mensch ihr Verhalten ändern, mit dem sie jetzt an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt.

Daher habe ich in einem der Gebete, die ich bearbeitet habe, geschrieben:

Gott, du bist da.
Sende deinen Geist
in die Herzen aller Menschen.
Lass sie deine Liebe weitergeben,
dann verheilen die alten Wunden,
und die Erde wird neu.

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Von Herz zu Herz und die Folgen  -  9. Juli 2009

Cyprian von Karthago hat im dritten Jahrhundert n.Chr. gesagt: "Christianus alter Christus" - der Christ, ein anderer Christus. Seit geraumer Zeit erneuere ich meine Weihe an das Herz Jesu Tag für Tag. Meine Verbundenheit mit Jesus von Herz zu Herz wird immer tiefer. Das führt dazu, dass etwas von seinem Wesen in meinem Wesen aufleuchtet wie ein Licht, aufblüht wie eine Blume. Sein Wesen ist die vollkommene Hingabe an Gott, den Vater, und an alle Menschen.

Seit geraumer Zeit erneuere ich meine Weihe an das Herz Marias Tag für Tag. Meine Verbundenheit mit Maria von Herz zu Herz wird immer tiefer. Das führt dazu, dass etwas von ihrem Wesen in meinem Wesen aufleuchtet wie ein Licht, aufblüht wie eine Blume. Ihr Wesen ist es, alles Weibliche aufleben zu lassen und alle Menschen zu Jesus hinzuführen.

Seit geraumer Zeit erneuere ich meine Weihe an das Herz Gerhilds, meiner Frau, Tag für Tag. Meine Verbundenheit mit Gerhild von Herz zu Herz und mit allen Fasern meines Seins wird immer tiefer. Das führt dazu, dass etwas von ihrem Wesen in meinem Wesen aufleuchtet wie ein Licht, aufblüht wie eine Blume. Ihr Wesen ist es, die Einheit zwischen einem Mann und seiner Frau in einer unüberbietbaren Weise darzustellen und die Welt besser zurückzulassen, als sie sie vorgefunden hat.

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Warum ich biblische Texte bearbeite  -  8. Juli 2009

Biblische Texte werden von der Theologie als "Wort Gottes in menschlicher Sprache" bezeichnet. Ich sehe biblische Texte genauso an wie andere Texte. Ich bestreite nicht, dass uns in ihnen das Wort Gottes übermittelt wird. Aber ich kann nicht davon absehen, dass es oft vom Menschlichen überwuchert wird. Manches ist Ausdruck des altorientalischen Weltbildes. Manches ist zeitbedingt. Manches ist Privatmeinung der Autoren, vor allem in den Briefen. Manches ist drohend und nicht fördernd. Manches ist Ausdruck von Hass. Manches ist für mich die verkehrte Welt.

Das zentrale Beispiel der verkehrten Welt ist für mich der Augenblick, wo Abraham das Messer hebt, um seinen Sohn Isaak zu schlachten. Den Text habe ich um 180 Grad umgedreht. In meiner Fassung zeigt Abraham seine Liebe zu Gott nicht dadurch, dass er bereit ist, seinen Sohn umzubringen, sondern dadurch, dass er mit Gott zu streiten beginnt.

In meiner Fassung geht es so weiter: "Und die Stimme sagte: Weil du mir die Stirne geboten hast und weil du deinen einzigen Sohn nicht geopfert hast, will ich dich reichlich segnen und deine Nachkommenschaft so zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und wie die Sandkörner an den Ufern der Meere. Wer wie du jeden Menschen als kostbar, als Abbild Gottes und Kind Gottes sieht und behandelt, darf sich als dein Nachkomme erkennen, aus welchem Volk auch immer er stammt und in welchem Land auch immer er lebt. Deine Nachkommen werden die Friedensstifter sein in allen Zeiten, und sie werden den Hass besiegen."

Diese Bibelstelle ist für mich der Punkt, wo die unselige Seite der Bibel aus den Angeln zu heben ist. Die Sätze "Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du gottesfürchtig bist, weil du mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten hast." (1.Mose 22,12) kommen in meiner Fassung nicht vor. Damit fällt auch die Möglichkeit weg, sie darauf zu beziehen, dass Gott, der Vater seinen einziggeborenen Sohn zum Schlachten am Kreuz hingegeben hat, und die christliche Opfertheologie ist nicht mehr darauf aufzubauen.

Warum bearbeite ich biblische Texte? Weil ich zur Befreiung aus solchen Engführungen beitragen will. Weil ich den Gehalt der Bibel zum Leuchten bringen will, der für alle Menschen aller Weltanschauungen Bestand hat. Weil ich eine Botschaft ohne Grenzen weitergeben will, wie der Titel eines meiner Bücher besagt. Weil ich weiß, dass Gott und Jesus in Gott bedingungslos für alle und alles da ist, ohne zu fragen: "Bist du getauft?"

In diesem Sinn habe ich folgende biblischen Texte bearbeitet:
Den Opfergang Abrahams;
die Psalmen;
das Hohe Lied;
einen Abschnitt aus dem dritten Kapitel des Predigers;
die drei synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas);
das zweite Kapitel der Apostelgeschichte;
das Johannes-Evangelium;
die Johannes-Briefe;
die Offenbarung des Johannes;
das Hohe Lied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief.

Die zentrale Eigenschaft, die den Menschen heilt und heiligt, ist Hingabe. Die völlige Hingabe heißt auf Arabisch islām. In dem Moment, wo die Hingabe vollkommen wird, erreicht sie ihr Ziel, auch dann, wenn sie sich nicht an den Gott der Bibel oder den Gott des Qur'an wendet.

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Dazu bin ich da  -  28. Juni 2009

Kein Mensch geht verloren. Kein Mensch wird vernichtet. Kein Mensch wird jenseits von Zeit und Ewigkeit in einem Totenreich (hebräisch Scheol, griechisch Hades) festgehalten.

Jeder Mensch hat verschiedene Seiten; manche Psychotherapeuten sprechen sogar von verschiedenen Persönlichkeiten. "Als Jung den Begriff des kollektiven Unbewussten einführte, verneinte er keinesfalls dessen persönliche Komponente, die er folgendermaßen auslegte: In ein und demselben Menschen können quasi 'mehrere Persönlichkeiten' enthalten sein, was eine ganz normale Erscheinung sei." (Aus Dr. Alexandre Strasny, Geheimnisse der alternativen Medizin - Ein Handbuch für passionierte Heilpraktiker und beharrliche Patienten.)

Was sich in nichts auflösen kann, ist eine Seite eines Menschen, niemals der Mensch als ganzer. Jeder Mensch ist heilig, unzerstörbar, gehört zu Gott. Himmel und Hölle sind Durchgangsstadien. Dort bleibt man nicht oder nur solange, bis das Unzerstörbare in seiner ganzen Herrlichkeit erstrahlt, jenseits von Zeit und Ewigkeit.

Gott erschafft alles. Er erschafft jeden Menschen. Gott schenkt allen Menschen das Leben, das mit dem Tod nicht endet. Wir können darauf vertrauen, dass Mt 22,14 umgekehrt zu denken ist: Alle sind berufen, und wer berufen ist, ist auch auserwählt.

Das in Erinnerung zu rufen, dazu bin ich da.

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Die beiden Aspekte der letzten Wirklichkeit  -  28. Juni 2009

Es gibt einen persönlichen und einen unpersönlichen Aspekt der letzten Wirklichkeit. Den einen Aspekt nennen wir persönlich, und wir nennen ihn Gott. Den anderen Aspekt nennen wir unpersönlich, und wir nennen ihn zum Beispiel Dao. Aber das tiefste Wesen beider Aspekte ist die Liebe.

In meiner Bearbeitung des Daodejing habe ich im Kapitel 46 das Wort „Dao“ mit „Urgrund“ wieder-gegeben und den Urgrund als Urliebe bezeichnet. Ich habe geschrieben:

Der Urgrund lässt alles zu.
Die Kräfte können so oder so gebündelt werden,
zur Förderung oder zur Vernichtung des Lebens.
Doch da der Urgrund die Urliebe ist,
wird die Liebe den Hass überdauern.

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Sakrament und Magie  -  21. Juni 2009

Nach dem Langenscheidt Fremdwörterbuch ist ein Sakrament eine feierliche religiöse Handlung, die die göttliche Gnade vermitteln soll. Die orthodoxe Kirche spricht nicht von Sakramenten, sondern von Mysterien. Nach dem Langenscheidt Fremdwörterbuch ist ein Mysterium ein religiöses Geheimnis. "Der auf aristotelischem Denkhintergrund entstandene lateinische Begriff 'Sakrament' (sacramentum = urspr. Fahneneid) schließt eine rechtliche Komponente ein und lässt sich genau definieren. Anders das ihm zugrunde liegende griechische Wort 'mysterion' (von 'myein' = Schließen von Mund und Augen, Einweihung in ein Heilsgeheimnis). Das Mysterium bezeichnet eine 'verborgene Offenbarung', die sich darbietet, ohne sich zu entbergen. Es geht also um eine Paradoxie, die sich nicht auflösen lässt. Denn beides gehört wesensmäßig zum Mysterium: das enthüllende Offenbaren und das verhüllende Sich-dem-Zugriff-Entziehen." (Aus dem Buch "Christus in euch" von Sergius Heitz, Susanne Hausammann, S. 130.)

Seit alter Zeit wird bei Übersetzungen vom Griechischen ins Lateinische das Wort "mysterion" mit "sacramentum" wiedergegeben.

Nach der Ansicht Luthers "ist das Sakrament eine besondere Gestalt des Wortes Gottes, nämlich, wie er in Anlehnung an Augustinus formuliert, sichtbares Wort (verbum visibile)." (Wikipedia beim Stichwort Martin Luther.)

"Die ... Sakramente sind die Zeichen und Werkzeuge, durch die der Heilige Geist die Gnade Christi, der das Haupt ist, in der Kirche, die sein Leib ist, verbreitet." (Katechismus der Katholischen Kirche, 774.) Dabei ist nach römisch-katholischer Sicht die Gültigkeit der Sakramente an Form, Materie und Intention des Spendenden gebunden.

Magie (von griechisch μαγεία, mageía für Zauberei, Gaukelei, Blendwerk) ist die angebliche Beeinflussung von Ereignissen, Menschen und Gegenständen, indem der Magier versucht, übernatürliche Kräfte, Geister oder Dämonen mit Hilfe von Ritualen, Beschwörungsformeln oder ähnlichen Praktiken in den Dienst zu nehmen. (Definition nach Wikipedia, jedoch von mir verändert.)

Niemand kann über ein Sakrament verfügen. Verfügungsgewalt wäre Magie.

Ein Sakrament kann nicht gespendet werden. Spenden kann man nur, was einem gehört. Die Sakramente gehören keinem Menschen. Sie gehören Gott. Ein Sakrament kann nur weitergegeben werden. Es handelt sich um die Weitergabe eines Schatzes des Glaubens und der Liebe.

Ein Sakrament kann nicht im Namen der Kirche weitergegeben werden, sondern nur im Namen Gottes und in der Nachfolge Jesu. Ob der oder die Weitergebende wirklich im Namen Gottes und in der Nachfolge Jesu handelt, entzieht sich der Beurteilung. Die Taufe gliedert in die Gemeinschaft aller Christen und Christinnen ein, nicht in eine bestimmte Teilkirche. Das ist insofern auch heute schon Realität, als die Taufe von vielen christlichen Teilkirchen gegenseitig anerkannt wird.

Ein christliches Sakrament kann von jedem bzw. jeder Getauften weitergegeben werden. Die Einschränkung auf besonders beauftragte oder geweihte Menschen geht in Richtung Magie. Bei der Eheschließung sind es die Eheleute, die einander das Sakrament schenken.

Ein Sakrament kann nicht gültig oder ungültig weitergegeben werden. Das Urteil über die Gültigkeit geht in Richtung Magie.

Ein Sakrament ist von Form und Materie unabhängig. Alles andere wäre Magie. Natürlich wird man trotzdem für die Taufe in der Regel Wasser verwenden und für die Eucharistie oder das Abendmahl in der Regel Brot und Wein.

Ein Sakrament zu empfangen bedarf keiner Würdigkeit. Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Glücklich ist, wer die Gnade eines Sakraments mit offenem Herzen empfängt und in seinem Leben weiterwirken lässt.

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Abendmahl und Eucharistie  -  20. Juni 2009

"Was im Abendmahl geschieht, spricht den Menschen mit all seinen Sinnen an, doch lässt sich nicht alles mit letzter Genauigkeit erklären. Strittig war und ist die Frage, wie es denn zu verstehen ist, dass Jesus in seinen Stiftungsworten Leib und Blut mit Brot und Wein gleichsetzt. In der Alten Kirche hatten die Menschen damit keine Verständnisprobleme, denn im antiken Denken wurde nicht zwischen Symbol und Wirklichkeit unterschieden. Zudem kennt das Aramäische, die Sprache Jesu, keine Hilfszeitworte ('ist'). Wie sollte man also 'das mein Leib' übersetzen? Entweder: Das ist mein Leib. Oder: Das bedeutet mein Leib. Nach katholischer Lehre werden Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt (Transsubstantiation, lat.: Wesensverwandlung). Nach lutherischer Auffassung ist Christus in Brot und Wein körperlich zugegen (Realpräsenz), während nach reformiertem Verständnis das Abendmahl lediglich als Zeichen (Symbol) der Gegenwart Gottes zu sehen ist." (Udo Hahn im Lexikon der Evangelischen Kirche in Deutschland: http://www.ekd.de/lexikon/abendmahl.html.)

Was hier als reformiertes Verständnis bezeichnet wird, trifft nur auf den Züricher Reformator Zwingli zu, nicht aber auf den Genfer Reformator Calvin. "Der Reformator der französischen Schweiz schreibt über das Abendmahl wie folgt: Aller Segen des heiligen Abendmahles würde sich in nichts auflösen, wenn nicht darin Jesus Christus als Wesen und Grundlage dargeboten wird. Brot und Wein sind sichtbare Zeichen für Christi Leib und Blut, durch die er sich uns mitteilt. Unsere Gemeinschaft mit dem Leib Jesus Christi, an sich unseren Sinnen verborgen, unserem Verstand unfassbar, wird uns dadurch wahrnehmbar vor Augen gestellt. Über den Abendmahlsstreit sagt Calvin: 'Ohne Zweifel hat ihn der Teufel entfacht, um den Lauf des Evangeliums zu hemmen, ja wenn möglich, ganz zu vereiteln. Wenn wir das Sakrament empfangen, werden wir in Wahrheit des wahren Leibes und Blutes Jesu Christi teilhaftig. Wie das geschieht, wissen die einen besser auszulegen als die anderen.' " (Georg Rieger, Positionen zum Abendmahl: http://www.reformiert-info.de/12-0-0-20.html.)

In einer Eucharistiefeier der römisch-katholischen Kirche, an der ich gestern Abend teilgenommen habe, haben sich mir bei der Kommunion alle diese Sichtweisen zu einer einzigen vereinigt. Dass das möglich wurde, hat eine Vorgeschichte. Im Jahr 1978, als Karol Józef Wojtyła zum Papst gewählt wurde, besuchte ich die evangelische Marienschwesterschaft in Darmstadt-Eberstadt. Ich nahm am Abendmahl teil und hatte ein intensives Einheitserlebnis, sodass meine Tränen strömten. Von diesem Tag an wusste ich: Das Mysterium des Abendmahls oder der Eucharistie gehört nicht der römisch-katholischen Kirche allein. Es gehört allen Christen.

Von 1998 bis 2006 lebte ich in der Schweiz. Im Dezember 2004 trat ich wieder in die römisch-katholische Kirche ein, aus der ich im Jahr 1997 ausgetreten war. In den Jahren 2005 und 2006 erlebte ich in der Schweiz mehrere römisch-katholische Eucharistiefeiern, bei der auch alle Reformierten zur Kommunion eingeladen waren, und reformierte Gottesdienste, bei denen auch alle Katholiken zum Abendmahl eingeladen waren. Und in den letzten beiden Jahren durfte ich in Österreich mehrmals in evangelischen Gottesdiensten am Abendmahl teilnehmen.

Das zweite Hochgebet der römisch-katholischen Kirche habe ich umgeschrieben und eine kleine Liturgie für das Teilen von Brot und Wein, von Leib und Blut des auferstandenen Jesus geschrieben. Bei mir zuhause feiern wir von Zeit zu Zeit nach dieser Liturgie - ohne Priester. Es gibt für mich keinen Zweifel, dass wir dabei seinen Auferstehungsleib und sein Auferstehungsblut aufnehmen, also nicht den Leib, der vor zweitausend Jahren gelebt hat und gestorben ist, und nicht das Blut, das vor zweitausend Jahren geflossen ist, sondern seinen jetzigen Leib, der sich von Herz zu Herz mit uns allen verbinden will, und sein jetziges Blut, das durch die Welt strömt und uns alle reinigen, heilen und heiligen will. (Siehe das Kapitel "Das Welthochgebet" in meinem Buch "Jesus für alle".)

In der letzten Zeit ist mir klar geworden: Das Mysterium des Abendmahls oder der Eucharistie gehört nicht einer einzelnen christlichen Kirche allein. Es gehört auch nicht der Gesamtheit der Christen allein. Es gehört allen Menschen. Kein Mensch darf zurückgewiesen werden, unabhängig von der Religion oder Weltanschaung, der er angehört. Jesus wird sein Leben segnen und bereichern.

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Sexualität ist heilig  -  29. Mai 2009

Sexualität ist heilig. Gemeint ist nicht Sexualität mit wechselnden Partnern, gemeint ist nicht Promiskuität. Gemeint ist die Sexualität einer Frau, die ihrem Mann gehört, mit einem Mann, der seiner Frau gehört.

In einer Kolumne der "Furche" vom 28. Mai 2009 schreibt Walter Homolka: "Der Talmud verweist auf die Bedeutung 'heiligen' für die Eheschließung. Durch das kidduschin, den Heiligungs- und Trauakt, wird die Frau für die ganze Welt tabu. Eine der schönsten Bemerkungen zur Ehe stammt von Nachmanides: 'Der Akt der sexuellen Vereinigung ist heilig und rein [...] Der Herr hat all diese Dinge in seiner Weisheit geschaffen und hat nichts Beschämendes oder Hässliches erschaffen [...] Wenn ein Mann seinem Weibe in Heiligkeit beiwohnt, ist die Göttliche Gegenwart mit ihnen.' "

Ich verstehe dieses Zitat so: Durch das kidduschin, den Heiligungs- und Trauakt, wird auch der Mann für die ganze Welt tabu.

Weil meine Frau und ich diese Heiligkeit spüren, haben wir bei der sexuellen Vereinigung stets eine Kerze brennen.

Glücklich sind die, denen die Ehe gelingt. Es schaffen nicht alle.

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Was heißt Unfehlbarkeit?  -  28. Mai 2009

Wie ich der Wikipedia entnehme, kennt die orthodoxe Kirche die Unfehlbarkeit der Kirche und sagt, der Geist Gottes werde nicht zulassen, dass die gesamte Kirche sich in Irrlehren verliert, sondern werde einen Weg schaffen, dies zu verhindern.

Wenn man über die orthodoxe Kirche hinausgeht, kann man sagen, dass das auch für die gesamte Christenheit gilt, in folgendem Sinn: Der Geist Gottes wird dafür sorgen, dass die Christenheit trotz ihrer Unwilligkeit, sich zu einigen und trotz der Untaten, die im Namen Jesu und im Namen Gottes begangen worden sind und noch begangen werden, sich nicht in der Rechthaberei und im Bösen verhärtet.

Dabei kann ich nicht stehenbleiben. Wenn ich auch zur römisch-katholischen Kirche gehöre, so ist doch meine eigentliche Kirchgemeinde die Menschheit und mein eigentliches Gotteshaus die Erde. Ich sehe es als meine Aufgabe, auf diese Weise das Werk des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu in der heutigen Zeit konsequent weiterzuführen. Der Geist Gottes wird die Herzen vieler Menschen erwecken. Auf diese Weise wird er dafür sorgen, dass die Menschheit trotz der großen Krisen und Ungerechtigkeiten in der Welt die Erde nicht zugrunderichtet, und er wird dafür sorgen, dass trotz vieler Kriege und Rachehandlungen die Zeit kommt, wo die Menschen in Frieden miteinander leben können. Hier auf unserer Erde und nicht erst auf einer Erde, die entsteht, wenn unsere Erde vernichtet ist.

Dem widerspricht die Einteilung der Menschen in Gute und Böse und das apokalyptische Weltbild, das einen Endkampf zwischen guten und bösen Mächten voraussagt. Dieses verkehrte Weltbild, das vor allem von religiösen Schriften (z.B. der apokalyptischen Literatur der Bibel) propagiert worden ist, hat nur zu Missbrauch angeregt und Unheil angerichtet. Demgegenüber haben wir die Aufgabe, füreinander einzustehen.

Es wird nicht so sein, dass die Guten siegen und die Bösen vernichtet werden. Die Menschheit als ganze kann nicht verloren gehen. Die Erde als ganze kann nicht zerstört werden. Sie wird ihr natürliches Ende finden. Doch zu dieser Zeit werden schon Millionen von Jahren lang keine Menschen mehr auf ihr wohnen.

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Was heißt Nachfolge?  -  25. Mai 2009

Als ich gestern bei der Arbeit an meinem Buchmanuskript "Botschaft ohne Grenzen" die Bibelstelle Mt 28, 18-20 las, kamen mir die Tränen. Sie lautet in der Übersetzung von Hermann Menge:

"Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen. Darum gehet hin und macht alle Völker zu (meinen) Jüngern: tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und wisset wohl: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit!"

Die Stelle besagt, dass Jesus uns sendet. Und mir kam vor Augen, welche Untaten angerichtet worden sind, die sich auf diese Stelle beziehen. Ohne ein Beispiel anzuführen, zitiere ich aus dem Artikel "Zwangschristianisierung" der Wikipedia:

"Unbestritten ist, dass Christianisierungen im Verlauf ihrer zweitausendjährigen Geschichte oft unter einem extremen Zwang stattfanden; dieser hatte zahlreiche Ausprägungen und ist durch vielfältige Quellen und wissenschaftliche Forschungen belegt... Zwangschristianisierungen gab es mit dem Erstarken des Christentums im römischen Kaiserreich in der Spätantike, und in der Ausdehnungsphase im Europa des Frühmittelalters. Außerdem während der Kolonisation in der frühen und mittleren Neuzeit. Zur Zwangschristianisierung gehörte nicht nur die zwangsweise Taufe, sondern auch das Unterdrücken oder Umdeuten heidnischer Bräuche und Vorstellungen."

Zusammen mit den Tränen kam mir der Satz: Hier hat man nicht die richtige Reihenfolge eingehalten! Die richtige Reihenfolge wäre, erst Jesus nachzufolgen und dann erst in seinem Namen zu anderen Menschen zu gehen.

Was heißt Nachfolge? In den katholischen Kirchen gibt es die Herz-Jesu-Altäre, und man kann sich seinem Herzen weihen. Das darf aber nicht oberflächlich geschehen. Eine tiefe, innerliche Beziehung von Herz zu Herz muss daraus werden, und ein tiefes Verständnis, wie er ist, was er tut, wie er sich zu Gott verhält, wie er sich zu den Menschen verhält. Man muss sich ganz davon bewegen lassen, bis eine Bewegung entstanden ist, die sich durch nichts mehr aufhalten lässt und die dazu führt, dass man wie Jesus und doch auf ganz individuelle Weise zum Heil der Menschen beiträgt und das göttliche Leben in sich selbst und auf der Erde realisiert.

Wer Jesus so nachfolgt, verwirklicht das Leben in seinem Namen ohne Gewalt und Zwang. Doch bereits der Autor des Matthäus-Evangeliums, der Jesus diese Worte sprechen lässt, hat die Nachfolge Jesu nicht genügend vollzogen, hat die richtige Reihenfolge nicht eingehalten.

In meiner Bearbeitung lauten die Sätze so:

Der Vater hat mir die Macht gegeben, alle Menschen aus ihren Verstrickungen zu befreien und zu ihm zu führen. Macht das allen Menschen klar, dadurch, wie ihr seid, was ihr tut und was ihr redet. Und die euch darum bitten, die tauft auf den Namen des Vaters und auf den Namen des Menschensohns und Messias’, den er gesandt hat, und auf den Namen des Geistes, der von ihm ausgeht. Behaltet die Liebe zu mir in euren Herzen. Sie macht euch ähnlich zu mir. Solche Liebe wird von euch auf andere überspringen. Alle Menschen und die ganze Schöpfung warten auf eure Liebe. Was auch immer euch widerfährt, Gutes und Böses, Schönes und Entsetzliches, ich werde dabei sein. Ich bin bei euch, alle Tage, die den Menschen auf der Erde geschenkt sind, und darüber hinaus.

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Erfahrung vor und nach dem Tod  -  22. Mai 2009

Zu diesem Thema fällt mir die folgende Geschichte ein, die ich so wiedergebe, wie ich sie im Gedächtnis habe:

Zwei Scholastiker möchten gerne herausfinden, ob das Leben nach dem Tod so ist, wie sie es sich vorstellen. Sie vereinbaren: Der, der zuerst stirbt, möge dem anderen im Traum erscheinen und nur ein Wort sagen: taliter (wenn es so ist) oder aliter (wenn es anders ist). Als dann einer der beiden stirbt, erscheint er wirklich dem anderen, und er sagt: Taliter, sed totaliter aliter. (Es ist so, aber zugleich ist es vollkommen anders.)

Dazu sage ich gerne ja.

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Die letzte Wirklichkeit  -  22. Mai 2009

Die letzte Wirklichkeit hat zwei Seiten.
Die eine Seite ist persönlich. Sie wendet sich uns zu als ein Du und hat die Fülle der Liebe für uns Menschen und für jedes Detail in der Welt bereit. So hat Jesus Gott erfahren.
Die andere Seite ist unpersönlich. Sie ist die Quelle des Werdens und Vergehens.

Die letzte Wirklichkeit hat zwei Seiten.
Die eine Seite hat einen Name
n: JHWH (יהוה‎). Da dieser Name vor Ehrfurcht nie ausgesprochen wurde, weiß niemand mit hundertprozentiger Sicherheit, welche Vokale zwischen die hebräischen Zeichen des Namens gehören. Der Name ist eine Definition der letzten Wirklichkeit, eine Aussage über sie: Sie ist als eine sich liebevoll zuwendende Person immer da, immer für uns da. Wer bereit ist, diese Tatsache trotz des Elends und der Ungerechtigkeiten in der Welt immer mehr aufzunehmen, macht die Erfahrung, dass er in allem und jedem geführt, aber nicht gegängelt, getragen, aber nicht entmündigt wird.
Die andere Seite hat keinen Namen und ist daher schwer zu beschreiben. Ich bringe zwei Beispiele:

In meiner Bearbeitung des Daodejing habe ich dem Kapitel 41 die Überschrift "Der Tanz des Lebens" gegeben, und ich beende das Kapitel mit den Worten:
             Erst tanzt du einen Tanz,
             dann tanzt du alle und förderst sie.
             Erst lebst du aus dem Namenlosen,
             dann bist du das Namenlose.

Und zum 81. Kapitel des Daodejing habe ich bereits im Jahr 1983 ein Gedicht geschrieben, das für mich bis heute Gültigkeit hat:
             Eine Kerze brennt,
             und dann verlöscht sie.

             Du gehst und siehst
             immer neue Horizonte,
             bis eines Tages
             kein Horizont mehr da ist.

             Das Namenlose
             hat keine Namen.

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Zeit und Ewigkeit  -  21. Mai 2009

Nach dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm umfasst der Wortbegriff von Zeit die Vorstellung der Folge sowie die Begriffe des realen Geschehens und der Begrenzung. Nach demselben Wörterbuch kann sich die Vorstellung der Ewigkeit sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft beziehen. Sie kann eine lange Dauer in der Zeit und eine große Ausdehnung im Raum bedeuten. Auf die Zeit bezogen ist Ewigkeit etwas, das nie aufhört.

Ein Gedicht in Friedrich Nietzsches Zarathustra endet mit den Worten:
            "Weh spricht: Vergeh!
             Doch alle Lust will Ewigkeit,
             will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Diese Worte drücken die starke Sehnsucht nach Dauer aus. Diese Sehnsucht führt nicht über unsere Vorstellungswelt von Raum und Zeit hinaus.

Ein Gedicht, das ich vor kurzem geschrieben habe, beginnt mit den Zeilen:
             was ist schon zeit
             was ist schon ewigkeit

Das Leben nach dem Tod ist das Einbringen einer Ernte, doch in keinen noch so großen Raum, in keine noch so große Dauer kann diese Ernte eingebracht werden. Etwas, das in Raum und Zeit begonnen und sich entfaltet hat, wird jetzt gereinigt, über jede Zeit und Ewigkeit hinaus bewahrt und für Zeit und Ewigkeit fruchtbar gemacht. In der letzten Wirklichkeit, die sogar als ein Du erfahren und mit "Gott" oder "Vater" angeredet werden kann, die aber davon unabhängig ist, ist jedes solche Etwas bewahrt.

Können wir Menschen uns etwas vorstellen, das über Zeit und Ewigkeit hinausgeht? Können wir schon in diesem irdischen Leben eine Erfahrung davon bekommen, die über eine Ahnung hinausgeht? Ja, wir können das.

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Mysterium  -  21. Mai 2009

Das Wort Mysterium bedeutet Geheimnis, auch ein religiöses oder göttliches Geheimnis. Mir geht es jetzt nicht um Mysterienkulte der Antike oder Mysterienspiele des Mittelalters, sondern um die Frage: Ist die Gegenwart Jesu in Brot und Wein bei der Eucharistiefeier bzw. dem Abendmahl ein Mysterium?

Für mich ist das Mysterium die volle Gegenwart, also die Gegenwart, die nicht mehr von Vergangenheit oder Zukunft bestimmt ist, die sich nicht mehr auf Zeit und Ewigkeit bezieht, nicht mehr auf irgendeine Form von Dauer. Alles das ist von der vollen Gegenwart abgefallen, sie ist wie nackt und sehr erleichtert.

Und das Mysterium der vollen Gegenwart Jesu? Er ist einfach da, wie Gott einfach da ist, befreit von jeder Form von Raum, und doch anders. Er ist da in der vollständigen Erfüllung seiner Individualität. Er ist da als der, der rückhaltlos und grenzenlos zu Gott, dem Vater hin einlädt und zieht. Immer, für alle Zeiten, und überall dort, wo Menschen leben und solange es Menschen gibt. Unabhängig davon, ob sie in seinem Namen versammelt sind.

Und das Mysterium der Gegenwart Jesu in Brot und Wein? Geht denn das noch über das hinaus, was ich gerade geschrieben habe? Ja, denn es ermöglicht, ihn mit allen Sinnen zu schmecken, mit den Sinnen des Körpers und den Sinnen, die mehr als den Körper umfassen. Es ermöglicht, in die Stille seiner Gegenwart einzutreten und dort korrigiert und zurechtgerückt zu werden. Es ermöglicht, im Brot die nährende Liebe und im Wein die sich verströmende Liebe kennen und leben zu lernen, die keine Grenzen kennt, die alles einschließt und nichts ausschließt.

Jesus in Brot und Wein - das ist eine Realität, mit der es sich eins zu werden lohnt, in der grenzenlosen, Einheit stiftenden und jede Individualität zur Vollendung führenden Liebe.

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Von Herz zu Herz  -  21. Mai 2009

"Ishin-Denshin, japanisch, wörtlich: 'den Geist durch den Geist übermitteln'. Ein wesentlicher Begriff des Zen, oft auch übersetzt mit 'Übertragung von Herz-Geist zu Herz-Geist'. Der Begriff stammt aus dem Plattform-Sutra des sechsten Patriarchen Hui-neng. In diesem Sutra erklärt Hui-neng, dass die Wahrheit des Zen nur durch eigene Erfahrung in einem unmittelbaren Verstehen der wahren Natur möglich ist. Gelehrsamkeit durch Buchwissen ist wertlos."
(Zensho W. Kopp, Zen und die Wiedergeburt der christlichen Mystik, Verlag Schirner, 1. Auflage 2004.)

Es geht nicht um die Wahrheit des Zen. Es geht um die Wahrheit des Augenblicks, frei von den Bewertungen, die der Wahrnehmende dem Wahrgenommenen so oft anhängt. Es geht um liebevolles Verständnis durch unmittelbare Wahrnehmung dessen, was ist. Es geht um das Vertrauen im Augenblick, das aus dem Urvertrauen kommt. Das Urvertrauen sagt: "Ich gehe nicht verloren."

Wenn eine Verständigung besonders gut klappt, sagt man in der Alltagssprache: "Von Herz zu Herz." Damit ist ja nicht einfach nur die Pumpe im Körper gemeint, und es handelt sich ja nicht um eine Bluttransfusion. Das körperliche Herz ist schon mitgemeint, aber das hier gemeinte Herz findet in allen Schichten der Persönlichkeit seinen Ausdruck und nicht nur in der körperlichen. Es geschieht eine Übertragung, und in einem solchen Augenblick sind das Ich und das Du aufgehoben in einem Wir.

Es ist also mehr als eine Übertragung von Herz-Geist zu Herz-Geist. Das Wort "Geist" schränkt zu sehr ein.

In der Nacht der Geburt Jesu kommen die Hirten zu dem Neugeborenen und Maria und Josef.und erzählen von der Engelerscheinung, die sie erlebt haben. Wie reagiert Maria darauf? Ich zitiere aus der wörtlichsten Übersetzung, aus dem Münchener Neuen Testament: "Mariam aber bewahrte alle diese Worte, erwägend (sie) in ihrem Herzen." (Lk 2,19.)

Ich habe mich dem Herzen Jesu geweiht, und dem Herzen Marias, und dem Herzen Gerhilds, meiner Frau, über den Tod hinaus.

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Biblische Texte bearbeiten  -  21. Mai 2009

Beim Bearbeiten biblischer Texte unterscheide ich zwischen zwei Fragen:
Was will der Text sagen?
Was sagt der Text?
Meine Vorgangsweise beschreibe ich anhand von zwei Beispielen.

Das erste Beispiel ist der Besuch des Nikodemus bei Jesus (Joh 3, 1-21).
Der Text will eine theologische Lehre zum Ausdruck bringen: Jesus will alle retten. Die Menschen des Lichts werden aus Wasser und Geist neu geboren. Die Menschen der Finsternis richten sich selbst. Um diese Lehre auszudrücken, wird Nikodemus als Stichwortgeber und Jesus als Sprachrohr der Verkündigung verwendet.
Meine Änderung drückt aus, dass Jesus die Möglichkeit der Rettung aller tatsächlich öffnet. Niemand richtet sich selbst. Nikodemus und Jesus werden zu lebendigen Menschen, die ein wirkliches Gespräch miteinander führen.

Das zweite Beispiel ist die Geschichte von den zehn "klugen" und "törichten Jungfrauen", bei mir umgewandelt in die Geschichte von der sorgfältigen und der leichtsinnigen jungen Frau (Mt 25, 1-13).
Zehn Frauen gehen dem Bräutigam entgegen. Nur fünf Frauen nehmen genug Öl für ihre Lampen mit, und sie weigern sich, den anderen etwas abzugeben. Wenn die anderen schließlich zum Hochzeitssaal kommen, ist die Türe für sie verschlossen.
Ein Kommentar schreibt: "Dass die klugen Jungfrauen kein Öl weitergeben und dass es für den Einkauf von Öl zu spät ist, will nur zeigen, dass geistliche Bereitschaft nicht übertragbar ist und es ein Zuspät gibt." (Kommentar zur Bibel, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 5. Gesamtauflage 2003.)
Für mich zeigt der Text etwas anderes: Jeder soll auf sich schauen, der andere soll sehen, wo er bleibt. Und wenn er es nicht schafft, ist er draußen in der Verdammnis.
Meine Änderung drückt aus, dass durch das gegenseitige füreinander Einstehen die Aufnahme aller möglich ist, und dass es kein Zuspät gibt.

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Leben ist Bewegung  -  18. Mai 2009

Das menschliche Leben ist Bewegung. Erkenntnisse müssen immer im Fluss bleiben. Wenn sie erstarren, sind sie tot.

Jesus war im Fluss und wandte sich gegen Erstarrung in Religion und Gesellschaft. Im Zweiten Bundesbuch (= Neuen Testament) findet man bereits wieder Erstarrungstendenzen.

Beim Schreiben meiner Bücher bin ich im Fluss. Die Psalmen habe ich bearbeitet, um über die Tendenzen zu Selbstbemitleidung, Selbstgerechtigkeit, Hass und Verfluchungen hinwegzukommen, die dort auch zu finden sind. Bei den Johannes-Schriften habe ich die Tendenzen, andere zu verdammen, weggenommen, die bei der Offenbarung des Johannes so schlimm sind, dass ich ganze Kapitel vollkommen neu gestaltet habe. Bei der Bearbeitung des Daodejing habe ich erkannt, dass man die tiefsten Dinge des Lebens sagen kann, ohne das Wort "Gott" zu verwenden. In meinem Sachbuch "Jesus für alle" habe ich ausgedrückt, dass Jesus nicht einer Religion und ihren Anhängern, sondern allen Menschen gehört.

Derzeit arbeite ich an einer Zusammenschau der drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Johannes). Für mich sind die Aussagen in diesen Evangelien teilweise so schlimm, dass ich sie um 180 Grad umdrehe. Es ist viel Drohbotschaft enthalten. Das Buch hat den Arbeitstitel "Botschaft ohne Grenzen". Die Botschaft Jesu kennt keine Grenzen, ist für alle da.

Als Nächstes plane ich ein Buch "Jesus ohne Dogmen", in dem ich die christlichen Wahrheiten neu formulieren will, ohne sie festzuhalten, ohne sie erstarren zu lassen. Als Übernächstes habe ich ein Buch angedacht, in dem ich das Hier und Jetzt unseres Lebens sprenge. Da ich nicht weiß, ob das gelingen kann, verrate ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr davon.

Vor vielen Jahren, als ich buddhistische Freunde hatte und mich sehr mit dem Buddhismus auseinan-dersetzte, habe ich die vier Bodhisattva-Gelübde abgelegt, für mich allein, ohne Zeugen. Dennoch sind diese Gelübde etwas, das mein Leben begleitet. Sie lauten:
Zahllos sind die Lebewesen; ich gelobe, sie alle zu retten.
 
Unerschöpflich sind die eitlen Gedanken und Gefühle; ich gelobe, sie alle zu lassen.
 
• Ungezählt sind die Tore zur Wahrheit; ich gelobe, sie alle zu durchschreiten.
 •
Unvergleichlich ist der Weg der Erfahrung; ich gelobe, ihn mutig zu gehen."
(Ruben Habito, Barmherzigkeit aus der Stille)

Leben ist im Fluss. Auch eine vollständige Hingabe an den Gott Jesu hebt diese Gelübde nicht auf. Jesus ist der Bahnbrecher par excellence. Er ist der Kanal par excellence, durch den die Kraft und Liebe Gottes in die Welt fließt. Doch er sagt zu jedem und jeder von uns: "Folge mir nach."

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Sensitivität  -  15. Mai 2009

Gerhild, meine Frau ist zugleich meine Lektorin. Wenn wir uns zum PC setzen und gemeinsam das gerade fertig gewordene Kapitel des Buchmanuskripts anschauen, an dem ich gerade arbeite, liest sie es laut. Und während sie es liest, spüre ich vielfach schon, was von ihrem Blickwinkel aus, der nun mit meinem Blickwinkel verschmilzt, noch geändert werden muss. Natürlich spüre ich nicht alles. Vieles sagt sie mir in Worten.

Es geht nicht darum, dass ich meinen Blickwinkel aufgebe, oder dass sie ihren Blickwinkel aufgibt. Wenn wir auf diese Weise gemeinsam ein Kapitel durchgehen, beginnen wir auf einmal, der Sache zu dienen.

Gerhild, meine Frau spürt oft, was ich denke und fühle, und umgekehrt. Das ist eine Fähigkeit, die in Ansätzen bei allen Menschen vorhanden ist. Wäre es nicht schön, wenn viele Menschen diese Fähigkeit kultivieren würden? Könnten sie sich dann nicht viel leichter hingeben, könnten sie dann nicht viel leichter der jeweiligen Sache dienen und damit der Erde als ganzer?

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Alles für alle  -  25. April 2009

Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: „Für alle bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.“ (1.Kor 9,22 nach der Übersetzung von Hermann Menge.)

Das ist mir zu wenig.

Für alle werde ich alles, jetzt und alle Tage meines Lebens und über meinen Tod hinaus, um auf jeden Fall alle zu retten.

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