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Profil
von Werner Krotz
Schriftsteller
Mensch
Feuer
Gedankensplitter
Wir sind Kirche
Über die Auferstandenen
Verheerungen abwenden!
Ist die Taufe christlich?
Hängt Jesus noch immer am Kreuz?
Mein Herr und mein Gott?
Bösmensch, Hartei und Schwarzteetrinker
Aus dem innersten Herzen
Altar oder Abendmahlstisch?
Was ist die Wirklichkeit?
Das Kirchenfrauenkabarett
Was hat Jesus mit Gott zu tun?
Was ist für mich "die Kirche"?
Mit Blindheit geschlagen
Glasnost und Perestroika in der Kirche
Kategorien und Paradigmen
Die Bezogenheit auf den Kosmos
Heilige Schriften und anderes Heilige
Die
Ökumene bin ich
Peanuts
Anders beten
Menschen anders sehen
Einander erkennen
Erleichterung und Schande
Wie
ein Mantra
Parallelwelten
Das Leben als Experiment
Die kosmische Weihe
Des Sokrates und mein Daimonion
Gegen den Wind segeln
Der kleine Gott
Die zarte und sanfte Power
Du bist Staub - aber welcher?
Die Grenzen der Heiligen Schrift
Die amputierte Kommunion
Der Schlaf und der Tod
Meine neuen Bodhisattva-Gelübde
Ökumene und Schuld
Was bedeutet die Wiedergeburt?
Was bedeutet die Taufe?
Wort des lebendigen Gottes?
Die Folgen der Gier
Ist der Buddha gottlos?
Wie real ist die Realpräsenz?
Der Sohn und der Vater
Der Jesus, der in meinem Herzen lebendig wird
Ich bin kein Schaf
Gott und Urvertrauen
Ist die Offenbarung abgeschlossen?
Ein Acrylbild zu Lk 13,10-17
Wie Bibelinterpretation nicht sein soll
Liebe und Multidimensionalität
Hingabe als Grundprinzip des Lebens
Rangstreit und Herrenmahl
Wahre Hingabe ist grenzenlos
Jesus ist für alle Menschen aller Zeiten da
Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit
Gott und Transzendenz
Einheit als Geschenk Gottes
Ist Jesus auferstanden?
Wespen, Spinnen und Nacktschnecken
Was ist heilige Schrift?
Vergeltung und Subtileres
Ein Fleisch und ein Geist
Projektionen auf Gott
Schatten und Licht
Für Mathematiker
Bibelstellen unterscheiden
Die Kraft im Becken
Bibelstellen beweisen nichts
Verständnis und Kontext
Atem - Wind - Geist - Kraft
Wer oder was ist Gott?
Die Sonne am Horizont
Von Herz zu Herz und die Folgen
Warum ich biblische Texte bearbeite
Dazu
bin ich da
Die beiden Aspekte der letzten Wirklichkeit
Sakrament und Magie
Abendmahl und Eucharistie
Sexualität ist heilig
Was heißt Unfehlbarkeit?
Was heißt Nachfolge?
Erfahrung vor und nach dem Tod
Die letzte Wirklichkeit
Zeit und Ewigkeit
Mysterium
Von Herz zu Herz
Biblische Texte bearbeiten
Leben ist Bewegung
Sensitivität
Alles für alle
Über die Auferstandenen
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7. September 2010
Die Grunderfahrung der Jüngerinnen und Jünger
Jesu nach seinem Tod war, dass er auferstanden ist. Die Herrlichkeit des
auferstandenen Jesus wird besonders in der Ostkirche
betont. Beim Ostergottesdienst der orthodoxen Kirche
spricht der Zelebrant am Ende dreimal: „Christus ist auferstanden.“ Alle
antworten darauf: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“
Papst Pius
XII. hat 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel
verkündet. In der genauen Formulierung des Dogmas, auf die ich hier nicht eingehe,
wird antike, bildhafte Mythologie auch in unserer Zeit noch wörtlich genommen.
Das Dogma, das ich im Detail ablehne, enthält im Ganzen nach meinem Verständnis
die Aussage, dass auch Maria auferstanden ist.
Nach meiner Auffassung ist der Mensch ein
vielschichtiges Wesen mit dem Christusleib, der alle anderen Schichten
durchdringt. Die Verstorbenen haben
die Aufgabe, ihr gesamtes irdisches Dasein, d. h. ihren physischen Leib und ihre
psychischen Schichten, in den Christusleib hinein zu bergen. Bei dieser Aufgabe
sind sie nicht auf sich allein gestellt, sie können vielfache Hilfe in Anspruch
nehmen, allem voran die unermessliche Hilfe von Jesus und Maria. Die Wesen, die als
Menschen auf der Erde gelebt haben, nach ihrem Tod durch Höllen und Himmel
gegangen ist und ihre Integrationsarbeit abgeschlossen haben, sind die
Auferstandenen. Von unseren irdischen Lebensverhältnissen her gesehen ist es
nicht möglich zu sagen, "wann" ein bestimmter Mensch auferstanden ist, denn auf
dem Weg zur Auferstehung werden die Wesen nach und nach aus unseren Kategorien
von Raum, Zeit und Ewigkeit herausgezogen.
Die auferstandenen Wesen wirken ohne Zwang in die
Erde und den Kosmos hinein. Sie sind eins mit allen Auferstandenen, mit Jesus
und Maria und den "großen" Auferstandenen anderer Kulturkreise. Sie sind vollkommen offen
für neue Horizonte, die ihnen vom transzendenten Gott oder Urgrund her geschenkt
werden.
In meinem Buch "Jesus ohne Dogmen" widme ich
ein ganzes Kapitel der
Frage "Haben wir alle die Sünde geerbt?" und beantworte sie mit Nein. Und ich
widme ein ganzes Kapitel der Frage "Werden wir alle vor Gericht gestellt?" und beantworte sie
ebenfalls mit Nein. Origenes hat an einigen
Stellen seines Werkes eine eschatologische "Wiederherstellung aller"
(griechisch: "apokatastasis panton") erwogen. Wer umfassend liebt, kann nicht
anders, als sich für eine solche Allversöhnung hinzugeben. Für mich sind die
Auferstandenen diejenigen, die ihr irdisches Leben in ihre neue Seinsform hinein
vollendet haben. Dabei gibt es kein Scheitern. Der Gedanke, einen
Teil der Menschheit "auf ewig" in Gottesferne und höllische Zustände zu
verdammen, ist eine Ausgeburt menschlicher Machtansprüche und menschlicher
Projektionsmechanismen.
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Verheerungen abwenden!
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5. September 2010
In meinem Gedankensplitter "Mein
Herr und mein Gott?" habe ich das Gebet von Bruder Klaus in der von mir
geänderten Form behandelt. Der Schluss dieses Gebets lautet für mich seither so:
Mein
Gott und mein Alles,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir
und deiner Menschheit und deinem Kosmos.
Seit ich so bete, gebe ich mich
täglich bewusst immer wieder Gott zu eigen und in seinem Namen
der ganzen Menschheit und dem ganzen Kosmos. Den Einwand, dass das hochgestochen
und abstrakt sei, kann ich nicht gelten lassen. Denn das ist ein Übungsweg, der
mit den täglichen Ereignissen und Herausforderungen gepflastert ist. Der
Übungsweg bedeutet für mich, auf jeden Menschen, der mir begegnet oder der mir
in den Sinn kommt, genau zu schauen. Sollte dabei bei mir Angst aufkommen, dann
geht es darum, auch auf diese Angst genau zu schauen. Genaues, liebevolles
Schauen verhindert Abwehrreaktionen. Wenn ich zugleich den anderen Menschen und
mich selbst genau anschaue, kommt es zu einem Wechsel der Perspektive. Auf
einmal wird klar, dass der andere Mensch seinen eigenen Lebensweg hat, seine
eigenen Sehnsüchte, und dass er von seinem Lebensweg und seinen Sehnsüchten her
gesehen werden muss und kann. Es ist ungeheuer entlastend - für beide -
das andere Wesen nicht von den eigenen Erwartungen her zu sehen, sondern von
dem, was diesem Wesen angemessen ist.
Ebenso geht
es um genaues, liebevolles Schauen auf Tiere und Pflanzen, auf Biotope, auf
Symbiosen, und das alles unter Einbeziehung der Menschen.
Am Rio Xingu in Brasilien soll Belo Monte, der
drittgrösste Staudamm der Welt entstehen, mit fatalen Auswirkungen auf das
Ökosystem im Amanzonasbecken und die indigene Bevölkerung. Präsident Lula da
Silva unterzeichnete vor wenigen Tagen einen Konzessionsvertrag mit dem
Betreiberkonsortium. Die gewonnene Energie soll für die Aluminiumproduktion
verwendet werden. Hier macht blanker Egoismus statt genauem Schauen blind für
liebevolle Alternativlösungen.
Die Erde steuert auf
unabsehbare Verheerungen zu, wenn es nicht überall auf der Erde zu Bewegungen
von Menschen kommt, bei denen die Worte Gottes, die der Prophet Ezechiel einst
den Israeliten zugesprochen hat, Realität geworden sind: "Ich will euch ein
neues Herz verleihen und euch einen neuen Geist eingeben: Das steinerne Herz
will ich aus eurer Brust herausnehmen und euch dafür ein Herz von Fleisch
verleihen." (Ez 36,26.)
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Ist die Taufe christlich?
-
20. August 2010
Ist die Taufe christlich? Um diese Frage
beantworten zu können, schaue ich zunächst auf die Stellen im Zweiten
Bundesbuch, die etwas von der Taufe mitteilen.
Dort, wo uns die Taufe zum ersten Mal begegnet,
ist es die Taufe des Johannes. Über die Taufe des Johannes wird in allen vier
Evangelien berichtet. Nach dem Markusevangelium, das das älteste der Evangelien
ist, predigte Johannes eine Taufe der Sinnesänderung zur Vergebung der Sünden,
und er taufte die Menschen durch Untertauchen im Jordan. Auch Jesus ließ sich
von Johannes im Jordan taufen. "Und sofort, heraufsteigend aus dem Wasser, sah
er sich spaltend die Himmel und den Geist wie eine Taube herabsteigend auf ihn;
und eine Stimme kam aus den Himmeln: Du bist mein geliebter Sohn, an dir fand
ich Gefallen." (Mk 1,9-10 in der wörtlichen Übersetzung des Münchener Neuen
Testaments.)
Peter Sardy weist mit Bezug auf das Buch "Das
Jesus-Evangelium" von Günther Schwarz und Jörn Schwarz darauf hin, dass im
Aramäischen (der Muttersprache Jesu) die Ausdrücke "wie eine Taube" und
"geradewegs" nur durch Vokalzeichen unterschieden sind, die man damals noch
nicht geschrieben hat. Der Geist steigt "geradewegs auf ihn herab" ist
glaubhafter als "wie eine Taube auf ihn herab". (Nach Peter Sardy, "Jesus oder
Paulus - Der Weg einer Befreiung", S.40.)
Jesus hatte hier also eine tiefe Erfahrung der
liebenden Verbundenheit mit dem Geist oder Atem Gottes. "Jesus wurde von diesem
Atem völlig verwandelt. Aus dem einfachen Handwerker, der eben noch Rettung vor
einem göttlichen Zorngericht gesucht hatte, wurde ein Prophet mit einem
mächtigen Selbstbewusstsein. Es war wie die Geburt eines neuen Menschen." (Peter
Sardy, S.41.)
Ob sich Johannes wirklich als Vorläufer eines
Größeren gesehen hat oder nicht, braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Der
Autor des Markusevangeliums lässt ihn jedenfalls sagen: "Es kommt der Stärkere
als ich nach mir... Ich taufte euch mit Wasser, er aber wird taufen euch mit
heiligem Geist." (Mk 1,7-8 in der wörtlichen Übersetzung des Münchener Neuen
Testaments.)
Das Sprechen von der Taufe mit heiligem Geist ist
jedenfalls ein Bildwort und nicht buchstäblich zu verstehen. Die Wassertaufe
wird durchgeführt, indem man in das Wasser eingetaucht wird. Eine vergleichbare
Geisttaufe gibt es nicht. Es ist nicht möglich, dass dich jemand nimmt und in
den Geist eintaucht. Die Formulierung "Er aber wird taufen euch mit heiligem
Geist" verstehe ich so, dass wir alle, wie Jesus, dazu geboren sind, die Fülle
heiligen Geistes zu empfangen, sanft oder umwerfend, früher oder später, langsam
oder schnell. Diejenigen unter uns, denen die Fülle erst nach dem Tod geschenkt
wird, in ihrer Aufarbeitung des irdischen Lebens, erhalten doch schon hier auf
der Erde ein Angeld, das sie übersehen oder würdigen können.
Jesus wurde also durch die Erfahrung bei der
Taufe völlig umgewandelt. Die Echtheit dieser Erfahrung wurde durch die
Prüfungen während der vierzig Tage in der Wüste bestätigt. "Seine ganze
Botschaft war schon in der ersten einfachen Einsicht enthalten: Weil Gott da
ist, sollt ihr ihm vertrauen; weil Gott alle liebt, sollt ihr, wie er, alle
lieben. Alles Weitere war nur Ausfaltung dieses Kerns." (Peter Sardy, S.71-72.)
Als Jesus öffentlich zu lehren begann, war
Johannes schon im Gefängnis. Jesus kam nach Galiläa, "verkündend das Evangelium
Gottes und sagend: Erfüllt ist die Zeit, und nahegekommen ist das Königtum
Gottes; kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,14-15 in der wörtlichen
Übersetzung des Münchener Neuen Testaments.)
Auch hier geht es um eine Sinnesänderung, die
darin besteht, dass die unermessliche Liebe und helfende Kraft Gottes ernst
genommen und angenommen wird. "Gottesherrschaft besagt einen Zustand, in dem
endlich auch die Menschen genau das tun, was zum Heil aller dient." (Peter
Sardy, S.82.)
Auf die Frage der Pharisäer, wann das Königtum
Gottes kommt, antwortete ihnen Jesus: "Das Reich Gottes kommt nicht mit
äußerlichem Gebaren (= unter augenfälligen Erscheinungen); man wird auch nicht
sagen können: 'Siehe, hier ist es!' oder 'Dort ist es!' Denn wisset wohl: Das
Reich Gottes ist (bereits) mitten unter euch." (Lk 17,20-21.)
Jesus deutete hier an, dass er selbst und zum
Teil auch die Seinen, die ihn begleiteten, das Reich Gottes schon in sich trugen, und
dass es auch in der Reichweite der Fragenden war. Und Jesus sagte zu
misstrauischen Leuten: "Wenn ich aber die bösen Geister durch Gottes Finger
austreibe, dann ist ja das Reich Gottes (schon) zu euch gekommen." (Lk 11,20.)
Als die Jünger Leute mit Kindern fortschicken
wollten, wurde Jesus unwillig und sagte ihnen: "Lasst die Kinder zu mir kommen,
hindert sie nicht daran! Denn für ihresgleichen ist das Reich Gottes bestimmt.
Wahrlich ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird
sicherlich nicht hineinkommen!" (Mk 10,14-15.)
Peter Sardy hört hier keine Drohung, dass
Menschen vom Reich Gottes ausgeschlossen werden sollen. Er hört etwas ganz
anderes: Durch seine tiefe Gotteserfahrung und Heilserwartung war Jesus selbst
seit seiner Taufe das Kind, das sich beschenken ließ. "Er sah die
Gottesherrschaft als angekommen und sich selbst schon in dieser
Gottesherrschaft. Nun rief er mit diesem Satz die anderen, wie er auch,
hereinzukommen." (Peter Sardy, S.88.)
Nun aber zurück zur Frage der Taufe. Als Jesus
mit seinen Jüngern in Judäa unterwegs war, taufte er nicht selbst, doch er
erlaubte den Jüngern, die von Johannes zu ihm gekommen waren, die Taufe des
Johannes fortzusetzen. (Joh 3,22; Joh 4,1-2.)
In Mk 10,38 und Lk 12,50 steht das Wort Taufe in
einer völlig anderen Bedeutung. Von den Evangelisten wird in diesen Versen Jesus
als der alles Vorauswissende dargestellt, der bewusst auf seinen Tod am Kreuz
zugeht und ihn als eine Taufe (Bluttaufe) bezeichnet. Dass Jesus diese Worte
selbst gesprochen hat, halte ich für ausgeschlossen. Das ist Glaubensgut der jungen Christenheit.
Bis zu diesem Punkt konnte ich im Zweiten
Bundesbuch kein Anzeichen entdecken, dass Jesus selbst getauft oder eine Taufe
gelehrt hätte. Was nun noch zu untersuchen ist, ist der erst im 2. Jahrhundert
hinzugefügte Schluss des Markusevangeliums und der Schluss des
Matthäusevangeliums. In der späten Ergänzung des Markusevangeliums erscheint der
auferstandene Jesus den Jüngern und sagt: "Geht hin in alle Welt und verkündigt
die Heilsbotschaft der ganzen Schöpfung! Wer da gläubig geworden ist und sich
hat taufen lassen, wird gerettet werden; wer aber ungläubig geblieben ist, wird
verurteilt werden." (Mk 16,15-16.)
Es ist ein schöner und wahrer Satz, dass das Heil
der ganzen Schöpfung vom Menschen abhängt. Das wird im 21. Jahrhundert klar, in
dem der Mensch die Fähigkeit erreicht hat, die Erde zugrunde zu richten. Ob der
im Evangelium ähnlich und doch anders formulierte Satz so gemeint war, sei
dahingestellt. Der zweite Satz drückt für mich vor allem die Selbstgerechtigkeit
der "Gläubigen" und ihre Unbarmherzigkeit gegenüber den "Ungläubigen" aus. Der
Satz hat dazu geführt, dass man glaubte, außerhalb der gläubigen Gemeinschaft
gebe es kein Heil, und dass man sich zu Verfolgungen und sogar Vernichtungen
anderer Menschen autorisiert fühlte. Mit Jesus hat der Satz nichts zu tun.
Auch der Schluss des Matthäusevangeliums
berichtet von einer Erscheinung des auferstandenen Jesus. Er sagt zu ihnen:
"Darum gehet hin und macht alle Völker zu (meinen) Jüngern (oder: zu Schülern):
Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und
lehrt sie alles halten, was ich euch geboten (= aufgetragen) habe." (Mt
28,19-20.)
Nach dem evangelischen Theologen und früheren
Pfarrer Dieter Potzel ist die Erwähnung der Taufe auf Vater, Sohn und heiligen
Geist "eine spätere Hinzufügung, wohl aus dem 2. Jahrhundert. Denn sie fehlt z.
B. in früheren biblischen Handschriften, z. B. in Handschriften des
Kirchenvaters Euseb vor 325 bzw. in Zitierungen bei den Kirchenvätern Justin und
Aphraates." (Zeitschrift "Der Theologe", Ausgabe Nr. 40.)
Für mich liegt es auf der Hand, dass diese
Hinzufügung nicht authentische Jesusworte, sondern die Taufpraxis der frühen
Christenheit wiedergibt.
Mein Resultat beim Durchsehen der Evangelien ist
also, dass Jesus weder getauft noch eine Taufpraxis gelehrt hat. Nichtsdestotrotz haben die Christen von Beginn weg getauft - zunächst fast ausschließlich
Erwachsene, mit Ausnahme der Fälle, wo ganze Familien getauft wurden.
Jesu Mutter Maria und die Seinen, die nach seinem
Tod in Jerusalem beisammen waren, wurden nie getauft, doch sie hatten -
vielleicht im Kollektiv, wie es am Beginn des 2. Kapitels der Apostelgeschichte
geschildert wird - eine Erfahrung, von heiligem Geist erfüllt zu werden. Infolge
dieser Geisterfahrung sprach Petrus öffentlich zu den Menschen - die in der
Apostelgeschichte überlieferte Fassung seiner Rede enthält pauschale Vorwürfe
gegen alle Juden, die wohl erst der Verfasser der Apostelgeschichte
Jahrzehnte später eingefügt hat. Den Leuten, denen seine Rede zu Herzen ging,
antwortete Petrus: "Tut Buße und lasst euch ein jeder auf den Namen Jesu Christi
zur Vergebung eurer Sünden taufen, dann werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes
empfangen." (Apg 2,38.)
Es ist durchaus glaubhaft, dass zunächst nur auf
den Namen Jesu getauft wurde. Die Verquickung der Taufe mit der Gabe von
heiligem Geist ist nach meiner Meinung problematisch. Eine magische Automatik
ist nicht zu erwarten.
In der Apostelgeschichte wird auch berichtet, wie
Paulus in Ephesus zu einigen Johannesjüngern sprach, die er auf Jesus hinwies.
"Als sie das hörten, ließen sie sich auf den Namen des Herrn Jesus taufen; und
als Paulus ihnen dann die Hände auflegte, kam der heilige Geist auf sie, und sie
redeten mit Zungen und sprachen prophetisch." (Apg 19,5-6.)
Wie auch an anderen Stellen der Apostelgeschichte
werden hier Glossolalie (ekstatisches, unverständliches Sprechen, das einer
Deutung bedarf) und sogenanntes prophetisches Reden als Zeichen dafür angeführt,
dass die Taufe eine echte Umwandlung des Menschen bewirkt hat. Bis auf den
heutigen Tag sind solche Zeichen jedoch mit großer Vorsicht zu behandeln. Neben
echter religiöser Ergriffenheit können hier auch ganz andere Phänomene
vorliegen. Auch sind spektakuläre Erlebnisse noch keine Garantie für eine echte
Umwandlung. Eine solche wird vielmehr auf vielen Schritten des Lebensweges
geschenkt und erarbeitet.
Getauft wurde mit Wasser. Als Beispiel dafür
führe ich die Taufe des äthiopischen Hofbeamten durch Philippus an. "Als sie nun
so auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Gewässer; da sagte der
Hofbeamte: 'Hier ist ja Wasser! Was steht meiner Taufe noch im Wege?' Er ließ
also den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus sowohl
wie der Hofbeamte, und er taufte ihn." (Apg 8,36.38.)
Warum man die Taufe eingeführt hat, lässt sich
heute nicht mehr rekonstruieren. Das Untertauchen bedeutete sinnbildlich ein
Sterben. Paulus erklärt das im Römerbrief so: "Wir sind also deshalb durch die
Taufe in den Tod mit ihm begraben worden, damit, gleichwie Christus von den
Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, ebenso auch wir
in einem neuen Leben wandeln." (Röm 6,4.)
Zu einem solchen neuen Leben sind alle Menschen
unterwegs, ob sie nun getauft sind oder nicht.
Von diesem Pauluszitat bis zu den Formulierungen
über die Taufe im heutigen Katechismus der römisch-katholischen Kirche ist ein
weiter Weg, der leider in den Jahrhunderten der Kirchengeschichte scheinbar
unverrückbar eingerichtet wurde. Hier einige Beispiele dafür:
"403 Im Anschluß an den hl. Paulus lehrte die
Kirche stets, dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr
Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit
der Sünde Adams und mit dem Umstand, dass dieser uns eine Sünde weitergegeben
hat, von der wir alle schon bei der Geburt betroffen sind und die der Tod der
Seele ist."
"405 Obwohl einem jeden eigen, hat die Erbsünde
bei keinem Nachkommen Adams den Charakter einer persönlichen Schuld. Der Mensch
ermangelt der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, aber die menschliche
Natur ist nicht durch und durch verdorben, wohl aber in ihren natürlichen
Kräften verletzt. Sie ist der Verstandesschwäche, dem Leiden und der Herrschaft
des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt; diese Neigung zum Bösen wird
Konkupiszenz genannt. Indem die Taufe das Gnadenleben Christi spendet, tilgt sie
die Erbsünde und richtet den Menschen wieder auf Gott aus, aber die Folgen für
die Natur, die geschwächt und zum Bösen geneigt ist, verbleiben im Menschen."
Indem man von fundamentalistischen Gedanken her
ein Zerrbild des Menschen entworfen und eine sogenannte Erbsünde erfunden hat
(ausgehend bei Augustinus von Hippo), hat man die Notwendigkeit der Taufe
zementiert. Die Taufe ist bis heute das einzige Eintrittsportal in eine
christliche Gemeinschaft. (Mit ganz wenigen Ausnahmen. Z. B. begehen die Quäker
weder Taufe noch Abendmahl.) Jesus hat sich bis zu seinem Martertod für die
Befreiung der Menschen eingesetzt, nicht für die Erfindung immer neuer
Kirchengesetze. Aus seinem Leben und Sterben ist die Einführung der Taufe nicht
begründbar.
Feedback von Peter Sardy:
Sie erwarten ein Feedback zu "Ist die Taufe christlich?“, in dem auch mehrere Zitate von mir stehen. Ich
bin mit allem einverstanden. Was mir allerdings auffiel: Es ist mehr ein (guter)
Traktat als ein "Splitter“ - es fällt einem ans Internet gewöhnten Leser nicht
leicht, bis zum Ende dabei zu bleiben. Ein "Splitter“ ist nicht schwer zu
überblicken, die Pointe darin ist nicht lange zu suchen. In diesem Sinn finde
ich die Pointe hier nicht formuliert. Es könnte vielleicht sein: "Leute, denkt
nach, was 'christlich' bedeutet, nämlich geschichtlich Entstandenes, somit nicht
Endgültiges!“ Dieser Aspekt ist ja in manchen Ihrer Beiträge (mehr oder weniger
offen) angesprochen und könnte sogar die ganze Sammlung der Gedankensplitter
kennzeichnen.
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Hängt Jesus noch immer am Kreuz?
-
20. August 2010
Es gibt kaum eine römisch-katholische Kirche, wo
man nicht eine Nachbildung des sterbenden oder toten Jesus am Kreuz findet.
Unwillkürlich meine ich, dass damit den Menschen diese enge Theologie
eingehämmert werden soll, dass sie alle Sünder sind, von der Erbsünde nur durch
ihn befreit, dadurch, dass er abgeschlachtet wurde als Sühnopfer für unsere
Sünden.
Diese Darstellung widerspricht den Tatsachen.
Denn Jesus hängt nicht mehr als Leichnam am Kreuz. Er lebt. Er ist auferstanden,
was besagt, dass er sein irdisches Leben ganz vollendet hat. Er hat es voll
integriert in das Leben, das er jetzt hat. Das Leben des irdischen Jesus und das
Leben des auferstandenen Jesus sind nicht durch den Tod getrennt. Der Tod
bedeutet keine Trennung. Es gibt nur das eine Leben, das mit dem Tod nicht
endet. Jesus hat dieses Leben schon auf der Erde in einer Art und Weise erfüllt,
wie es uns anderen Menschen nur gegeben ist, weil er lebt. Er hat schon auf der
Erde die buchstäblich grenzenlose Hingabe gelebt, bis in seinen Foltertod
hinein, dem er nicht ausgewichen ist. Er hat schon auf der Erde das, was er
gespürt hat, mit allen Konsequenzen gelebt und dabei die Grundfesten des
Fundamentalismus ein für alle Mal zum Einsturz gebracht.
Wir haben die hohe Verantwortung, in seiner
Nachfolge das Aufblühen der Erde in all ihren Lebensformen und den Frieden unter
den Menschen zu verwirklichen. Wenn ich sage "in seiner Nachfolge", so meine ich
nicht, dass jeder Mensch dem nachfolgen soll, was in christlichen Kirchen
gelehrt wird. Die christlichen Kirchen haben mit ihren Lehren das, was Jesus in
die Welt gebracht hat, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Ich meine auch nicht,
dass sich jeder Mensch dafür interessieren muss, was von Jesus überliefert ist.
Ich meine vielmehr, dass es jedem Menschen möglich ist, den Faden aufzunehmen
und weiterzuspinnen, den Jesus in die Welt hinein geschenkt hat und schenkt. Um
den zu spüren und das Entsprechende zu tun, muss man Jesus nicht kennen.
Noch zwei Bemerkungen: In
evangelisch-lutherischen Kirchen ist es Tradition, Kreuze ohne Korpus darauf zu
haben. Damit soll deutlich gemacht werden, dass Jesus auferstanden ist und lebt.
In evangelisch-reformierten Kirchen gibt es - mit Ausnahmen - gar kein Kreuz.
Eine Ausnahme ist z. B. das Auferstehungskreuz von Josef Ammann in der
evangelisch-reformierten Kirche von Sargans · Mels · Vilters - Wangs in der
Schweiz.
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Mein Herr und mein Gott?
-
20. August 2010
Wie ich schon in mehreren Gedankensplittern
erzählt habe, rede ich Gott gerne mit dem Ausruf des Thomas aus dem
Johannesevangelium an: Mein Herr und mein Gott. (Joh
20,28.)
Über Gott kann ich dreierlei sagen. Gott ist vor
allem transzendent. Diese Transzendenz bedeutet, dass die meisten Aussagen über
Gott nicht getroffen werden können. Man kann nicht sagen: Gott ist männlich,
Gott ist weiblich, Gott ist allmächtig, Gott ist gütig, Gott ist gerecht, usw.
Aber die Transzendenz bedeutet keine hermetische Abgeschlossenheit von jeder
Aussagemöglichkeit. Ein kleiner Tropfen Information sickert doch durch. Und
dieser Tropfen sagt mir, wie es auch im 1. Johannesbrief steht: Gott ist Liebe.
(1 Joh 4,8.)
Der Satz kommt im 1. Johannesbrief zusammen mit
einer engen Theologie, die besagt, dass Gott seinen einzigen Sohn als Sühnopfer
für unsere Sünden hat hinschlachten lassen, dass es einen Tag des Gerichts gibt,
dass es eine Sünde gibt, die zum Tod, d. h. zu ewiger Getrenntheit von Gott
führt. Eine solche sadomasochistische Theologie darf heutzutage nicht mehr
angenommen werden. In meiner Bearbeitung des 1. Johannesbriefs sind diese
Tendenzen eliminiert.
Gott stellt keine Bedingungen wie ein kleinlicher
Erzieher, der sagt: Wenn du das tust, wirst du geliebt, wenn du aber jenes tust,
wirst du nicht geliebt. Die Liebe Gottes ist bedingungslos. Daher können wir uns
Gott vollständig und bedingungslos anvertrauen.
Wenn wir uns Gott anvertrauen, ist er für uns
nicht mehr nur ein abstraktes Prinzip, von dem man nichts aussagen kann. Er ist
dann nicht zu einer Person geworden und schon gar nicht zu einem Mann, aber er
ist nun ansprechbar. Traditionelle Anreden für Gott sind die Worte Gott, Vater
und Herr. Dabei ist das Wort Gott wie ein Platzhalter für etwas, das man nicht
aussprechen kann. Das Wort Vater kann über Gott nicht ausgesagt werden, aber es
drückt das Vertrauen aus. Das Wort Herr kann über Gott ebenfalls nicht ausgesagt
werden, aber es drückt die Ehrfurcht aus.
Ich möchte Gott nicht mehr so einengen, dass ich
im Gebet sage, er ist nur Herr, was seine Herrschermacht und seine Männlichkeit
ausdrückt. Den Schluss des Gebets von Bruder Klaus spreche ich daher jetzt so:
Mein Gott und mein Alles, nimm mich mir und gib mich ganz zu
eigen dir und deiner Menschheit und deinem Kosmos.
Mein Alles - das sagt man auch von Menschen, die man liebt,
nicht nur von Gott. So ist eben die Liebe. Sie verschenkt sich immer ganz und
wird nicht weniger.
Das Gebet von Bruder Klaus spreche ich jetzt so:
Mein Gott und mein Alles, nimm heute von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Gott und mein Alles, gib
heute mir, was mich fördert zu dir.
Mein Gott und mein Alles, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir
und deiner Menschheit und deinem Kosmos.
Über Gott kann ich dreierlei sagen. Gott
ist transzendent. Gott zeigt sich
als ansprechbarer Gott. Und Gott zeigt sich auch als Gott im Kosmos. Dass
Gott in allen Wesen des Kosmos lebt, in jedem Berg, in jedem Fluss, in jedem
Baum, in jedem Büffel, in jedem Menschen, das haben die Indianer erkannt, doch
sie wurden fast ausgerottet und ihre Religion wurde als primitiv zurückgedrängt.
Gott lebt in mir. Die Christen
nennen das den heiligen Geist. Jedoch: Gott lebt in mir nicht als dritte Person
der Trinität, denn das sind menschliche Erfindungen. Gott lebt in mir als eine
Kraft, als etwas, das sich in vielen Ereignissen meines Lebens schenkt, als
etwas, das mich leitet. Ich habe es auch mein Daimonion genannt, wie auch
Sokrates von seinem Daimonion gesprochen hat. (Näheres siehe meinen
Gedankensplitter "Des
Sokrates und mein Daimonion".)
Gott lebt in mir nicht einfach nur als eine
Kraft. Gott lebt in mir als Gott selbst, als das, was mich über mich selbst
hinausführt. Ich werde dadurch etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Ich
werde es, wie Jesus es geworden ist, wie er es ist.
Feedback von Peter Sardy:
Eine Perle auf dem mühsamen Weg der Suche nach
einem "gültigen“ (für uns "zeitgemäßen“) Gottesbild sehe ich in Ihrem Beitrag
"Mein Herr und mein Gott?“ - Wie Sie die Transzendenz Gottes – für "normales
christliches Denken“ unerwartet – in neues Licht stellen (er "ist nicht
Vater“), das ist wert, in weiten Kreisen bekannt zu werden. Und im gleichen
Beitrag ist dann noch Raum, in dem neuen Licht auch die Immanenz Gottes daneben
zu stellen ("Gott lebt in mir nicht einfach nur als eine Kraft. Gott lebt in mir
als Gott selbst, als das, was mich über mich selbst hinausführt.“). Das finde
ich sehr gut gesehen und wunderbar formuliert. Als notwendige "Lebenshilfe“ für
uns wäre ein nur als transzendent oder nur als immanent gesehener Gott
gleicherweise zu "schwach“. Wir müssen beide Eigenschaften zusammen denken, um
unserem Begriff eines "unsagbar Transzendenten“ Lebenskraft zu verleihen...
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Bösmensch, Hartei und Schwarzteetrinker
-
23. Juli 2010
Zur Diffamierung werden die Worte
"Gutmensch", "Weichei" und "Grünteetrinker" verwendet, manchmal sogar in
Kombination. Auch die Worte "Bösmensch" und "Hartei" werden als Schimpfworte
benützt, das Wort "Schwarzteetrinker" eher nicht. Jedenfalls gibt es weder den
"Gutmensch" noch den "Bösmensch" - es gibt nur "Das Tier Mensch" (Titel eines
Buches von Desmond Morris). Der Mensch ist das einzige Tier, das sich aus der
Ordnung der Natur herausgehoben fühlen kann, das sagen kann: "Ich bin kein
Tier".
In einem dreitausend Jahre alten Mythos steht der
Satz: "Da schuf Gott den Menschen nach seinem Bild". Ich bin der
Meinung, dass man diesen Satz vom Menschen her sehen muss. Er sagt aus, dass
sich Gott uns Menschen nach dem Bild
des Menschen zeigen kann, zum Beispiel als Vater.
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Aus dem innersten Herzen
-
10. Juli 2010
In meinem Gedankensplitter "Mit Blindheit
geschlagen" habe ich von einem evangelischen Gottesdienst mit Abendmahl
berichtet, der von einer evangelischen Lektorin geleitet wurde. In ihrer Antwort
zu dem Gedankensplitter schrieb sie: "Das
Lektorenamt erfüllt mich aus dem innersten Herzen."
Diese Formulierung fällt mir immer wieder ein,
und so gehe ich der Frage nach: Was ist denn das eigentlich, das innerste
Herz?
Ich beginne mit der Frage: Wie wird das Herz in
der Bibel gesehen? "Das Herz wird in der Schrift oft als Sitz der
Zuneigungen und Leidenschaften gesehen. Aber auch in Verbindung mit Weisheit und
Verstand lesen wir von einem 'weisen Herzen'. Der Herr gab z. B. Salomo ein
'weises und einsichtsvolles Herz' (1. Kön 3,12). Es ist das Zentrum des Wesens
des Menschen." (Aus: Bibel-Lexikon von
www.bibelkommentare.de.)
Das Herz ist das Zentrum des Wesens des Menschen.
Und das innerste Herz? Das innerste Herz ist das Herz in vollständiger Hingabe.
Ich liebe das Wort "Herz" sehr. Und in meiner
Zusammenschau der synoptischen Evangelien (Mt, Mk, Lk) kommt es sogar noch
häufiger vor als im Originaltext. Meine Zusammenschau wird unter dem Namen
"Botschaft ohne Grenzen" bis Jahresende in Buchform erhältlich sein. Ich bringe
jetzt einige Beispiele mit dem Wort "Herz" aus diesem Buch.
"Glücklich werden die, die nicht täuschen und
verleumden, sondern sich ein reines Herz bewahren, denn Gott wohnt in ihnen."
(Nach Mt 5,8.)
"Meine Jüngerinnen und Jünger, die von Herz zu
Herz mit mir verbunden sind, sind das Salz der Erde, wie auch ich das Salz der
Erde bin." (Nach Mt 5,13.)
"Meine Jüngerinnen und Jünger, die von Herz zu
Herz mit mir verbunden sind, sind das Licht der Welt, wie auch ich das Licht der
Welt bin." (Nach Mt 5,14.)
"Hänge dein Herz nicht an Gegenstände, die
zugrunde gehen, sondern verschenke dein Herz
und freue dich, wenn etwas zurückkommt." (Nach Mt 6,21; Lk 12,34.)
"Seid sanftmütig und von Herzen demütig wie ich.
Auf diese Weise werdet ihr die Welt verändern." (Nach Mt 11,29.)
"Der Herr, unser Gott, ist der einzige Gott. Du
sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Kraft
und mit all deinen Gedanken und Gefühlen. Und ebenso sollst du deinen
Mitmenschen lieben, denn er ist kostbar wie du selbst." (Mt 22,37-39; Mk
12,29-31; Lk 10,27.)
Feedback von Irene Wallner-Hofhansl:
Habe gerade deinen
Gedankensplitter zum innersten Herzen gelesen und stimme mit dir überein. Das
innerste Herz kann auch, so meine ich, mit dem innerlichsten Teil meines Selbst
verstanden werden, das was tief in mir (von Gott) angelegt worden ist.
Vergleichbar mit einer tiefen Liebe, aber doch anders....
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Altar oder Abendmahlstisch?
-
10. Juli 2010
Der Altar ist ursprünglich eine Stätte, um Opfer
darzubringen. Nach katholischem Verständnis ist er der Ort, um das Opfer, das
Jesus am Kreuz ein für allemal dargebracht hat, nicht zu wiederholen, sondern zu
vergegenwärtigen.
Die evangelische und die reformierte Kirche gehen
ebenfalls von dem einzigen Opfer Jesu aus. Nach evangelischem Verständnis ist
der Altar der Tisch, zu dem man gerufen wird, um das Abendmahl zu empfangen. In
reformierten Kirchen gibt es keinen Altar, jedoch einen Abendmahlstisch.
Nach Peter Sardy müssen wir immer allen Menschen
vergeben, ohne etwas zu verlangen, denn das ist die Weise, wie Gott uns vergibt.
"Das ist die klare 'Erlösungslehre' Jesu."
"Erst seit Paulus gehört es zu den Grundlagen
christlicher Theologie, dass Gott für die Vergebung der vielen Sünden als
Gegenleistung ein blutiges Sühnopfer forderte, und um den unendlichen Kaufpreis
aufzubringen, sei er selbst Mensch geworden und habe sich kreuzigen lassen,
damit er dann die Schuld korrekterweise nachlassen könne... Diese unmögliche
Behauptung... Mit dem Gottesbild Jesu ist sie schlicht unvereinbar!" (Aus:
"Jesus oder Paulus - Der Weg einer Befreiung" von Peter Sardy, S.107.)
Das entspricht meiner Meinung. Der
Abendmahlstisch ist für mich ein einfacher Tisch, um den wir uns zur lebendigen
Nachfolge Jesu versammeln, nicht zum Gedächtnis eines Opfers.
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Was ist die Wirklichkeit?
-
25. Juni 2010
Es gibt Perspektiven der Wirklichkeit und Modelle
der Wirklichkeit, die auf solchen Perspektiven aufbauen.
Eine Wirklichkeit an sich gibt es nicht. Es gibt
nur das Integral über die Perspektiven der Wirklichkeit. Diese Aussage
entspricht selbst wieder einem Modell.
Es gibt keinen Gott an sich, der in sich selbst
Trinität wäre.
Meine Aussage "Das gibt es nicht" bedeutet, dass
man darüber nichts sagen kann. Meiner Meinung nach kann man nicht deswegen
darüber nichts sagen, weil man darüber nichts wissen kann, sondern deswegen,
weil es sich hier um eine Denkweise der Metaphysik handelt. Ich komme immer mehr
dazu, Denkweisen der Metaphysik in meinem Denken und Sprechen auszuschließen.
Der Begriff „Metaphysik“ bezieht sich auf ein
Werk des Aristoteles, das aus 14 Büchern allgemeinphilosophischen Inhalts
bestand. Aristoteles selbst verwendete den Begriff nicht. Andronikos von Rhodos
(1. Jahrhundert v. Chr.) ordnete in der ersten Aristotelesausgabe diese Bücher
hinter dessen 8 Bücher zur „Physik“ ein (tà metà tà physiká). Dadurch entstand
der Begriff der „Metaphysik“, der also eigentlich bedeutet: „das, was hinter der
Physik im Regal steht“, aber gleichzeitig bedeutet: „das, was nach der Physik
kommt“. (Nach Wikipedia.)
Wenn ich von Metaphysik spreche, habe ich
insbesondere Platon und Aristoteles im Auge sowie die daran anschließende
hellenistische Philosophie mit dem Neuplatonismus, da Gedankengut der
hellenistischen Philosophie auch das Zweite Bundesbuch und die frühen
christlichen Konzilien beeinflusst hat und die Theologie daher bis heute
beeinflusst.
Auch für mich ist der Begriff Logos unaufgebbar,
der in der griechischen Philosophie, im hellenistischen Judentum und im
Christentum (Prolog des Johannesevangeliums!) verwendet wird.
Für mich ist es wichtig, die Frage der
Wirklichkeit vom menschlichen Erleben her zu sehen. Jeder Mensch ist mit allem
verbunden. In jedem Erlebnis öffnet sich eine Perspektive der
Gesamtwirklichkeit, und die können wir wahrnehmen, wenn wir schauen, hören und
es zulassen. Bei Beobachtungen jedweder Art ist es wichtig, dass nicht der
eigene Lebensfilm abläuft, und besonders, dass nicht Angst oder Frust aufkommen,
da sonst die Wahrnehmung sofort verzerrt wird. Wenn Angst oder Frust aufkommen,
müssen parallel zur weiterlaufenden Beobachtung sofort Angst oder Frust zum
Thema der Beobachtung gemacht werden.
Das sagt sich leichter als es ist.
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Das Kirchenfrauenkabarett
-
22. Juni 2010
Während der
Kirchenvolks-Konferenz im Bildungshaus Batschuns haben wir am 19. Juni 2010 eine
Aufführung des Vorarlberger Kirchenfrauenkabaretts (http://www.kirchenfrauen-kabarett.at)
erlebt. Sie wurde von mir und allen Anwesenden begeistert aufgenommen. Ihre
Motivation beschreiben die Frauen so:
"Wir beobachten das Geschehen, sammeln öffentliche Aussagen
und Taten hoher Kirchenmänner und deren Gefolgsleute in Zeitschriften,
Tageszeitungen, Radio, Fernsehen, Internet. Jedes Zitat, das wir verwenden, ist
genau recherchiert und belegt. Wir greifen dabei in erster Linie Aussagen auf,
die bei uns und vielen anderen Wut und Frust auslösen und verarbeiten alles
humorvoll und kritisch zu Kabarett - als 'Frustschutzprogramm'."
"Man fragt uns des Öfteren, warum wir uns in dieser Kirche überhaupt noch
engagieren. Wir wissen, dass wir nur etwas verändern können, wenn wir bleiben,
und wir haben mit dem Kabarett eine Form gefunden, Konflikte zu verarbeiten und
unseren Protest vorzubringen. Ein österreichischer Prälat hat gesagt:
'Konstruktive Kritik und gezielte Rebellion gegenüber der Kirche sind ein
kräftigeres Zeichen von Liebe als resigniertes Schweigen und Lauheit.' Dieses
Zitat bringt auf den Punkt, was uns motiviert."
"Für die Gestaltung der Programme verwenden wir
unterschiedliche literarische und musikalische Formen. Im Laufe unserer
'Kabarettarbeit' wurde es uns auch immer wichtiger, in jedem Programm ernste
Nummern zu gestalten, wie z.B. die Nichteinhaltung der Menschenrechte innerhalb
der Kirche."
Auch in politischen Diktaturen hat das Kabarett stets gelebt.
Zwischenzeit, die Initiative für soziale, interkulturelle und ökologische
Forschung, Analyse und Bildung in Münster (http://www.zwischenzeit-muenster.de),
präsentiert derzeit einen Kabarett-Abend der Spielvereinigung Penetrant & Selten
Komisch mit Texten, Szenen und Chansons aus der Zeit des Dritten Reichs. Dazu
gibt es folgende Information:
"Es gab sie auch während des Dritten Reichs: Versuche,
kunstvoll und künstlerisch gegen das Grauen des Nationalsozialismus anzulachen.
Kabarett, Satire und despektierlicher Spott überlebten selbst jene zwölf Jahre
des 'tausendjährigen Reiches', über denen der Nachwelt das Lachen verging."
"Flüsterwitze huschten von Mund zu Ohr und konnten während des
Zweiten Weltkriegs - als 'Wehrkraftzersetzung' - Konzentrationslager oder Tod
bedeuten."
"Sogar in den Konzentrationslagern wurde Kabarett gespielt."
Es geht nicht darum, den Papst und Hitler zu vergleichen. Es
geht darum, das Unrecht zu demaskieren - wo auch immer es geschieht.
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Was hat Jesus mit Gott zu tun?
-
22. Juni 2010
In dem Gedankensplitter "Die
Bezogenheit auf den Kosmos" habe ich die Schlussworte des Gebets von Bruder
Klaus erweitert, sodass sie lauteten:
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu
eigen dir und deiner Schöpfung.
Von 18. bis 20. Juni 2010 nahm ich an einer
Kirchenvolks-Konferenz im Bildungshaus Batschuns teil. Die Veranstaltung war von
"Wir sind Kirche" - Österreich organisiert. Ich gehöre zum Team der
Veranstalter. Das Thema war: "Für eine Kirche mit Zukunft - Eckpunkte für eine
menschenrechtskonforme Kirchenverfassung". Mitten während dieser Tage gab es
wieder eine Erweiterung des Gebets von Bruder Klaus, denn es betete in mir:
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu
eigen dir und deiner Kirche und deiner Schöpfung.
Seither bete ich es immer so, wann auch immer mir das Gebet
einfällt, bei Tag und in der Nacht. Als das Gebet in dieser erweiterten Form in
mir entstand, fragte ich mich: Wer ist das eigentlich, den ich da mit "Mein Herr
und mein Gott" anrede? Und was hat Jesus mit ihm zu tun?
Da entstand in mir die Antwort: Jesus wohnt im innersten
Herzen Gottes.
Und ich fragte mich: Wessen Kirche ist das also?
Die Antwort ist mit dem Bisherigen schon gegeben. Es ist die
Kirche aller, die zu Jesus bewusst Ja sagen, die ihm nachfolgen oder ihn
nachahmen.
"Mein Herr und mein Gott", das sind die Worte, mit denen
Thomas den auferstandenen Jesus anredet, wie er den Jüngerinnen und Jüngern
erscheint. (Siehe Joh 20,28.) Und doch rede ich in meinen Psalmenbearbeitungen,
die in meinem Buch "Du bist da" veröffentlicht sind, Gott gerne so an. Das tue
ich, obwohl doch diese Psalmen in eine Zeit gehören, lange bevor Jesus auf der
Erde geboren wurde. Doch der lebendige Gott, der angebetet wurde, lange bevor
Jesus auf der Erde geboren wurde, trägt Jesus in seinem Herzen, denn Jesus wohnt
im innersten Herzen Gottes. Von ihm ist er niemals getrennt.
Ergänzung vom 19. August 2010:
In der letzten Zeit habe ich die kosmische Dimension Gottes so stark
erfahren. Außerdem ist ja der folgende Satz für mich essenziell:
Meine
Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein
Gotteshaus ist die Erde. Daher bete ich den
Schluss des Gebets von Bruder Klaus jetzt immer so:
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu
eigen dir und deiner Menschheit und deinem Kosmos.
Wenn ich es so bete, habe ich ein Gefühl von Weite, Freiheit, Glück und
Verantwortung.
Feedback von Gerhild Krotz:
Der Kosmos ist mir zu weit weg. Dafür bin ich nicht
verantwortlich. Ich bin nur für die Erde zuständig.
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Was ist für mich "die Kirche"?
-
14. Juni 2010
"Die Kirche" ist für mich nicht einfach die
römisch-katholische Kirche, deren Mitglied ich bin, nach zweimaligem Austritt
und Wiedereintritt. "Die Kirche" ist für mich auch nicht einfach die Gesamtheit
aller christlichen Gemeinden.
Nach Karl Rahner gibt es auch noch die "anonymen Christen":
"Wer sein Dasein, also seine Menschheit annimmt in schweigender Geduld als das
Geheimnis, das in sich das Geheimnis ewiger Liebe birgt und im Schoß des Todes
das Leben trägt, der sagt auch, wenn er es nicht weiß, zu Jesus Christus ja."
Es ist gefährlich, sich so auszudrücken. Ich
kenne eine muslimische Stellungnahme, bei der der Autor dies als theologische
Vereinnahmung bezeichnet.
Nach meiner Auffassung berührt die unfassbar
große Liebe, die das Innerste und Äußerste von allem ist, jedes Detail des
Kosmos und jeden Menschen. Und niemand verkörpert diese Liebe so wie Jesus, in
menschlicher Gestalt und darüber hinaus. In seiner Nachfolge soll diese Liebe
auch durch mich strömen, ohne dass dies durch meinen Tod beendet wird, immer und
überall und überallhin.
Meine
Kirchgemeinde ist die Menschheit und mein
Gotteshaus ist die Erde.
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Mit Blindheit geschlagen
-
14. Juni 2010
Die Führer der römisch-katholischen Kirche sind
mit Blindheit geschlagen, indem sie immer noch das weibliche Element in der
Kirche zurückdrängen.
Vor einer Woche habe ich - als Mitglied der
römisch-katholischen Kirche - an einem Abendmahlsgottesdienst der evangelischen
Kirche teilgenommen, der von einer evangelischen Lektorin geleitet wurde, die
dazu die Beauftragung hatte. Dabei habe ich eine Frau am Altar erlebt, die in
überzeugender Weise sowohl die evangelische Tradition als auch die Verbundenheit
mit Jesus Christus dargestellt hat. Wenn sie gebetet hat, war sie im Gebet. Wenn
sie verkündigt hat, war sie in der demütigen und doch bestimmten Wiedergabe
dessen, was ihr anvertraut ist.
Das weibliche Element in Hingabe und
Verantwortung würde auch in der römisch-katholischen Kirche eine große
Bereicherung bedeuten. Ist es nicht peinlich, wenn sich geistliche Schwestern
zur Eucharistiefeier einen männlichen Priester ins Haus holen müssen, oder wenn
sie nur bei einem männlichen Priester beichten dürfen?
Es muss eine kirchliche Ordnung geben, eine
Beauftragung zu sakramentalem Vollzug in der Öffentlichkeit. Diese Beauftragung
muss nicht immer von oben kommen, sie kann auch von unten, von der Gemeinschaft
gegeben werden. Eine solche Beauftragung würde auch in der römisch-katholischen
Kirche genügen. Eine Weihe zur Priesterin ist nicht unbedingt nötig.
Anmerkung aufgrund eines Feedbacks:
Dieser Gedankensplitter ist mit Blick auf die Frauen geschrieben. Ansonsten
hätte ich den letzten Satz genausogut so formulieren können: Eine Weihe zur
Priesterin oder zum Priester ist nicht unbedingt nötig.
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Glasnost und Perestroika in der Kirche
-
14. Juni 2010
Michail Gorbatschow hat dem politischen System in
der Sowjetunion ab 1985 entscheidende Impulse gegeben, die weltweit wirksam
wurden. Er sprach von Glasnost (Offenheit, Transparenz, Informationsfreiheit)
und Perestroika (Umbau, Umgestaltung, Umstrukturierung), innenpolitisch auch von
Demokratisierung, was die Zulassung mehrerer Kandidaten bei Wahlen bedeutete.
Seine Impulse führten zum Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion und
zum Entstehen eines anderen Russland.
Es gibt für mich keinen Zweifel, dass in der
römisch-katholischen Kirche ein Übergang zu Glasnost und Perestroika dringend
erforderlich ist, begleitet von Demokratisierung bei der Bestellung der
Amtsträger. Solche Impulse werden zum Zusammenbruch des absolutistischen,
monarchistischen Kirchensystems führen und die Kirche neu erstrahlen lassen.
In der Sowjetunion wurde diese Bewegung durch ein
Zulassen von oben in Gang gesetzt. In der römisch-katholischen Kirche ist kein
Papst in Sicht, der über den entsprechenden Weitblick und das entsprechende
Durchsetzungsvermögen verfügen würde.
Nach Hegel wird der Gang der Geschichte durch den
Weltgeist bestimmt. In widrigen Umständen setzt die "List der Vernunft" ein, die
auch egoistische, machtgierige, ja sogar verbrecherische Vorkommnisse in ihrem
Sinn verwenden kann, um den Fortschritt zu mehr Freiheit und Liebe zu erreichen.
Letzten Endes müssen die Impulse von oben und die
Impulse von unten zusammenwirken.
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Kategorien und Paradigmen
-
27. Mai 2010
Nach der Brockhaus-Enzyklopädie ist die
allgemeine Bedeutung des Wortes Kategorie eine Gruppe, in die jemand oder eine
Sache eingeordnet wird. Desmond Morris sagt in dem Buch "Das Tier Mensch": "Hat
man eine bestimmte Kunstform erst einmal benannt und kategorisiert, kann man
alle Werke, die in diese Kategorie fallen, nach Güte und Wert einordnen...
Sobald eine Kategorie besteht, kann man die zugehörigen Kunstobjekte
definieren."
Und Objekte, die man keiner Kategorie zuordnen
kann? Sind etwa meine Bücher solche Objekte?
In meinen Büchern "Du bist da - Die Psalmen der
Bibel in neuer Bearbeitung", "Du bist Liebe - Die Johannes-Schriften der Bibel
in neuer Bearbeitung" und "Botschaft ohne
Grenzen - Eine neue Zusammenschau der synoptischen Evangelien" (Letzteres noch
nicht erschienen) habe ich die Bibel als Text hergenommen, den man bearbeiten
und verändern kann. Und ebenso habe ich in meinem Buch "Hände weg, doch pack an
- Das Daodejing in neuer Bearbeitung" die Texte des Daodejing frei
umgeformt. Ich habe die Bearbeitungen aus der Quelle meiner Hingabe vorgenommen,
um etwas Neues zu schaffen. Und wo gehören diese Bücher jetzt hin? Wie ich hoffe, in keine bekannte Kategorie.
Ich habe mir angesehen, nach welchen Kriterien
verschiedene Verlage die Bücher auswählen, die sie herausgeben. Bei christlichen
Verlagen findet man oft den Hinweis: Es muss biblisch fundiert sein. Doch das
bringt mich zu der Frage: Wie fundiert ist die Bibel? Die Bibel ist heilige
Schrift. Das ist für mich keine Frage. Doch sie enthält nicht
das Wort Gottes in Reinkultur, denn so etwa gibt es nicht. Die Bibel enthält
Theologien, Ansichten von Theologen, und diese Ansichten sind nach
orientalischer Art oft in Erzählungen verpackt. Mit anderen Worten: Die
Theologie beginnt nicht erst nach der Aufzeichnung der biblischen Schriften,
sondern bereits bei ihrer Aufzeichnung. Und es ist nicht jede dieser
ursprünglichen Theologien geeignet, immer weiter mitgeschleppt zu werden. Und
wenn man sie nicht mehr mitschleppen will, ist es besser, die Originaltexte zu
ändern, als sich mit Interpretationen zu behelfen.
In meinen Büchern "Jesus für alle - Die Abenteuer
Gottes" und "Jesus ohne Dogmen - Die
christlichen Wahrheiten neu formuliert" (Letzteres noch nicht erschienen)
entfalte ich die Theologie, die sich aus den geänderten Originaltexten der Bibel
ergibt und aus einem nicht bewertenden Blick auf die Geschichte des
Christentums, der sogenannte Häretiker genauso wie Kirchenväter ansieht.
In meinem Buch
"Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen" (derzeit in
Arbeit) setze ich diese Entfaltung weiter fort, indem ich wesentliche Momente
des irdischen Lebens, des Sterbens und des Lebens nach dem irdischen Tod zur
Sprache bringe. Während ich dieses Buch schreibe, kommt immer mehr zum Tragen,
dass ich meine Arbeit "experimentelle Theologie" genannt habe. Dieser Ausdruck
hat in meinem Sinn nichts mit Bibliodrama zu tun, sondern hat folgende
Bedeutung: Was ich schreibe, ist nicht ausgedacht, es ist auch nicht gechannelt,
sondern ich habe es am eigenen Leib erfahren. Immer mehr komme ich dazu, alles,
was meinem Organismus widerfährt, in Gesundheit und Krankheit, als Phasen des
Lernens, des Anschauens und der Einsicht zu nehmen.
Pierre und Marie Curie haben zusammen das Radium
entdeckt. Als man die Wirkung der Strahlung zu beobachten begann, machte Pierre
Curie einen Selbstversuch: "Mit einem Pflaster klebte er sich ein Radiumpräparat
für zehn Stunden an den Unterarm. Es entstand eine üble Entzündung, die zwei
Monate zum Abheilen brauchte. Eine graue Narbe blieb zurück." (Aus: Wikipedia.)
Mein Leben ist keine Serie von Selbstversuchen,
doch die Haltung des Experiments durchzieht mein Leben. Nicht ich experimentiere
mit dem Leben, sondern das Leben experimentiert mit mir, und ich lasse das zu.
Unter einem Paradigma versteht man im einfachsten
Fall ein Denkmuster oder einen Gesamtzusammenhang von Denkmustern auf einem
bestimmten Wissensgebiet oder auf dem Gebiet des alltäglichen Lebens einer
Bevölkerung. Bei einem Paradigma handelt es sich also wie bei der Kategorie um
ein Einordnungskriterium. Während aber die Kategorie mehr zur Ordnung im Raum
verwendet wird, dient das Paradigma mehr zum Ordnen in Zeit und Geschichte.
Solche Kriterien werden auch als
Beurteilungskriterien und Übertragungskriterien verwendet. Die Verwendung als
Beurteilungskriterium bedeutet, dass man zum Beispiel einen Text, den man liest,
danach beurteilt, ob er in eine bestimmte Kategorie passt oder dem Denken nach
einem bestimmten Paradigma entspricht. Die Verwendung als Übertragungskriterium
bedeutet, dass man zum Beispiel einen Text, den man liest - ohne es zu merken -
Wort für Wort in seinen eigenen Verstehenshorizont überträgt.
Ich kann nicht verhindern, dass das alles auch
mit meinen Büchern geschieht. Und doch sehne ich mich danach, dass wir alle
immer besser lernen, die Ereignisse, die wir erleben, und die Menschen, denen
wir begegnen, nicht in die Maschinerie des Schon-Erlebten einzuspannen, sondern
vorurteilsfrei zu erfahren. Kategorien sind Schubladen. Niemand will in eine
Schublade gezwängt werden. Paradigmen sind Abläufe auf Schienen. Niemand will
dazu gezwungen werden, immer auf Schienen zu laufen.
Müssen wir immer in Kategorien und Paradigmen
denken, fühlen und handeln? Ich sehne mich danach, dass wir immer mehr den Wert
des Augenblicks entdecken. So gesehen ist für mich die Zeit der Kategorien und
Paradigmen vorbei.
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Die Bezogenheit auf den Kosmos
-
27. Mai 2010
In dem Gedankensplitter "Hingabe als Grundprinzip
des Lebens" habe ich das ganze Gebet von Bruder Klaus wiedergegeben. Es endet
mit den Worten:
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu
eigen dir.
Dieses Gebet begleitet mich Tag für Tag und Nacht für Nacht.
In letzter Zeit habe ich mich immer wieder gefragt: Ist das Gebet so, wie es
ist, nicht zu ich-bezogen? Trägt es nicht die Gefahr in sich, dass "mein Gott
und ich" eine wundersame Einheit in der Zweiheit werden, die nichts anderes mehr
nötig hat? Diese Gefahr ist bei mir nicht gegeben, und doch hat mir bei dem Gebet
etwas gefehlt: die Bezogenheit auf den Kosmos und auf alle Wesen. Daher spreche
ich den Schluss des Gebets jetzt so:
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu
eigen dir und deiner Schöpfung.
So fällt es mir auch leichter, das Elend im engeren und im
weiteren Umkreis nicht aus den Augen zu verlieren.
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Heilige Schriften und anderes Heilige
-
4. Mai 2010
Heilige Schriften gibt es in vielen Religionen.
Die englischsprachige Wikipedia zählt achtunddreißig Religionen auf, die über
heilige Schriften verfügen oder verfügten.
"Bisweilen, vor allem in der Mystik, wuchs eine
religiöse Richtung, die nur die innere subjektive Offenbarung anerkennt, über
die heiligen Schriften ihrer überlieferten Religion hinaus: So lehnt etwa der
Zen-Buddhismus jede heilige Schrift ab und gründet sich allein auf die eigene
religiöse Erfahrung." (Aus: Brockhaus-Enzyklopädie.)
Der buddhistische Patriarch Bodhidharma, der von
Indien nach China kam und dort zu einem der Väter des Ch'an ( = Zen) wurde,
wurde vom Kaiser Wu-Di gefragt: "Was ist der höchste Sinn der heiligen
Wahrheit?" Bodhidharma entgegnete: "Offene Weite - nichts von heilig".
Dazu eine Erklärung: "Nichts
von heilig heißt auch: nichts von unheilig. Nichts von unheilig heißt auch:
nichts, von dem wir uns abwenden müssten." (Aus einem vom Haus Lueginsland
veröffentlichten Artikel.)
Shankara, auch Shankarāchārya, war ein indischer
Mystiker und Reformator, ein Erneuerer des Hinduismus, ein Hauptvertreter des
Advaita-Vedānta. Kurz vor seinem Tod bat ihn der König Sudhanva, ihm die Essenz
aller vedischen Lehren vor Augen zu führen. Daraufhin sang er die Dasha Shloki,
zehn von ihm komponierte Verse. Der siebente dieser zehn Verse lautet: "Es gibt
weder Lehrer noch heilige Schrift, weder Schüler noch Lehre, weder dich noch
mich noch dieses empirische Universum; denn das Lehren der eigenen wahren Natur
erlaubt keine Differenzierung. Deshalb bin ich das Eine, glückverheißend und
rein, das alleine übrig bleibt." (Aus: "Advaita Vedanta - Erwachen zur
Wirklichkeit" von Andreas Binder.)
Eckhart von Hochheim, der mittelalterliche
Meister des geistlichen Lebens, sagte: "Dass wir Gott nicht finden, das kommt
daher: Wir suchen ihn mit Gleichnissen, während er doch kein Gleichnis hat.
Alles, was die heilige Schrift beibringen kann, ist mehr ihm ungleich als ihm
gleich." (Aus den Traktaten Meister Eckharts, gefunden bei Zeno.org.)
Es gibt das geflügelte Wort "Das ist mir heilig",
zum Beispiel der Mittagsschlaf. In einer Ausstellung auf dem Katholikentag 1986
in Aachen war zu sehen, was jungen Menschen heilig ist: eine besondere Muschel
von einem Spaziergang am Strand bei untergehender Sonne, ein Stein von einer
Bergwanderung in den Alpen, eine Postkarte aus Taizé, und so weiter. Eine sehr
schöne Formulierung habe ich in einem Blog gefunden: "Die Liebe ist mir heilig;
Liebe schenken zu dürfen und zu können und das Glück zu haben, Liebe empfangen
zu dürfen und zu können, das ist mir heilig."
In meinen Büchern habe ich Bibeltexte und Gebete
transformierend bearbeitet und so zu etwas gemacht, von dem ich mit ganzem
Herzen sagen kann: Das ist mir heilig.
Eine allgemeine Lebensregel könnte sein: Was
anderen Menschen heilig ist, das ist auch mir heilig. Ich spüre ganz stark, dass
diese Lebensregel für mich stimmt, dass sie geeignet ist, Menschen zu befreien,
dass sie dazu führt, Brücken zwischen Menschen zu bauen.
Und so sage ich zum Schluss: Die heiligen
Schriften anderer Menschen sind auch mir heilig.
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Die Ökumene bin ich -
3. Mai 2010
Zur Ökumene gehört das gemeinsame Herrenmahl. Das
ist keine Frage. Alles andere sind Ausreden und Handeln gegen den Willen Jesu.
Besonders im Rahmen der römisch-katholischen Kirche betet man um Einheit. Mit
den Händen bittet man darum, dass die Türe aufgeht, aber man stellt einen Fuß
davor, sodass sie nicht aufgehen kann.
In dieser Situation kann ich nur sagen: "Die
Ökumene bin ich." Ich bin die Ökumene, wenn ich einmal im Monat als
römisch-katholisches Kirchenmitglied am evangelischen Gottesdienst mit Abendmahl
teilnehme. Ich bin die Ökumene, wenn ich dabei spüre, dass es keine Grenzen
zwischen denen gibt, die mit Jesus verbunden sind, außer sie schaffen die
Grenzen in ihren Köpfen.
In meinem Kopf gibt es keine Grenzen zwischen den
Menschen. Daher ist auch einer meiner Wahlsprüche: "Meine Kirchgemeinde ist die
Menschheit und mein Gotteshaus ist die Erde."
Diejenigen, die im Namen Jesu gemeinsam das
Herrenmahl feiern, werden in ihrem Verlangen bestärkt, von Herz zu Herz eine
Beziehung zu Jesus zu entfalten und sich für die ganze Menschheit hinzugeben, in
seiner Nachfolge, so wie er es getan hat. Sie können es als Geschenk empfangen,
dass sich die Grenzen in ihrem Kopf auflösen.
Die Gemeinschaft Jesu braucht viele Partisanen,
bei denen die Grenzen im Kopf wegfallen und die die volle Einheit in der
Vielfalt leben in gegenseitiger Gastfreundschaft beim Herrenmahl.
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Peanuts
-
26. April 2010
Wenn mich in letzter Zeit etwas bekümmert, fällt
mir schlagartig der Satz ein: "Das sind doch Peanuts". Es handelt sich um die
kleinen Bekümmernisse des Alltags: Irgendetwas geht nicht so, wie ich will, oder
von irgendjemand fühle ich mich gekränkt, was ich mir sowieso nicht anmerken
lasse.
In solchen Fällen bringt mir der Satz "Das sind
doch Peanuts" große Erleichterung.
Es gibt noch anderes. Zwei Monate lang war ich -
bis vor wenigen Tagen - mehr krank als gesund. Das kannte ich von früher nicht.
Es nagte an mir mit den Worten: Ich will doch demnächst anfangen, ein ganz
besonderes Buch zu schreiben. Wie soll denn das gehen, wenn ich mich so fühle?
Wird das überhaupt noch möglich sein?
In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt: Um
dieses Buch schreiben zu können, war die Erfahrung von Krankheit unbedingt
erforderlich. Alles, was uns widerfährt, kann als Aufgabe gesehen werden, damit
wir wachsen und reifen.
Ist das nicht großartig?
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Anders
beten -
26. April 2010
In letzter Zeit beginne ich, anders zu beten. Es
geht über das bewusste und aufmerksame Sprechen der Worte hinaus. Es ist mit
ganzem Einsatz, aber ohne Gewalt. Zum Beispiel
beim Gebet von Bruder Klaus, das ich Tag und Nacht öfter wiederhole:
Wenn ich nun bete "Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir", so ergreift mich das Wort "alles" ganz. Es ist
nicht mehr gemeint "Nimm jetzt ein bisschen und dann ein bisschen, irgendwann
wird es schon alles sein", sondern real gegenwärtig ist "Nimm jetzt und hier
alles".
Wenn ich nun bete "Mein Herr und mein Gott, gib alles mir,
was mich fördert zu dir", so ergreift mich das Wort "alles" ganz. Es ist nicht
mehr gemeint "Gib jetzt ein bisschen und dann ein bisschen, irgendwann wird es
schon alles sein", sondern real gegenwärtig ist "Gib jetzt und hier alles".
Und wenn ich nun bete "Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir", so bin ich total ergriffen davon, dass
ich mir "ganz" genommen werde und dass ich meinem Herrn und Gott "ganz" gegeben
werde, nicht im Laufe der Zeit, sondern jetzt und hier.
Als zweites Beispiel nehme ich das Gebet meiner
Weihe, das ich jeden Tag mindestens einmal spreche:
Wenn ich nun bete
„Jesus, deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage meines Lebens und
über den Tod hinaus", so ist totale Aktualität und Verbindlichkeit gegeben, in
einem allumfassenden Jetzt.
Ebenso ist es,
wenn ich nun bete „Maria, deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und alle Tage
meines Lebens und über den Tod hinaus".
Und ganz genauso
ist es, wenn ich nun bete „Gerhild, deinem Herzen bin ich geweiht, jetzt und
alle Tage meines Lebens und über den Tod hinaus“.
So entsteht
etwas, das nie und nimmer zugrunde gehen kann.
Gerhild, meine
Frau, und ich haben bei der Eheschließung versprochen, einander zu lieben und zu
achten, bis der Tod uns scheidet. Unsere Gemeinschaft und gemeinsame Aufgabe
geht jedoch mit Sicherheit über den Tod hinaus. Daher haben wir diesen Satz des
Trauungsrituals außer Kraft gesetzt. Jedem liebenden Paar ist das möglich.
Zurück
Menschen anders sehen
-
26. April 2010
In letzter Zeit beginne ich, Menschen anders zu
sehen. Wenn ich jemand ansehe, so ist seine / ihre Begrenzung etwas nach außen
verrückt. Das ergibt aber nicht einfach einen zusätzlichen Rand bei sonst
gleichbleibender Sicht, sondern der ganze Mensch erhält in meinen Augen eine
neue Dimension. Auf diese Weise sagen Menschen zu mir: "Ich bin völlig und ganz
dieser irdische Mensch, zugleich bin ich aber auch etwas, das darüber
hinausgeht. Meine eigentliche Wirklichkeit ist größer und umfassender als der
äußere Anschein."
Das macht mich andächtig und lässt mich staunen.
Und es erinnert mich daran, dass auch ich ein solcher Mensch bin.
Dieses andere Sehen, das ich gerade beschrieben
habe, geschieht für mich beim Sehen mit den physischen Augen, aber es ist kein
Sehen mit den physischen Augen. Es geschieht außerdem nicht jedes Mal. Es wird
mir geschenkt. Um so sehen zu können, muss ich den Blick zurücknehmen; ich darf
nicht glotzen. Beim Glotzen strahlt man ja etwas aus; wie soll da etwas
hereinkommen?
Menschen in dieser Art anders, mit mehr
Verständnis und Liebe zu sehen ist ein Geschehen "außerhalb" der üblichen
Vorstellungen von Raum, Zeit und Ewigkeit.
Zurück
Einander erkennen -
18. April 2010
Gerhild, meine Frau, und ich waren sieben Jahre
getrennt. Nun sind wir bereits wieder fast sieben Jahre beisammen. Im November
2003 hat mir mein Daimonion zu verstehen gegeben, durch einen klaren Impuls und
durch Worte, die in mir aufgetaucht sind, dass es nun möglich und sogar
notwendig ist, wieder zusammen zu leben. Gerhild hat gespürt, dass es ernst
gemeint ist, und hat sofort ja gesagt.
Es war zu spüren, dass es gut gehen würde. Aber
es war nicht klar, wozu es führen würde. Es hat dazu geführt, dass uns die Augen
aufgegangen sind und dass wir einander erkannt haben. Gerhild ist für mich in
einer früher unvorstellbaren Weise liebenswert geworden, einfach dadurch, dass
ich gelernt habe, in Ruhe auf das zu schauen, was sie wirklich ist und wie sie
wirklich ist. Ihre ganze Tiefe zu erfahren und ihre aus dieser Tiefe kommenden
Gedanken, Worte und Handlungen - das ist für mich mittlerweile das Schönste
geworden, was die Erde mir bietet. Und es ist uns auch ein Verstehen ohne Worte
geschenkt worden.
Heißt es etwa deswegen in der Bibel über Adam und
Eva: "Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger" (1. Mose 4,1) und
über Josef und Maria: "Er nahm seine Frau an, und nicht erkannte er sie, bis
dass sie gebar einen Sohn" (Mt 1,24-25), weil zu der größtmöglichen Vereinigung
zwischen Mann und Frau das gegenseitige Erkennen gehört?
Gerhild geht weit über das hinaus, was ich je
erkennen kann. So bleibt sie immer faszinierend.
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Erleichterung und Schande
-
30. März 2010
Was hat uns Buddha gebracht?
Die Weisheit der Meister.
Was hat uns Christus gebracht?
Die Freiheit der Kinder Gottes.
Welche Erleichterung!
Christliche Amtsträger - allen voran Paulus -
haben diese Freiheit verdunkelt.
Welche Schande!
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Wie ein Mantra
-
10. März 2010
Nach der Brockhaus-Enzyklopädie ist ein
Mantra im Buddhismus, Jainismus und Hinduismus eine heilige Formel, die
nach strengen Regeln rezitiert wird.
Nach dem Lexikon der östlichen
Weisheitslehren ist ein Mantra im Buddhismus "eine kraftgeladene Silbe
oder Folge von Silben, die bestimmten kosmischen Kräften und Aspekten
der Buddhas Ausdruck gibt." Die ständige Wiederholung von Mantras ist im
Buddhismus eine Form der Meditation. Bei laut ausgesprochenen Mantras
spielt auch der Klang eine wesentliche Rolle.
Das Ur-Mantra ist OM oder AUM und wird
A-O-U-M gesungen. Es ist sowohl ein Symbol der (geschriebenen) Form als
auch des (gesungenen) Klanges. Wenn man es richtig singt, kommen die
Obertöne mit.
Die Sanskrit-Formel OM MANI PADME HUM
(wörtlich: "OM, Juwel im Lotos, HUM") ist nach dem Lexikon der östlichen
Weisheitslehren das bedeutendste und älteste Mantra des tibetischen
Buddhismus. "Die einfachste Erklärung des von sogenannten Keimsilben
eingeschlossenen Wortpaares 'Juwel im Lotos' ist die Gleichsetzung des
Juwels mit dem Erleuchtungsgeist (Bodhichitta), der im Lotos des
menschlichen Bewusstseins erzeugt werden soll."
Nach dem Tibetischen Buch vom Leben und vom
Sterben ist OM MANI PADME HUM das Mantra des Mitgefühls. "Es verkörpert
das Mitgefühl und den Segen aller Buddhas und Bodhisattvas, ruft aber
speziell den Segen von Avalokiteshvara, dem Buddha des Mitgefühls, an."
Nie werde ich vergessen, wie wir zu der
Zeit, als ich mit den österreichischen Buddhisten befreundet war, im
Buddhistischen Meditationszentrum Scheibbs unter Anleitung eines Mönchs
dieses Mantra gesungen haben, und welcher Friede und welche Ruhe sich
ausbreitete, als wir später, im Schatten großer Bäume auf der Wiese
vorm Haus sitzend, seinen Ausführungen lauschten.
Wie ein Mantra wird auch die folgende
Grundaussage des Islam rezitiert:
Allahu akbar la ilaha illa llah |
Gott ist (unvergleichlich) groß Es gibt keinen Gott außer Gott |
Nichts gleicht dem transzendenten,
unerkennbaren Gott.
Wie ein Mantra werden auch die Gesänge in
Taizé wiederholt, zum Beispiel:
Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und
betet, wachet und betet.
Wie ein Mantra ist auch das Jesusgebet (oder
Herzensgebet) der Ostkirche. Seine Ursprünge reichen bis in die
Tradition der Mönche und Wüstenväter des 4. Jahrhunderts zurück. Bei uns
ist es auch durch das Buch "Aufrichtige Erzählungen eines russischen
Pilgers" bekannt geworden. Es besteht in der Wiederholung des folgenden
Satzes:
Jesus Christus, erbarme dich meiner oder Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner
Wie ein Mantra verwende ich seit geraumer
Weile bei Tag und in der Nacht den Schluss des Gebetes von Bruder Klaus:
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und
gib mich ganz zu eigen dir.
Was dieser Satz mit mir macht, habe ich an zwei
verschiedenen Tagen verschieden ausgedrückt:
1. Dieser Satz ist so
unfassbar. Er kann niemals ausgeschöpft werden. Man kann sich in diesen Satz nur
dann immer weiter hineinbegeben, wenn man keine Gewalt anwendet. Er erzeugt eine
Bewegung ohne Ende, in vollständiger Ruhe. Er ist meine Entsprechung eines
Mantras, für immer.
2. Diesen Satz zu beten ist
für mich jedes Mal so etwas wie Tod und Neugeburt. Es ist Schöpfen aus dem
Brunnen der Vergänglichkeit, solange bis er leer ist.
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Parallelwelten
-
7. März 2010
In einem Song-Text der Lassie Singers lautet
der Refrain: "Jeder ist in seiner eigenen Welt, aber meine ist die
Richtige."
Dieser Satz hat mich immer begeistert. Auf
die Spitze getrieben bedeutet er: Es gibt unendlich viele
Parallelwelten, voneinander unterschieden jeweils durch ein
geringfügiges Weiterrücken des Blickwinkels. Alle diese Parallelwelten,
die Welten aller Menschen, aller Hunde, aller Katzen, aller Bienen,
aller Ameisen, aller Seerosen, aller Flusskiesel usw. bilden zusammen
die eine Welt, die unvorstellbar schön und reich und multidimensional
ist.
So wie man mit einer Rot-Grün-Brille oder
mit der Schielmethode aus zwei nebeneinander liegenden flachen Bildern
ein dreidimensionales Bild erzeugen kann, kann jemand, der
multidimensional schauen kann und keines der parallelen Bilder
bevorzugt, eine unglaublich reiche und bereichernde Welt schauen, mit
großer Erleichterung. Es genügt nicht, wenn man die Parallelwelten
nacheinander anschaut. Man muss sie simultan erfassen.
In dieser Hinsicht bin ich immer am Üben,
wie ich es auch in meinem Gedankensplitter "Liebe und
Multidimensionalität" beschrieben habe. Mein Startkapital war die
entsprechende Übung im Wizard-Kurs nach Harry Palmer. Aber nun ist es
nicht mehr seine Übung, es ist längst meine geworden.
Wie die Lassie Singers sagen: "Jeder ist in
seiner eigenen Welt, aber meine ist die Richtige."
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Das Leben als Experiment
-
2. März 2010
"Für den großen indischen Priester und
Naturforscher Raimon Panikkar 'experimentiert der Wissenschaftler mit
seinen Ideen, der Mönch aber mit seinem Leben'." (Zitiert nach "Der
Mönch in mir - Erfahrungen eines Athos-Pilgers für unser Leben" von
Heinz Nußbaumer.)
Ein Mönch zu sein - das ist auch eine Idee,
bis man dazu kommt, sie fallen zu lassen, einfach nichts zu sein und im
selben Atemzug alles zu sein.
Ich bin kein Mönch, sondern habe stets "in
der Welt" gelebt, wie man es ausdrückt, wenn man Unterscheidungen machen
will. Und doch habe ich immer mit meinem Leben experimentiert, im Jahr
1969, als ich meine heftigen Ressentiments gegen die Eltern durchschaute
und zum ersten Mal das Experiment machte, ihnen zu verzeihen, im Jahr
1971, als ich den Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry (heutiger Name
Puducherry) und die nach der
Vision eines Spiralnebels geplante Siedlung Auroville besuchte, und
später immer mehr.
Leben ist Lernen, mit jedem Atemzug. Ich
habe mich selbst als Einsatz gegeben und habe immer mehr lieben gelernt.
Und so geht es weiter, ohne Ende, auch nach dem letzten Atemzug.
Es war nicht ungefährlich. Ich hätte auch
hassen oder verzweifeln lernen können. Aber ich habe einen unsichtbaren
Schutzengel. Und einen sichtbaren: Gerhild, meine Frau. Sie konnte lang
vor mir lieben. Sie hat lang vor mir gewusst, was Hingabe wirklich
heißt.
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Die kosmische Weihe
-
27. Februar 2010
In diesen
Gedankensplittern habe ich schon mehrmals über meine Weihe berichtet. Nun
habe ich mich mit der Religiosität der Indianer auseinandergesetzt, vor
allem anhand des Buches "Hüter der Erde - Begegnungen mit Indianern
Nordamerikas" von Harvey Arden und Steve Wall. Diese Auseinandersetzung hat etwas
mit mir gemacht. Auf einmal spüre ich meine universale
Bezogenheit. Ich drücke das jetzt in meinen Worten aus: Ich bin dem Herzen
Jesu geweiht, dem Herzen Marias, seiner Mutter, dem Herzen Gerhilds, meiner
Frau und dem Herzen eines jeden Wesens, dem ich je begegnet bin und das ich
je treffen werde, jetzt und alle Tage meines Lebens und über meinen Tod
hinaus. Ich bin dem Herzen des Alls geweiht, dem innersten Herzen, durch
dessen Pulsieren alles am Leben erhalten wird, von dem ich ausgehe und zu
dem ich zurückkehre, in jedem Jetzt.
Schon zweimal
habe ich von guten Freunden und engagierten Christen entsetzte Reaktionen
auf meinen Lebensentwurf gehört, der in solche Gebiete vordringt und immer
weitergeht. In der Weisheit der Indianer, die ich auf meine Weise
abgewandelt habe, sehe ich die natürliche Bestimmung
aller Wesen und erst recht aller Menschen. Was euch erschreckt, sind falsche
Annahmen über eure persönliche Verpflichtung. Ich habe mich selbst
verpflichtet, es wurde mir von niemandem aufgezwungen. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg.
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Des Sokrates und mein Daimonion
-
25. Februar 2010
Sokrates liebe ich seit der Zeit, in der ich
meine ersten Philosophievorlesungen an der Universität gehört habe. Ich
liebe seinen unvoreingenommenen und freien Blick auf die Dinge. Ich
liebe seine Maieutik, seine Hebammenkunst, mit der er bei anderen
Menschen Erkenntnis wecken konnte. Und ich liebe besonders sein
Daimonion, seine innere Stimme von göttlichem Ursprung, der er
bedingungslos gehorchte, auch dann, als sie ihn nicht davon abhielt, die
ungerechtfertigte Verurteilung und den Tod zu erleiden.
Bei Platon in der Apologie, der
Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht, erzählt Sokrates von dieser
inneren Stimme: "Mir ist dieses von meiner Kindheit an geschehen, eine
Stimme nämlich, welche jedes Mal, wenn sie sich hören lässt, mir von
etwas abredet, was ich tun will, zugeredet aber hat sie mir nie."
Auch in mir lebt ein Daimonion. Mein
Daimonion ist aber nicht nur hemmend wie das des Sokrates. Einmal hemmt
es mich, etwas zu tun, ein anderes Mal aber inspiriert es mich und
treibt mich an, etwas zu tun. Wie für Sokrates ist auch für mich das
Daimonion die entscheidende Instanz. Ich habe ihm immer gehorcht.
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Gegen den Wind segeln
-
24. Februar 2010
Gerhild, meine Frau hat gestern beim
Mittagessen gesagt: "Ich glaube, dass Religionen, die Angst machen oder
die Druck und Zwang anwenden, zugrunde gehen werden."
Das trifft in hohem Maß auf das Christentum
zu, auch und gerade in der Spielart der römisch-katholischen Kirche.
Wie sagt die zwölfte weise Frau im Märchen
vom Dornröschen? "Es soll aber kein Tod sein, sondern ein
hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt." So
bin ich mir vorgekommen, als ich meiner Frau antwortete: "Es muss nicht
die Religion als Ganze sterben, sondern nur der Angst machende Teil."
Das ist es, was ich fördere. In meinen
Büchern propagiere ich ein Christentum, das nicht Angst macht und
verdammt. Da meiner Meinung nach die Angstmacherei und Verdammung in der
Bibel selbst beginnt, da auch die Evangelien genug Drohbotschaften
enthalten und nicht nur die Frohbotschaft, erarbeite ich Teile der Bibel
neu, mit teilweise radikalen Änderungen.
Gestern Abend erzählte mir ein befreundeter
Theologe, er werde demnächst einen Bibelabend gestalten und dabei die
Apokalypse des Johannes behandeln. Er werde aus diesem Text die
Frohbotschaft herausarbeiten.
Das nenne ich: Gegen den Wind segeln.
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Der kleine Gott
-
20. Februar 2010
"Großer Gott, wir loben dich" - das ist ein
schönes und würdiges Kirchenlied. Aber: Wenn wir immer nur den großen
Gott loben, wird da der kleine Gott nicht traurig sein?
Das ist ein Koan.
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Die zarte und sanfte Power
-
20. Februar 2010
Einmal im Jahr klebe ich Fotos in Alben ein.
Dazu verwende ich Fotokleber, kleine, selbstklebende Stückchen, die auf
beiden Seiten kleben. Gerhild, meine Frau hat mir aus der Papierhandlung
neue mitgebracht, bei denen im Gegensatz zu den alten die Abziehfolie
genau mit den Klebestückchen endet und kein bisschen darüber hinausragt.
Tagelang war ich verhärmt, weil sich die Folie so schlecht von den
Stückchen abziehen ließ. Dann auf einmal fiel mir auf: Wenn ich den
Daumennagel ganz zart und sanft einsetzte, löste sich die Folie ganz
leicht ab.
Seither ist mir klar geworden: Das ist das
Prinzip der zarten und sanften Power. Entschlossenheit ohne Druck. Ich
frage mich: Was ändert sich in meinem Leben und im Leben der anderen,
wenn ich Menschen so behandle? Vor allem solche, die anderer Meinung
sind als ich, die einen anderen Lebensentwurf haben?
Ich frage mich: Was ändert sich in meinem
Gebet, wenn ich Gott so behandle? Die gleichen Worte, aber Hingabe ohne
Druck. Das habe ich gerade probiert, und die Antwort war: Geh jetzt zum
PC und schreib diesen Gedankensplitter. Das erinnert mich daran, dass
Karlfried Graf Dürckheim, der Gründer der Existential-psychologischen
Bildungs- und Begegnungsstätte in Todtmoos-Rütte immer gesagt hat: "Die
Tür geht nach innen auf". Damit meinte er das Loslassen auf dem
spirituellen Weg. Und nun denke ich mir auf einmal: Ich soll auch die
Tür zum Herzen anderer Menschen nicht eindrücken, sondern zu mir her
aufgehen lassen, wenn sie es wollen.
Ich sehe auf einmal ein Bild vor mir. Ein
gelbes Blatt im Herbst löst sich ganz zart und sanft vom Baum und fällt
zu Boden. Ich spüre es in mir, wie sich das Blatt ablöst. So wird im
Idealfall mein Tod sein.
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Du bist Staub - aber welcher?
-
18. Februar 2010
In
Jesus gibt es einen menschlichen und einen göttlichen, einen leidenden und
einen siegreichen Aspekt. Der leidende Jesus ist nicht nur der Jesus am
Kreuz auf Golgata, sondern auch der Jesus, der in und mit der ganzen
Schöpfung leidet, solange sie noch nicht vollendet ist. Der Mensch Jesus ist
auferstanden in seine eigene Vollendung hinein. Doch so wie der historische
Jesus Brot und Wein genommen hat und gesagt hat: „Das ist mein Leib“ und
„Das ist mein Blut“, so hat der präexistente und durch seinen Tod nicht
begrenzte Jesus den ganzen Kosmos als seinen Leib und sein Blut angenommen.
Jede Eucharistiefeier und jeder Gottesdienst mit Abendmahl macht uns das
gegenwärtig. In dieser innigen Verbindung führt der siegreiche Jesus den
Kosmos zu seiner Vollendung.
Gestern war
Aschermittwoch. Als unser Pfarrer das Aschenkreuz austeilte, sagte er jedes
Mal: "Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren
wirst".
Als ich in der Schlange
nach vorne ging, sah ich in einem inneren Bild sonnendurchfluteten Staub, in
feinen Partikeln, und in jedem Partikel den siegreichen, kosmischen
Christus.
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Die Grenzen der Heiligen Schrift
-
3. Februar 2010
Paulus von Tarsus äußert sich im ersten
Korintherbrief über die Ehe wie folgt:
"Ein Mann tut gut, (überhaupt) keine Frau zu
berühren; aber um der (Vermeidung der) Unzuchtsünden willen mag jeder
(Mann) eine Ehefrau (= eine eigene Gattin) und jede (Frau) ihren Ehemann
(= einen eigenen Gatten) haben." (1. Kor 7,1-2.)
"Der Unverheiratete ist um die Sache des
Herrn besorgt: er möchte dem Herrn gefallen; der Verheiratete dagegen
sorgt sich um die Dinge der Welt: er möchte seiner Frau gefallen; so ist
er geteilten Herzens. Ebenso richtet die Frau, die keinen Mann mehr hat,
und die Jungfrau ihr Sorgen auf die Sache des Herrn: sie möchten an Leib
und Geist heilig sein; die verheiratete Frau dagegen sorgt sich um die
Dinge der Welt: sie möchte ihrem Manne gefallen." (1. Kor 7,32-34.)
Paulus selbst lebte zölibatär. (1. Kor 7,7.)
Er sah Sexualität als etwas, das in der Ehe zur Vermeidung von Unzucht
gelebt wird, und die Ehe als etwas rein Weltliches.
Die Unterscheidung zwischen den Dingen der
Welt und den Dingen der Heiligkeit lehne ich ab. Wir haben nur eine
Welt, und in jedem Detail äußert sich das Heilige, das Scheinheilige und
das Unheilige. Jesus kann alles berühren, ob es ihm nun zugewandt ist
oder nicht.
Die Sexualität und die Ehe aus dem Bereich
der Heiligung auszunehmen, ist die Aussage eines Mannes, dem die
entsprechenden Erfahrungen fehlen. Wahre Hingabe ist immer unendlich,
auch die Hingabe zwischen Mann und Frau, und es bleibt immer unendlich
viel Raum für weitere Hingabe, an einen gesellschaftlichen Dienst, an
ein Lebenswerk, an Gott. Mann und Frau können sehr vieles gemeinsam
tragen, auch ein Pfarrer mit seiner Frau oder eine Pfarrerin mit ihrem
Mann können das.
Die von Paulus zitierten Sätze sind
irrelevant. Die Heilige Schrift hat ihre Grenzen.
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Die amputierte Kommunion
-
1. Februar 2010
Der gemeinsame Kelch ist von Jesus selbst
eingesetzt. Er forderte beim Mahl am Abend vor seinem Tod die Seinen
auf: "Trinkt alle daraus!" (Mt 26,27.)
Im Mittelalter suchte man in der Westkirche die Kelchkommunion der
Gläubigen mehr und mehr zu vermeiden. Statt des Kommunionweines gab man
den Laien weithin sogenannten Ablutionswein, das heißt gewöhnlichen Wein
zu trinken, angeblich weil man Angst hatte, etwas von dem konsekrierten
Wein zu verschütten. So wurde das Trinken aus dem Abendmahlskelch im
abendländischen Spätmittelalter zunehmend als Vorrecht der Priester
empfunden, das sie besonders sichtbar von den Laien unterschied. Ein
offizielles Kelchverbot für Laien wurde jedoch erst 1415 auf dem Konzil
von Konstanz erlassen. 1420 forderten die Hussiten in vier Prager
Artikeln unter anderem den Laienkelch. Die Verweigerung ihrer
Forderungen führte zu den Hussitenkriegen (1419-1436). Luthers Kritik am
Papsttum betraf ebenfalls unter anderem den Laienkelch. "Beim Entzug des
Laienkelches stellte Luther die kritische Frage, kraft welcher Vollmacht
die Kirche an der klaren, eindeutigen Einsetzung des Abendmahls durch
Christus etwas ändern dürfe." (Aus: "Epochen der Dogmengeschichte" von
Bernhard Lohse, S. 205.)
Die theologische Lehre, dass Christus in
jeder der beiden Gestalten ganz gegenwärtig sei und empfangen werde, ist
demgegenüber eine Ausrede. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die
Kelchkommunion für Laien in der römisch-katholischen Kirche wieder
erlaubt, wird jedoch beim normalen Sonntagsgottesdienst nicht
durchgeführt. Da ich einmal im Monat zu einem evangelischen
Sonntagsgottesdienst mit Abendmahl gehe, wo die Kelchkommunion eine
Selbstverständlichkeit ist, wirkt auf mich der Kommunionempfang in einer
römisch-katholischen Eucharistiefeier seltsam amputiert.
Noch in einem weiteren Punkt unterscheidet
sich der evangelische vom römisch-katholischen Brauch. Bei einer
römisch-katholischen Eucharistiefeier nimmt sich der Zelebrant als
erster von Brot und Wein, dann wird ausgeteilt. Bei einem evangelischen
Gottesdienst mit Abendmahl ist der Zelebrant der Letzte, der Brot und
Wein bekommt, und er nimmt sie sich nicht selbst, sondern sie werden ihm
gegeben. So schließt sich der Kreis der Feiernden.
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Der Schlaf und der Tod
-
30. Jänner 2010
Heute Nacht habe ich geträumt, dass mein
Sohn Axel gestorben ist. Er wird in drei Tagen 41 Jahre alt sein. Ich
wünsche mir seit längerer Zeit, dass er eine neue Erfahrung macht. Der
Traum könnte ein Ausdruck dieses Wunsches sein, oder er könnte sogar
ankündigen, dass diese neue Erfahrung jetzt wirklich kommt.
Erneuerung ist dringend erforderlich,
eigentlich in jedem Augenblick unseres Lebens. Im dritten Kapitel des
Johannesevangeliums sagt Jesus zu Nikodemus, was ich in meiner
Bearbeitung wiedergebe: "Wenn du das
Reich Gottes betreten willst, musst du aus Wasser und Geist geboren
werden, jetzt, in deinem Alter. Das Wasser schenkt dir die Umkehr, und
der Geist schenkt dir den neuen Weg. Wenn du nur von der menschlichen
Mutter geboren bist, bleibst du dem Menschlichen verhaftet. Erst wenn du
auch aus Gottes Geist geboren bist, bist du fähig, auf Gott zu hören.
Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht,
woher er kommt und wohin er geht. Wenn du aus dem Geist geboren bist,
dann bist du wie der Wind."
Diese Sätze Jesu haben manche christlichen
Kirchen und Gemeinschaften so aufgefasst, dass ein einmaliges Erlebnis
der Neugeburt genügt, um den Menschen in diesem Sinn zu verwandeln, und
sie glauben, dass man dadurch zu einem "wiedergeborenen Christen" wird.
Das ist meiner Meinung nach falsch. Es ist vielmehr notwendig, ständig zu sterben und
wiedergeboren zu werden, wenn möglich in jedem Augenblick unseres Lebens.
Es ist ein langer Weg, bis man das versteht, und ein noch längerer Weg,
bis man es mehr und mehr zu verwirklichen beginnt.
Der Traum von Axels Tod hat mich aber auch an den
letzten Tod erinnert, der das Leben auf der Erde beendet. Eigentlich
muss ich keine Angst vor ihm haben. Denn jeden Abend gebe ich mich voll
Vertrauen hin, hinein in die Gewissheit, dass ich einschlafen werde.
Dann geschieht es, und ich weiß nicht wie, und ich habe den Zeitpunkt
nicht bemerkt. Denn man schläft nicht mit bewusster Kontrolle ein,
sondern mit dem Aufgeben der Kontrolle. Und genauso kann man sich mit
vollem Vertrauen dem Tod hingeben. Dann geschieht es, und man weiß nicht
wie, und man hat den Zeitpunkt nicht bemerkt. Denn man stirbt nicht mit
bewusster Kontrolle, sondern mit dem Aufgeben der Kontrolle. Im Schlaf
geht der Atem weiter, aber ohne das Wachbewusstsein. Und im Tod geht der
Atem des Lebens weiter, aber ohne das irdische, gehirngesteuerte
Bewusstsein. Dieses schöne Hinübergleiten betrifft vor allem den nicht
gewaltsamen Tod. Bei der Aussicht auf den gewaltsamen Tod kann große
Angst aufkommen. Ich habe das erlebt, als vor vielen Jahren mein Auto
bei Glatteis frontal auf ein entgegenkommendes Auto zufuhr.
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Meine neuen Bodhisattva-Gelübde
-
26. Jänner 2010
Ich komme nun noch einmal auf die vier
Bodhisattva-Gelübde zurück, die ich in meinem Gedankensplitter „Leben ist
Bewegung“ wörtlich angeführt habe. Ich forme sie um und drücke dabei das
aus, was sie mir heute aus der Hingabe an Gott und der Nachfolge Jesu
bedeuten.
• Zahllos
sind die Lebewesen, die Menschen, Tiere, Pflanzen, Berge, Täler und
Gewässer, die Sterne und Planeten; ich gelobe, den Impuls der Rettung, der
von Jesus ausgeht, aufzunehmen und weiterzutragen und mitzugestalten, bis
sie alle gerettet sind.
• Gott
nährt alle Wesen. Die Gedanken und Gefühle, die ihrer Rettung
entgegenstehen, täuschen vor, dass sie unerschöpflich sind, doch sie sind
stereotyp und werden nicht aus der Transzendenz Gottes genährt; ich gelobe,
sie alle zu lassen.
•
Ich
lehne die Worte, die man Jesus in Mt 7,13-14 in den Mund gelegt hat und die
besagen, dass nur wenige ins Leben und ins Reich Gottes finden, ab. In
meiner Bearbeitung lautet diese Stelle so: „Wenn ihr glaubt, dass der Weg in
dieses Reich für viele schwer zu finden ist, oder wenn ihr meint, dass die
Türe zu diesem Reich sehr eng ist und viele nicht hindurchkommen, dann setzt
euch für sie ein, indem ihr in eurem Leben das tut, was sie in ihrem Leben
nicht schaffen. Durch eure Hingabe wird das Reich Gottes so kräftig werden,
dass es sich auch dort öffnet, wo ihr es nicht für möglich gehalten hättet.“
Ungezählt sind die Wege ins Leben und ins Reich Gottes; ich gelobe, den
Impuls Jesu aufzunehmen und weiterzutragen und mitzugestalten, bis sie alle
geöffnet sind.
• Ich
bete jeden Tag wie Bruder Klaus: „Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und
gib mich ganz zu eigen dir.“ Unvergleichlich ist der Weg solcher Erfahrung;
ich gelobe, ihn mutig zu gehen.
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Ökumene und Schuld
-
24. Jänner 2010
Vor drei Tagen hat bei uns in Pressbaum in
der evangelischen Kirche der ökumenische Dekanatsgottesdienst
stattgefunden. Neben dem evangelischen Pfarrer und der evangelischen
Lektorin waren drei
römisch-katholische Priester anwesend. Ein längerer Evangelientext wurde
gelesen, zum Teil von der Lektorin, und die Liedtexte waren so ausgesucht, dass immer wieder die
Formulierung kam: "Wir sind eins."
Gerhild, meine Frau, und ich sprachen
nachher darüber. Ich sagte: Ich freue mich, dass wir gesungen haben: Wir
sind eins. Denn wir sind wirklich eins. Die Trennung ist eine Fiktion
und wird künstlich aufrechterhalten.
Gerhild antwortete: Ich bin wütend und
enttäuscht. Warum hat es kein Abendmahl gegeben? Es hätte doch so sein
können wie in Taizé, wo evangelische und katholische Hostien
nebeneinander ausgeteilt werden. Was da über Einheit gesagt worden ist,
ist nur Gerede. Das ist genauso, wie wenn ich immer über Kochrezepte
reden würde, und ich würde nie kochen.
Heute haben wir am Schluss der
römisch-katholischen Eucharistiefeier das Gebet 28/3 für die Einheit der
Kirche aus dem Gotteslob gebetet. Man beachte: Es geht in dem Gebet um
die Einheit der Kirche, nicht etwa um die Einheit der Christen. In dem
Gebet kommt folgender Satz vor: "Zerbrich die Mauern, die uns trennen."
In dem Moment, wo wir diesen Satz gesprochen
haben, kam mir ganz stark ein Bild, nämlich das Bild einer der acht
Meter hohen Mauern, die die Israelis gegen die Palästinenser bauen. Und
dazu kamen mir die Sätze: So wie die Israelis die Mauern gegen die
Palästinenser bauen, so bauen die Hierarchen der römisch-katholischen
Kirche die Mauern gegen die anderen christlichen Kirchen. Die Hierarchen
müssen ihre Schuld bekennen und diese Mauern niederreißen.
Alles andere ist Heuchelei.
Gerhild sagt dazu: Es ist billig, nur den
Hierarchen die Schuld zuzuschieben. Der Widerstand von unten müsste viel
stärker werden. Jede Revolution beginnt von unten.
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Was bedeutet die Wiedergeburt?
-
18. Jänner 2010
Da für Gott jedes Detail unendlichen Wert
hat, ist für mich die Vorstellung einer Wiedergeburt schwer
nachvollziehbar. In den von mir entwickelten Lebensmodellen habe ich sie
auch nicht dargestellt, da meine Modelle ohne den Begriff "Seele"
auskommen.
Wenn ein Wesen wiedergeboren wird, so muss
etwas von ihm weitergegeben werden, das die Erfahrungen eines
vergangenen Lebens auf der Erde bewahrt hat. Für den Buddhismus bedingen
die Taten eines Menschen und das sich aus ihnen ergebende Karma eine
neue Geburt, ohne dass etwas von der einen Person in die andere
übergeht. Das Gefühl, eine Person oder ein Ich zu sein, wird als
Illusion betrachtet. Für den Hinduismus ist der Ātman "das wirkliche,
unsterbliche Selbst des Menschen, das der Westen als Seele bezeichnet."
(Aus dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren.) Der Ātman wird als
neues, individuelles Wesen wiedergeboren. In der Gnosis, im Manichäismus
und in unterdrückten christlichen Strömungen wurde die Seelenwanderung
gelehrt.
Einige Bemerkungen zur Etymologie des Wortes
"Seele":
"In der hebräischen Bibel, dem Tanach,
stellen 'Seele' und Körper Aspekte des als Einheit aufgefassten Menschen
dar. Die den Körper belebende Kraft (religionswissenschaftlich:
Körperseele, Vitalseele) heißt im biblischen Hebräisch nefesch (נפש),
neschama oder auch ru'ach. Alle drei Begriffe bezeichnen ursprünglich
den Atem." (Wikipedia.)
"Das altgriechische Substantiv psychē (ψυχή)
hängt mit dem Verb psychein ('blasen', 'atmen') zusammen; es bedeutete
ursprünglich 'Hauch', 'Atem' und daher auch 'Leben'." (Wikipedia.)
Wie ich in meinem Gedankensplitter "Leben
ist Bewegung" vom 18. Mai 2009 ausgeführt habe, habe ich die vier
Bodhisattva-Gelübde abgelegt, die in mir ganz lebendig sind. Das erste
Gelübde lautet: "Zahllos sind die Lebewesen; ich gelobe, sie alle zu retten."
Es wäre oberflächlich zu sagen: "Jesus ist
der Heiland der Welt. Er hat alle gerettet." Ich sehe das anders. Jesus
hat die Bewegung der Rettung in die Welt gesetzt. Ich will Jesus
vollständig nachfolgen und ich kann daher nicht anders als diese
Bewegung der Rettung aufzunehmen und in seinem Namen zur Rettung aller
alles beizutragen, was von mir nur kommen kann, über meinen Tod hinaus.
Nach meinem Tod wird es meine Aufgabe sein,
an meiner Integration mitzuwirken, es zuzulassen, dass mein Christusleib
der Reihe nach alle Elemente meiner anderen Schichten, des physischen
Leibes, des Empfindungsleibes, des Gefühlsleibes und des Gedankenleibes
aufnimmt, wie ich es in meinem Buch "Jesus für alle" im Kapitel "Jesus
heute" beschrieben habe.
Wenn ich das nicht schaffe, darf ich mir
helfen lassen. Und wenn ich es nicht schaffe, die Hilfe anzunehmen,
haben wir dann einen unvollendeten Komplex, der ein neues Wesen auf der
Erde generiert? Dabei ist nicht zu vergessen, dass Begriffe wie "Person"
und "Ich" hier keine Erklärung liefern. Es würde ja eine neue Person mit
einem neuen Ich-Bewusstsein entstehen.
Wie dem auch sei, was auch immer geschieht,
meine Hingabe ist vollständig und ich wiederhole: "Zahllos sind die Lebewesen
[nicht etwa nur die Menschen]; ich gelobe, sie alle zu retten."
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Was bedeutet die Taufe?
-
18. Jänner 2010
Jesus ließ sich im Jordan von Johannes
taufen. (Mt 3,13; Mk 1,9; Lk 3,21.)
Johannes sagte über ihn sinngemäß:
"Ich taufe euch mit dem Wasser der Reinigung und der Umkehr. Nach mir
kommt einer, der wird euch mit dem Geist Gottes und dem Feuer der Liebe
taufen." (Nach Mt 3,11; Mk 1,8; Lk 3,16.)
Die Kreuzigung Jesu und jegliches Leiden und
Sterben in seiner Nachfolge wird im übertragenen Sinn als eine Taufe
bezeichnet. (Lk 12,50; Mk 10,38-39.)
Die Jünger des Johannes berichteten ihm:
"Rabbi, der Mann, der jenseits des Jordans bei dir war und für den du
mit deinem Zeugnis eingetreten bist, denke nur: der tauft (jetzt auch),
und alle laufen ihm zu." (Joh 3,26.)
Diese Stelle wird im Skriptum "Dogmatik" der
theologischen Kurse der Erzdiözese Wien bei der Erklärung des Sakraments
der Taufe mit keinem Wort erwähnt. Im Kommentar des Stuttgarter Neuen
Testaments wird sie so erklärt, wie ich es in meiner Bearbeitung der
Stelle ausgedrückt habe: "Nach dem
Pessachfest hielt sich Jesus mit seinen Jüngern in Judäa auf. Den
Jüngern, die von Johannes zu ihm gekommen waren, erlaubte er, die
Menschen zu taufen."
Als der Auferstandene den Jüngerinnen und
Jüngern in Galiläa erschien, sagte er über die Taufe in
meiner Bearbeitung: "Und die euch darum
bitten, die tauft auf den Namen des Vaters und auf den Namen des
Menschensohns und Messias’, den er gesandt hat, und auf den Namen des
Geistes, der von ihm ausgeht." (Nach Mt 28,19.)
Die Taufe ist ein Untertauchen, Sterben und
Neugeborenwerden, wie es Jesus dem Nikodemus zumutet. In meiner
Bearbeitung lautet das so: "Ich sage
dir eines: Wenn du das Reich Gottes betreten willst, musst du aus Wasser
und Geist geboren werden, jetzt, in deinem Alter. Das Wasser schenkt dir
die Umkehr, und der Geist schenkt dir den neuen Weg." (Nach Joh 3,5.)
Wie schön, wenn dieser grundsätzliche
Vorgang einem Menschen geschenkt wird! Noch schöner, wenn ein Mensch
dabei fähig wird, sich bewusst auf Jesus zu beziehen! Es handelt sich
dabei nicht um ein einmaliges, kurzes Ereignis, sondern um einen
Vorgang, der den Menschen langsam ergreift und verwandelt. Ich frage
mich: Wie viele Menschen haben in den letzten zweitausend Jahren diesem
Vorgang radikal Raum gegeben, sodass er bis in die Tiefe hinein in ihnen
wirken konnte?
Eine Zeremonie wie die Erwachsenentaufe oder
die Tauf- und Firmerneuerung der ökumenischen charismatischen Bewegung
kann ein Meilenstein auf diesem Weg sein, wofern nicht das Nachplappern
dogmatischer Formulierungen verlangt wird. Eine solche Zeremonie kann
aber auch Illusionen fördern, z.B. wenn die in Einzelfällen lebendige
und echte Gabe der Zungenrede zu einem allgemeinen Kriterium für die
Anwesenheit des heiligen Geistes gemacht wird. (Siehe Apg 10,44-48.)
Die evangelische Kirche lässt mit Recht alle
getauften Christen zum Abendmahl zu. Darüber hinaus ist nach meiner
Meinung jeder Mensch, der mehr bewusst oder mehr unbewusst den Vorgang
der Neugeburt erlebt, zum Abendmahl eingeladen, unabhängig davon,
welcher Religion er angehört und ob er überhaupt einer Religion
angehört. Denn auch andere Religionen wie Islam, Hinduismus und
Buddhismus kennen und verehren Jesus auf ihre Weise. Ein Sonderfall ist
das Judentum, denn Juden und Jüdinnen sind durch christliche Menschen zu
sehr verfolgt und verletzt worden. In jüdischer Sicht war Jesus ein
bedeutender Sohn des jüdischen Volkes. Wenn aber ein Jude sagt, dass
Jesus der Messias war, wird er leicht als Verräter behandelt. Nach
meiner Vorstellung ist die einzige Bedingung der Zulassung zum Abendmahl
die Sehnsucht, dabei zu sein. Wie der Titel eines meiner Bücher sagt:
"Jesus für alle".
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Wort des lebendigen Gottes?
-
13. Jänner 2010
In den Eucharistiefeiern der
römisch-katholischen Kirche sagt der Lektor nach den Lesungen "Wort des
lebendigen Gottes."
Aber Gott hat den Autoren der Bibel den Text
nicht wörtlich eingegeben. Gott hat in ihre konkrete Situation hinein
gesprochen und sie haben das, was sie davon aufnehmen konnten, "in eigene
Worte gefasst; in die ihnen eigene Sprache und Vorstellungswelt übersetzt...
Dies bedeutet, dass die Bibel als Gotteswort im Menschenwort bezeichnet
werden kann. In die Bibel ist sehr viel Menschliches eingeflossen; nicht nur
Sprache und Ausdrücke, sondern auch menschliche Reaktionen wie Ängste,
Zweifel, Aggressionen, Versuchungen zu Feuer, Schwert und Gewalt..." (Aus:
"Die Bibel, Wort des lebendigen Gottes?" von Fritz Köster.)
"Die Bibel ist Wort Gottes, aber sie ist Wort Gottes in menschlicher
Sprache, in menschlicher Situation. Sie ist und bleibt ein historisches
Dokument aus einer fernen, weit zurück liegenden, uns fremd gewordenen Welt.
Sie bedarf der kundigen Über‑Setzung in unsere Zeit."
"Es gibt also kein 'reines' Wort Gottes,
unabhängig von der menschlichen Sprache, ohne Menschen-wort. Selbst die
Worte Jesu, des Sohnes Gottes, unterliegen als Worte des Menschgewordenen
den Gesetzen und Grenzen menschlicher Sprache." (Aus: "Zum Jahr der Bibel"
von Norbert Scholl.)
Eine Bischofssynode hat im Vatikan im Jahr
2008 unter dem Titel "Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der
Kirche" festgehalten:
" - dass es das Charisma der Inspiration erlaubt, zu sagen, Gott sei der
Autor der Bibel, ohne dabei den Menschen selbst als wirklichen Autor
auszuschließen. Denn im Unterschied zum Diktat hebt die Inspiration die
persönliche Freiheit und die Fähigkeiten des Schriftstellers nicht auf,
sondern erleuchtet und inspiriert sie;"
" - da die Bibel Wort Gottes in menschlicher
Sprache ist, erfolgt ihre Interpretation in Übereinstimmung mit
literarischen, philosophischen und theologischen Kriterien."
Die Formulierung "Wort des lebendigen Gottes"
betrifft daher nicht den Inhalt jedes einzelnen Satzes der Bibel, sondern
vielmehr die Bibel als Ganze in dem Sinn, dass sie eine Sammlung von
Geschenken Gottes an uns ist. Dabei ist noch der Unterschied zwischen dem
Ersten und dem Zweiten Bundesbuch zu beachten. Die Geschichten und
Prophetien des Ersten Bundesbuches wurden von Christen manchmal bloß als
Hinweise auf das Kommen Jesu Christi in diese Welt gesehen. Sie sind jedoch
in ihrer vollen Eigenständigkeit anzuschauen, als Geschenke des einen
Gottes, der der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott des Mose und der
Gott Jesu ist.
Die Formulierung "Wort Gottes in menschlicher
Sprache" drückt aus, dass die Bibel in ihrer menschlichen Form und
Ausdrucksweise von Gott inspiriert ist. Die Inspiration bezieht sich dabei
auf jeden Satz der Bibel, nicht in dem Sinn, dass jeder Satz von Gott
diktiert oder irrtumsfrei wäre, sondern in dem Sinn, dass jeder Satz in dem
Hören auf Gott oder in der Auseinandersetzung mit Gott oder in dem Ringen
mit Gott, in der Liebe zu Gott oder in der Wut auf Gott niedergeschrieben
ist.
Unser eigenes Hören auf Gott oder unsere
Auseinandersetzung mit Gott oder unser Ringen mit Gott, unsere Liebe zu Gott
oder unsere Wut auf Gott werden nicht jeden Satz der Bibel anerkennen. Wir
werden auch vom Geist der Bibel her neue Formulierungen finden. Aus solcher
Betroffenheit sind meine Bibelbearbeitungen entstanden.
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Die Folgen der Gier
-
13. Jänner 2010
Als ich fünfundfünfzig Jahre alt war, dachte
ich mir: Es müsste doch schön sein, in der Pension denselben
Lebensstandard zu haben wie früher. Daher zahlte ich zweimal für mich
hohe Geldbeträge bei sogenannten Risikogeldanlagen ein, wo mir sehr hohe
Zinsen versprochen wurden. Ich dachte mir: In der Pension werde ich dann
immer nur die Zinsen abschöpfen und so viel Geld haben wie früher, ohne
dass das Stammkapital weniger wird. Ich habe beide Male das gesamte Geld
verloren, denn es handelte sich um Schneeballsysteme, wie bei dem
Milliardenbetrüger Bernard L. Madoff, nur in bescheidenerem Ausmaß. Die
Dummheit und Gier der Anlageberater und der anderen Menschen, die darauf
hereinfielen, darunter auch ich, hatten die Systeme lange Jahre am Leben
erhalten, bis die Seifenblasen platzten.
Was mir damals nicht klar war: Die Gewinne,
die ich einzustreifen hoffte, hätte ich durch das Blut und die Tränen,
die unmenschliche Behandlung und die Qual der Armen erhalten. Das wird
z.B. in dem Film "Let's make money" von Erwin Wagenhofer eindringlich
gezeigt und in dem Buch "Uns gehört die Welt! - Macht und Machenschaften
der Multis" von Klaus Werner-Lobo auch für Jugendliche verständlich
dargestellt.
Die Börsen der Welt, die das neoliberale
globale Wirtschaftssystem am Laufen halten, sind in meinen Augen
Spielcasinos. Klaus Werner-Lobo schreibt in der Zusammenfassung des
Kapitels "Geld regiert die Welt": "Ein großer Teil der weltweiten
Finanzströme hat gar keine realwirtschaftliche Grundlage mehr (also zum
Beispiel Investitionen in die Produktion von Gütern und
Dienstleistungen), sondern profitiert von der Spekulation auf
Kursschwankungen bei Aktien, Rohstoffen oder Währungen."
Ein wirksames Mittel gegen kurzfristige
Spekulationsgeschäfte mit Fremdwährungen wäre "die sogenannte
Tobin-Steuer. Sie ist nach dem Nobelpreisträger James Tobin benannt und
beinhaltet die Besteuerung aller Käufe und Verkäufe von Devisen in der
Höhe von lediglich 0,01 bis 0,5 Prozent."
Die Tobin-Steuer wurde von James Tobin 1972
vorgeschlagen. Der Artikel über die Tobin-Steuer bei Wikipedia enthält
folgende Neuigkeit: "Während der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im
Dezember 2009 entschied die EU, sich für die Steuer auszusprechen und
forderte den Internationalen Währungsfonds auf, die Einführung der
Steuer in Angriff zu nehmen."
Diese Maßnahme allein, so heilsam sie sein
mag, wird das krasse Unrechtsystem unserer Weltwirtschaft nicht ändern.
Wenn man also Geld übrig hat, was soll man
damit machen?
1. Denen schenken, die zu wenig haben, und
ohne jede Absicherung leben wie die "Vögel des Himmels" und die "Lilien
auf dem Feld". (Mt 6, 25-34.) Das schaffen wohl nur die wenigsten. Aber
man muss ja nicht alles hergeben. Klaus Werner-Lobo sagt dazu: "Wer viel
hat, kann teilen: mit Obdachlosen, Flüchtlingen und anderen, die weniger
haben als wir selbst. Teilen ist ein Akt des Ausgleichs und nicht des
Mitleids."
2. Erspartes nur in Sparbüchern mit fixen
Zinsen anlegen, nicht in Investment-Fonds.
3. Lebensversicherungen nur mit
Versicherungsleistung als festem Geldbetrag abschließen, auch in diesem
Fall nicht mit Fondsanteilen spekulieren.
4. Geld bei Institutionen anlegen, die
Mikrokredite an die Armen vergeben. Bei Oikocredit bekommt man dafür 2 %
Dividende.
Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf
Vollständigkeit.
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Ist der Buddha gottlos?
-
13. Dezember 2009
"Der Buddhismus ist eine nicht-theistische
Religion. Wie in manchen anderen Religionen - im Taoismus, Jainismus und
in gewissen Formen des philosophischen Hinduismus - gibt es auch im
Buddhismus für Gott keinen Platz. Er erkennt kein oberstes Wesen im
Sinne eines Weltenschöpfers an." (Aus Sangharakshita: "Mensch? Gott?
Buddha?".)
Brahma und andere Götter werden im
Buddhismus nicht als Ausdruck der letzten Wirklichkeit gesehen. Und
Fragen in die Richtung eines höchsten Gottes werden für den Erlösungsweg
des Menschen als nicht relevant angesehen. Der Buddha hat solche Fragen
nicht beantwortet und seinen Schülerinnen und Schülern empfohlen, sich
solchen Themen nicht zuzuwenden.
Ist der Buddha deswegen gottlos? Ich habe in
diesen Gedankensplittern schon vom Ishin-Denshin gesprochen, der
Übertragung von Herz-Geist zu Herz-Geist. So soll das Buddha-Dharma vom
Meister auf die Schüler übertragen werden. Da der Status des Meisters
bzw. der Anspruch, ein Meister zu sein, auch missbraucht werden kann,
sage ich lieber: von Mensch zu Mensch.
Wenn ich meinen Herz-Geist dem Buddha
zuwende, so erfahre ich eine große Weite, die oft missverstanden wird.
Es geht ihm darum, den Menschen einen Weg zu weisen, der sie aus dem
Leid herausführt, das sie sich selbst und anderen zufügen, oder das
unabänderlich als ihr eigener Tod oder der Tod ihrer Lieben auf sie
wartet. Dieser Weg ist missverständlich als der Weg zur Erleuchtung
bezeichnet worden, denn es geht nicht darum, Erleuchtung zu erreichen,
sondern das Streben nach Erleuchtung fallen zu lassen und sich nie als
eine Erleuchtete oder einen Erleuchteten zu fühlen oder zu bezeichnen.
Denn jede Bezeichnung mit "ich bin" oder "er/sie ist" hält fest und
verfehlt ihr Ziel.
Im Herz-Sutra sagt der Buddha: "Gate, gate,
parasamgate, bodhi svaha." Für diese Worte gibt es verschiedene
Übersetzungen und Deutungen.
Wörtlich: "Gegangen, gegangen,
hinübergegangen, ans andere Ufer hinübergegangen, zum Erwachen gelangt,
Heil!"
Man kann es aber auch so auslegen:
"Zerfalle, zerfalle, alles zusammen zerfalle; wir können nichts dagegen
tun."
Diese beiden Versionen sind wie zwei Seiten
einer Münze. Die eine Seite bedeutet, die Vollendung gefunden zu haben.
Die andere Seite bedeutet, dass alles weggefallen ist, was der
Vollendung im Weg war. Doch damit ist nicht alles gesagt. Denn vollendet
zu werden ist ein Vorgang, der über Zeit und Ewigkeit hinausführt und so
gesehen niemals einen Abschluss findet. Von der Transzendenz werden
immer neue Horizonte eröffnet. Und dass etwas wegfällt, schließt
ein, dass es in die Vollendung hineinfällt und dort aufgehoben wird.
Der (historische) Buddha ist der Tathāgata,
der so Dahingelangte, der so Gekommene, der Vollendete, oder derjenige,
bei dem alles Hindernde zerfallen ist. Und mit dem (eigenen inneren) Buddha in uns sind wir alle
auf demselben Weg, dem Weg zum Nirvāna, zum vollkommenen Überwinden von
Gier, Hass und Wahn, zum Zuruhekommen der Tatabsichten und zum Eingehen
in eine völlig andere Existenzweise.
Ich beschreibe nun das Nirvāna mehr mit
meinen eigenen Worten als nach den verschiedenen buddhistischen Schulen.
Ich bin nicht auf dem Weg zum Nirvāna, und das Nirvāna ist an keinem
Ort. Es ist hier. Es ist überall. Es ist nirgends. Gier, Hass und Wahn
werden nicht überwunden, sondern liebevoll berührt, bis sie ihrer
Verwandlung zustimmen. Die Tatabsichten kommen zur Ruhe, aber das
Strömen der Liebe kommt zur Fülle der Verwirklichungsmöglichkeiten. Das
Nirvāna ist keine andere Existenzweise, sondern es ist das Einbringen
von allem Irdischen in seine eigenste Existenz. Es ist unabhängig von
allen Beschreibungen, allen Wegen, die gezeigt und allen Übungen, die
geboten werden. Nirvāna ist nicht einfach Verlöschen, und es ist nicht
einfach Glückseligkeit. Es ist nicht Abkapselung, sondern das restlose
Zugewandtsein. Der Buddha hat sich geweigert, das Nirvāna zu
beschreiben.
Der Buddha konnte manches nicht lehren, denn
Jesus war noch nicht geboren. Einiges von dem, was er nicht lehren
konnte und was doch zutiefst zu ihm und zu jedem Menschen gehört, habe
ich in die obigen Beschreibungen eingeflochten.
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Wie real ist die Realpräsenz?
-
13. Dezember 2009
Die Evangelischen und die Katholischen
sprechen von der Realpräsenz, womit gemeint ist, dass beim Herrenmahl,
wie der ökumenische Ausdruck lautet, in Brot und Wein der Leib und das
Blut des auferstandenen Jesus anwesend und gegenwärtig sind. Es handelt
sich hier um mehr als um das Geschehen, das die beiden Emmausjüngerinnen
oder -jünger erlebten, als sie den Auferstandenen beim Brotbrechen
erkannten, worauf er ihren Blicken entschwand. (Lk 24,30-31.) Und es
handelt sich um mehr als um das, was Jesus meint, wenn er sagt: "Wo zwei
oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter
ihnen." (Mt 18,20.)
In Brot und Wein sind also der Leib und das
Blut des auferstandenen Jesus anwesend und gegenwärtig. Glauben wir das
oder wissen wir das? Im Oktober 1978, gerade als Karol Józef Wojtyła zum
Papst gewählt worden war, verbrachte ich zwei Tage in
Darmstadt-Eberstadt, um dort die evangelischen Marienschwestern auf
ihrem Wohnsitz "Kanaan" zu besuchen. Jetzt, da ich mich an diese Tage
erinnere, habe ich ein wenig im Internet gesucht, um zu sehen, was aus
der Gemeinschaft geworden ist. Dabei habe ich folgenden Bericht
gefunden: "Wenn Gebundene frei werden ... Eine ehemalige Marienschwester
erzählt ihre Geschichte." von Charlene Andersen. Der Bericht wirkt auf
mich wirklich befreit, offen und ehrlich. Die Frau, die heute mit einem
ehemaligen Franziskusbruder aus "Kanaan" verheiratet ist, ist in den
vierzehn Jahren ihrer Ordenszugehörigkeit durch eine Hölle gegangen. Der
Bericht endet mit den Worten: "Es ist nicht unsere Absicht, Streit und
Spaltung hervorzurufen, wie einige behaupten. Dennoch kann es keinen
wahren Frieden und keine Versöhnung geben, wenn man Handlungen und
Lehren vertuscht, die wohlmeinende, vor allem junge Leute verletzen und
ausbeuten. Wir wünschen all denjenigen Heilung und Freiheit, die durch
'Kanaan' negativ beeinflusst worden sind. Zu diesem Zweck werden wir auch
weiterhin die Wahrheit sagen. Lassen Sie uns daran erinnert sein, dass
wir alle Gott gegenüber dafür verantwortlich sind, was wir mit unserem
Wissen anfangen."
Doch nun zurück zum Oktober 1978. Am zweiten
Tag nahm ich an einem Gottesdienst mit Abendmahl teil, der auf "Kanaan"
in der Jesu-Ruf-Kapelle stattfand und den ein evangelischer Pfarrer
hielt. Bei der Predigt kritisierte der Pfarrer - wohl anlässlich der
Wahl eines neuen Papstes - die Prunkentfaltung im Vatikan. Die Stimmen
des Schwestern-Chors wirkten auf mich überirdisch schön. Und dann kam
das Abendmahl. Ich ging nach vorne, denn alle getauften Christen waren
eingeladen, also auch ich als Katholik. Ich nahm Brot und Wein und damit
Leib und Blut Jesu. Es traf mich wie ein Blitz - nicht wie ein
zerstörender, sondern wie ein erhellender. Es war ein Erlebnis, wie es
der folgende Satz beschreibt: "Wie der Blitz vom Osten ausgeht und bis
zum Westen leuchtet, so wird es auch mit der Ankunft des Menschensohnes
sein." (Mt 24,27.) Ich erlebte, dass Jesu Kirche eins ist, dass er über
den Spaltungen steht, die die Menschen machen. Ich erlebte, dass er
wahrhaftig präsent war. Und meine Tränen flossen.
Ich komme zurück zu der Frage: Glauben wir
das oder wissen wir das? Meine Antwort ist, dass Gott uns die Konvergenz
von Glauben und Wissen schenkt. Erlebnisse dieser Art bilden die
Bausteine des herrlichen Gebäudes aus Glauben und Wissen, und sie gehen
niemals wieder verloren. Gott baut auf solchen Erlebnissen auf. Und
heute, 31 Jahre später ist es so, dass oft, wenn ich zur katholischen
Kommunion oder zum evangelischen Abendmahl gehe, meine ganze innere
Befindlichkeit schlagartig verändert wird, von Wut zu Verständnis, von
Ungeduld zu Gelassenheit, von Verwirrung zu Durchblick, von
indifferenter Befindlichkeit zu dem Spüren, dass Jesus mit seinem Leib
und Blut in mir ist und Heilung und Heil bewirkt.
Der Vorsteher des Gottesdienstes spricht vor
dem sogenannten Einsetzungsbericht die Epiklese. In meiner Fassung des
zweiten Hochgebets der römisch-katholischen Kirche
lautet sie wie folgt: "Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und
heilige sie, damit Leib und Blut des auferstandenen Jesus in ihnen
wohnen und uns immer mehr mit ihm und untereinander verbinden."
Es erfolgt nicht auf magische Weise und es
geschieht doch, dass der Leib des auferstandenen Jesus in dem Brot
Wohnung nimmt und dass das Blut des auferstandenen Jesus in dem Wein
Wohnung nimmt. Wenn wir Brot und Wein nehmen, werden uns im
evangelischen Gottesdienst die Worte zugesprochen: "Christi Leib, für
dich gegeben" und "Christi Blut, für dich vergossen". Und wenn wir nun
essen und trinken, nehmen der Leib Jesu und das Blut Jesu Wohnung in
uns, gestalten und verändern uns. Und wenn wir nun die anderen Menschen
anschauen, ist Jesus wirklich in unserer Mitte. Es handelt sich hier
wahrlich um ein Sakrament, um ein Mysterium, das ausgehend von einem
Kern alles verwandelt: zuerst das Brot und den Wein, dann die Menschen,
die Brot und Wein nehmen, dann die Gemeinschaft der Menschen, dann die
Umwelt und die Erde.
Lassen wir die Wirkung dieses Sakramentes
zu. Bremsen wir es nicht durch Unwillen, durch Unverständnis oder durch
Gefühle der Unwürdigkeit.
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Der Sohn und der Vater
-
29. November 2009
Vor einigen Tagen habe ich das folgende
kleine Gedicht geschrieben:
Messias
Wo viel Licht ist, ist viel Schatten. Doch du bist ein neues, ein unbekanntes Licht –
ein Licht, das keinen Schatten wirft.
Wer das schattenlose Licht sieht, sieht
den Sohn, in einer unvergesslichen, für immer prägenden, unvergleichlich
anziehenden Art und Weise. Den Vater kann man nicht sehen. Man kann sich
ihn auch nicht vorstellen. Er / sie / es ist der Urgrund. Das Wort
"Urgrund" verwende ich dabei als Platzhalter für Unsagbares,
Unspürbares. Der Vater geht über Sein und Nichts, Tun und Lassen, Zeit
und Ewigkeit hinaus. Man kann sich ihm zuwenden, kann sich ihm
vollständig hingeben, kann ihm alles überlassen. Das kann man tun
zusammen mit dem Sohn, der uns in allem und jedem vorangeht, mit dem man
von Herz zu Herz verbunden sein kann, der uns mitnimmt, der uns an sich
zieht.
Alles, was der Vater tut, kann er nur
durch den Sohn tun. Er ist restlos auf den Sohn angewiesen. Und der Sohn
ist restlos auf den Vater angewiesen. Er hat nichts, was er nicht vom
Vater empfängt. Und auch wir haben letzten Endes nichts. Alles ist uns
geschenkt, angefangen mit dem Leben, das wir einmal erhalten haben, vor
unserer Geburt, vor unserer Empfängnis.
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Der Jesus, der in meinem Herzen lebendig
wird -
24. November 2009
Gestern Abend sagte Gerhild, meine Frau zu
mir: "Es kommt nur darauf an, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich
selbst. Wenn ich das tue, sind alle Religionen gleichwertig."
Ich antwortete: "Ja, das hat Jesus gesagt.
Er hat aber noch etwas anderes gesagt: Komm und folge mir nach."
Sie fragte: "Was heißt das, ihm nachfolgen?"
Ich antwortete: "So lieben, wie er geliebt
hat, bedingungslos und bis zum Letzten."
Leider ist das Zweite Bundesbuch ein sehr
menschliches Werk. Jesus spricht von Rettung und droht Verdammung an.
Jesus sagt, man soll den "Bruder" nicht mit Schimpfworten benennen, er
selbst beschimpft jedoch die Pharisäer und Schriftgelehrten pauschal in
ganz schlimmer Weise. Jesus scheut nicht davor zurück, mit den
Verachteten der Gesellschaft Gemeinschaft zu haben, aber er sagt, wenn
ein "Bruder" auf die "Gemeinde" nicht hören will, so soll er
ausgeschlossen werden.
Und Paulus führt das Anathema, den Bannfluch
in die christlichen Gemeinden ein: 1. Kor 16,22: Wer den Herrn nicht liebt, der sei verflucht! Gal 1,9: Wenn jemand euch eine andere Heilsbotschaft verkündigt als die,
welche ihr (von mir) empfangen habt: Fluch über ihn!
Zeitbedingtes und Allzumenschliches mischt
sich mit der "frohen Botschaft". Wie war Jesus wirklich? Was hat er
wirklich gesagt? Ich gehe auch von anderen Blickwinkeln aus, aber mein
Blickwinkel auf die Bibel ist der Blickwinkel meiner Bearbeitungen, in
denen ich ausdrücke, was mir von Herzen kommt und was nach meiner
Meinung dem Leben und der Liebe dient.
Ich folge Jesus nach, dem Jesus, der in
meinem Herzen lebendig wird und der sich bedingungslos dafür hingibt,
alle zu retten und niemanden zu verdammen. Ich sehe in seinem Leben
einen Lernprozess, zum Beispiel wenn er sich zunächst nur zu den
Israeliten gesandt fühlt und dann erkennt, dass er für alle Menschen da
ist. Und wenn ihm grässliche apokalyptische Schilderungen in den Mund
gelegt werden - hat er es wirklich gesagt, und wenn ja, hat er es
deswegen gesagt, damit es niemals eintritt? Wir wissen es nicht.
Ich folge dem Jesus nach, der sich selbst
vollständig dem Vater hingegeben hat und der gänzlich für alle Menschen
und die ganze Schöpfung da ist, über seinen Tod hinaus. Ein anderer
Jesus kann in mir nicht lebendig werden.
Gerhild kommentiert das so: Jesus war nicht
römisch-katholisch!
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Ich bin kein Schaf
-
22. November 2009
Als ich vor knappen drei Jahren die
Kirchenreformbewegung "Wir sind Kirche" näher kennenlernen wollte, sah
ich mir die Website der Bewegung an. Da fiel mir auf, dass sie eine
Schriftenreihe herausgegeben hatten, die sich "Herdenbriefe" nennt. Ich
dachte mir: Wenn sich jemand mit Mitra und Hirtenstab schmückt und
wenn dieser jemand "Hirtenbriefe" schreibt, so ist das seine Sache. Aber
man wird doch nicht freiwillig "Herdenbriefe" herausgeben und sich
selbst ein Schaf nennen. Ich bin kein Schaf.
Vorgestern habe ich einen Vortrag über die
notwendige und notwendende Geschwisterlichkeit in der Kirche gehört. Der
Vortragende (Paul Weß) sagte dabei, dass bereits wenige Jahrhunderte
nach dem Tod Jesu die Priester für die anderen Christinnen und Christen
zu Vätern wurden, die als Hirten eine
Herde zu betreuen hatten. Ich bin aber kein Herdentier, nicht einmal ein
Herdentier Gottes.
Der Psalm 23 beginnt mit den Worten:
Der HERR
ist mein Hirt; mir mangelt nichts. Auf grünen Auen lässt er mich lagern, zum Lagerplatz am Bache führt er mich. Er erquickt meine Seele.
In meiner Bearbeitung klingt das so:
Der Herr behütet mich; Tag und Nacht sorgt er für mich. Wie das Vieh sich freut über saftige Weiden und frisches Wasser, so freue ich mich über meinen Gott.
Im
Psalm 95 gibt es folgende Passage:
Denn er ist unser Gott, und wir das Volk seiner Weide, die Herde seiner Hand (oder: Hut).
Diese
Zeilen habe ich so wiedergegeben:
Er ist unser Gott und wir sind sein Volk, das er liebt und das er leitet. Gebt euch vollständig hin und erwartet alles von ihm.
(Meine
Psalmenbearbeitungen sind in meinem Buch "Du bist da" enthalten.)
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Gott und Urvertrauen
-
22. November 2009
Unlängst habe ich ein Bonmot gehört: "Ein
Dogma ist ein Gesetz, das Gott vorschreibt, wie er zu sein hat." Dieses
Bonmot entspricht meiner Art zu beten, ohne Gott irgendetwas
vorzuschreiben.
Wenn ich bete, rede ich Gott so an: "Mein
Herr und mein Gott". Das entspricht dem Gebet von Bruder Klaus, das ich
täglich mehrmals bete. (Siehe meinen Gedankensplitter "Hingabe als
Grundprinzip des Lebens".) Das ist auch die Aussage des Thomas über den
auferstandenen Jesus. (Siehe Joh 20,28.) Und so wird Gott auch angeredet
in vielen Psalmen der Bibel in meiner Bearbeitung.
Wenn ich Gott mit "Mein Herr und mein Gott"
anrede, so weiß ich letzten Endes nichts über den, den ich so anspreche.
Er ist weiblich / männlich / sächlich und transzendiert alle diese
Bestimmungen. Aber ich gebe mich ihm voll Vertrauen vollständig hin. An
einem Punkt meines Lebens, ich war schon über fünfzig Jahre alt, habe
ich ein ganz tiefes Vertrauen erhalten, ein Urvertrauen, das besagt,
dass ich geborgen bin, was auch immer geschieht. Ich habe damals das
Urvertrauen eben nicht mit dem Verstand erfasst, sondern mit tiefer
liegenden Schichten meiner Persönlichkeit. Und langsam hat es sich
ausgebreitet, zum Vertrauen auf das Leben, auf Gott, auf die Welt.
Wer oder was auch immer das ist, den ich mit
"Mein Herr und mein Gott" anrede, ich vertraue ihm vollkommen. Und ich
setze es in Beziehung zu Jesus, dessen Herzen ich mich Tag für Tag weihe
und dem ich nachfolge. Er, der mich den Weg zur Wahrheit und zum Leben
führt, ist er etwa vollständig in Gott enthalten? Und ist das etwa unser
aller Ziel, das Ziel aller Menschen und der ganzen Schöpfung?
Dazu sage ich ja.
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Ist die Offenbarung abgeschlossen?
-
10. November 2009
Im Johannesevangelium steht folgender Satz:
"Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen (=
einzigen) Sohn hingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht
verloren gehen, sondern ewiges Leben haben." (Joh 3,16.)
Die Übersetzung "eingeborener Sohn" ist von
Martin Luther, die erklärende Beifügung "einziger Sohn" ist von Hermann
Menge. Im griechischen Original steht
hyios monogenes (monos = einzeln, einzig, genes = geboren oder gezeugt,
hyios = Sohn).
Origenes hat gesagt, dass die Zeugung des
Sohnes durch den Vater aus der Zeit herausgehoben ist. Es gibt keinen
Zeitpunkt in der Vergangenheit, an dem das geschehen ist. In unser
Verständnis hinein übertragen ist es die große, immerwährende Gegenwart
des unvorstellbar innigen Verhältnisses von Vater und Sohn.
In meiner Bearbeitung (veröffentlicht in
meinem Buch "Du bist Liebe") lautet der Satz in Joh 3,16 so: "Denn Gott
liebt die Welt so sehr, dass er sich selbst in dem Menschensohn hingibt,
damit alle, die es möchten, nicht zugrunde gehen, sondern ewig leben."
Jesus ist Gottes Sohn wie kein anderer. Er
ist nicht einfach das Siegel der Propheten. Propheten gibt es auch nach
Jesus. Aber Jesus ist unverwechselbar. Er allein hat für alle Zeiten,
für die Zeiten vor und nach ihm, Gott selbst auf die Welt gebracht, das
Wesen Gottes, die unermessliche Liebe Gottes. Er verkörpert die
unermessliche Hingabe an Gott, die unvorstellbare Nähe zu Gott, die
unvorstellbare Hingabe an alle Menschen und den ganzen Kosmos, die dazu
führt, dass von ihm zu Recht gesagt wird: Ja, er ist selbst Gott.
In diesem Sinn ist die Offenbarung
abgeschlossen.
Jesus ruft uns in die Nachfolge. Je mehr wir
in diese bedingungslose Hingabe hineinwachsen, die er uns vorgelebt hat,
desto mehr werden wir Gott ähnlich. Und irgendwann, bei den meisten
Menschen wohl erst nach ihrem Tod, wenn wir durch alle Höllen und Himmel
gegangen sind, werden wir ganz vergottet, werden wir vollständig von ihm
erfüllt sein, werden wir in ihm aufgegangen sein und dabei ganz wir
selbst sein. Origenes nennt das Apokatastasis panton (Wiederherstellung
oder Neuordnung von allem).
Die Vergottung (Theosis) des Menschen ist
nach Gregorios Palamas "eine übernatürliche Teilhabe und Einigung mit
der Wesensenergie Gottes." Dabei gibt Gott seine Transzendenz und der
Mensch seine Geschöpflichkeit nicht auf. Im Westen schwächt man den
Ausdruck "Vergottung" des byzantinischen Theologen ab und spricht von
Vergöttlichung. (Aus einer Beschreibung des Buches "Philosophie in
Byzanz" von Georgi Kapriev.)
Wir haben als Menschen die Aufgabe erhalten,
die ganze Schöpfung in die Neuordnung mit hineinzunehmen. Nicht nur wir
selbst werden sterben und auferstehen, die ganze Erde wird sterben, und
sie wird ihren Auferstehungsleib erhalten. An unserer eigenen
Auferstehung und an der Auferstehung der Erde dürfen und müssen wir
arbeiten, JETZT, im Namen Gottes, im Herzen mit Jesus verbunden.
In diesem Sinn ist die Offenbarung niemals
abgeschlossen, solange die Erde besteht.
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Ein Acrylbild zu Lk 13,10-17
-
29. Oktober 2009

Dieses Bild habe ich zu Lk 13,10-17 gemalt:
Jesus heilt am Sabbat eine Frau, deren Rücken so stark gekrümmt war,
dass sie sich nicht mehr aufrichten konnte.
Ich habe nur die Farben Schwarz und Gelb
verwendet, und das Bild hat einen Entstehungsprozess. Erst habe ich
einen schwarzen Klumpen in der Mitte gemalt, der größer und größer
geworden ist, entsprechend zu den Jahren, in denen die Frau immer mehr
niedergedrückt wurde. Dann habe ich eine breite gelbe Einfassung gemalt,
mit der Vorstellung, dass nun die heilende Kraft die Frau umhüllt und
schützt. Schließlich habe ich das Gelb in den schwarzen Bereich
eindringen lassen und habe, den Pinsel von innen nach außen führend, den
schwarzen Bereich immer mehr mit Verlebendigung und Heilung erfüllt, bis
schließlich das Gelb als strahlender Sieger das Schwarz nicht
umgebracht, sondern integriert hat in den Bereich des Lichtes und der
Liebe.
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Wie Bibelinterpretation nicht sein soll
-
12. Oktober 2009
Geht ein Mann zum Schneider und lässt Maß
nehmen für einen neuen Anzug. Nach einer Woche kommt er zur Anprobe.
Dabei stellt er fest, eines der Hosenbeine ist zu lang. “Nur, wenn Sie
so steif stehen,” sagt der Schneider, “im Gehen, ein Bein nach vorne,
passt er genau.” “Aber das Sakko schlägt am Rücken Falten!” wundert sich
der Kunde. “Sie stehen so unnatürlich. Da ist das kein Wunder. Beugen
Sie sich nach vorne! So passt es wie angegossen,” entgegnet der
Schneider. “Und warum ist der linke Ärmel so kurz?” fragt der Mann.
“Weil Ihre Schulter hängt. Ziehen Sie die Schulter hoch! Sehen Sie: Ein
perfekter Sitz!” Der Mann lässt sich überzeugen. Zahlt und geht wie ihm
geraten im Anzug auf die Straße. Da kommen ihm zwei Damen entgegen.
Flüstert die eine der anderen zu: “Schau mal, der arme Krüppel!”
Antwortet die andere: “Ja, aber einen guten Schneider hat er!”
So soll Bibelinterpretation nicht sein.
Im 19. Kapitel des ersten Mose-Buchs kündigt
Gott Abraham an, dass er die Städte Sodom und Gomorra vernichten werde.
Abraham tritt als Fürsprecher für die Menschen ein und bringt Gott zu
der Zusage, dass er die Städte verschonen werde, wenn er auch nur zehn
Gerechte dort finden werde. Gott findet aber nur einen einzigen Gerechten, nämlich Lot, den Neffen Abrahams. Daher wird Lot, seiner Frau und
seinen beiden Töchtern die Möglichkeit geboten, aus Sodom zu fliehen. Es
wird Lot aufgetragen, auf der Flucht nicht stehen zu bleiben und sich
nicht umzudrehen.
"Als dann die Sonne über der Erde
aufgegangen und Lot in Zoar angekommen war, ließ der HERR
Schwefel und Feuer vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra regnen und
vernichtete diese Städte und die ganze Jordan-Ebene samt allen Bewohnern
der Ortschaften und allem, was auf den Fluren gewachsen war." (1.Mose
19,23-25.)
Lots Frau hatte sich umgedreht und war
stehen geblieben. Da hatte sie die flüssige Lava eingehüllt, und sie war
zu einer Salzsäule erstarrt.
Ich frage mich: Ist Gott wirklich so
fundamentalistisch, dass er in Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Gerechten
und Ungerechten unterscheidet? Und ist Gott wirklich so blind, dass er
unter so vielen Menschen nur einen einzigen Gerechten findet? Und ist
Gott wirklich so grausam, dass er unterschiedslos alle Menschen
niedermacht, große und kleine, alte und Kinder, und dass er dazu noch
die Fluren und Felder vernichtet?
Der Leiter eines Bibelabends, an dem ich
teilnahm, erklärte voll Freude, diese Bibelstelle zeige, wie Gott die
Menschen rette. Als ich auf das Ausmaß der Vernichtung hinwies,
antwortete er: "Es hängt davon ab, wo Sie den Schwerpunkt setzen."
Als er das sagte, wurde ich an den alten Witz mit dem Schneider
erinnert.
Eine
Freundin unserer Familie hat
keine Antwort gewusst, als ihr sechsjähriger Sohn sie fragte: „Gott hat doch
gesagt, Du sollst nicht töten. Und bei der Sintflut bringt er dann so viele
Menschen um?“
Das
Kind hat recht. Die Erwachsenen trauen sich oft nicht, so geradlinig zu
denken.
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Liebe und Multidimensionalität
-
10. Oktober 2009
Es hat sich in meinem Leben als wesentlich
herausgestellt, einen weiten Blickwinkel zu haben. Oder besser noch: mit
möglichst vielen Blickwinkeln gleichzeitig zu schauen. Das verleiht
Gelassenheit. Wenn Sie es versuchen wollen: Man muss sich zurücknehmen
und vom Hinterkopf her ein weitgefächertes Schauen und Hören zulassen.
Zulassen ist das richtige Wort, denn man darf dabei nicht ungeduldig
sein, nicht drängen. Und es geht nie darum, einen Standpunkt
durchzusetzen. Es geht immer um die Sache.
Ja, aber was ist denn eigentlich die Sache?
Rutscht man auf diese Weise nicht in Beliebigkeit und Relativismus ab?
Das geschieht nicht, wenn die Basis die Liebe ist. Ich habe natürlich
meine Meinung, aber die wird immer neu gestaltet, sie bildet sich weiter
im liebevollen Hören auf alle und alles und ganz besonders in der
vollständigen Hingabe an den höchsten Herrn, den ich immer wieder bitte,
mir zu zeigen: Wo ist mein Weg?
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Hingabe als Grundprinzip des Lebens
-
6. Oktober 2009
Das Grundprinzip des Lebens und der
Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist Hingabe: Hingabe an Gott, Hingabe
an Jesus, den unüberbietbaren Wegbereiter, Hingabe an Maria, die
unüberbietbare Wegweiserin, Hingabe zwischen Mann und Frau, Hingabe an
alle Menschen, Hingabe an die ganze Schöpfung. Hingabe lässt einen nicht
innerlich verhungern, sondern sie führt zu Freude und Bereicherung.
Ich versuche, aus der Hingabe heraus jede
Begegnung zu gestalten, jedes Denken, Fühlen und Handeln zu leben. Es
gelingt mir nicht ganz, aber ich bin auf dem Weg dazu. Der Weg führt zu
Freiwerden von Heuchelei und von süßlichem Lächeln, und er führt dazu,
dass man zu einem Reagenzglas wird, in dem sich Bitterkeit auflöst, die
eigene Bitterkeit und die Bitterkeit von Menschen, die einem begegnen.
Der Weg führt zu schöpferischem Frieden. Mir ist bewusst, dass ich
keinen Grausamkeiten und keinem blinden Hass ausgesetzt bin, dass es
aber das alles in der Welt gibt.
Die Hingabe soll nach Möglichkeit jeden
Augenblick des Lebens bestimmen. Daher bete ich täglich mehrmals das
Gebet von Bruder Klaus:
Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir,
was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.
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Rangstreit und Herrenmahl
-
22. September 2009
Jesus warnt die Jünger immer wieder vor dem
Rangstreit. Bei Matthäus, Markus und Lukas gibt es Szenen, wo die Jünger
mit der Frage beschäftigt sind, wer der Größte von ihnen sei oder wer
der Größte im Reich Gottes sei. (Mt
18,1-5; Mk 9,33-37; Lk 9,46-48.)
Einer Predigt des katholischen Pfarrers
Josef Mohr in Heidelberg entnehme ich: "So war das also bereits am
Anfang - und nicht erst später, wo die apostolischen Ränge und
Ränkespiele die Kirche Christi in Mißkredit brachten, unglaubwürdig
machen bis auf den heutigen Tag. Da kann er sich noch so oft
wiederholen: Die Kirche, seine Jünger, seine Christen, bleiben bei dem
ewigen Hickhack, eben dem 'Rangstreit der Jünger'."
In einem Informationsartikel der
Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs habe ich die
folgenden Sätze gefunden: "Die aus der Reformation hervorgegangenen
Kirchen einigten sich erst 1973 auf ein gemeinsames
Abendmahlsverständnis: 'Wir bekennen die Gegenwart des auferstandenen
Herrn unter uns.' Spekulationen über die Art dieser Gegenwart werden
abgelehnt – dies bleibt ein Geheimnis des Glaubens." (Das
Einigungsdokument ist die "Leuenberger Konkordie".)
In dem Taschenbuch "Abendmahlsgemeinschaft
ist möglich. Thesen zur Eucharistischen Gastfreundschaft" vertreten das
Centre d`Etudes Oecumeniques (Strasbourg), das Institut für Ökumenische
Forschung (Tübingen) und das Konfessionskundliche Institut (Bensheim)
die folgende Auffassung: "Eucharistische Gastfreundschaft im Sinne der
gegenseitigen Einladung, an der Mahlgemeinschaft mit Christus
teilzunehmen, trotz der noch bestehenden Unterschiede im theologischen
Verständnis und in der Praxis der Kirchen ist theologisch verantwortbar
und in vielen Fällen pastoral sogar geboten. Die ökumenische Arbeit hat
einen Stand erreicht, der nicht nur für einzelne Christen Konsequenzen
hat, sondern gebietet, von einer reinen 'Notstandsseelsorge' zu einer
offiziellen Praxis eucharistischer Gastfreundschaft zu kommen. Deshalb
plädieren die Verfasser für eine offene Praxis eucharistischer
Gastfreundschaft als Normalfall im Leben ökumenisch verbundener
Gemeinden."
Dieses Buch ist kurz vor dem Ökumenischen
Kirchentag in Berlin 2003 herausgekommen. Wie ich einem Artikel der Welt
Online vom 27. Juni 2008 entnehme, soll es auch auf dem 2. Ökumenischen
Kirchentag in München 2010 keine gemeinsame Feier des Abendmahls geben.
"Die Kirchenleitungen suchen die Teilnehmer zu disziplinieren, dass es
nicht zu solchen spektakulären Akten kommt wie am Rande des ersten
gemeinsamen Treffens 2003 in Berlin. Dort gab es eine 'offene
Kommunionfeier'. Zu ihr hatte der emeritierte katholische
Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl auch Nichtkatholiken eingeladen.
Er wurde prompt vom Priesteramt suspendiert - vom damaligen Trierer
Bischof Reinhard Marx, der als Erzbischof von München und Freising 2010
katholischer 'Gastgeber' des Kirchentages sein wird."
Ist da nicht auch der Rangstreit der Jünger
im Spiel?
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Wahre Hingabe ist grenzenlos
-
22. September 2009
In früheren
Gedankensplittern habe ich mitgeteilt, dass ich mich dem Herzen Jesu
geweiht habe, und dem Herzen Marias, und dem Herzen Gerhilds, meiner
Frau, über den Tod hinaus, und dass ich diese Weihe Tag für Tag
erneuere. Daher kann ich sagen: Ich gehöre Jesus. Voll und ganz.
Kann ich denn da noch jemand anderem gehören? Ja. Ich kann auch sagen:
Ich gehöre Maria. Voll und ganz. Und was ganz wichtig ist: Ich gehöre
Gerhild, meiner Frau. Voll und ganz. Ich gehöre ihr restlos. Da ist
nichts mehr übrig, was nach anderen Frauen schielt.
Und es geht weiter,
darüber hinaus. Es gibt keine Grenze dafür, sich zu verschenken. Und es
raubt keine Kraft, denn es öffnet die Möglichkeit und Wirklichkeit des
Gebens und Nehmens. Das ist kein Widerspruch dazu, dass es krankhafte
Situationen gibt, in denen man sich schützen muss. Doch sogar in solchen
Situationen erhebt sich die Frage: Was wird mir geschenkt? Was wird aus mir
heraus-gemeißelt?
Wenn ich mit Menschen
beisammen bin, und wenn ich dann spüre, ich gehöre jedem einzelnen von
ihnen, werde ich ganz leicht und frei. Wenn ich zwischen mir und dem
Menschen, den ich für böse halte oder der ganz anders ist als ich oder
dessen Verhalten und Worte ich gerade überhaupt nicht verstehe, keine
Mauer errichte, verhindere ich, dass wir uns beide im eigenen Saft
drehen, ermögliche ich die Befreiung.
Ich gehöre allen
Menschen und der ganzen Schöpfung. Wenn ich durch den Wald gehe, spüre
ich, dass ich jedem Baum und jedem Tierchen gehöre. Daher weiß ich, dass
ich immer mehr Achtsamkeit und Verantwortung entwickeln muss.
Alles das sind keine
Gedanken für das Sitzen am Schreibtisch, sondern für die Übung im
Alltag.
Täglich bitte ich Gott,
dass er mir seine Kraft und Liebe schenkt, damit ich mich daran erfreuen
und sie weitergeben kann. Und nun ist mir etwas anderes aufgefallen.
Dieser wunderbare einzige Gott, der zugleich nah und fern, zugleich
vertraut und fremd ist, will auch geliebt werden, grenzenlos geliebt
werden, und er antwortet auf die Liebe, die ich ihm zuwende, mit einer
grenzenlosen und unvorstellbar schönen Berührung.
Er ist ausschließlich
für mich da. Und ausschließlich für dich. Voll und ganz.
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Jesus ist für alle Menschen aller Zeiten da
-
22. September 2009
Auf meine Startseite habe ich als Motto
meiner Theologie geschrieben:
Meine Kirchgemeinde ist
die Menschheit und mein
Gotteshaus ist die Erde.
So allgemein dieses Motto klingt, ich
verstehe es von Jesus her. Als Beispiel bringe ich meine zusammenfassende
Bearbeitung der Stellen Mt 15,21-28 und
Mk 7,24-30 mit dem Titel "Jesus heilt die
Tochter einer Syrophönizierin":
Jesus ging nun von Galiläa weg und zog
mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in das Gebiet der alten phönizischen
Städte Tyrus und Sidon. Die Leute hier hatten ihre eigene Religion und
nicht die jüdische. Die Kunde von seinen Taten hatte sich auch in diesem
Gebiet verbreitet, und er wurde bald von einer syrophönizischen Frau
angesprochen. Sie sagte: Herr, meine Tochter ist von einem Dämon
besessen. Hab Erbarmen mit uns, ich weiß, dass du helfen kannst!
Jesus hatte schon viele nichtjüdische
Leute geheilt, denn aus allen Richtungen waren sie nach Galiläa
gekommen. Doch diese Frau hatte ihn mit „Herr“ angesprochen und ihn
damit als einen Gesandten Gottes über alle religiösen Grenzen hinweg
geehrt. Daher sagte er zu ihr: Komm morgen wieder.
In der Nacht betete er intensiv zu Gott,
dem Vater und erlangte dabei die Gewissheit, dass er der Heilige Gottes
für alle Menschen aller Religionen war und nicht nur für die jüdischen
Bewohner von Galiläa und Judäa.
Am nächsten Tag kam sie wieder. Sie
strahlte vor Freude, fiel auf die Knie, ergriff seine Hand und sagte:
Meine Tochter ist geheilt, Herr. Ich danke dir so sehr!
Jesus fragte: Wann wurde sie geheilt?
Die Frau sagte: Mitten in der Nacht
schrie sie laut auf. Dann war es vorbei. Sie hatte wieder ihre frühere
Stimme und konnte mir wieder in die Augen schauen. Ich bin so glücklich!
Da wusste Jesus, dass sie genau zu der Zeit
geheilt worden war, als ihn der Vater für alle Menschen aller Religionen
und aller Zeiten gesendet hatte.
In der Nachfolge Jesu bin auch ich für alle
Menschen aller Religionen und aller Zeiten da.
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Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit
-
8. September 2009
Seit ich den Roman "Gigamord" von Christoph
Kühnhanss gelesen habe, ist mir viel mehr bewusst, dass mein Fleisch
einmal von mir abfällt und verwest, dass meine Knochen, blankgeputzt,
einmal zu Staub zerfallen. Doch dieser unendlich feine, unendlich fein
verteilte Staub wird wie Augen sein, die überall im Kosmos aufgehen, und
besonders auf der Erde. Diese Augen werden überall strahlen, und sie
werden mir, der ich dann nicht mehr bin, erlauben, überall die Liebe zum
Leuchten zu bringen, denn Augen können nicht nur sehen, sondern auch
etwas vermitteln.
Wer wird das Leuchten wahrnehmen?
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Gott und Transzendenz
-
8. September 2009
Heute habe ich ein kleines Gedicht gemacht:
Von Gott das Licht wegnehmen und die Dunkelheit, die Zeit wegnehmen und die Ewigkeit. Was bleibt? Nichts. Was bleibt? Gott. Was bleibt? Liebe pur.
Gott transzendiert alle unsere Bestimmungen
der letzten Wirklichkeit. Er transzendiert das Persönliche und das
Unpersönliche. Er hat etwas Verhüllendes und etwas Offenbarendes. Er hat
etwas, das wartet, und etwas, das wirkt. In meiner Bearbeitung des
ersten Kapitels des Daodejing habe ich geschrieben:
Es gibt einen zeitlosen Urgrund in allem. Es gibt einen Weg in allem, der sich in der Zeit entfaltet. Das Wortlose ist der Urgrund von Himmel und Erde. Das Benennende ist die Entelechie aller Dinge.
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Einheit als Geschenk Gottes
-
4. September 2009
Vor einigen Tagen im Arbeitszimmer. Gerhild,
meine Frau, betritt den Raum. Und dann drei Eindrücke, Schlag auf
Schlag. Ich sehe Gerhild von hinten und spüre: Wir sind eins. Gerhild
setzt sich zu mir und schaut mich an, und ich spüre: Wir sind eins. Ich
denke etwas, und in dem Augenblick spricht Gerhild es aus, und ich
spüre: Wir sind eins.
Dieses Spüren der Einheit hatte eine ganz
besondere Färbung. Es ging von der Erotik her in die Tiefe. Es war
erotisch und zugleich viel, viel mehr, etwas Unerschütterliches,
Unauslöschliches, etwas, das unabhängig von Raum und Zeit besteht.
So entsteht Staunen und Dankbarkeit, über
diesen Zufall, über dieses Geschenk Gottes, das uns zugefallen ist.
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Ist Jesus auferstanden?
-
4. September 2009
Meiner Meinung nach muss man mit der Frage
beginnen: Gibt es eine Auferstehung der Toten? Zur Zeit Jesu war das
eine Streitfrage. Die Pharisäer sagten ja, die Sadduzäer, zu denen die
höhergestellten Priester gehörten, sagten nein. In Lk 20,27 beginnt eine
Auseinandersetzung zwischen Jesus und einigen Sadduzäern, die damit
endet, dass Jesus in meiner
Bearbeitung sagt: "Hast du nicht in der Schrift gelesen, wie Mose vor
dem brennenden Dornbusch stand, und wie Gott zu ihm sagte: 'Ich bin der
Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs'? Glaubst du denn,
dass Gott ein Gott von solchen ist, die nicht mehr existieren? Oder dass
er ein Gott von toten Schatten ist, die im Totenreich gefangen gehalten
werden? Nein, er ist ein Gott von solchen, die zum vollen Leben erwacht
sind."
Alle Menschen gehen nach dem Tod durch einen
Prozess, in dem sie zum vollen Leben erwachen. Abraham, Isaak und Jakob
sind zum vollen Leben erwacht. Und ausgerechnet Jesus sollte nicht zum
vollen Leben erwacht sein? Das wäre absurd.
Es liegt also auf der Hand, dass Jesus
auferstanden ist. Bleibt noch die Frage nach der Bedeutung des leeren
Grabes. Jesus ist auferstanden, unabhängig davon, ob sein Grab nun leer
war oder nicht. Was das leere Grab jedoch andeutet, ist, dass der
Prozess, in dem er zum vollen Leben erwachte, von der Kürze eines
Blitzes war, dass die Kategorien von Zeit und Ewigkeit blitzartig von
ihm abgefallen sind. Ob das Turiner Grabtuch nun echt ist oder nicht, es
ist eine Möglichkeit, dass sein Körper sich von einem Augenblick zum
anderen durch Abstrahlung aufgelöst hat, und dass der abgestrahlte,
verwandelte Körper in der umfassenden neuen Existenz Jesu geborgen ist.
Was ist nun das Besondere an Jesu
Auferstehung? Dazu sagt der Kolosserbrief etwas. Nach Kol 1,15 ist Jesus
der Erstgeborene der ganzen Schöpfung und nach Kol 1,18 ist er der
Erstgeborene der Toten. Als der Erstgeborene der ganzen Schöpfung ist er
unsere Brücke ins irdische Leben und als der Erstgeborene der Toten ist
er unsere Brücke in das Leben, das mit dem Tod nicht endet. Er ist unser
Leben.
Was das für uns bedeutet, ist freudige
Erwartung oder sogar das Gefühl, schon angekommen zu sein, von dem
Grauen des Todes niemals mehr verschlungen werden zu können.
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Wespen, Spinnen und Nacktschnecken
-
4. September 2009
In diesem Jahr hat es mehr Wespen als sonst
gegeben. Wenn wir auf der Terrasse beim Frühstück sitzen, kommen sie.
Sie interessieren sich sehr für Marmelade, Honig und Müsli. Sie trinken
auch gern unseren Tee. In dem Fall müssen wir sie allerdings vor dem
Ertrinken retten. Manchmal stellen wir einen kleinen Teller mit
Marmelade oder saftigen Birnenresten seitlich auf, damit sie von den
Sachen, die wir selbst essen wollen, abgelenkt werden. Wenn eine auf
unseren Händen krabbelt, regt uns das nicht auf. Weder meine Frau noch
ich haben eine Insektengiftallergie.
Bei anderen Leuten beobachten wir oft, dass
sie beginnen, um sich zu schlagen, um die Wespen zu verscheuchen, oder
sie erschlagen die kleinen Tiere.
Wir haben auch Spinnen im Haus. Unlängst
zeigt meine Frau in eine obere Zimmerecke und sagt zu mir: "Schau dir
das an." Ich sehe oben einen Weberknecht und sage: "Da sind ja lauter
kleine Pünktchen daneben." Meine Frau lacht und sagt: "Das werden lauter
kleine Spinnen. Die dürfen bei uns leben."
Was nicht bei uns leben darf, sind
Nacktschnecken. Meine Frau hat heuer schon tausende mit der Schere
zerschnitten. Angeblich ist das für die Schnecken weitgehend schmerzlos.
Sie streut auch Schneckenkorn, allerdings ein solches, das für die
Gehäuseschnecken unschädlich ist. Wir bekämpfen die Nacktschnecken mit
Bedauern, weil wir es nicht besser wissen. Wir haben erst damit
begonnen, als es erwiesen war, dass die Schnecken sonst unseren
Gemüsegarten kahlfressen.
Der springende Punkt ist der: Kann ein
Mensch die anderen Wesen spüren? Wenn er der kleinen Wespe zuschaut,
kann er dann spüren, wie sie für sich sorgt und leben will? Wenn er
durch einen Wald geht, kann er dann spüren, nicht nur denken, welch
lebenserhaltendes Geschenk die Bäume sind? Es wird für die Menschheit
lebensentscheidend sein, dass möglichst viele Menschen diese
Spürfähigkeit entwickeln und sich von ihr auch leiten lassen. Man muss
die gesamte Natur spüren können und auch die Menschen, die ein Teil der
Natur sind, die selbst Säugetiere sind. Nicht nur Wespen, auch Menschen
werden grundlos erschlagen. Oder sie werden bedroht und erniedrigt.
Die Menschen haben einen besonderen Auftrag.
In der Bibel wird dieser Auftrag leider missverständlich ausgedrückt. Im
ersten Schöpfungsbericht lässt der Autor Gott zu den Menschen, zu Mann
und Frau sagen: "Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde an und
macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über
die Vögel des Himmels und über alle Lebewesen, die auf der Erde sich
regen!" (1.Mose 1,28.)
Dieser Satz ist aus dem Geist einer anderen
Zivilisation geschrieben, aber er ist so und so schlimm genug.
Vielleicht ging der Autor von dem Idealbild eines guten Königs aus, der
das Zusammenleben seiner Untertanen so ordnet, dass alle gut leben
können.
Was soll dieser Satz in der heutigen Zeit?
Die Menschheit vermehrt sich in den armen Ländern hemmungslos, weil die
Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Die Natur wird zerstört, durch die
Rücksichtslosigkeit von Großkonzernen in Gemeinschaft mit korrupten
Politikern, und genauso durch die Verzweiflung der ganz Armen, die ums
tägliche Überleben kämpfen. Viele Arten von Lebewesen sind durch
Profitgier fast oder ganz ausgerottet.
Gott hat den Menschen außergewöhnliche
Fähigkeiten geschenkt. Diese Fähigkeiten können eingesetzt werden, um
die Erde so zu gestalten, dass das menschliche Zusammenleben aufblüht
und neben dem Menschen alle Wesen leben dürfen. Die Realität ist anders.
Ungerechtigkeit führt zu Hass. Hass führt zu Terror. Wie kann sich das
ändern, solange die reichen Länder nicht bereit sind, die Ausbeutung der
armen Länder aufzugeben, und solange die Menschen in den reichen Ländern
darauf bedacht sind, dass ihnen nichts weggenommen wird? Die
Abgestumpftheit wächst. Die Empfindungsfähigkeit ist zu gering. Die
Demut ist zu wenig vorhanden.
Die Menschheit ist dabei, ihre eigenen
Lebensgrundlagen zu zerstören. Es ist jetzt schon so, dass viel Hass
zwischen Menschen, zwischen Bevölkerungsgruppen besteht und viel Gewalt
angewendet wird. Wie wird das erst werden, wenn es zum Kampf um
lebensnotwendige Ressourcen wie Wasser kommt, und wenn die Armen die
zynisch bewachten Grenzen der reichen Länder überrennen, weil sie keine
andere Chance mehr haben?
In dem Roman "Eiland" hat Aldous Huxley
geschildert, wie sich auf einer abgelegenen tropischen Insel durch
Meditation, Gestalttherapie und psychedelische Drogen eine ideale
Gesellschaft entwickelt und schließlich zerstört wird, weil von außen
der "Fortschritt" kommt. Daraus kann man ersehen: Die heutigen
menschlichen Mittel werden nicht reichen, um eine Wende herbeizuführen.
Und es wird nichts Erfolg haben, was nicht global übernommen wird.
In meinem Buch "Jesus für alle", das bald
erhältlich sein wird, entwerfe ich im Kapitel "Die Auferstehung der
Erde" ein Schichtenmodell der Erde, und zwar mit dem Grundbegriff "Integral".
Dabei verstehe ich unter dem Integral das eine Ganzheit bildende Moment.
Die entscheidende Schicht ist dabei das Christus-Integral, das alles ins
Sein ruft und vollendet. Ich beschreibe in diesem Kapitel den
kollektiven Übergang zur Transparenz, der jetzt auf der Erde notwendig
ist, und gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass wir Menschen zu diesem
Übergang viel beitragen können, dass er aber doch ohne eine besondere
Emanation des Christus-Integrals nicht geschehen wird. Darum bete ich
täglich um die neue Emanation des Christus-Integrals, damit die Erde
nicht zugrunde geht und die Menschen in Frieden leben können.
Anmerkung vom 7. September 2010:
Die Erde wird nicht zugrunde gehen. Im
Worst-Case-Szenario wird die Spezies Mensch zugrunde gehen und die Erde wird
sich regenerieren. Hiezu folgendes Zitat:
"Die Gaia-Hypothese ist eine, von dem
Kybernetiker und Klimatologen James Lovelock und der Mikrobiologin Lynn Margulis
ausgearbeitete wissenschaftliche Konzeption des irdischen Ökosystems als
lebendigem Organismus. Die Gaia-Hypothese besagt, dass unsere Erde ein
intelligentes Lebewesen darstellt, das sich selbst steuert (Selbstorganisation)
und optimiert… Die oft falsche Interpretation der Gaia-Hypothese, dass alles
eben doch nicht so schlimm ist, weil die Erde ein selbstregulierendes System
ist, führt zu ökologischer und politischer Blindheit und übersieht den
entscheidenden Faktor: Gaia wird überleben - aller Wahrscheinlichkeit nach auch
nach einem nuklear-ökologischen Holocaust. Doch wir Menschen und unsere
Lebensressourcen werden eliminiert sein."
(Aus einem Artikel der Naturkost Holthausen.)
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Was ist heilige Schrift?
-
2. September 2009
Zunächst eine sprachliche Information. Ich
sage nicht Altes Testament, sondern Erstes Bundesbuch. Und ich sage
nicht Neues Testament, sondern Zweites Bundesbuch, in Übereinstimmung
mit den Bezeichnungen, die die
Reformierte Kirche der Niederlande verwendet.
Vieles im Zweiten Bundesbuch ist
selbstgerecht und/oder gehässig und/oder unbarmherzig, vom Ersten
Bundesbuch ganz zu schweigen. So, wie es ist, kann man es beim besten
Willen nicht als "frohe Botschaft" verkünden. Dass die Bibel so geworden
ist, wie sie ist, ist Sache der biblischen Autoren und der Gruppen, die
sie repräsentieren. Das Ganze pauschal als heilige Schrift zu
bezeichnen, dazu sage ich nein. Und es ist doch heilige Schrift, denn
die heilige Schrift ist darin verborgen, wie Goldkörner im Sand. Man
kann sich davon berühren lassen, kann sich dem hingeben, kann die
Goldkörner freilegen und polieren.
Wenn zum Beispiel ein Gleichnis der
Evangelien vorgelesen wird, das nach meiner Meinung im Sand endet, so
habe ich als typische Reaktion eines Menschen gehört: "Das ist schwer zu
verstehen." Man wagt nicht, einfach nein zu sagen.
Den Sand muss man weglassen oder ändern. Ein
Beispiel für Weglassen ist das Buch "Taizé - Gemeinsame Gebete für das
ganze Jahr". In diesem Buch wird bei jeder Andacht ein Psalm
wiedergegeben. Es werden aber Verse weggelassen, und die Verse werden
teilweise umgestellt. Beispiele für Ändern sind meine Bearbeitungen der
Bibel. Welche biblischen Texte ich insgesamt bearbeitet habe, habe ich
in meinem Gedankensplitter "Warum
ich biblische Texte bearbeite" angeführt.
Das Weglassen und Umstellen von Versen geht
bei einigen Psalmen gut, aber es geht nicht bei der ganzen Bibel. Es
würde nur ein Torso übrigbleiben.
Die Theologie beginnt nicht nach der Bibel,
sondern in der Bibel, und diese Theologie ist durchaus menschlich, z.B.
als Kriegstheologie, Opfertheologie, apokalyptische Theologie usw. usw..
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Vergeltung und Subtileres
-
1. September 2009
Mt 5,39 lautet in meiner Bearbeitung: "Vergeltet
Böses nicht mit Bösem." Im Sinn von Mahatma Gandhi und Martin Luther
King könnte man auch sagen: "Reagiert auf Gewalt nicht mit Gewalt." Das kann
aber nach meinem Verständnis nicht heißen, dass man sich und andere
Menschen nicht schützen soll.
Wenn man ganz sicher ist, dass das, was der
andere Mensch getan hat, böse ist, dann ist es gut, die böse Tat
abzulehnen. Aber es ist nicht gut, den ganzen Menschen als böse zu
bezeichnen und abzulehnen.
Als eine verhängnisvolle Verkettung des
Bösen bringe ich das folgende Beispiel aus dem Bürgerkrieg in Sierra
Leone: "Die Revolutionäre Vereinigte Front nahm Kinder mit und brachte
sie dazu, schreckliche Dinge zu tun wie das Töten von
Familienmitgliedern. Diese Kindersoldaten waren besonders grausam, denn
sie hatten nie etwas anderes als Gewalt kennengelernt. Für sie war das
Leben kein Wert, und das Töten begann ihnen Spaß zu machen. Wenn sie
Leute amputieren wollten, fragten sie sie, ob sie lange Ärmel oder kurze
Ärmel wollten. Lange Ärmel bedeutete, dass die Hand abgeschnitten wurde.
Kurze Ärmel bedeutete, dass der ganze Arm abgeschnitten wurde." (Aus:
"The High Price of Diamonds" von
Tehtena Tsegaye, Übersetzung von mir,
http://www.newmoon.com/content/?id=9551&type=1.)
Es gibt aber auch Taten, die nicht böse
sind, sondern die einem einfach gegen den Strich gehen. Solche Taten werden oft
als böse bezeichnet, das heißt, das Böse wird in sie hineinprojiziert.
Ein typisches Beispiel ist die Verfolgung von sogenannten Häretikern
durch die katholische und die evangelische Kirche. In vergangenen
Jahrhunderten wurden abweichende Einzelpersonen und ganze Gruppen
blutig, grausam und wortbrüchig (wie im Fall von Jan Hus, dem freies
Geleit zugesichert wurde und der dann doch verbrannt wurde) verfolgt.
Die Glaubenskongregation der römisch-katholischen Kirche, die die
Nachfolgeorganisation der Inquisition ist, erniedrigt und verfolgt sogenannte Häretiker
bis zum heutigen Tag, soweit die Restmacht, die ihr verblieben ist, das
zulässt.
Daher ist es gut und notwendig, das oben
angeführte Bibelzitat zu erweitern: "Unterdrückt das nicht, was euch
gegen den Strich geht." Bzw.: "Schädigt den Menschen nicht,
der etwas tut, das euch gegen den Strich geht." Voltaire soll
einmal gesagt haben: "Ich verabscheue
Ihre Meinung. Aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie sie äußern
dürfen." Auch das kann nicht heißen, dass man sich und andere Menschen
und die von der menschlichen Maßlosigkeit gequälte Erde nicht schützen
soll, wenn etwas schief läuft. Doch die Gefahr ist groß, dass man für
das, wogegen man sich sträubt, blind wird, und dass man den Menschen,
der das tut, gar nicht mehr richtig sehen kann.
Mir ist noch etwas Subtileres aufgefallen.
Ein Beispiel: Ich sitze mit anderen Leuten um einen Tisch. Jemand sagt
etwas. Wenn ich nun denke: "Ich sehe das anders", habe ich schon den
Kontakt mit diesem Jemand, das Gespür für ihn verloren. Wenn ich mich
mit innerer Stille auf den anderen Menschen einstelle, werde ich etwas
von ihm und über ihn verstehen, das ich sonst nie mitgekriegt hätte.
Anschließend kann ich ja sagen, was ich sehe (nicht, wie ich das sehe),
oder ich kann schweigen (wenn ich meine, es ist jetzt nicht der richtige
Augenblick, das zu sagen).
Gegen die Art und Weise, wie vieles
Zwischenmenschliche in der Geschichte gelaufen ist und auch heute noch
läuft, will ich die Vielfalt der menschlichen Talente und Blickwinkel sehen
und wertschätzen. Das ist die Aufgabe meines Buches "Jesus ohne Dogmen", an
dem ich gerade arbeite.
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Ein Fleisch und ein Geist
-
15. August 2009
Im ersten Schöpfungsbericht der Bibel steht,
dass Gott die Frau aus einer "Rippe" des Menschen schuf. So lautet es in
den meisten Bibelübersetzungen. Doch das hebräische Wort tsäla heißt
nicht nur Rippe, es heißt auch Seite, und in dieser Bedeutung wird es in
der Bibel sonst verwendet. Gott macht also aus einer Seite des Menschen
die Frau, und der Mensch, von dem die Seite genommen wurde, erkennt sich
als der Mann, und so entstehen die beiden Seiten des Menschen, der
Mensch als Mann und der Mensch als Frau. Daraufhin ruft der Mann erfreut
aus: "Diese endlich ist es: Gebein
von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch!" "Darum verläßt
ein Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt seiner Frau an, und sie
werden ein Fleisch sein." (1.Mose 2,23-24.)
Mit Fleisch wird hier ihre Einheit bezeichnet. Zur vollständigen Einheit
gehört allerdings, dass sie auch ein Geist werden. Ein Fleisch und ein
Geist, ein Fühlen und ein Tun, jetzt und bis zum Tod und über den Tod hinaus,
dann in einer Existenz, in der das „Fleisch“ verwandelt ist.
Geht da nicht die Individualität verloren?
Werden sie so nicht zu einem Doppelmonster, in dem weder er noch sie
ihre eigentlichen Anlagen, ihren besonderen Lebensweg entfalten können?
Weit gefehlt. Es ist nicht wie ein Tiegel, in dem alles homogenisiert
und eingeschmolzen wird, sondern in dem Tiegel entstehen neue und
überraschende Formen beider, die anders gar nicht oder jedenfalls nicht
in solcher Schönheit entstanden wären.
Diesen Vorgang, der zugleich ein Zustand
ist, nenne ich Glück.
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Projektionen auf Gott
-
14. August 2009
Ich gehe von folgenden Basisannahmen aus: 1. Gott ist, er ist jenseits von Sein und Nichtsein da. 2. Das Wort "Gott" ist männlich; Gott selbst ist jedoch männlich,
weiblich und sächlich.
Was wurde nicht alles über Gott gesagt: Er ist ein idealer König; er ist ein Vater; er ist ein Rächer; er gibt Schutz und Geborgenheit; und vieles andere.
Es gibt ein Bilderverbot in Bezug auf Gott: In den zehn Geboten der Bibel; im Calvinismus; im Islam.
Was ist also zu tun? Sich Gott vollständig
zu öffnen, mit grenzenlosem Vertrauen, mit einer großen Aufmerksamkeit,
die Tag und Nacht immer wieder aufgenommen wird. Das hat ungeahnte
Auswirkungen.
Es ist nicht so, dass auf diese Weise das
eigene Selbst auf Gott projiziert wird. Das eigentliche, erstarkte
Selbst ist das vollkommen hingegebene Selbst, das mit Gott eins wird.
Teresa von Avila hat das gewusst, und sie
hat gesagt: Solo Dios, basta. Gott allein genügt.
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Schatten und Licht
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12. August 2009
Diese beiden Begriffe verwende ich hier
eigenständig, nicht im strengen Sinn der analytischen Psychologie.
Ich lese gerade den Roman "Gigamord" von
Christoph Kühnhanss. Auf Seite 137 lässt er einen Jonas sagen: "Es ist
längst etwas Neues zum Leben erwacht. Etwas, das weit über dem Einzelnen
steht: Es ist das lebendige Monster Menschheit. Sie ist eine
kopflose Spinne, die ihr tödliches Netz über den ganzen Planeten
gesponnen hat, in dem alles zugrunde geht. Die Hölle, das sind wir,
nicht die vielen Einzelnen, sondern das Wir aus uns allen
zusammen. Dieses gewaltige, giga-köpfige Riesenmonster, dieses
Giga-Subjekt, das nicht denkt, fühlt und bewusst handelt und doch will."
In diesem Zitat wird eine Bewegung
geschildert, die in den Abgrund führt, die dabei ist, die Erde zu
zerstören und die (nicht nur) dem Autor ernste Sorgen bereitet. Im
Gegensatz dazu beschreibe ich in meinen Büchern das Leben, das
unzerstörbar ist, das mit dem Tod nicht endet.
Vor einigen Tagen habe ich im Traum gesehen,
wie ich durch eine Wohnung gehe, in der ich früher gewohnt habe, die
früher schön und neu und gepflegt war und nun alt, verwahrlost und
verkommen ist. Der Traum macht mich darauf aufmerksam, dass es in meinem
Leben etwas gibt, was vernachlässigt wird. Er zeigt mir, dass es eine
Lichtseite und eine Schattenseite im menschlichen Leben gibt. Er macht
auf etwas aufmerksam, das im Schatten liegt.
Der Gedanke ist nun nicht von der Hand zu
weisen, dass es nicht nur eine Lichtseite und eine Schattenseite der
menschlichen Einzelpersönlichkeit gibt, sondern auch eine Lichtseite und
eine Schattenseite der Menschheit als ganzer. Christoph Kühnhanss weist
als ein Warnender auf die Schattenseite der Menschheit hin, auf das, was
nicht ins Licht gehoben wird und daher ruinöses Potenzial besitzt. Ich
weise auf die Lichtseite der Menschheit hin, die reinigendes, heilendes
und heiligendes Potenzial besitzt.
In meiner Bearbeitung der synoptischen
Evangelien lasse ich Jesus sagen: (Siehe
Mt 5,14-16; Mk 4,21-22; 9,49; Lk 8,16-17; 11,33.)
"Meine Jüngerinnen und Jünger, die von Herz
zu Herz mit mir verbunden sind, sind das Licht der Welt, wie auch ich das
Licht der Welt bin. Man zündet keine Öllampe an und stülpt einen Waschtrog
darüber, sondern man setzt sie auf das Lampengestell, damit der ganze Raum
beleuchtet wird. Also lasst euer Licht leuchten, damit die Menschen durch
eure Worte und Taten das Reich Gottes erfahren können. Seid wie eine Stadt,
die oben auf einem Berg liegt und weithin sichtbar alle Leute einlädt."
"Und bedenkt, dass ihr nichts zu verbergen
habt. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird, und es
ist nichts geheim, was nicht ans Licht kommen wird."
"Macht es wie das Öl in der Lampe. Lasst euch
vom Feuer der Liebe verzehren, bis nichts mehr von euch übrig ist. So wird
alles bewahrt, was ihr je gewesen seid und was ihr seid."
Das, was ich im letzten Absatz geschrieben habe,
meine ich wörtlich, und ich bin auf dem Weg dazu. Niemand braucht Angst zu
haben, dass in der vollständigen Hingabe seine Persönlichkeit ausgezehrt
wird. Im Gegenteil, sie erfährt eine ungeahnte Bereicherung.
Und einen Roman wie "Gigamord" zu schreiben
ist ohne Hingabe nicht möglich.
Feedback von Christoph Kühnhanss:
Die Jesuszitate
treffen meine Grundintention für "Gigamord" ins Herz: Ich will ja nicht die
ganze Menschheit verteufeln, sondern über diesen Umweg dazu aufrütteln,
genau auf das sich zu besinnen, was uns Menschen so einzigartig macht: Die
Fähigkeit zu Mitgefühl, zu Liebe, zu Nachsicht, zur Kunst, zur Philosophie,
zum Licht.
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Für Mathematiker
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9. August 2009
Gegeben sei ein Weltall W, das von einem X
ins Leben gerufen und ständig am Leben erhalten wird. Dieser X hat in
dem Weltall eine Entwicklung in Gang gesetzt, die zu immer größerer
Bewusstheit führt, sodass das Leben zu sich selbst erwacht, und er hat
dafür gesorgt, dass das Leben in einer ganz besonderen Art und Weise in
der Gattung Y erwacht. Dieser X hat einen Z ε Y in die Welt geschickt,
der zugleich die Schaffenskraft s von X ist, also Z1
= s(X) mit Z1
ε Y. So hat dieser X eine Initialzündung i zuwege gebracht, die es ermöglicht,
dass seine Schaffenskraft in allen Menschen erwacht, also gilt zugleich Z1
= i(X) mit Z1
ε Y. Und wie viel Zeit auch immer vergeht, bevor die Bewegung zu diesem Ziel
so richtig in Schwung kommt, sie ist nicht aufzuhalten. Exemplare der
Gattung Y, die bereit sind, die von Z1
für alle Zeiten und Zustände des
Weltalls W angestoßene Bewegung weiterzuführen, sind die Nachfolger von
Z1, also Zk = n(Z1)
bzw. Zk = n(s(X))
und Zk = n(i(X)) mit k>1 und k aus
der Menge N der natürlichen Zahlen. Für alle Mitglieder Ak der Gattung Y gilt nun Folgendes: X
hat das Weltall W so angeordnet, dass alle Ak in die Bewegung
der Zk mit hineingenommen werden, sodass irgendwann für alle
Ak gilt Ak = m(Zj) bzw. Ak = m(n(s(X)))
und Ak = m(n(i(X))) , wobei k>0 und k aus der Menge N der
natürlichen Zahlen und j>0 und j aus der Menge N der
natürlichen Zahlen.
Ist das nicht ein schönes Weltall W? Alle Ak
werden letzten Endes heimgeholt zu X, alle Ak sind letzten
Endes von der Schaffenskraft s des X erfüllt und führen die
Initialzündung i weiter zu einer ungeahnten Fülle des Lebens. Kein Ak
geht verloren. Und damit ist zugleich erreicht, dass überhaupt kein
Detail des Weltalls W je verloren geht. Die Erde wird schon lange nicht
mehr bestehen, aber das Integral
∫(Ak)
= ∫m(n(s(X)))dX
und ∫(Ak)
= ∫m(n(i(X)))dX
ist das eigentliche, unzerstörbare Leben.
Das ist mein Weltall. In diesem Weltall lebe ich, und in
diesem Weltall leben wir alle. Dafür gebe ich mich hin. Wie auch immer
es auf der Welt aussehen mag, welche Schrecken auch kommen, diese
Gleichungen werden erfüllt.
Und zum Abschluss noch die Auflösung
dieses mathematischen Beispiels: X ist Gott. Die Gattung Y ist der Mensch.
Z1
ist Jesus Christus.
Feedback von Paul Weitzer:
Dein Weltall gefällt mir sehr gut. Besonders gelungen finde ich das
Integral: Denn dadurch wird wirklich eine unendliche Summe von
m(n(s(X))) dargestellt, multipliziert jeweils mit dem unendlich kleinen,
aber doch sehr wirksamen dX, das man als den göttlichen Funken in uns
allen bezeichnen könnte.....
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Bibelstellen unterscheiden
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6. August 2009
Für meinen Blick auf Bibelstellen habe ich
ein Kriterium. Stellen, die mit dem Leben und der Liebe übereinstimmen,
nenne ich zeitlos. Stellen, die nicht mit dem Leben und der Liebe
übereinstimmen, nenne ich zeit- und kulturbedingt. Ich meine hier das
Leben und die Liebe, die über alle Grenzen gehen.
Zeitlos sind für mich Texte, zu denen auch
ein heutiger Mensch
sagen kann: "Dieser Text endlich ist
es: Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch!" (Nach
1.Mose 2,23.)
Zeit- und kulturbedingt nenne ich
insbesondere alles Apokalyptische, in grauenhaften Kämpfen zwischen Gut
und Böse Schwelgende, alle Bösen Verdammende.
Wenn man die apokalyptischen Prophezeiungen ablehnt,
macht man dann nicht aus dem unfassbaren Gott einen freundlichen
Nikolaus?
Projizieren wir nichts auf Gott. Projizieren wir
insbesondere keine menschlichen Hass- und Rachegedanken auf ihn. Wenn
wir das bleiben lassen, können wir das, was an der Bibel Heilige Schrift
ist, viel schöner zum Leuchten bringen.
Als Beispiel für einen zeit- und
kulturbedingten Text bringe ich eine Regel der frühen judenchristlichen
Kirche, die in Mt 18,15-17 steht und nicht dem Leben und der Liebe
dient: "Sündigt aber dein Bruder an dir, so
geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf
dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm
noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei
oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der
Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie
ein Heide und Zöllner."
In meiner Bearbeitung der synoptischen
Evangelien habe ich diese Stelle durch Folgendes ersetzt:
"Wenn du zu einer Gemeinschaft
gehörst, und von einem Bruder oder einer Schwester geschieht dir oder
einem Menschen, für den du verantwortlich bist, ein klares Unrecht, so
sprich dich mit dem Bruder oder der Schwester aus. Wenn ihr es nicht
alleine schafft, so soll jeder von euch noch eine Vertrauensperson
hinzuziehen. Wenn auch das nichts nützt, überlege: Handelt es sich um
eine Sache, die vor die versammelte Gemeinschaft gebracht werden muss,
oder sind liebevolle Geduld und Schweigen angebracht? Wenn du es vor die
versammelte Gemeinschaft bringst, dann versuche, dort eine Verständigung
zu erreichen. Wenn das nicht gelingt, so bewahre trotzdem ein offenes
Herz für den Bruder oder die Schwester, die dir Unrecht getan haben.
Schütze dich und die Menschen, für die du verantwortlich bist, aber
verachte niemand und schließe niemand aus der Gemeinschaft aus."
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Die Kraft im Becken
-
6. August 2009
Neulich war ich bei meinem Sohn eingeladen,
und er zeigte mir ein Röntgenbild seines Beckens. Von diesem Bild ging
für mich eine starke Kraft aus.
Im Zendo des Dürckheim-Zentrums in
Todtmoos-Rütte befindet sich ein Rollbild, das ein Skelett in
Meditationshaltung zeigt. In der Beckengegend ist inmitten von grünen
Blättern ein goldener Kern.
Bei einer Therapiestunde im
Dürckheim-Zentrum im Juni 1991 habe ich den goldenen Kern in meinem
Becken bewusst erlebt.
Im Hinduismus und im Buddhismus ist es
Tradition, auf Friedhöfen zu meditieren. Geschieht das, um die
Vergänglichkeit zu erfahren? Man erfährt die Unvergänglichkeit, in der
Kraft des Skeletts und besonders in der Kraft des Beckens.
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Bibelstellen beweisen nichts
-
22. Juli 2009
Bibelstellen beweisen nichts, und das ist
auch nicht ihre Aufgabe. Ich fasse Bibelstellen nicht als Beweise,
sondern als Beispiele auf. So etwa beim Gespräch Jesu mit den Sadduzäern
über die Auferstehung der Toten. Im Markus-Evangelium sagt
Jesus: "Was aber die Auferweckung der Toten
betrifft: Habt ihr nicht im Buche Moses bei der Erzählung vom Dornbusch
gelesen, wie Gott zu Mose die Worte gesprochen hat (2.Mose 3,6): 'Ich
bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs'? Gott ist
doch nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden." (Mk 12,26-27.)
Ich nehme diese Bibelstelle als Beispiel
dafür, dass es eine Auferstehung (Auferweckung) der Toten gibt, und dass
die Auferstehung (Auferweckung) nicht mit einem Endgericht am Ende aller
Tage in Verbindung gebracht zu werden braucht.
Biblischer Kontext: Abraham, Isaak und Jakob
sind nach Jesus für Gott lebendig, also nicht im Totenreich.
Mein Kontext: Die Auferstehung
(Auferweckung) führt über Zeit und Ewigkeit hinaus. Für das
Heraus-bilden der Wirklichkeit, die mit dem Tod nicht endet, habe
ich in meinem Buch "Jesus für alle" im Kapitel "Jesus heute" eine
Modellvorstellung entwickelt. Das Buch wird voraussichtlich Ende 2009 im
Handel zu haben sein.
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Verständnis und Kontext
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22. Juli 2009
Im Schlusskapitel des Buches "Abgeschrieben,
falsch zitiert und missverstanden - Wie die Bibel wurde, was sie ist"
von Bart D. Ehrman habe ich Folgendes gefunden: Die Leserinnen und Leser
"können die Texte nur verstehen, wenn sie sie vor dem Hintergrund ihres
sonstigen Wissens deuten. Sie erklären ihre Bedeutung, indem sie die
Worte des Textes 'mit anderen Worten', den eigenen, umformulieren. Wenn
Leser einen Text mit anderen Worten formulieren, ändern sie jedoch die
Worte des Textes. Das geschieht beim Lesen automatisch." Nach Bart D.
Ehrman bedeutet daher "einen Text zu lesen notwendigerweise auch, einen
Text zu verändern."
Das Verstehen zwischen Menschen ist immer
kontextabhängig.
Erstes Beispiel: Im Februar und im Mai 2009
habe ich zusammen mit einem Theologen Bibelabende gestaltet. An diesen
Abenden haben wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Beispiele aus
meinen Bibelbearbeitungen, die in meinen Büchern "Du bist da" und "Du
bist Liebe" veröffentlicht worden sind, mit den Originaltexten
vergleichen lassen. Dabei hat sich für mich ein Verständigungsproblem
ergeben. Ich sehe davon ab, dass jeder Mensch, der im Raum war, seinen
eigenen Kontext hatte. Ich betrachte jetzt nur zwei Arten von Kontext:
den Kontext eines erfahrenen Besuchers von Bibelrunden und den Kontext
eines Autors, der die Bibeltexte radikal verändert hat. Für diese beiden
Abende habe ich Texte ausgewählt, bei denen meine Veränderungen nicht
so auffallen, und ich habe keine Einführung in meinen Kontext gegeben.
Die Abende sind dementsprechend verlaufen.
Zweites Beispiel: Unlängst saß ich mit ein
paar Freundinnen und Freunden beisammen, und wir sprachen über
kirchliche Fragen. Unter anderem erzählte ich (als Katholik), dass meine
Frau und ich seit einiger Zeit einmal monatlich den Gottesdienst mit
Abendmahl besuchen, der in der evangelischen Kirche in unserem Ort
stattfindet. Eine Person pflichtete mir bei, aber mit verschiedenem
Kontext. Ihr Kontext war: Sie ist auch zum Dialog mit anderen
Konfessionen bereit. Mein Kontext war: Wenn ich bei den Evangelischen
bin, bin ich einer von ihnen.
Wie ist es also überhaupt möglich, einander
zu verstehen?
Bei meiner Bearbeitung biblischer Texte bin
ich von einem doppelten Kontext ausgegangen: einerseits vom Kontext der
antiken Autoren, die ich durch Studium von Kommentaren zu verstehen
versuchte; andererseits vom Kontext meiner inneren Übereinstimmung mit
dem Geist Gottes in mir und mit meiner Frau.
Bei jedem Gespräch zwischen Menschen ist die
Kontextfrage präsent. Wenn Menschen wirklich das, was sie hören, sofort
in ihre eigenen Worte umformulieren (wie Bart D. Ehrman sagt), so ist
das Verständigungsniveau niedrig. Allerdings ist jede verbale
Kommunikation von einer wortlosen Kommunikation unterlegt. Die Menschen
vermitteln einander mehr als nur Worte. Und hier besteht Hoffnung,
aufmerksam für den Kontext des anderen Menschen zu werden. Genaueres zu
dieser Frage habe ich in meinem Buch "Jesus für alle" im Kapitel "Die
Auferstehung der Erde" dargelegt. Das Buch wird voraussichtlich Ende
2009 im Handel zu haben sein.
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Atem - Wind - Geist - Kraft
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19. Juli 2009
Ich atme aus, und ich atme ein. Ich atme
aus, und ich atme ein. 20.000-mal pro Tag, 7.500.000-mal pro Jahr, und
wenn mein Leben lang ist, dann 600.000.000-mal in meinem ganzen Leben.
Aber irgendwann folgt auf das Ausatmen kein Einatmen mehr. Und was ist
dann?
Ich habe meinen Atem von Gott bekommen, und
ich habe meinen Lebensatem von Gott bekommen. Im Atem drückt sich der
Lebensatem aus. Der Lebensatem geht über den Atem hinaus. Der Atem
beginnt zu einer Zeit und endet zu einer anderen Zeit. Der Lebensatem
erwacht einmal in mir und verlässt mich nie wieder. Er ist der Zeit
enthoben, und nach meinem Tod ist er der Ewigkeit enthoben.
Wie der Atem ist der Wind. Der Wind kommt
und geht, überraschend und unabhängig von unserer Einflussnahme.
Im Frühjahr habe ich ein Finkenmännchen
beobachtet. Es donnerte immer wieder gegen die Fenster-scheibe, um den
Feind zu vertreiben. Es erkannte nicht, dass der Vogel im Spiegelbild es
selber war.
Wenn ich mein Spiegelbild irgendwo sehe, so
weiß ich, dass ich es selber bin. Man spricht von einer höheren
geistigen Fähigkeit, die sich im Lauf der Evolution herausgebildet hat.
Wie der Wind ist der Geist. Man spricht vom
Geist Gottes, der die Menschen aufsucht, um in ihnen zu wohnen. Der
Geist ist unverfügbar. Damit er seine Wirkung entfalten kann, ist
Hingabe notwendig.
Der Geist zeigt sich als unspezifische
Kraft, und überall dort, wo Menschen es zulassen, zeigt er sich
unverzüglich als eine entschiedene, gerichtete Kraft, als eine Kraft,
für die es keine Hindernisse gibt, als eine Kraft, die auch in
Bitternissen und Verzweiflungen immer das bleibt, was sie ist: ein
Füllhorn des Glücks und der Liebe.
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Wer oder was ist Gott?
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18. Juli 2009
Ich gehe davon aus, dass es möglich ist,
sich in Gott zu vertiefen. In ihm fallen alle Aspekte zusammen in einen
Aspekt, der zugleich kein Aspekt ist. Er ist derjenige Unbegreifliche,
den wir als ein Du begreifen können und der sich uns als ein solches in
seiner ganzen Fülle schenkt, in einer Fülle, die so überwältigend ist,
dass kein Wunsch mehr offen bleibt, dass nichts mehr außerhalb ist, das
Schrecklichste und das Schönste nicht, dass nur noch eine alles
gestaltende und alles verwandelnde Kraft da ist, dass nichts mehr sonst
da ist als diese unendliche Leere, in der alles ist und die uns aufatmen
lässt, voll Glück, wirklich und restlos daheim zu sein.
In Gott sind drei Momente. Ein immerzu
beglückendes, schenkendes, uns bis in die tiefste Tiefe erfassendes. Ein
immerzu gestaltendes, hervorbringendes und vollendendes. Ein alles mit
Kraft und Zuspruch erfüllendes. In allen drei Momenten ist Gott der
alles in die Freiheit führende, uns Menschen eine ganz spezielle
Verantwortung gebende. In seinen Momenten ist Gott eine Einheit oder
besser gesagt eine Nullheit. Als Einheit ist er eine Nullheit. Als
nichts ist er alles. Als ein Er ist er eine Sie und ein Es, indem er
alles übersteigt und sich zutiefst vertraut macht mit uns. Er hat uns
Menschen die Aufgabe gestellt, ganz in ihm aufzugehen und in diesem
Aufgehen unsere höchste Verantwortung zu begreifen, nämlich die
unendliche Kostbarkeit aller Menschen und unserer gesamten Lebenswelt zu
sehen und dafür zu wirken, unserer gesamten Lebenswelt, die viel mehr
ist als unsere Lebenswelt, denn sie gehört nicht uns, sondern wir
gehören ihr in Gott.
Wollen wir das? Es sieht nicht immer so aus.
Vieles, was in der Welt geschieht, scheint dem Hohn zu sprechen. Und wir
haben quälende Ahnungen, dass furchtbare Zusammenbrüche möglich sind.
Doch vergessen wir nicht, dass Gott alles in allem ist. Zu ihm können
wir heimkehren. In ihm können wir ruhen, in einer Ruhe, die die alles
umfassende Gestaltungskraft ist. Sie wird dann zu unserer
Gestaltungskraft. Klinken wir uns da ein.
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Die Sonne am Horizont
-
12. Juli 2009
Im März 2003 war ich mit einer kleinen
Schweizer Gruppe zusammen mit Beduinen und Kamelen zehn Tage lang in der
tunesischen Wüste unterwegs. Wir hatten keine Zelte mit und haben uns
jeden Abend möglichst windgeschützte Stellen gesucht, um unsere
Schlafsäcke für die Nacht auszubreiten. Die Nähe des Sternenhimmels in
der Nacht und die majestätische Stärke der Sonne beim Sonnenaufgang
werde ich nie vergessen. Es war mir an jedem Morgen, als würde die Erde
neu geboren.
Dieses Gefühl hat mich nie wieder verlassen.
Ich wohne jetzt in einer kleinen Wienerwaldgemeinde. Und wenn meine Frau
und ich am Morgen mit den Hunden durch den Wald gehen, so sehe ich
wieder die neugeborene Erde, die uns Menschen als ein kostbares Geschenk
in die Hände gelegt worden ist und für die wir eine ganz hohe
Verantwortung tragen.
Wenn ich durch den Wald gehe, so spüre ich
auch ganz intensiv, wie der Wald mit seinen Bäumen mich regeneriert und
aufleben lässt.
Der theoretische Gedanke, dass wir für die
Erde und die zukünftigen Generationen der Menschheit Verantwortung
tragen, dass der Wald notwendig ist, um CO2
aufzunehmen und O2
abzugeben, genügt nicht. Erst wenn viele Menschen spüren, dass die Erde
an jedem Morgen neu geboren wird, dass der Wald mit seinen Bäumen sie
regeneriert und aufleben lässt, wird die Gattung Mensch ihr Verhalten
ändern, mit dem sie jetzt an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt.
Daher habe ich in einem der Gebete, die ich
bearbeitet habe, geschrieben:
Gott, du bist da. Sende deinen Geist in die Herzen aller Menschen. Lass sie deine Liebe weitergeben, dann verheilen die alten Wunden, und die Erde wird neu.
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Von Herz zu Herz und die Folgen
-
9. Juli 2009
Cyprian von Karthago hat im dritten
Jahrhundert n.Chr. gesagt: "Christianus alter Christus" - der Christ,
ein anderer Christus. Seit geraumer Zeit erneuere ich meine Weihe an das
Herz Jesu Tag für Tag. Meine Verbundenheit mit Jesus von Herz zu Herz
wird immer tiefer. Das führt dazu, dass etwas von seinem Wesen in meinem
Wesen aufleuchtet wie ein Licht, aufblüht wie eine Blume. Sein Wesen ist
die vollkommene Hingabe an Gott, den Vater, und an alle Menschen.
Seit geraumer Zeit erneuere ich meine Weihe
an das Herz Marias Tag für Tag. Meine Verbundenheit mit Maria von Herz
zu Herz wird immer tiefer. Das führt dazu, dass etwas von ihrem Wesen in
meinem Wesen aufleuchtet wie ein Licht, aufblüht wie eine Blume. Ihr
Wesen ist es, alles Weibliche aufleben zu lassen und alle Menschen zu
Jesus hinzuführen.
Seit geraumer Zeit erneuere ich meine Weihe
an das Herz Gerhilds, meiner Frau, Tag für Tag. Meine Verbundenheit mit
Gerhild von Herz zu Herz und mit allen Fasern meines Seins wird immer
tiefer. Das führt dazu, dass etwas von ihrem Wesen in meinem Wesen
aufleuchtet wie ein Licht, aufblüht wie eine Blume. Ihr Wesen ist es,
die Einheit zwischen einem Mann und seiner Frau in einer unüberbietbaren
Weise darzustellen und die Welt besser zurückzulassen, als sie sie
vorgefunden hat.
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Warum ich biblische Texte bearbeite
-
8. Juli 2009
Biblische Texte werden von der Theologie als
"Wort Gottes in menschlicher Sprache" bezeichnet. Ich sehe biblische
Texte genauso an wie andere Texte. Ich bestreite nicht, dass uns in
ihnen das Wort Gottes übermittelt wird. Aber ich kann nicht davon
absehen, dass es oft vom Menschlichen überwuchert wird. Manches ist
Ausdruck des altorientalischen Weltbildes. Manches ist zeitbedingt.
Manches ist Privatmeinung der Autoren, vor allem in den Briefen. Manches
ist drohend und nicht fördernd. Manches ist Ausdruck von Hass. Manches
ist für mich die verkehrte Welt.
Das zentrale Beispiel der verkehrten Welt
ist für mich der Augenblick, wo Abraham das Messer hebt, um seinen Sohn
Isaak zu schlachten. Den Text habe ich um 180 Grad umgedreht. In meiner
Fassung zeigt Abraham seine Liebe zu Gott nicht dadurch, dass er bereit
ist, seinen Sohn umzubringen, sondern dadurch, dass er mit Gott zu
streiten beginnt.
In meiner Fassung geht es so
weiter: "Und die Stimme sagte: Weil du mir
die Stirne geboten hast und weil du deinen einzigen Sohn nicht geopfert
hast, will ich dich reichlich segnen und deine Nachkommenschaft so
zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und wie die Sandkörner an den
Ufern der Meere. Wer wie du jeden Menschen als kostbar, als Abbild
Gottes und Kind Gottes sieht und behandelt, darf sich als dein Nachkomme
erkennen, aus welchem Volk auch immer er stammt und in welchem Land auch
immer er lebt. Deine Nachkommen werden die Friedensstifter sein in allen
Zeiten, und sie werden den Hass besiegen."
Diese Bibelstelle ist für mich der Punkt, wo
die unselige Seite der Bibel aus den Angeln zu heben ist. Die Sätze
"Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts zuleide! Denn
jetzt weiß ich, dass du gottesfürchtig bist, weil du mir deinen einzigen
Sohn nicht vorenthalten hast." (1.Mose 22,12) kommen in meiner Fassung
nicht vor. Damit fällt auch die Möglichkeit weg, sie darauf zu beziehen,
dass Gott, der Vater seinen einziggeborenen Sohn zum Schlachten am Kreuz
hingegeben hat, und die christliche Opfertheologie ist nicht mehr darauf
aufzubauen.
Warum bearbeite ich biblische Texte? Weil
ich zur Befreiung aus solchen Engführungen beitragen will. Weil ich den
Gehalt der Bibel zum Leuchten bringen will, der für alle Menschen aller
Weltanschauungen Bestand hat. Weil ich eine Botschaft ohne Grenzen
weitergeben will, wie der Titel eines meiner Bücher besagt. Weil ich
weiß, dass Gott und Jesus in Gott bedingungslos für alle und alles da
ist, ohne zu fragen: "Bist du getauft?"
In diesem Sinn habe ich folgende biblischen
Texte bearbeitet: Den Opfergang Abrahams; die Psalmen; das Hohe Lied; einen Abschnitt aus dem dritten Kapitel des Predigers; die drei synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas); das zweite Kapitel der Apostelgeschichte; das Johannes-Evangelium; die Johannes-Briefe; die Offenbarung des Johannes; das Hohe Lied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief.
Die zentrale Eigenschaft, die den Menschen
heilt und heiligt, ist Hingabe. Die völlige Hingabe heißt auf Arabisch
islām. In dem Moment, wo die Hingabe vollkommen wird, erreicht sie ihr
Ziel, auch dann, wenn sie sich nicht an den Gott der Bibel oder den Gott
des Qur'an wendet.
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Dazu bin ich da
-
28. Juni 2009
Kein Mensch geht verloren. Kein Mensch wird
vernichtet. Kein Mensch wird jenseits von Zeit und Ewigkeit in einem
Totenreich (hebräisch Scheol, griechisch Hades) festgehalten.
Jeder Mensch hat verschiedene Seiten; manche
Psychotherapeuten sprechen sogar von verschiedenen Persönlichkeiten. "Als
Jung den Begriff des kollektiven Unbewussten einführte, verneinte er
keinesfalls dessen persönliche Komponente, die er folgendermaßen
auslegte: In ein und demselben Menschen können quasi 'mehrere
Persönlichkeiten' enthalten sein, was eine ganz normale Erscheinung
sei." (Aus Dr. Alexandre Strasny,
Geheimnisse der alternativen Medizin - Ein Handbuch
für passionierte Heilpraktiker und beharrliche Patienten.)
Was sich in nichts auflösen kann, ist eine
Seite eines Menschen, niemals der Mensch als ganzer. Jeder Mensch ist
heilig, unzerstörbar, gehört zu Gott. Himmel und Hölle sind
Durchgangsstadien. Dort bleibt man nicht oder nur solange, bis das
Unzerstörbare in seiner ganzen Herrlichkeit erstrahlt, jenseits von Zeit
und Ewigkeit.
Gott erschafft alles. Er erschafft jeden
Menschen. Gott schenkt allen Menschen das Leben, das mit dem Tod nicht
endet. Wir können darauf vertrauen,
dass Mt 22,14 umgekehrt zu denken ist: Alle sind berufen, und wer
berufen ist, ist auch auserwählt.
Das in Erinnerung zu rufen, dazu bin ich da.
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Die beiden Aspekte der letzten Wirklichkeit
-
28. Juni 2009
Es gibt einen persönlichen und einen
unpersönlichen Aspekt der letzten Wirklichkeit. Den einen Aspekt nennen wir
persönlich, und wir nennen ihn Gott. Den anderen Aspekt nennen wir
unpersönlich, und wir nennen ihn zum Beispiel Dao. Aber das tiefste Wesen
beider Aspekte ist die Liebe.
In meiner Bearbeitung des Daodejing habe ich
im Kapitel 46 das Wort „Dao“ mit „Urgrund“ wieder-gegeben und den Urgrund als
Urliebe bezeichnet. Ich habe geschrieben:
Der Urgrund lässt alles zu. Die Kräfte können so oder so gebündelt werden, zur Förderung oder zur Vernichtung des Lebens. Doch da der Urgrund die Urliebe ist, wird die Liebe den Hass überdauern.
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Sakrament und Magie
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21. Juni 2009
Nach dem Langenscheidt Fremdwörterbuch ist
ein Sakrament eine feierliche
religiöse Handlung, die die göttliche Gnade vermitteln soll. Die
orthodoxe Kirche spricht nicht von Sakramenten, sondern von Mysterien.
Nach dem Langenscheidt Fremdwörterbuch ist ein Mysterium ein religiöses
Geheimnis. "Der auf aristotelischem Denkhintergrund entstandene
lateinische Begriff 'Sakrament' (sacramentum = urspr. Fahneneid)
schließt eine rechtliche Komponente ein und lässt sich genau definieren.
Anders das ihm zugrunde liegende griechische Wort 'mysterion' (von
'myein' = Schließen von Mund und Augen, Einweihung in ein
Heilsgeheimnis). Das Mysterium bezeichnet eine 'verborgene Offenbarung',
die sich darbietet, ohne sich zu entbergen. Es geht also um eine
Paradoxie, die sich nicht auflösen lässt. Denn beides gehört wesensmäßig
zum Mysterium: das enthüllende Offenbaren und das verhüllende
Sich-dem-Zugriff-Entziehen." (Aus dem Buch "Christus in euch"
von Sergius Heitz, Susanne Hausammann, S.
130.)
Seit alter Zeit wird bei Übersetzungen vom
Griechischen ins Lateinische das Wort "mysterion" mit "sacramentum"
wiedergegeben.
Nach der Ansicht Luthers "ist das Sakrament
eine besondere Gestalt des Wortes Gottes, nämlich, wie er in Anlehnung
an Augustinus formuliert, sichtbares Wort (verbum visibile)."
(Wikipedia beim Stichwort Martin Luther.)
"Die ... Sakramente sind die Zeichen und
Werkzeuge, durch die der Heilige Geist die Gnade Christi, der das Haupt
ist, in der Kirche, die sein Leib ist, verbreitet." (Katechismus der
Katholischen Kirche, 774.) Dabei ist nach römisch-katholischer Sicht die
Gültigkeit der Sakramente an Form, Materie und Intention des Spendenden
gebunden.
Magie (von griechisch μαγεία, mageía für
Zauberei, Gaukelei, Blendwerk) ist die angebliche Beeinflussung von
Ereignissen, Menschen und Gegenständen, indem der Magier versucht,
übernatürliche Kräfte, Geister oder
Dämonen mit Hilfe von Ritualen, Beschwörungsformeln oder ähnlichen
Praktiken in den Dienst zu nehmen. (Definition nach Wikipedia, jedoch
von mir verändert.)
Niemand kann über ein Sakrament verfügen.
Verfügungsgewalt wäre Magie.
Ein Sakrament kann nicht gespendet werden.
Spenden kann man nur, was einem gehört. Die Sakramente gehören keinem
Menschen. Sie gehören Gott. Ein Sakrament kann nur weitergegeben werden.
Es handelt sich um die Weitergabe eines Schatzes des Glaubens und der
Liebe.
Ein Sakrament kann nicht im Namen der Kirche
weitergegeben werden, sondern nur im Namen Gottes und in der Nachfolge
Jesu. Ob der oder die Weitergebende wirklich im Namen Gottes und in der
Nachfolge Jesu handelt, entzieht sich der Beurteilung. Die Taufe
gliedert in die Gemeinschaft aller Christen und Christinnen ein, nicht
in eine bestimmte Teilkirche. Das ist insofern auch heute schon
Realität, als die Taufe von vielen christlichen Teilkirchen gegenseitig
anerkannt wird.
Ein christliches Sakrament kann von jedem
bzw. jeder Getauften weitergegeben werden. Die Einschränkung auf
besonders beauftragte oder geweihte Menschen geht in Richtung Magie. Bei
der Eheschließung sind es die Eheleute, die einander das Sakrament
schenken.
Ein Sakrament kann nicht gültig oder
ungültig weitergegeben werden. Das Urteil über die Gültigkeit geht in
Richtung Magie.
Ein Sakrament ist von Form und Materie
unabhängig. Alles andere wäre Magie. Natürlich wird man trotzdem für die
Taufe in der Regel Wasser verwenden und für die Eucharistie oder das
Abendmahl in der Regel Brot und Wein.
Ein Sakrament zu
empfangen bedarf keiner Würdigkeit. Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Glücklich
ist, wer die Gnade eines Sakraments mit offenem Herzen empfängt und in
seinem Leben weiterwirken lässt.
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Abendmahl und Eucharistie
-
20. Juni 2009
"Was im Abendmahl geschieht, spricht den
Menschen mit all seinen Sinnen an, doch lässt sich nicht alles mit
letzter Genauigkeit erklären. Strittig war und ist die Frage, wie es
denn zu verstehen ist, dass Jesus in seinen Stiftungsworten Leib und
Blut mit Brot und Wein gleichsetzt. In der Alten Kirche hatten die
Menschen damit keine Verständnisprobleme, denn im antiken Denken wurde
nicht zwischen Symbol und Wirklichkeit unterschieden. Zudem kennt das
Aramäische, die Sprache Jesu, keine Hilfszeitworte ('ist'). Wie sollte
man also 'das mein Leib' übersetzen? Entweder: Das ist mein Leib. Oder:
Das bedeutet mein Leib. Nach katholischer Lehre werden Brot und Wein in
Leib und Blut Christi verwandelt (Transsubstantiation, lat.:
Wesensverwandlung). Nach lutherischer Auffassung ist Christus in Brot
und Wein körperlich zugegen (Realpräsenz), während nach reformiertem
Verständnis das Abendmahl lediglich als Zeichen (Symbol) der Gegenwart
Gottes zu sehen ist." (Udo Hahn im Lexikon der Evangelischen Kirche in
Deutschland: http://www.ekd.de/lexikon/abendmahl.html.)
Was hier als reformiertes Verständnis
bezeichnet wird, trifft nur auf den Züricher Reformator Zwingli zu,
nicht aber auf den Genfer Reformator
Calvin. "Der Reformator der französischen Schweiz schreibt über das
Abendmahl wie folgt: Aller Segen des heiligen Abendmahles würde sich in
nichts auflösen, wenn nicht darin Jesus Christus als Wesen und Grundlage
dargeboten wird. Brot und Wein sind sichtbare Zeichen für Christi Leib
und Blut, durch die er sich uns mitteilt. Unsere Gemeinschaft mit dem
Leib Jesus Christi, an sich unseren Sinnen verborgen, unserem Verstand
unfassbar, wird uns dadurch wahrnehmbar vor Augen gestellt. Über den
Abendmahlsstreit sagt Calvin: 'Ohne Zweifel hat ihn der Teufel entfacht,
um den Lauf des Evangeliums zu hemmen, ja wenn möglich, ganz zu
vereiteln. Wenn wir das Sakrament empfangen, werden wir in Wahrheit des
wahren Leibes und Blutes Jesu Christi teilhaftig. Wie das geschieht,
wissen die einen besser auszulegen als die anderen.' " (Georg Rieger,
Positionen zum Abendmahl:
http://www.reformiert-info.de/12-0-0-20.html.)
In einer Eucharistiefeier der
römisch-katholischen Kirche, an der ich gestern Abend teilgenommen habe,
haben sich mir bei der Kommunion alle diese Sichtweisen zu einer
einzigen vereinigt. Dass das möglich wurde, hat eine Vorgeschichte. Im
Jahr 1978, als Karol Józef Wojtyła
zum Papst gewählt wurde, besuchte ich die evangelische
Marienschwesterschaft in Darmstadt-Eberstadt. Ich nahm am Abendmahl teil
und hatte ein intensives Einheitserlebnis, sodass meine Tränen strömten.
Von diesem Tag an wusste ich: Das Mysterium des Abendmahls oder der
Eucharistie gehört nicht der römisch-katholischen Kirche allein. Es
gehört allen Christen.
Von 1998 bis 2006 lebte ich in der Schweiz.
Im Dezember 2004 trat ich wieder in die römisch-katholische Kirche ein,
aus der ich im Jahr 1997 ausgetreten war.
In den Jahren 2005 und 2006 erlebte ich in der Schweiz mehrere römisch-katholische
Eucharistiefeiern, bei der auch alle Reformierten zur Kommunion
eingeladen waren, und reformierte Gottesdienste, bei denen auch alle
Katholiken zum Abendmahl eingeladen waren. Und in den letzten beiden
Jahren durfte ich in Österreich mehrmals in evangelischen Gottesdiensten am Abendmahl
teilnehmen.
Das zweite Hochgebet der
römisch-katholischen Kirche habe ich umgeschrieben und eine kleine
Liturgie für das Teilen von Brot und Wein, von Leib und Blut des
auferstandenen Jesus geschrieben. Bei mir zuhause feiern wir von Zeit zu
Zeit nach dieser Liturgie - ohne Priester. Es gibt für mich keinen Zweifel, dass wir
dabei seinen Auferstehungsleib und sein Auferstehungsblut aufnehmen,
also nicht den Leib, der vor zweitausend Jahren gelebt hat und gestorben
ist, und nicht das Blut, das vor zweitausend Jahren geflossen ist,
sondern seinen jetzigen Leib, der sich von Herz zu Herz mit uns allen
verbinden will, und sein jetziges Blut, das durch die Welt strömt und
uns alle reinigen, heilen und heiligen will. (Siehe das Kapitel "Das
Welthochgebet" in meinem Buch "Jesus für alle".)
In der letzten Zeit ist mir klar geworden:
Das Mysterium des Abendmahls oder der Eucharistie gehört nicht einer
einzelnen christlichen Kirche allein. Es gehört auch nicht der
Gesamtheit der Christen
allein. Es gehört allen Menschen. Kein Mensch darf zurückgewiesen
werden, unabhängig von der Religion oder Weltanschaung, der er angehört.
Jesus wird sein Leben segnen und bereichern.
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Sexualität ist heilig
-
29. Mai 2009
Sexualität ist heilig. Gemeint ist nicht
Sexualität mit wechselnden Partnern, gemeint ist nicht Promiskuität.
Gemeint ist die Sexualität einer Frau, die ihrem Mann gehört, mit einem
Mann, der seiner Frau gehört.
In einer Kolumne der "Furche" vom 28. Mai
2009 schreibt Walter Homolka: "Der Talmud verweist auf die Bedeutung
'heiligen' für die Eheschließung. Durch das kidduschin, den
Heiligungs- und Trauakt, wird die Frau für die ganze Welt tabu. Eine der
schönsten Bemerkungen zur Ehe stammt von Nachmanides: 'Der Akt der
sexuellen Vereinigung ist heilig und rein [...] Der Herr hat all diese
Dinge in seiner Weisheit geschaffen und hat nichts Beschämendes oder
Hässliches erschaffen [...] Wenn ein Mann seinem Weibe in Heiligkeit
beiwohnt, ist die Göttliche Gegenwart mit ihnen.' "
Ich verstehe dieses Zitat so: Durch das kidduschin, den Heiligungs- und Trauakt, wird auch der Mann für die
ganze Welt tabu.
Weil meine Frau und ich diese Heiligkeit
spüren, haben wir bei der sexuellen Vereinigung stets eine Kerze
brennen.
Glücklich sind die, denen die Ehe gelingt.
Es schaffen nicht alle.
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Was heißt Unfehlbarkeit?
-
28. Mai 2009
Wie ich der Wikipedia entnehme, kennt die
orthodoxe Kirche die Unfehlbarkeit der Kirche und sagt, der Geist Gottes
werde nicht zulassen, dass die gesamte Kirche sich in Irrlehren
verliert, sondern werde einen Weg schaffen, dies zu verhindern.
Wenn man über die orthodoxe Kirche
hinausgeht, kann man sagen, dass das auch für die gesamte Christenheit
gilt, in folgendem Sinn: Der Geist Gottes wird dafür sorgen, dass die
Christenheit trotz ihrer Unwilligkeit, sich zu einigen und trotz der
Untaten, die im Namen Jesu und im Namen Gottes begangen worden sind und
noch begangen werden, sich nicht in der Rechthaberei und im Bösen
verhärtet.
Dabei kann ich nicht stehenbleiben. Wenn ich
auch zur römisch-katholischen Kirche gehöre, so ist doch meine
eigentliche Kirchgemeinde die Menschheit und mein eigentliches Gotteshaus die
Erde. Ich sehe es als meine Aufgabe, auf diese Weise das Werk des Lebens, des Todes und der Auferstehung
Jesu in der heutigen Zeit konsequent weiterzuführen. Der Geist Gottes
wird die Herzen vieler Menschen erwecken. Auf diese Weise wird er dafür
sorgen, dass die Menschheit trotz der großen Krisen und
Ungerechtigkeiten in der Welt die Erde nicht zugrunderichtet, und er
wird dafür sorgen, dass trotz vieler Kriege und Rachehandlungen die Zeit
kommt, wo die Menschen in Frieden miteinander leben können. Hier auf
unserer Erde und nicht erst auf einer Erde, die entsteht, wenn unsere
Erde vernichtet ist.
Dem widerspricht die Einteilung der Menschen
in Gute und Böse und das apokalyptische Weltbild, das einen Endkampf
zwischen guten und bösen Mächten voraussagt. Dieses verkehrte Weltbild,
das vor allem von religiösen Schriften (z.B. der apokalyptischen
Literatur der Bibel) propagiert worden ist, hat nur zu Missbrauch
angeregt und Unheil angerichtet. Demgegenüber haben wir die Aufgabe,
füreinander einzustehen.
Es wird nicht so sein, dass die Guten siegen
und die Bösen vernichtet werden. Die Menschheit als ganze kann nicht
verloren gehen. Die Erde als ganze kann nicht zerstört werden. Sie wird
ihr natürliches Ende finden. Doch zu dieser Zeit werden schon Millionen
von Jahren lang keine Menschen mehr auf ihr wohnen.
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Was heißt Nachfolge?
-
25. Mai 2009
Als ich gestern bei der Arbeit an meinem
Buchmanuskript "Botschaft ohne Grenzen" die
Bibelstelle Mt 28, 18-20 las, kamen mir die Tränen. Sie lautet in der
Übersetzung von Hermann Menge:
"Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden
verliehen. Darum gehet hin und macht alle Völker zu (meinen) Jüngern:
tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes
und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und wisset wohl:
Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit!"
Die Stelle besagt, dass Jesus uns sendet.
Und mir kam vor Augen, welche Untaten angerichtet worden sind, die sich
auf diese Stelle beziehen. Ohne ein Beispiel anzuführen, zitiere ich aus
dem Artikel "Zwangschristianisierung" der Wikipedia:
"Unbestritten ist, dass Christianisierungen
im Verlauf ihrer zweitausendjährigen Geschichte oft unter einem extremen
Zwang stattfanden; dieser hatte zahlreiche Ausprägungen und ist durch
vielfältige Quellen und wissenschaftliche Forschungen belegt...
Zwangschristianisierungen gab es mit dem Erstarken des Christentums im
römischen Kaiserreich in der
Spätantike, und in der Ausdehnungsphase im Europa des
Frühmittelalters. Außerdem während der
Kolonisation in der frühen und mittleren
Neuzeit.
Zur Zwangschristianisierung gehörte nicht nur die zwangsweise Taufe,
sondern auch das Unterdrücken oder Umdeuten heidnischer Bräuche und
Vorstellungen."
Zusammen mit den Tränen kam mir der Satz:
Hier hat man nicht die richtige Reihenfolge eingehalten! Die richtige
Reihenfolge wäre, erst Jesus nachzufolgen und dann erst in seinem Namen
zu anderen Menschen zu gehen.
Was heißt Nachfolge? In den katholischen
Kirchen gibt es die Herz-Jesu-Altäre, und man kann sich seinem Herzen
weihen. Das darf aber nicht oberflächlich geschehen. Eine tiefe,
innerliche Beziehung von Herz zu Herz muss daraus werden, und ein tiefes
Verständnis, wie er ist, was er tut, wie er sich zu Gott verhält, wie er
sich zu den Menschen verhält. Man muss sich ganz davon bewegen lassen,
bis eine Bewegung entstanden ist, die sich durch nichts mehr aufhalten
lässt und die dazu führt, dass man wie Jesus und doch auf ganz
individuelle Weise zum Heil der Menschen beiträgt und das göttliche
Leben in sich selbst und auf der Erde realisiert.
Wer Jesus so nachfolgt, verwirklicht das
Leben in seinem Namen ohne Gewalt und Zwang. Doch bereits der Autor des
Matthäus-Evangeliums, der Jesus diese Worte sprechen lässt, hat die
Nachfolge Jesu nicht genügend vollzogen, hat die richtige Reihenfolge
nicht eingehalten.
In meiner Bearbeitung lauten die Sätze so:
Der Vater hat mir die Macht gegeben, alle
Menschen aus ihren Verstrickungen zu befreien und zu ihm zu führen.
Macht das allen Menschen klar, dadurch, wie ihr seid, was ihr tut und
was ihr redet. Und die euch darum bitten, die tauft auf den Namen des
Vaters und auf den Namen des Menschensohns und Messias’, den er gesandt
hat, und auf den Namen des Geistes, der von ihm ausgeht. Behaltet die
Liebe zu mir in euren Herzen. Sie macht euch ähnlich zu mir. Solche
Liebe wird von euch auf andere überspringen. Alle Menschen und die ganze
Schöpfung warten auf eure Liebe. Was auch immer euch widerfährt, Gutes
und Böses, Schönes und Entsetzliches, ich werde dabei sein. Ich bin bei
euch, alle Tage, die den Menschen auf der Erde geschenkt sind, und
darüber hinaus.
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Erfahrung vor und nach dem Tod
-
22. Mai 2009
Zu diesem Thema fällt mir die folgende
Geschichte ein, die ich so wiedergebe, wie ich sie im Gedächtnis habe:
Zwei Scholastiker möchten gerne
herausfinden, ob das Leben nach dem Tod so ist, wie sie es sich
vorstellen. Sie vereinbaren: Der, der zuerst stirbt, möge dem anderen
im Traum erscheinen und nur ein Wort sagen: taliter (wenn es so ist)
oder aliter (wenn es anders ist). Als dann einer der beiden stirbt,
erscheint er wirklich dem anderen, und er sagt: Taliter, sed totaliter
aliter. (Es ist so, aber zugleich ist es vollkommen anders.)
Dazu sage ich gerne ja.
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Die letzte Wirklichkeit
-
22. Mai 2009
Die letzte Wirklichkeit hat zwei Seiten. Die eine Seite ist persönlich. Sie wendet sich uns zu als ein Du und hat
die Fülle der Liebe für uns Menschen und für jedes Detail in der Welt
bereit. So hat Jesus Gott erfahren. Die andere Seite ist unpersönlich. Sie ist die Quelle des Werdens und
Vergehens.
Die letzte Wirklichkeit hat zwei Seiten. Die eine Seite hat einen Namen: JHWH
(יהוה). Da dieser Name vor Ehrfurcht nie ausgesprochen wurde, weiß
niemand mit hundertprozentiger Sicherheit, welche Vokale zwischen die
hebräischen Zeichen des Namens gehören. Der Name ist eine Definition der
letzten Wirklichkeit, eine Aussage über sie: Sie ist als eine sich
liebevoll zuwendende Person immer da, immer für uns da. Wer bereit ist,
diese Tatsache trotz des Elends und der Ungerechtigkeiten in der Welt
immer mehr aufzunehmen, macht die Erfahrung, dass er in allem und jedem
geführt, aber nicht gegängelt, getragen, aber nicht entmündigt wird. Die andere Seite hat keinen Namen und ist daher schwer zu beschreiben.
Ich bringe zwei Beispiele:
In meiner Bearbeitung des Daodejing habe ich
dem Kapitel 41 die Überschrift "Der Tanz des Lebens" gegeben, und ich
beende das Kapitel mit den Worten: Erst
tanzt du einen Tanz, dann
tanzt du alle und förderst sie. Erst
lebst du aus dem Namenlosen, dann
bist du das Namenlose.
Und zum 81. Kapitel des Daodejing habe ich
bereits im Jahr 1983 ein Gedicht geschrieben, das für mich bis heute
Gültigkeit hat: Eine
Kerze brennt, und
dann verlöscht sie.
Du
gehst und siehst immer
neue Horizonte, bis
eines Tages kein
Horizont mehr da ist.
Das
Namenlose hat
keine Namen.
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Zeit und Ewigkeit
-
21. Mai 2009
Nach dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und
Wilhelm Grimm umfasst der Wortbegriff von Zeit die Vorstellung der Folge
sowie die Begriffe des realen Geschehens und der Begrenzung. Nach
demselben Wörterbuch kann sich die Vorstellung der Ewigkeit sowohl auf
die Vergangenheit als auch auf die Zukunft beziehen. Sie kann eine
lange Dauer in der Zeit und eine große Ausdehnung im Raum bedeuten. Auf
die Zeit bezogen ist Ewigkeit etwas, das nie aufhört.
Ein Gedicht in Friedrich Nietzsches
Zarathustra endet mit den Worten: "Weh spricht:
Vergeh! Doch
alle Lust will Ewigkeit, will
tiefe, tiefe Ewigkeit!"
Diese Worte drücken die starke Sehnsucht
nach Dauer aus. Diese Sehnsucht führt nicht über unsere Vorstellungswelt
von Raum und Zeit hinaus.
Ein Gedicht, das ich vor kurzem geschrieben
habe, beginnt mit den Zeilen: was ist schon zeit was ist schon
ewigkeit
Das Leben nach dem Tod ist das Einbringen
einer Ernte, doch in keinen noch so großen Raum, in keine noch so große
Dauer kann diese Ernte eingebracht werden. Etwas, das in Raum und Zeit
begonnen und sich entfaltet hat, wird jetzt gereinigt, über jede Zeit
und Ewigkeit hinaus bewahrt und für Zeit und Ewigkeit fruchtbar gemacht.
In der letzten Wirklichkeit, die sogar als ein Du erfahren und mit
"Gott" oder "Vater" angeredet werden kann, die aber davon unabhängig
ist, ist jedes solche Etwas bewahrt.
Können wir Menschen uns etwas vorstellen,
das über Zeit und Ewigkeit hinausgeht? Können wir schon in diesem
irdischen Leben eine Erfahrung davon bekommen, die über eine Ahnung
hinausgeht? Ja, wir können das.
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Mysterium
-
21. Mai 2009
Das Wort Mysterium bedeutet Geheimnis, auch
ein religiöses oder göttliches Geheimnis. Mir geht es jetzt nicht um
Mysterienkulte der Antike oder Mysterienspiele des Mittelalters, sondern
um die Frage: Ist die Gegenwart Jesu in Brot und Wein bei der
Eucharistiefeier bzw. dem Abendmahl ein Mysterium?
Für mich ist das Mysterium die volle
Gegenwart, also die Gegenwart, die nicht mehr von Vergangenheit oder
Zukunft bestimmt ist, die sich nicht mehr auf Zeit und Ewigkeit bezieht,
nicht mehr auf irgendeine Form von Dauer. Alles das ist von der vollen
Gegenwart abgefallen, sie ist wie nackt und sehr erleichtert.
Und das Mysterium der vollen Gegenwart Jesu?
Er ist einfach da, wie Gott einfach da ist, befreit von jeder Form von
Raum, und doch anders. Er ist da in der vollständigen Erfüllung seiner
Individualität. Er ist da als der, der rückhaltlos und grenzenlos zu
Gott, dem Vater hin einlädt und zieht. Immer, für alle Zeiten, und
überall dort, wo Menschen leben und solange es Menschen gibt. Unabhängig
davon, ob sie in seinem Namen versammelt sind.
Und das Mysterium der Gegenwart Jesu in Brot
und Wein? Geht denn das noch über das hinaus, was ich gerade geschrieben
habe? Ja, denn es ermöglicht, ihn mit allen Sinnen zu schmecken, mit den
Sinnen des Körpers und den Sinnen, die mehr als den Körper umfassen. Es
ermöglicht, in die Stille seiner Gegenwart einzutreten und dort
korrigiert und zurechtgerückt zu werden. Es ermöglicht, im Brot die
nährende Liebe und im Wein die sich verströmende Liebe kennen und leben
zu lernen, die keine Grenzen kennt, die alles einschließt und nichts
ausschließt.
Jesus in Brot und Wein - das ist eine
Realität, mit der es sich eins zu werden lohnt, in der grenzenlosen,
Einheit stiftenden und jede Individualität zur Vollendung führenden
Liebe.
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Von Herz zu Herz
-
21. Mai 2009
"Ishin-Denshin, japanisch, wörtlich: 'den Geist durch den Geist
übermitteln'. Ein wesentlicher Begriff des Zen, oft auch übersetzt mit
'Übertragung von Herz-Geist zu Herz-Geist'. Der Begriff stammt aus dem
Plattform-Sutra des sechsten Patriarchen Hui-neng. In diesem Sutra erklärt
Hui-neng, dass die Wahrheit des Zen nur durch eigene Erfahrung in einem
unmittelbaren Verstehen der wahren Natur möglich ist. Gelehrsamkeit durch
Buchwissen ist wertlos." (Zensho W. Kopp, Zen und die Wiedergeburt der christlichen Mystik, Verlag
Schirner, 1. Auflage 2004.)
Es geht nicht um die Wahrheit des Zen. Es
geht um die Wahrheit des Augenblicks, frei von den Bewertungen, die der
Wahrnehmende dem Wahrgenommenen so oft anhängt. Es geht um liebevolles
Verständnis durch unmittelbare Wahrnehmung dessen, was ist. Es geht um
das Vertrauen im Augenblick, das aus dem Urvertrauen kommt. Das
Urvertrauen sagt: "Ich gehe nicht verloren."
Wenn eine Verständigung besonders gut
klappt, sagt man in der Alltagssprache: "Von Herz zu Herz." Damit ist ja
nicht einfach nur die Pumpe im Körper gemeint, und es handelt sich
ja nicht um eine Bluttransfusion. Das körperliche Herz ist schon
mitgemeint, aber das hier gemeinte Herz findet in allen Schichten der
Persönlichkeit seinen Ausdruck und nicht nur in der körperlichen.
Es geschieht eine Übertragung, und in einem solchen Augenblick sind das
Ich und das Du aufgehoben in einem Wir.
Es ist also mehr als eine
Übertragung von
Herz-Geist zu Herz-Geist. Das Wort "Geist" schränkt zu sehr ein.
In der Nacht der Geburt
Jesu kommen die Hirten zu dem Neugeborenen und Maria und Josef.und
erzählen von der Engelerscheinung, die sie erlebt haben. Wie reagiert
Maria darauf? Ich zitiere aus der wörtlichsten Übersetzung, aus dem
Münchener Neuen Testament: "Mariam aber bewahrte alle diese Worte,
erwägend (sie) in ihrem Herzen." (Lk 2,19.)
Ich habe mich dem Herzen
Jesu geweiht, und dem Herzen Marias, und dem Herzen Gerhilds, meiner
Frau, über den Tod hinaus.
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Biblische Texte bearbeiten
-
21.
Mai 2009
Beim Bearbeiten biblischer Texte
unterscheide ich zwischen zwei Fragen: Was will der Text sagen? Was sagt der Text? Meine Vorgangsweise beschreibe ich anhand von zwei Beispielen.
Das erste Beispiel ist der Besuch des
Nikodemus bei Jesus (Joh 3, 1-21). Der Text will eine theologische Lehre zum Ausdruck bringen: Jesus will
alle retten. Die Menschen des Lichts werden aus Wasser und Geist neu
geboren. Die Menschen der Finsternis richten sich selbst. Um diese Lehre
auszudrücken, wird Nikodemus als Stichwortgeber und Jesus als Sprachrohr
der Verkündigung verwendet. Meine Änderung drückt aus, dass Jesus die Möglichkeit der Rettung aller
tatsächlich öffnet. Niemand richtet sich selbst. Nikodemus und Jesus
werden zu lebendigen Menschen, die ein wirkliches Gespräch miteinander
führen.
Das zweite Beispiel ist die Geschichte von
den zehn "klugen" und "törichten Jungfrauen", bei mir umgewandelt in die
Geschichte von der sorgfältigen und der leichtsinnigen jungen Frau (Mt
25, 1-13). Zehn Frauen gehen dem Bräutigam entgegen. Nur fünf Frauen nehmen genug
Öl für ihre Lampen mit, und sie weigern sich, den anderen etwas
abzugeben. Wenn die anderen schließlich zum Hochzeitssaal kommen, ist
die Türe für sie verschlossen. Ein Kommentar schreibt: "Dass die klugen Jungfrauen kein Öl weitergeben
und dass es für den Einkauf von Öl zu spät ist, will nur zeigen, dass
geistliche Bereitschaft nicht übertragbar ist und es ein Zuspät gibt."
(Kommentar zur Bibel, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 5. Gesamtauflage
2003.) Für mich zeigt der Text etwas anderes: Jeder soll auf sich schauen, der
andere soll sehen, wo er bleibt. Und wenn er es nicht schafft, ist er
draußen in der Verdammnis. Meine Änderung drückt aus, dass durch das gegenseitige füreinander
Einstehen die Aufnahme aller möglich ist, und dass es kein Zuspät gibt.
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Leben ist
Bewegung
-
18.
Mai 2009
Das menschliche Leben ist
Bewegung. Erkenntnisse müssen immer im Fluss bleiben. Wenn sie erstarren,
sind sie tot.
Jesus war im Fluss und
wandte sich gegen Erstarrung in Religion und Gesellschaft. Im Zweiten
Bundesbuch (= Neuen Testament) findet man bereits wieder
Erstarrungstendenzen.
Beim Schreiben meiner Bücher
bin ich im Fluss. Die Psalmen habe ich bearbeitet, um über die Tendenzen zu
Selbstbemitleidung, Selbstgerechtigkeit, Hass und Verfluchungen
hinwegzukommen, die dort auch zu finden sind. Bei den Johannes-Schriften
habe ich die Tendenzen, andere zu verdammen, weggenommen, die bei der
Offenbarung des Johannes so schlimm sind, dass ich ganze Kapitel vollkommen
neu gestaltet habe. Bei der Bearbeitung des Daodejing habe ich erkannt,
dass man die tiefsten Dinge des Lebens sagen kann, ohne das Wort "Gott" zu
verwenden. In meinem Sachbuch "Jesus für alle" habe ich ausgedrückt, dass
Jesus nicht einer Religion und ihren Anhängern, sondern allen Menschen
gehört.
Derzeit arbeite ich an einer
Zusammenschau der drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und
Johannes). Für mich sind die Aussagen in diesen Evangelien teilweise so
schlimm, dass ich sie um 180 Grad umdrehe. Es ist viel Drohbotschaft
enthalten. Das Buch hat den Arbeitstitel "Botschaft ohne Grenzen". Die
Botschaft Jesu kennt keine Grenzen, ist für alle da.
Als Nächstes plane ich ein
Buch "Jesus ohne Dogmen", in dem ich die christlichen Wahrheiten neu
formulieren will, ohne sie festzuhalten, ohne sie erstarren zu lassen. Als
Übernächstes habe ich ein Buch angedacht, in dem ich das Hier und Jetzt
unseres Lebens sprenge. Da ich nicht weiß, ob das gelingen kann, verrate ich
zu diesem Zeitpunkt nicht mehr davon.
Vor
vielen Jahren, als ich buddhistische Freunde hatte und mich sehr mit dem
Buddhismus auseinan-dersetzte, habe ich die vier Bodhisattva-Gelübde
abgelegt, für mich allein, ohne Zeugen. Dennoch sind diese Gelübde etwas,
das mein Leben begleitet. Sie lauten:
„•
Zahllos sind die Lebewesen; ich gelobe, sie alle zu retten. •
Unerschöpflich sind die eitlen Gedanken und Gefühle; ich gelobe, sie alle zu
lassen. • Ungezählt sind die Tore
zur Wahrheit; ich gelobe, sie alle zu durchschreiten. •
Unvergleichlich ist der Weg der Erfahrung; ich gelobe, ihn mutig zu gehen." (Ruben Habito, Barmherzigkeit aus der Stille)
Leben ist im Fluss. Auch
eine vollständige Hingabe an den Gott Jesu hebt diese Gelübde nicht auf.
Jesus ist der Bahnbrecher par excellence. Er ist der Kanal par excellence,
durch den die Kraft und Liebe Gottes in die Welt fließt. Doch er sagt zu jedem und jeder von uns: "Folge mir nach."
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Sensitivität
-
15.
Mai 2009
Gerhild, meine
Frau ist zugleich meine Lektorin. Wenn wir uns zum PC setzen und gemeinsam
das gerade fertig gewordene Kapitel des Buchmanuskripts anschauen, an dem
ich gerade arbeite, liest sie es laut. Und während sie es liest, spüre ich
vielfach schon, was von ihrem Blickwinkel aus, der nun mit meinem
Blickwinkel verschmilzt, noch geändert werden muss. Natürlich spüre ich
nicht alles. Vieles sagt sie mir in Worten.
Es geht nicht darum, dass
ich meinen Blickwinkel aufgebe, oder dass sie ihren Blickwinkel aufgibt.
Wenn wir auf diese Weise gemeinsam ein Kapitel durchgehen, beginnen wir auf
einmal, der Sache zu dienen.
Gerhild, meine
Frau spürt oft, was ich denke und fühle, und umgekehrt. Das ist eine
Fähigkeit, die in Ansätzen bei allen Menschen vorhanden ist. Wäre es nicht
schön, wenn viele Menschen diese Fähigkeit kultivieren würden? Könnten sie
sich dann nicht viel leichter hingeben, könnten sie dann nicht viel leichter
der jeweiligen Sache dienen und damit der Erde als ganzer?
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Alles für
alle
-
25.
April 2009
Paulus
schreibt im ersten Korintherbrief: „Für alle bin ich alles geworden, um auf
jeden Fall einige zu retten.“ (1.Kor 9,22 nach der Übersetzung von Hermann
Menge.)
Das ist mir zu
wenig.
Für alle werde
ich alles, jetzt und alle Tage meines Lebens und über meinen Tod hinaus, um
auf jeden Fall alle zu retten.
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