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BAUSTEIN 251 - 300

300. Das Mudrā der Verehrung und Verwandlung  -  30. Oktober 2014

Ein Mudrā ist im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus „eine durch bestimmte Stellung der Finger bzw. Hände gekennzeichnete Geste von symbolischer Bedeutung.“ (Aus: Brockhaus-Enzyklopädie, Stichwort Mudrā.) Mudrās umfassen aber auch Körperhaltungen. In Sanskrit heißt mud „glücklich sein“ und ra „geben“. Somit ist ein Mudrā „das, was Freude bringt“.

Vor einiger Zeit habe ich spontan ein neues Mudrā erfunden, das aus einer Folge von Bewegungen und Körperhaltungen besteht. Ich nenne es das Mudrā der Verehrung und Verwandlung. Ich mache es oft in unserem Andachtsraum, aber auch an anderen Orten, und zwar so:

  1. Ich lege die Hände vor der Brust aneinander, in der Geste, die auch Namaste genannt wird. Damit verehre ich alles, was in diesem Augenblick ist.
  2. Ich lege die Hände vor der Brust gekreuzt übereinander, die linke unter der rechten. Damit nehme ich alles, was in diesem Augenblick ist, in mein Inneres auf. Ich stelle mein Inneres als Schmelztiegel zur Verfügung, in dem alles, was ist, verwandelt und erneuert werden kann.
  3. Ich mache eine Bewegung, bei der die beiden Hände und Unterarme umeinander kreisen. Das ist die Bewegung der Verarbeitung.
  4. Ich senke die Hände zum Becken, lege sie in empfangender Haltung übereinander, die linke auf der rechten, und warte einige Augenblicke auf das Ergebnis der Verarbeitung. Denn das Geschehen liegt nicht in meiner Macht.
  5. Ich breite die Arme weit auseinander. Damit verbinde ich mich mit der ganzen Welt und schenke ihr das Verwandelte und Erneuerte.

Ich bin überzeugt, dass dieses Mudrā eine heilsame, erneuernde Wirkung auf mich selbst und auf alles hat, was mir im Augenblick der Übung in den Sinn kommt. Es geht dabei nicht einfach um die äußere Übung. Wesentlich ist die innere Vorstellung oder Wahrnehmung, die damit verbunden ist, in ruhiger Aufmerksamkeit.

(Siehe auch: 285. Die kosmische Geste.)

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299. Mein Name Devadas  -  21. Oktober 2014

Über meinen Namen Devadas habe ich in 153. Surrendered to Existence ausführlich berichtet. Ich fasse das dort Geschriebene kurz zusammen. In meiner Schweizer Zeit nahm ich regelmäßig an den Wochenenden der Singing Buddhas im Waldhaus Zentrum Lützelflüh im Emmental teil. Viele der Leute, die zu diesen Wochenenden kommen, gehören zu Oshos Buddhafeld. Ich suchte um einen Osho-Namen für mich an und bekam aus dem von Osho gegründeten Ashram in Poona (heute Pune) ein entsprechendes Dokument. Ich erhielt den Namen Devadas und als Erklärung der Namensbedeutung: Surrendered to Existence (hingegeben an die Existenz). Seit September 2005 führe ich den Namen Devadas nicht mehr, aber bis heute identifiziere ich mich damit, denn der Name drückt mein Lebensprogramm aus.

Was ich im Baustein 153 nicht erwähnt habe: Im September 2005 nahm ich an Exerzitien des indischen Paters James Mariakumar SVD teil, die in der Pfarrei Dreifaltigkeit in Bern stattfanden. Der Exerzitienleiter lehnte radikal die fernöstlichen Religionen ab. Er verteufelte sogar das Symbol OM oder AUM, das für mich aus heutiger Sicht ein Weltkulturerbe darstellt. Eine Zeit lang nahm ich seine Empfehlungen an, und in dieser Zeit verbrannte ich das Dokument, das mir die Leute aus Poona geschickt hatten. Das teilte ich ihnen auch in einer E-Mail mit.

Gegenseitige Verteufelungen machen die Menschheit nicht weiser und auch nicht glücklicher. Ich bereute es bald, das Dokument verbrannt zu haben. Doch vor kurzer Zeit habe ich einen neuen Blickwinkel auf solche Verbrennungen gefunden. Er kommt aus dem Daoismus. Im zweiten Jahrhundert n.Chr. gründete Zhang Daoling in der südwestchinesischen Provinz Sichuan die Bewegung der Himmelsmeister, die in China bis zum heutigen Tag besteht. “Bitten und Gebete wurden in Formularen verfasst und durch Verbrennung an die jeweils zuständigen Gottheiten geschickt.” (Aus: Wikipedia, Stichwort Daoismus.)

So gesehen stellt die Verbrennung des Dokuments mit dem Namen Devadas ein Ritual dar, das seine Wirkung noch verstärkt.

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298. Das Gāyatrī-Mantra  -  5. Oktober 2014

Vor Kurzem ist mir ein Lied wieder eingefallen, das ich bei den Singing Buddhas kennenlernte, zu denen ich in meiner Schweizer Zeit gehörte. Es handelt sich um das gesungene Gāyatrī-Mantra. Dieses Mantra ist einer der heiligsten Verse des Rigveda (3,62,10). Von den Hindus der oberen drei Kasten wird erwartet, dass sie es täglich sprechen. Es lautet:

Om Bhur Bhuvah Svaha.
Tat Savitur Varenyam.
Bhargo Devasya Dhimahi.
Dhiyo Yo nah Prachodayat.

Das Gāyatrī-Mantra, gesungen von Deva Premal, kann man sich über folgenden Link anhören: https://www.youtube.com/watch?v=SlUsoWmso9U.

Die erste Zeile ist eine allgemeine Anrufungsformel.

Aus den mir bekannten Übersetzungen habe ich eine eigene destilliert:

O Gegenwart des Absoluten (Om) in Erdenwelt (Bhur), feinstofflicher Welt (Bhuvah) und Himmelswelt (Svaha)!
O höchstes, unendliches, alles umfassendes und alles beinhaltendes Sein (Tat)!
O schöpferische Kraft (Savitur), verehrungswürdige (Varenyam)!
O strahlender (Devasya) Glanz, der die Unwissenheit beseitigt (Bhargo),
und in den wir uns vertiefen (Dhimahi),
damit er (Yo) unseren (nah) Geist (Dhiyo) erleuchtet (Prachodayat)!

Ist es nicht in Wahrheit würdig und recht, billig und heilsam, sich mit diesem Mantra in das höchste Sein zu vertiefen, das zugleich alles in allem ist und uns zu sich zu erheben vermag, sodass wir beginnen, den Frieden auf Erden nicht nur herbeizuwünschen, sondern zu verkörpern und zu realisieren?

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297. Der Prophezeiungsfelsen der Hopi  -  28. September 2014

Vor ein paar Tagen fand das Straßenfest in Wien-Währing statt. Beim Standl der Edition Sonne und Mond bekam ich das Buch “In Blues We Trust - Erlebnisse im Land der begrenzten Möglichkeiten”. In der Beschreibung des Colorado Hochplateaus von Michael Benaglio fand ich Folgendes: “Plötzlich Stille. Ergreifende, aus Erde und Himmel steigende, sich vereinigende Stille. Du drehst dich um und blickst direkt auf den Prophezeiungsfelsen mit der Felsritzung, die die zwei Lebenswege der Menschheit zeigt: den, der in die Zerstörung, und den, der zu einem friedlichen, harmonischen Leben führt.”

Als Michael Benaglio dies sah, war er mitten im Land der Hopi. Die Hopi sind die ältesten Ureinwohner auf der Schildkröteninsel, also auf dem Kontinent, den wir heute Nord- und Südamerika nennen. Hopi bedeutet “friedfertige Menschen”.

Die Hopi leben in den Hochebenen des nordöstlichen Arizona in einem circa 13.000 km² großen Reservat. Schon bevor die Europäer nach Amerika kamen, lebten sie hier. “Die Stammesältesten sehen sich als Erben der Welt, und daher für die Verwaltung und den Schutz von Mutter Erde zuständig.” Die Prophezeiungen der Hopi wurden lange Zeit nur mündlich weitergegeben. Die Zeichnungen auf dem Prophezeiungsfelsen wurden erst zwischen den Jahren 1890 und 1905 angefertigt. (Nach: “‘Am Tage der Läuterung werden die lebendigen Dinge weinen’ - Die Prophezeiung der Hopi-Indianer”, Tereza Hofmanová und Nicole Steiner, 13. 6. 2011.)

Das Hopi-Dorf Oraibi in Arizona ist über 10.000 Jahre alt. Der Prophezeiungsfelsen befindet sich in der Nähe dieses Dorfes. Die Erklärung der Felsritzung auf www.bibliotecapleyades.net, auf die ich mich beziehe, wurde von der Hotevila-Fraktion zur Verfügung gestellt und von den traditionalistischen Hopi-Ältesten gebilligt. Der falsche Weg besteht in dem Willen, die Natur und die Menschen zu beherrschen, ohne sich von Gott führen zu lassen. Die beiden Zickzacklinien, die vom falschen Weg abzweigen, führen zur Vernichtung. Doch es gibt eine Linie, die vom Weg der Zerstörung zum Weg des Lebens führt. Der richtige Weg führt zum immerwährenden Leben. An seinem Ende steht Massau’u, der “Große Geist”, der von sich sagt: “Ich bin der Erste und ich bin der Letzte.”

Die Hopi-Friedensbotschaft, übermittelt im Jahr 1984 von Craig Carpenter, gefunden auf www.nebadonia.files.wordpress.com, geht bei der Beschreibung des falschen Weges ins Detail. Sie prophezeit: Wenn die Menschen von ihren zerstörerischen Aktivitäten nicht abließen, “würde sich das Wetter verändern: es würde zu viel Regen oder zu wenig Regen geben, zu viel Wind oder nicht genügend Wind, Erdbeben und unerklärliche Feuersbrünste, rätselhafte, schreckliche Krankheiten, von denen wir noch nie zuvor gehört haben. Gleichgewichtsstörungen würden zunehmen, Geisteskrankheiten sich vermehrt zeigen, die Scheidungsrate würde höher und höher, die unheilbaren Krankheiten und die Kriege würden sich vermehren.”

“Die Naturkräfte würden immer mehr und mehr aus dem Gleichgewicht geraten. [...] Unerklärliche Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Erdrutsche würden die Bevölkerung zerstören. [...] Die Überschwemmungen würden immer zerstörerischer, starke Stürme, zerstörerische Trockenperioden, mehr und mehr Geisteskrankheiten, Familienzerrüttungen, mehr Kriminalität, immer mehr Kriege, es würde schlimmer und schlimmer.”

Für den Fall, dass die Menschheit nicht zur Besinnung kommt, prophezeit die Hopi-Friedensbotschaft ein apokalyptisches Gemetzel, die Hinrichtung, d.h. Enthauptung, aller Bösen. Diese mythologische Sprechweise ist so aufzufassen, dass den Bösen die Lebensberechtigung für alle Zeiten entzogen wird.

Meine Antwort dazu ist: Apokalypse und Verteufelung sind nicht der Weg. Die Lebensberechtigung eines jeden Wesens ist unantastbar.

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296. Atomkraft? Nein danke!  -  21. September 2014

Im Frühjahr 1972 bekam ich einen Anstellungsvertrag von der Österreichischen Studiengesellschaft für Atomenergie. Mein Arbeitsplatz war das Reaktorzentrum Seibersdorf. Auf den Forschungsreaktor war man damals stolz. Auf den Wegweisern stand das Wort “Reaktorzentrum”. Nachdem die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf im November 1978 durch eine Volksabstimmung verhindert wurde, wurden auch die Wegweiser umgerüstet. Sie zeigten nun auf das “Forschungszentrum”.

Mitte der Siebzigerjahre gründeten einige Kollegen und ich im Reaktorzentrum eine Dritte-Welt-Gruppe. Ein Kollege, der auch dabei war, hatte einen Citroën 2CV. Auf seinem Auto prangte schon damals der 1975 von einer dänischen Studentin kreierte Aufkleber “Atomkraft? Nein danke!” Und mit diesem Aufkleber fuhr er täglich ins Atomforschungszentrum ein.

Seither sind fast vierzig Jahre vergangen, und wir haben die katastrophalen Unfälle in den Kernkraftwerken Tschernobyl und Fukushima erlebt, mit all ihren Folgen. Ich habe die Fukushima-Newsletter von IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) und von dem US-amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Harvey Wasserman abonniert, die mir immer wieder zeigen, dass die Lage in Fukushima in keiner Weise im Griff ist und auf eine globale Bedrohung hinausläuft.

Von Global 2000 (Friends of the Earth Austria) habe ich einen mit 21. August 2014 datierten Brief bekommen, in dem das Endlagerproblem thematisiert wird, weil Tschechien in den nächsten Jahren einen Standort für ein atomares Endlager fixieren will und dabei Orte favorisiert, die an der Grenze zu Österreich liegen. Der Brief beginnt mit dem fett gedruckten Leitgedanken: “Atommüll ist hunderttausende Jahre gefährlich, vom ersten Tag an: Das Problem der Endlagerung bleibt ungelöst.” Und es ist unlösbar.

“Der hoch radioaktive Atommüll soll Hunderttausende von Jahren mittels technischer (sprich Container) und geologischer Barrieren isoliert werden. Versagt die technische, muss die geologische Barriere halten. Hier sucht man noch immer nach dem richtigen Wirtsgestein. Einige Länder bevorzugen Granit, andere Ton oder Salz. Es hat sich jedoch gezeigt, dass beide Barrieren bei den Versuchen einer sicheren Endlagerung immer wieder versagen.”

“Deutschland beispielsweise entschied sich mit Asse 2 für einen Salzstollen. Nachdem dieser als sicher qualifiziert wurde, warf man 126.000 Fässer radioaktiven Müll unkontrolliert in die Tiefen. Jetzt ist plötzlich Wasser eingedrungen! Dadurch könnten radioaktive Stoffe ausgeschwemmt werden. Die Fässer müssen schnellstens geborgen werden.”

In einem Interview, das in demselben Brief wiedergegeben wird, betont Patricia Lorenz überdies: “Schon in der Einlagerungsphase, wenn die Behälter angeliefert und geöffnet werden, kann es zur Freisetzung von Radioaktivität, zu Bränden und Explosionen kommen.”

In einer anderen Publikation von Global 2000 stellt der Autor fest: “Beim Betrieb der Atomkraftwerke entstehen radioaktive Abfälle. Auch von ihnen geht radioaktive Strahlung aus, die für Pflanzen, Tiere und Menschen gefährlich ist. Einige der radioaktiven Abfälle strahlen für hunderttausende Jahre. Zum Beispiel hat das hochtoxische Spaltprodukt Plutonium eine Halbwertszeit von 24.110 Jahren. Es muss für zehn Halbwertszeiten, also 240.000 Jahre, sicher von Wasser, Lebewesen und Menschen ferngehalten werden.” (Aus: “Auswirkungen auf die Umwelt - Störfälle und Atommüll”, Global 2000.)

Alles in allem ist es daher kein Wunder, dass die Aufkleber und Buttons “Atomkraft? Nein danke!” In 45 Sprachen übersetzt und millionenfach verbreitet wurden.

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295. Also sprach Zhuangzi  -  13. September 2014

In den frühen Achtzigerjahren bekam ich zwei daoistische Bücher mit deutschem Text, chinesischen Kalligrafien und inspirierenden Fotos: das Daodejing des Laozi und die sieben “Inneren Kapitel” des Zhuangzi. Während das Daodejing sofort zu meinen Lieblingsbüchern avancierte, ließ ich das andere Buch links liegen. Die Zeit war noch nicht reif - ich war noch nicht reif, es zu lesen. Das habe ich erst jetzt mit großem Gewinn und großer Freude nachgeholt.

Das sechste “Innere Kapitel” hat den Titel “Der große Meister”. Es enthält den folgenden Text:

“Das Dao hat eine wirkliche und unveränderliche Natur, zeigt jedoch kein Tun und keine feste Form. Es kann gegeben, aber nicht empfangen werden. Es ist zu erlangen, aber nicht zu sehen. Aus eigener Quelle kommt es und hat seine eigene Wurzel. Es bestand schon vor Himmel und Erde, und [es besteht]. Es bewirkt das Göttliche bei Geistwesen und Göttern. Himmel und Erde bringt es hervor. Es liegt über dem Zenit, und doch ist es nicht hoch. Es liegt unter dem Nadir, und doch ist es nicht tief. Vor Himmel und Erde kam es zur Entstehung, aber es entstand nicht vor langer Zeit. Früher als die älteste Vorzeit war es schon da, aber es ist nicht alt.”

Den Ausdruck in eckiger Klammer habe ich unter Heranziehung einer zweiten Übersetzung gebildet.

Das Dao ist die namenlose Urexistenz. Das Dao liegt vor jeder Existenz. Das Dao kennt kein “vor” und “nach”. Es ist, ohne zu sein, und tut alles, ohne zu tun. Über das Dao zu sprechen, geht nur in sperrigen Sätzen, in Paradoxien. Wer mit dem Dao fließt, wird der Weise genannt. Der Weise ist ein Mann oder eine Frau.

Der Weise hat Glück und Unglück hinter sich gelassen. Er hängt nicht am Leben und hängt nicht am Sterben. Ohne zu lieben und ohne zu hassen, fließt durch ihn die Fülle der Liebe.

Die Weise hat Glück und Unglück hinter sich gelassen. Sie hängt nicht am Leben und hängt nicht am Sterben. Ohne zu lieben und ohne zu hassen, fließt durch sie die Fülle der Liebe.

Anmerkung:

Die beiden Bücher sind vergriffen, sind aber im Antiquariat noch erhältlich. Hier sind ihre Daten:

Lao Tse
Tao Te King
Eine neue Bearbeitung von Gia-Fu Feng und Jane English
Irisiana Verlag 1978 (neu aufgelegt bis 1994)

Tschuang Tse
Glückliche Wanderung
Eine neue Bearbeitung von Gia-Fu Feng und Jane English
Irisiana Verlag 1978 (neu aufgelegt bis 1990)

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294. Mögen alle Wesen glücklich sein  -  3. September 2014

“Mögen alle Wesen glücklich sein!” Dieser Satz ist mir seit langer Zeit vertraut, als Abschluss buddhistischer Briefe und Dokumente.

Der Satz stammt aus dem Pali-Kanon des Buddhismus, aus dem Karaniya Metta Sutta, dem Sutta von der Güte. Dieses Sutta wird auf www.awakeningtosanity.net als “Das Hohe Lied der Liebe von Buddha Shakyamuni” bezeichnet. Ich bringe einen Ausschnitt aus der Übersetzung des Suttas, die ich auf dieser Website gefunden habe:

“Kultiviere den Gedanken:
Möge es allen Wesen wohl ergehen,
mögen sie in Sicherheit sein, mögen alle Wesen glücklich sein!

Was immer es für Wesen geben mag,
alle ohne Ausnahme, schwach oder stark,
groß, gedrungen, von mittlerem Wuchs oder klein,
winzig oder massig, sichtbar und unsichtbar,
nah oder fern lebend, geboren oder Geburt suchend,
mögen alle diese Wesen glücklich sein!

Möge niemand irgendwo seine Gefährten
betrügen oder verachten.
Möge niemand dem anderen Schaden wünschen
aus Abneigung oder Hass.

So wie eine Mutter, die ihr Leben geben würde,
um ihr Kind, ihr einziges Kind, zu schützen,
genauso sei du erfüllt von Gedanken grenzenloser Liebe für alle Wesen.

Nähre einen allumfassenden Geist der Liebe
für alle, in allen Universen –
oberhalb und unterhalb und überall um uns herum –
uneingeschränkte Liebe, frei von Feindseligkeit und Hass.

Ob du stehst, gehst, sitzt oder dich hinlegst,
solange du bewusst bist,
entwickle diese Achtsamkeit mit aller Kraft –
das ist, was wir Verweilen im Reinen nennen.”

Den Satz, der den Titel dieses Bausteins bildet, gibt es auch in einem indischen Segenswunsch, der in der altindischen Sprache Sanskrit überliefert wird. Ein Teil dieses Segenswunsches wird in vielen Yoga-Zentren als Mantra gesprochen oder gesungen:

“Loka Samasta Sukhino Bhavantu”

Das wird so übersetzt:

“Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein!
Möge es allen Wesen in allen Welten wohl ergehen!”

Eine freie Übersetzung lautet:

“Mögen alle Wesen überall glücklich und frei sein, und
mögen meine Gedanken, Worte und Taten ihren Beitrag
zu diesem Glück und dieser Freiheit aller leisten.”

Ja, so soll es sein.

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293. Das ewige Hin und Her  -  28. August 2014

Vor einiger Zeit schrieb eine Frau in Facebook, die Sommerzeit sollte abgeschafft werden, damit das ewige Hin und Her endlich aufhört.

Bei einer Internet-Suche fand ich folgende andere Verwendungen dieses Idioms:

“Einmal sind sie unzertrennlich, dann sind sie wieder getrennt: Es ist das ewige Hin und Her, das On-Off-Beziehungen kennzeichnet.”

“Hin und Her macht Taschen leer. Diesen Spruch sollten Sie sich zu Herzen nehmen. Denn meist zahlt sich Kontinuität in der Anlagestrategie aus.” (Bei Börsengeschäften.)

“Das ewige Hin und Her zwischen Chirurg und Anästhesist.” (Im Operationssaal.)

“Nassfutter - Trockenfutter, das ewige Hin und Her.” (Bei Hunden.)

“Das ewige Hin und Her. Pendleralltag in Südtirol und anderswo.”

Und so weiter.

Was mir noch einfällt:

Es gibt das ewige Hin und Her zwischen Schlafen und Wachen. Das hat einmal ein Ende, bei jedem Menschen.

Es gibt das ewige Hin und Her zwischen Einatmen und Ausatmen. Das hat einmal ein Ende, bei jedem Menschen.

Eine offene Frage ist, ob es auch das ewige Hin und Her zwischen Tod und Wiedergeburt gibt. Im Hinduismus, im Buddhismus und im Urchristentum hat man das angenommen. Während im Hinduismus dieses Hin und Her endet, wenn das Ātman seine Einheit mit dem Brahman erkannt hat, spricht der Buddhismus vom Anātman, also von der Nichtexistenz eines Ātman. Für den Buddhismus endet dieses Hin und Her, wenn das Nirvāna verinnerlicht wird.

Buddhismus ist Reformhinduismus, das Anātman ist nicht so weit vom Ātman, das Nirvāna nicht so weit vom Brahman entfernt. Für den Menschen, der sich seiner Vollendung nähert.

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292. Sibyl  -  23. August 2014

Die Frage nach dem Schizophrenen in mir und in der Welt gehört zu meinen Lebensthemen, angeregt durch Psychologievorlesungen an der Universität Wien und vertieft durch die beiden Bücher “Schizophrenie und Kunst” sowie “Schizophrenie und Sprache” von Leo Navratil, die ich bald nach ihrem Erscheinen 1965 bzw. 1966 las.

Als ich im Sommer 1968 an der Dramatischen Werkstatt Salzburg teilnahm, wurden wir angeregt, Einakter zu schreiben. Vier dieser Einakter wurden bei der öffentlichen Abschlussvorstellung aufgeführt, darunter mein Einakter “Sibyl”. Sibyl ist ein erfundenes Mädchen, aber zugleich ein Teil meines Inneren. Sibyl ist in einer psychiatrischen Klinik und hat zwei Personen in sich. Der erste Entwurf umfasste nur Text für eine Schauspielerin und ihre Reaktionen auf die unhörbaren Anregungen eines unsichtbaren Arztes. Für die Aufführung wurde der Text von der Regisseurin auf zwei Schauspielerinnen aufgeteilt. Später, nämlich in den Jahren 1993/1994, nahm ich das Thema wieder auf und erarbeitete ein abendfüllendes Stück bzw. Drehbuch, das wieder den Titel “Sibyl” trug. Das Drehbuch kam bei einem Script Contest von WriteMovies.com ins Semifinale.

Vor Kurzem habe ich den ersten Entwurf aus dem Jahr 1968 vorsichtig restauriert und wieder für die Bühne bereit gemacht.

Im Juli 2014 habe ich das Buch “Schizophrene Dichter” von Leo Navratil gelesen, das 1994 erschienen ist. In dem Buch zitiert er den “wohl bekanntesten zeitgenössischen Schizophrenieforscher” Manfred Bleuler:

“’Beim Gesunden kommt schizophrenieähnliches Leben neben und hinter dem gesunden Leben vor - wie beim Schizophrenen neben und hinter seiner Schizophrenie gesundes Leben nachweisbar bleibt’, schreibt Bleuler. Der Gesunde trägt den Schizophrenen und der Schizophrene den Gesunden hinter der äußeren Fassade in sich, und die Psychose entsteht dann, wenn das Schizophrene, das wir alle in uns haben, überbordet.” (S. 326.)

Leo Navratil kommt dann auf die Widersprüche, die in unserer Welt wirklich vorhanden sind, zu sprechen und stellt die Frage:

“Ob nicht das Schizophrene in uns und in den psychotischen Menschen eben diese Wirklichkeiten abbildet, von denen wir, solange wir uns in einem normalen Zustand des Bewusstseins befinden, getrennt sind und auch nichts wissen wollen.” (S. 330.)

Diese Wirklichkeiten mir selbst und anderen ins Bewusstsein zu rufen, gehört zu meinen Lebensaufgaben.

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291. An die Freude  -  11. August 2014

In letzter Zeit höre ich immer wieder innerlich Friedrich Schillers Ode “An die Freude” in der Vertonung durch Ludwig van Beethoven. Die Instrumentalversion von Herbert von Karajan ist übrigens seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union.

Friedrich Schiller hat das Gedicht ursprünglich für die Tafel einer Freimaurerloge geschaffen. Die erste Strophe lautet in der 1808 veröffentlichten Variante:

“Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.”

Gemäß den Idealen der Weimarer Klassik wird die Freude vom antiken Griechenland her gesehen. Die Freude ist ein Götterfunken, ein Geschenk und eine Emanation der Götter. Sie ist selbst eine Göttin, eine göttliche Tochter, und kommt aus Elysium, aus den Elysischen Gefilden, dem Ort der Entrückung jener Helden, die von den Göttern geliebt wurden. Dabei handelt es sich “um paradiesische, rosengeschmückte Wiesen, auf denen ewiger Frühling herrscht, und wo ein Nektar-ähnlicher Trank aus einer Quelle der Lethe ewiges Vergessen aller irdischen Leiden ermöglicht.” (Aus: Wikipedia, Stichwort Elysion.)

Trunken vom Feuer der Begeisterung und der Verwandlung betreten wir das Heiligtum der Freude, der göttlichen Tochter. Die Zauber der Freude binden uns und in ihrer Nähe werden wir zur geeinten Menschheit.

Als im November 1989 die Berliner Mauer fiel, entstand große Freude und ein überschwängliches Gefühl der Freiheit. Als Leonard Bernstein zu Weihnachten 1989 Beethovens 9. Sinfonie in Berlin aufführte, änderte man den Text und sang: “Freiheit schöner Götterfunken.”

Freude und Freiheit gehören zusammen, und es ist uns aufgegeben, diese Verbindung nicht nur in einer Hymne, sondern im realen Zusammenleben der Menschen und Völker Wirklichkeit werden zu lassen.

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290. Kornkreise  -  4. August 2014

Durch einen Facebook-Eintrag wurde ich vor wenigen Tagen auf den Kornkreis aufmerksam gemacht, der in der Nacht von 17. auf 18. Juli 2014 in Raisting bei Weilheim (Bayern) entstanden ist. Der Kornkreis wurde am 18. Juli von dem Ballonfahrer Günther Härter von den Landstettener Ballonfahrten fotografiert. (Siehe nebenstehendes Foto.) Das Feld, auf dem sich der Kornkreis gebildet hat, liegt direkt neben der Erdfunkstelle für die Kommunikation mit Satelliten. Das Gebilde hat einen Durchmesser von circa 90 m und eine außerordentlich genaue Geometrie. Das Getreide wirkt wie gelegt, nicht einfach niedergedrückt.

“Das ... Design zeigt den Querschnitt durch drei verschachtelte Kreise oder Hohlkugeln, die von einer weiteren Hohlkugel zusammengehalten bzw. überdeckt werden. Das alles ist wiederum in einen durch das Schachbrettmuster angedeuteten Torus (geometrischer Schwimmreifen) eingebettet und von einer äußeren Hohlkugel umgeben.” Das Design ist eine geniale Darstellungsvariante des Vektor-Gleichgewichts, der kosmischen Ultra-Harmonie-Matrix, die nur am Beginn unseres Universums vorhanden war. (Aus: Kornkreiswelt.)

Kornkreiswelt ist die Website der Forschergruppe Phoenix, die sich der Erforschung der Kornkreise widmet. Es geht der ganzheitlich und interdisziplinär arbeitenden Gruppe darum, seriöse Information auf diesem Gebiet zu verbreiten und echte Kornzeichen von Fälschungen zu unterscheiden.

“Viele der großen, komplexen Zeichen zeugen von hohem mathematischen Wissen (ausgehend von speziellen Zahlen und bestimmten Geometrien), hohem physikalischen und technischen Knowhow!”

“Alljährlich erscheinen in zahlreichen Getreidefeldern plötzlich - vor allem im Hauptgebiet Südengland rund um Stonehenge - die ... Zeichen, von rund 50 m bis über 300 m im Durchmesser. Sie sind verblüffend genau konstruiert und erscheinen auf rein energetische, irdisch noch unerklärliche Weise innerhalb kürzester Zeit! Es gibt auch eher einfachere, mechanisch menschengemachte Muster, die aber nur einen kleinen Teil des Ganzen bilden und wenig bedeutsam sind!” (Aus: Kornkreiswelt.)

In der Nacht von 15. auf 16. Juli 2014 gab es ein Ereignis, das eine neue Generation von Kornkreisen einläutet. In drei holländischen Dörfern entstanden Kornkreise, einer in Mais, einer in Gerste und einer in Weizen. Es handelt sich nicht um identische Muster. Wenn man die drei Fundstellen mit geraden Linien verbindet, hat man ein gleichschenkliges Dreieck. Es ist das erste Mal, dass ein “Muster von Mustern” entstand. Dieses “Muster von Mustern” wurde drei Tage vorher von Robbert van den Broeke angekündigt. Er hat seit seinem fünfzehnten Lebensjahr die Fähigkeit, das Auftreten von Kornkreisen in seiner Umgebung vorauszusehen.

Am 23. Juni 1991 wurde in den ungewöhnlichen Kornkreisen von Grasdorf/Hildesheim eine bronzefarbene, eine silberfarbene und eine goldfarbene Metallplatte gefunden. Jede war mit einer hundertfachen Verkleinerung des Piktogramms verziert. Das ist der weltweit einzige Fund derartiger Objekte. Die Untersuchung der beiden erstgenannten Scheiben ergab jeweils eine auf der Erde unbekannte Metall-Legierung. Dieser Fund wirft die Frage nach der Herkunft der Kornkreise auf. Auch wurden ihre Botschaften bis heute nicht erklärt oder entschlüsselt. Für die Forscher der Kornkreiswelt ist die Erklärung dieser Phänomene entscheidend dafür, ob die Menschheit eine Zukunft hat: “Nur durch das Verständnis der im Kosmos wirkenden Urgeometrien werden wir die Technologie der Zukunft meistern.”

Wie können wir uns solchem Verständnis nähern? Das geht, wenn unsere Wissenschaften die subtilen Energien nicht ausgrenzen, sondern einbeziehen. Auf der Startseite seiner Website gibt Robbert van den Broeke den Menschen folgenden Tipp: “Versuche , dich vollständig, von Herzen und mit einer liebevollen Einstellung zu öffnen, umarme das Subtile. Sei dankbar für das, was du erfahren darfst, und danke Gott für jeden Tag deines Lebens. Gib den spirituellen Energien eine Chance, dich zu erreichen, lass zu, was auch immer geschieht, in dem Wissen, dass deine Existenz ewig ist. Diese Energien werden dich berühren, werden dein Leben ungemein bereichern und werden es dir möglich machen, deine Existenz in einer reichen und erfüllenderen Weise zu sehen.” (Übersetzung von Werner Krotz.)

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289. Die Erde spricht  -  27. Juli 2014

Als ich im März 2003 in der tunesischen Wüste war, zusammen mit einer Schweizer Gruppe, begleitet von Beduinen und Kamelen, packte mich die Ausstrahlung der Wüste in einer niemals vorher gekannten Art und Weise. Und als ich sah, wie andere am Rand einer Düne saßen und lasen, schrieb ich das folgende kleine Gedicht:

ein buch lesen?
unmöglich
wo doch die wüste
spricht und spricht
mit majestätischer
deutlichkeit

Dieses in der Wüste immer wiederkehrende Erlebnis begleitet mich seither und wird mir immer wieder mehr oder weniger deutlich bewusst, zum ersten Mal, als ich im Sommer 2003 am späten Abend in Zürich an der Limmat stand und zum wolkenlosen Himmel mit all seinen Sternen aufblickte.

Gestern sind Gerhild, meine Frau, und ich von einem Urlaub in Kärnten nach Hause gekommen, von einem kleinen Ort namens Diex in 1160 m Höhe. Von unserem Zimmer hatten wir einen herrlichen Blick über Wiesen und Wälder, über die Vorberge und das Gebirge im Hintergrund. Als ich das erste Mal auf unserem Balkon in Diex stand und diesen Anblick auf mich wirken ließ, erfasste es mich wieder und ich schrieb:

ein buch lesen?
unmöglich
wo doch die erde
spricht und spricht
mit unüberhörbarer
deutlichkeit

In der Wüste wurde es mir geschenkt, aber an jedem Ort der Erde, zu jeder Tages- und Nachtzeit ist es da. In einem weiteren in Diex verfassten Gedicht habe ich das so ausgedrückt:

es ist da
es ist was es ist
es ist was es füreinander ist
sonnenaufgang
in der wüste
sternenhimmel
über der stadt
sonnenuntergang
im meer
machtvoller wechsel der tageszeiten
überall wo ich bin
wo du bist

es ist da
es ist was es ist
es ist was es füreinander ist
dort wo das innerste
und das äußerste zusammenfällt

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288. Ich bin, der/die ich bin  -  9. Juli 2014

In 2 Mose 3 erscheint dem Mose der Engel Gottes in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlägt. Auf die Frage nach seinem Namen antwortet Gott: “אהיה אשר אהיה” (“Ähejäh aschär ähejäh”). Diese hebräische Formulierung wird in der Bibel in gerechter Sprache als ein “gewollt rätselhafter, vieldeutiger Ausdruck” bezeichnet und bedeutet wörtlich “Ich bin, der/die ich bin” bzw. “Ich werde sein, der/die ich sein werde”. Die Übersetzung nach Buber/Rosenzweig lautet “Ich werde da sein, als der ich da sein werde.” Das ist die Basis.

Von hier ist es nur ein Schritt weiter, zu sagen: “Ich bin für euch da, als der/die ich für euch da bin” bzw. “Ich werde für euch da sein, als der/die ich für euch da sein werde”. Das ist das Wirken.

In der menschlichen Geschichte lässt sich das nur als Aufgabe verifizieren. Jedes Wesen und insbesondere jeder Mensch hat diese Basis in sich. Und jeder Mensch hat die Aufgabe, für alle Wesen da zu sein. Das umfasst das Stiften von Frieden und das Bewahren der Erde. Und das ist nur möglich, weil du die Basis in dir hast. Sonst könntest du als Mensch nicht bei dir sein. Sonst müsstest du als Mensch an dieser Aufgabe verzweifeln.

Werde, wer du bist. Du bist, der/die du bist.

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287. Vom Welthochgebet zur Welteucharistiefeier  -  3. Juli 2014

Die Tirolerin Martha Heizer, ihr Mann und ihre langjährige Gebetsgruppe haben von Zeit zu Zeit eine private Eucharistiefeier gemacht. Dabei haben sie ein wunderbares, von innen gestaltetes Hochgebet verwendet, das mir vorliegt. Im September 2011 haben sie zu einer dieser Feiern den ORF eingeladen. Der Film wurde im Fernsehen gezeigt, was der Innsbrucker Bischof zum Anlass nahm, einen Kirchenrechtsprozess loszutreten. Martha Heizer und ihr Mann gingen zu den Verhandlungen der Kirchenbehörde hin. Martha Heizer verweigerte jedoch jede Unterschrift. Als im Mai 2014 schließlich die Exkommunikation ausgesprochen wurde, wies sie das Dekret zurück.

Meine Frau und ich fühlen uns mit Martha und Gert Heizer in dieser Angelegenheit sehr verbunden, da es auch bei uns zu Hause private Eucharistiefeiern gibt.

Als ich im Jahr 2008 mein Buch “Jesus für alle - Die Abenteuer Gottes” schrieb, nannte ich ein Kapitel “Das Welthochgebet”. In diesem Kapitel entwickelte ich ein Welthochgebet und stellte es den entsprechenden Abschnitten des zweiten Hochgebets der römisch-katholischen Kirche gegen­über. Dieses Hochgebet ist bis heute das Rückgrat unserer Eucharistiefeiern. Zur Epiklese haben wir eine Alternative entwickelt, die wir nun abwechselnd mit der ursprünglichen verwenden.

Unsere Eucharistiefeiern sind Welteucharistiefeiern. Wir verstehen sie ökumenisch, interreligiös und weltumspannend. Am Ende des Kapitels “Das Welthochgebet” schrieb ich: “Wer diesen Ritus leitet, sollte in einer christlichen Kirche getauft sein und Jesus lieben. Zur Teilnahme ist jeder Mensch eingela­den, unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu einer Religion. Die einzige Vorbedingung ist die Bereitschaft, Jesus näher kennenzulernen, und zwar den lebendigen Jesus, der alle Menschen grenzenlos liebt.”

Unsere Eucharistiefeiern gehen über das Regelwerk der römisch-katholischen Kirche hinaus. Eine Kirchenbehörde halten wir nicht für zuständig. Zuschriften einer solchen Behörde würden meine Frau und ich ignorieren. An Verhandlungen gemäß eines sogenannten Kirchenrechts würden wir nicht teilnehmen.

Unsere Eucharistiefeiern gehen von der Theologie her über das römisch-katholische, aber auch über das evangelische Verständnis hinaus. Wir sprechen nicht von Transsubstantiation und Opfer. Wir versammeln uns in der Gegenwart Gottes, der uns Vater ist, der den Menschensohn und Messias gesandt hat und den Geist sendet. Aber wir sprechen nicht von Trinität.

Der Bischof wirft Martha und Gert Heizer vor, sie hätten römisch-katholische Eucharistiefeiern “simuliert”. Meine Frau und ich “simulieren” römisch-katholische Eucharistiefeiern sicher nicht, denn wir feiern in Eigenverantwortung für die ganze Welt, und die ganze Welt ist eingeladen. Wir glauben auch nicht, dass das Ehepaar Heizer römisch-katholische Eucharistiefeiern “simuliert” hat.

Die Welteucharistiefeiern gehören zu unserem inneren Auftrag.

(Siehe auch: 150. Auf der Suche nach der authentischen Eucharistie, 171. Wir feiern Eucharistie,
                  215. Vom Welthochgebet zur Welteucharistiefeier.)

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286. Zwei Träume  -  28. Juni 2014

In der letzten Zeit hatte ich zwei außergewöhnliche Träume. Erster Traum:

Ich hab im Traum einen Elfenzahn gesehen, aber nicht bekommen.

Der Elfenzahn sieht aus wie ein geschliffener Swarovski-Kristall. Nach unten läuft er spitz zu. Er leuchtet und strahlt von innen her, ohne eine äußere Lichtquelle wie die Sonne. Er ist etwas Übersinnliches. Man kann ihn nicht nach Hause tragen und aufs Nachtkastl legen. Indem ich ihn gesehen habe, gehört er zu mir.

Wenn ich in mich hineinspüre, so nehme ich den Elfenzahn als den Schlüssel wahr, der das Tor zum zweiten Traum aufschließt.

Zweiter Traum:

Mit einer anderen Person zusammen steige ich in einem Ballon in die Stratosphäre auf. Was ich dort erlebe, ist unglaublich und intensiv.

Ich rufe den neuen Papst an. Es meldet sich ein Mann, der nicht Deutsch, aber Englisch versteht. Ich erzähle ihm von meinem Erlebnis und sage: “Damit das alle Menschen erleben können, muss unbedingt Frieden herrschen. Bitte richten Sie das dem Heiligen Vater aus.”

Wenn ich in mich hineinhorche, wer die andere Person ist, so kommt die Antwort: “Das ist dein Zwilling.”

Das erinnert mich an den Religionsstifter Mani, der sich von einem Zwilling oder Gefährten angeleitet fühlte.

Die Voraussetzung für den Eintritt in die Erlebniswelt der beiden Träume ist der Frieden. Gemeint ist ein Frieden, der im Inneren eines Menschen herrscht und von ihm überall hingebracht wird, wohin er sich auch wendet. Es ist der unüberwindliche, alles überwindende Frieden, der alle Schrecken konfrontieren kann.

Diesen Frieden überall hinzutragen, ist meine und deine Verantwortung.

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285. Die kosmische Geste  -  20. Juni 2014

Wenn ich zu einer stillen Zeit in unseren Andachtsraum gehe, habe ich bis vor Kurzem immer das Kreuzzeichen gemacht und dazu die Worte gesprochen, die meiner Bearbeitung des Textes entsprechen:

In der Gegenwart Gottes, der uns Vater ist, der den Menschensohn gesandt hat und den Geist sendet. Amen.

Nun verwende ich alternativ dazu eine Geste, die ich die kosmische Geste nenne. Zunächst lege ich die beiden Hände vor der Brust aneinander, ohne die Daumen zu kreuzen. Das entspricht dem Namaste, der Grußformel der Hindus, die aber auch eine symbolische Handgeste, ein Mudrā, ist. Unter Osho-Leuten bedeutet dieser Gruß: “Ich verehre den Buddha in dir.” Im Andachtsraum, ohne menschliches Gegenüber, bedeutet er für mich: “Ich verehre alles, was ist.”

Nach dem Namaste führe ich beide Hände zur Brust, wobei die linke Hand die Brust berührt und die rechte Hand auf der linken Hand liegt. Dieser Teil der Geste bedeutet für mich: “Ich nehme alles, was ist, an mein Herz, damit es dort verwandelt wird.”

Abschließend breite ich beide Arme weit aus. Dieser Teil der Geste bedeutet für mich: “Ich sende das Verwandelte in die ganze Welt hinein.”

Die kosmische Geste hat ihre Wirkung, davon bin ich überzeugt, auch wenn deswegen der Bürgerkrieg in Syrien nicht von einem Tag zum anderen aufhört. Noch mehr Wirkung hätte es, wenn Tausende oder Millionen von Menschen diese Geste machen würden, nicht automatisch und gedankenlos, sondern mit totaler innerer Hingabe an die Existenz.

Ich mache die kosmische Geste nicht, wenn ich eine Kirche betrete, obwohl es auch dort angebracht wäre. Denn die Geste könnte missverstanden werden. Aber bei einem Gottesdienst der anderen Art, wie er am Silvestertag im evangelischen Kirchenraum in Purkersdorf stattfindet, habe ich sie schon gemacht.

(Siehe auch: 300. Das Mudrā der Verehrung und Verwandlung.)

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284. Eine Fastenwoche  -  14. Juni 2014

Im Frühjahr 2014 hatte ich immer mehr das Gefühl, dass es gut für mich wäre, wieder einmal eine Fastenwoche zu machen. Im Jahr 2000 habe ich schon einmal eine Woche lang gefastet, zusammen mit einer Frau, die Erfahrungen mit dem Fasten hatte, und unter Zuhilfenahme des Taschenbuchs “Fasten - Für jeden die richtige Kur” von Brigitte Fabian. Dieses Buch ist im Jahr 1999 im Mosaik Verlag herausgekommen und ist in gebrauchtem Zustand noch erhältlich. Auf 96 Seiten enthält es eine Fülle von wertvollen Anregungen. Die richtige Kur für mich war und ist im Wesentlichen das Fasten nach Dr. Otto Buchinger.

Meine Frage in diesem Frühjahr war: Soll ich es wagen, wieder einmal eine Woche lang zu fasten, diesmal ohne Begleitung durch eine im Fasten erfahrene Person und ohne Fastengruppe? Ich las noch einmal das Buch von Brigitte Fabian und dann sagte ich Ja. Im Jahr 2000 hatte ich mir eine Woche Urlaub genommen. Das war dieses Mal keine Frage für mich, denn seit Dezember 2006 bin ich in Pension. Nach Brigitte Fabian ist ein Urlaub nur dann notwendig, wenn man zum ersten Mal fastet. Folgendes hielt ich in meinem literarischen Tagebuch fest:

Was möchte ich in der Fastenwoche erreichen?
Geistige, psychische und körperliche Reinigung und Heilung;
lernen, bewusster und aufmerksamer zu leben;
größere Sensibilisierung im übersinnlichen Bereich.

Was möchte ich vermeiden?
Überempfindlichkeit.
In dieser Hinsicht soll ein Schutz aufgebaut werden.

Meine Fastenwoche begann am 26. Mai. Ein Obsttag ging voraus. Am ersten Tag der Fastenwoche nahm ich am Morgen das Glaubersalz. Am dritten Morgen gab es einen Einlauf. Brigitte Fabian empfiehlt den täglichen Einlauf ab dem Abend des zweiten Tages. Das war bei mir nicht notwendig. Ich achtete darauf, an jedem Tag sehr viel Flüssigkeit zu mir zu nehmen - und sonst nichts. Also Tees; hochwertige, zuckerlose Fruchtsäfte, mit Wasser verdünnt; mittags und abends zusätzlich Gemüsesuppe, wegen der Mineralienzufuhr. Gerhild, meine Frau, unterstützte mich während der ganzen Woche sehr lieb, indem sie täglich diese Suppen kochte, mit Kartoffeln, verschiedenen Gemüsen und Kräutern und ohne Salz. Die festen Bestandteile der Suppen wurden abgeseiht und kompostiert. An Tees gab es am ersten Fastentag den Nieren- und Blasentee, am zweiten Tag den Leber- und Gallentee, am dritten Tag den Blutreinigungstee, ab dem vierten Tag einen beliebigen Tee. Und es gab zwei Teelöffel Honig pro Tag.

Brigitte Fabian schreibt, dass der Anfang schwer ist, dass man sich erst ab dem dritten Tag immer wohler fühlt. Das traf auf mich im Jahr 2000 zu. Erst ab dem dritten Tag hatte ich keine Hungergefühle mehr. Außerdem beschreibt die Autorin alle möglichen Fastenstörungen und Fastenkrisen, die auftreten können.

Ich bin ständig am Üben. Seit dem Jahr 2000 habe ich mich entsprechend verändert. Die Fastenwoche 2014 verlief vollkommen gleichmäßig. Ich hatte vom Beginn an keine Hungergefühle. Die beträchtlichen Mengen an Fastensuppe betrachtete ich als willkommene “Mahlzeiten”. Es gab keinerlei Störungen oder Krisen. Ich arbeitete nichts und hatte viel Zeit und Ruhe für mich. Von Zeit zu Zeit schrieb ich etwas in mein literarisches Tagebuch. Am ersten Tag nach der Fastenwoche schrieb ich:

Resümee der Fastenwoche:
Ich habe nur eineinhalb Kilo abgenommen.
Gestern sagte ich zu Gerhild: “Wenn ich morgen wieder zu essen anfange, komme ich zurück wie von einem anderen Kontinent, was meine Befindlichkeit betrifft.”
Was davon wird in meiner Befindlichkeit bleiben?

Dass ich in der ganzen Woche nur eineinhalb Kilo abgenommen hatte, erstaunte mich. Ich kann es mir nur so erklären: Am Beginn der Fastenwoche war ich eher an der Untergrenze von dem Gewicht, das ein Mann meiner Größe haben sollte. Und nun verstehe ich, dass Brigitte Fabian das Fasten nicht nur bei Übergewicht, sondern auch bei Untergewicht empfiehlt. Wenige Tage nach Ende der Fastenwoche hatte ich bereits zweieinhalb Kilo zugenommen.

In den Tagen nach dem Ende der Fastenwoche fiel mir meine erhöhte Aufmerksamkeit auf. Ich hatte immer viel zu wenig gekaut beim Essen und die Bissen viel zu rasch geschluckt. Und nun auf einmal kaue ich jeden Bissen lang und bedächtig und spüre dabei, dass es so gut ist.

Die Fastenwoche wirkt kontinuierlich nach. Ich bin viel gelassener und will nicht mehr zu viel auf einmal machen oder erreichen. Und ich nehme mir endlich wieder jeden Tag am Morgen Zeit im Andachtsraum, bei Kerzen, der tibetischen Klangschale und Räucherharz vom Berg Athos. Und es wird mir immer stärker klar: Alles, was wirklich wichtig ist im Leben, ist ein Geschenk des Himmels.

Ich werde mit Sicherheit spätestens in einem Jahr wieder eine Fastenwoche machen. Und ich freue mich darauf. Brigitte Fabian macht zwei Fastenwochen jährlich.

Meine Tradition, einen Fasttag pro Monat zu machen, an dem ich nur Wasser trinke, behalte ich bei. Brigitte Fabian empfiehlt einen solchen Fasttag pro Woche. Und ich bin dabei, flexibler zu werden, den Abstand von einem Monat nicht starr zu sehen, sondern zu verkürzen, indem ich auf mein Inneres höre.

Während der Fastenwoche sind in meinem literarischen Tagebuch Eintragungen entstanden, die meine Entwicklung und meine Sicht auf das Leben reflektieren. Von diesen Eintragungen gebe ich nun ein Beispiel.

Ich habe viele Lebensläufe.

Es sind Flüsse, die alle zusammenfließen in mein Lebensmeer.

Sie lassen sich nicht einordnen in Sachgebiete wie Buddhismus und Christentum.

Es geht um die Beziehungen zu Menschen wie Siddhārtha und Jesus.

Es geht um die Beziehungen zu Menschen, die jetzt auf der Erde leben.

Weiß Gott, wo sie früher waren.

Es geht um meine Transformation.

Was ist ein Transformator doch für ein primitives Gerät.

Es geht um mehr als meine Transformation.

Es geht um das, was nicht gesagt werden kann.

Es geht um das, was nicht gesagt werden kann, außer in der Sprache der Liebenden und der Irren.

Es geht um das Erwachen.

Schlaf in himmlischer Ruh.

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283. Abraham weigert sich  -  1. Juni 2014

Die Erzählung von Abraham, der von der Gottheit (Elohim) aufgefordert wird, seinen Sohn Isaak zu schlachten und zu verbrennen, ist ein Mythos, und ein ungeheuer aussagestarker dazu. Die Aussage des Mythos übersteigt die Frage, ob Abraham wirklich gelebt hat bzw. ob diese Begebenheit wirklich stattgefunden hat.

Immanuel Kant sagte, die Aufforderung, den eigenen Sohn zu schlachten, könne nicht von Gott gekommen sein. Gott habe jedoch eingegriffen, um die schreckliche Tat zu verhindern.

Auf welche Stimme soll Abraham also hören? Meiner Meinung nach gehört zur totalen Hingabe untrennbar dazu, zu erkennen: Was ist meine Verantwortung? In diesem Sinn habe ich die Erprobung des Abraham umgeschrieben.

Meine Version, die in meinem Buch „Botschaft ohne Grenzen – Eine neue Zusammenschau der synoptischen Evangelien“ im letzten Hauptkapitel abgedruckt ist, bleibt dabei, dass die Aufforderung von Gott kommt. Doch ich verstehe die Erprobung in einem anderen Sinn. In meiner Fassung erwartet Gott die Weigerung Abrahams als Antwort:

Da setzte Abraham den Isaak auf den Scheiterhaufen und nahm das Messer in die Hand. Isaak schrie auf, doch Abraham sagte: Jetzt werde ich mit dem Herrn, meinem Gott, streiten.

Und Abraham sagte, während er vor Isaak stand, mit dem Messer in der Hand: Mein Herr und Gott, du siehst, ich habe Isaak, meinen einzigen Sohn, den ich lieb habe, auf den Scheiterhaufen gesetzt. Doch ich werde ihn nicht schlachten. Denn er ist dein Abbild und dein geliebtes Kind wie ich, und er ist sehr kostbar für dich, wie er für mich sehr kostbar ist.

Da hörte er wieder die Stimme, die er vier Tage zuvor gehört hatte, und sie rief ihn wieder: Abraham!

Abraham antwortete: Hier bin ich!

Und die Stimme sagte: Weil du mir die Stirne geboten hast und weil du deinen einzigen Sohn nicht geopfert hast, will ich dich reichlich segnen und deine Nachkommenschaft so zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und wie die Sandkörner an den Ufern der Meere. Wer wie du jeden Menschen als kostbar, als Abbild Gottes und Kind Gottes sieht und behandelt, darf sich als dein Nachkomme erkennen, aus welchem Volk auch immer er stammt und in welchem Land auch immer er lebt. Deine Nachkommen werden die Friedensstifter sein in allen Zeiten und sie werden den Hass besiegen.

Durch meine Umkehrung wird nicht der blinde Gehorsam, sondern die Entscheidung für die Liebe zum Sinn der Erprobung. Abraham weigert sich, seinen Sohn zu opfern, und wird gerade dadurch zum Vater der Religionen. Die Verweigerung des Menschenopfers ist die Basis des gottgewollten und zukunftgewendeten Zusammen­lebens zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk. Die Verweigerung des Menschenopfers durch Abraham und für alle Zeiten enthält außerdem die Klärung, dass Jesus nicht das Opferlamm ist, das für alle Menschen geschlachtet worden ist. Seine Macht und seine Liebe sind anders und größer. Sein Leben, in das wir aufgenommen werden und das in letzter Hingabe den erbärmlichsten Tod nicht gescheut hat, beflügelt und befähigt uns zu Ungeahntem. Nehmen wir diese Herausforderung an.

Feedback von Karolin Meixner-Katzmann:

Deine Version gefällt mir als Mutter natürlich viel, viel besser als die, die in der Bibel steht, wo dann gnadenhalber Gott von dem Opfern Isaaks absieht… Ich glaube, kaum jemand würde für den Glauben seine Kinder eigenhändig töten und Gott sei Dank sind auch die meisten Mütter im arabischen Raum entsetzt, wenn sich ihre Kinder für Allah als Selbstmordattentäter "opfern" (und dabei andere mit in den Tod reißen - ob sie darüber aber auch so entsetzt sind, ist die Frage).

Ich finde an Deiner Variante vor allem schön (neben dem Aspekt, dass eben nicht der Wille Abrahams da ist, das eigene Kind zu opfern), dass der Vater selbst entscheidet und nicht einfach über sich verfügen lässt und so durch Gott - wenigstens in erster Intention, bevor Gott seine ursprüngliche Aufforderung als makaberes "Spiel" entlarvt  - zum Mörder werden würde. Das entspricht meinem kritischen Geist viel mehr, als dass man blind das tut, was einem befohlen wird und sei es noch so unmenschlich. Wenn alle Menschen so "blind" einem Führer folgten, hätten manche Personen in der diesbezüglich traurigen Geschichte unseres Landes noch ein einfacheres Spiel gehabt und es hätte gar keine Widerstandskämpfer gegeben. Gerade vor diesem blinden Gehorsam habe ich Angst. Und die Bibel soll doch Vorbild sein für alle Christen, oder?

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282. Die Osternacht  -  25. Mai 2014

Von Gründonnerstag bis Ostermontag waren Gerhild, meine Frau, und ich in Mattsee im Salzburger Seengebiet. Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag nahmen wir an der Liturgie in der Stiftskirche teil. Die Osternachtfeier wurde vom Pfarrer mit viel Freude und Liebe gestaltet. Und doch ist mir während der Feier hundeübel geworden. Und ich fragte mich: Ist die Theologie, die da entfaltet wird, nicht krankhaft und pervers? Wie kann es sein, dass ein Abraham den Entschluss fasste, den eigenen Sohn zu schlachten? Wie kann es sein, dass ein Gott ihn im letzten Moment davon abhielt und ihm dabei die Eigenverantwortung raubte? Und wie kann es sein, dass ein solcher Gott seinen eigenen, wie man sagt einzigen Sohn schlachten ließ, um die Sünde, das heißt die Grundneigung zur Sünde, von allen Menschen aller Zeiten wegzunehmen, eine Grundneigung, die uns ein Adam, der als eine historische Einzelperson missverstanden wird, gemäß eines Mythos durch seinen Ungehorsam eingebrockt hat!?

Wie kann es sein? Es kann nicht sein.

Die Beziehung zu Jesus gehört zu meiner Lebensgeschichte. In meinen Büchern und Bausteinen habe ich ihn ganz anders dargestellt.

Bei der Osternachtfeier wird die Osterkerze in einer feierlichen Prozession in die dunkle Kirche getragen. Dann singt der Diakon oder der Priester das Osterlob. Ich habe das Osterlob bearbeitet und dabei sowohl römisch-katholische als auch evangelisch-lutherische und evangelisch-reformierte Texte zugrunde gelegt. Die Erzählung des Auszugs aus Ägypten habe ich weggelassen, da sie von unglaublicher Brutalität gezeichnet ist. Auch die makabren Formulierungen über Jesus als Opferlamm habe ich weggelassen. Nun folgt der Text meiner Bearbei­tung.

Freut euch, ihr Engel, freut euch, ihr himmlischen Scharen, lasst den Schall der Posaunen überallhin dringen, verkündet mit eurem Gesang den Aufgang des heilenden und befreienden Lichtes und singt von dem, der dieses Licht wie kein anderer darbietet.

Freut euch, ihr Wesen der Erde, über den Glanz der Osternacht und über den, der diesen Glanz uns schenkt. Seht, wie das strahlende Licht jedes Dunkel berührt. Stimmt in den Jubel der Engel mit ein.

Freut euch, ihr Menschen überall auf der Erde, über den herrlichen Glanz des österlichen Lichtes. Jubelt, die ihr in diesem Gotteshaus versammelt seid.

Lasst uns preisen den verborgenen Gott, der väterlich und mütterlich für uns da ist, und seinen Sohn Jesus, den wir als den Messias bekennen und der uns in seine Nachfolge ruft.

Noch sind wir die alten Menschen, die ein neues Herz und einen neuen Geist nötig haben, doch wir vertrauen darauf, dass Jesus der neue Mensch ist, der uns den Weg zu unserer Erneuerung gebahnt hat, in seinem Leben und in der Art, wie er gestorben ist.

Dies ist die Nacht, da Jesus die Trennung des Totenreiches von Gott überwand. Wahrhaftig hat er allen Lebenden und Toten den Weg zur Vollendung geöffnet.

Dies ist die Nacht, die unsere Tage erleuchtet. Lasst uns den Glanz dieser heiligen Nacht aufnehmen, der imstande ist, uns zu reinigen, zu heilen und zu heiligen. Verzagten zeigt er den Weg, Gestrauchelte richtet er wieder auf, Trauernde ermuntert er. Er vertreibt den Hass und schafft Frieden und Verständnis zwischen den Menschen.

Du unser Gott, in dieser gesegneten Nacht legen wir unser Leben vor dich hin im Schein dieser Kerze. Und wenn nun ihr Licht geteilt und weitergegeben wird, so verliert es doch nichts von der Kraft seines Glanzes. Diese Kraft des Lichtes möge unsere Herzen und Sinne entflammen.

[Jetzt werden die Altarkerzen entzündet und das Licht wird in die Reihen der Menschen weiterge­geben.]

O wahrhaft selige Nacht, da sich der Himmel der Erde und Gott sich den Menschen verbindet!

So bitten wir dich, du unser Gott: Diese Kerze bewohne das Dunkel der Nacht und leuchte hell, bis der Morgenstern erscheint, der wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht, der auferstandene Jesus, der allen Menschen erstrahlt in österlichem Licht, der lebt und liebt in alle Ewigkeit. Mögen alle Menschen in diesem Licht erstrahlen. Möge die Erde neu werden. Amen.

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281. Karfreitag  -  20. Mai 2014

Von Gründonnerstag bis Ostermontag waren Gerhild, meine Frau, und ich in Mattsee im Salzburger Seengebiet. Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag nahmen wir an der Liturgie in der Stiftskirche teil. In der Eucharistiefeier am Karfreitag, also in der Feier vom Leiden und Sterben Jesu, wurde als erste Lesung der Abschnitt Jes 52,13 - 53,12, also das vierte Lied vom Gottesknecht, aus der Einheitsübersetzung genommen. Ich habe den Text der Einheitsübersetung leicht gekürzt und durch Hinzuziehen der Bibel in gerechter Sprache leicht geändert. Der Abschnitt lautet sodann:

“Seht, mein Knecht wird Erfolg haben, er wird groß sein und hoch erhaben.
Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch.
Doch er wird viele Völker in Staunen setzen, Könige werden vor ihm verstummen. Denn was man ihnen nie erzählt hat, das sehen sie; was sie niemals hörten, das erfahren sie.
Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, voller Schmerzen war er, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Verschuldungen zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hatte und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch Gott fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan Gottes wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, wird er das Licht erblicken. Er wird sich an Erkenntnis sättigen. Mein Knecht, der gerechte, wird die vielen gerecht machen; er wird ihre Verschuldungen tragen.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Verfehlungen der vielen und trat für die Schuldigen ein.”

Die Bibel in gerechter Sprache nennt den Abschnitt nicht Gottesknechtlied, sondern eved-Lied. Das hebräische Wort eved, das im Originaltext verwendet wird, bedeutet Sklave. Die Bibel in gerechter Sprache warnt davor, den Text ohne Weiteres auf Jesus zu übertragen: “Vor allem dieser Text wird durch eine Deutung auf Jesu Leiden und Sterben sehr einseitig interpretiert ... Die christliche ist eine unter vielen möglichen Deutungen, sie darf aber nicht den Anspruch erheben, die einzige zu sein. In der jüdischen Auslegung wird die Gestalt des eved kollektiv verstanden und auf die Leidensgeschichte des Volkes Israel hin gedeutet. Im Text selber bleibt es in der Schwebe, ob von einer individuellen Gestalt gesprochen wird oder ob sie kollektiv zu verstehen ist.”

Man kann diesen Text auf die Leidensgeschichte vieler gerechter Menschen und vieler bedrohter Völker beziehen. In Jesus wird all dies wie in einem Brennpunkt gesammelt.

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280. Gründonnerstag  -  15. Mai 2014

Von Gründonnerstag bis Ostermontag waren Gerhild, meine Frau, und ich in Mattsee im Salzburger Seengebiet. Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag nahmen wir an der Liturgie in der Stiftskirche teil. In der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag wurde als erste Lesung der Abschnitt Jes 61,1-3a.6a.8b-9 aus der Einheitsübersetzung genommen. Er lautet:

“Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung.
Ihr alle aber werdet ‘Priester des Herrn’ genannt, man sagt zu euch ‘Diener unseres Gottes’.
Ich bin treu und gebe ihnen den Lohn, ich schließe mit ihnen einen ewigen Bund.
Ihre Nachkommen werden bei allen Nationen bekannt sein und ihre Kinder in allen Völkern. Jeder, der sie sieht, wird erkennen: Das sind die Nachkommen, die der Herr gesegnet hat.”

Als Jesus begann, in Galiläa zu lehren, kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war. Als er am Sabbat in der Synagoge diesen Abschnitt vorlas, bezog er ihn auf sich. In Lk 4,18-19 werden die Sätze wie folgt formuliert:

“Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.”

Im Jesaja-Buch spricht hier Zion, die Stadt Jerusalem, als Verkörperung des Gottesknechtes, und die Sätze richten sich an alle jüdischen Menschen, die dort leben. Mit diesen Sätzen werden die Einflussreichen unter ihnen aufgefordert, für Gerechtigkeit zu sorgen und die Verarmung weiter Bevölkerungsteile rückgängig zu machen.

Wenn Jesus diese Sätze auf sich bezieht, so sagt er das nicht nur für sich, sondern für alle Menschen, die auf ihn hören, die ihm nachfolgen. Es ist nicht notwendig, dass solche Menschen getauft sind oder einer christlichen Kirche angehören. Jürgen Kuhlmann sagte in einer Predigt: “Gandhi, der Hindu, hat Jesu Gewaltlosigkeit genauer verstanden und radikaler praktiziert als fast alle Christen.” (Siehe: 161. Christen und Jesuaner.)

Am Ende des Gründonnerstagsgottesdienstes wurde das Allerheiligste beim Altar im linken Seitenschiff der Kirche ausgesetzt, eine Monstranz mit einer großen Hostie in der Mitte. Auch Gerhild und ich gingen hinüber, um dort zu beten. Ich spürte eine immense, intensive Ausstrahlung, die von der Monstranz ausging. Wie kommt das zustande? Wird die Monstranz von der Anbetung der Menschen aufgeladen, die daran glauben? Oder handelt es sich doch um ein Mysterium? Gerhild meinte, es sei beides: ein Mysterium, aber verstärkt durch die Liebe derer, die daran glauben.

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279. EU-Stop - meine Wahlempfehlung  -  7. Mai 2014

In wenigen Tagen findet die Wahl der Mitglieder des Europäischen Parlaments statt. Meine Wahlempfehlung ist das Wahlbündnis EU-Stop, das in ganz Österreich kandidiert. Das bedeutet einen Gesinnungswandel, denn 1995 habe ich für den Beitritt Österreichs zur EU gestimmt. Spätestens seit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon ist das aber nicht mehr die EU, für die ich gestimmt habe. Sie erinnern sich: Der EU-Verfassungsvertrag wurde 2005 in Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt. Der Vertrag von Lissabon, der 2008 in einer Volksabstimmung in Irland abgelehnt wurde, enthält alle wesentlichen Elemente des EU-Verfassungsvertrags. Nach geringfügigen Zugeständnissen an Irland wurde die Volksabstimmung in Irland 2009 wiederholt. In Frankreich und den Niederlanden gab es keine Volksabstimmung über den Vertrag von Lissabon. Alle Parlamente der EU-Mitgliedsstaaten ratifizierten den Vertrag.

Seither schreitet die Entmündigung der EU-Mitgliedsstaaten voran, besonders was die Budgethoheit betrifft. Und eine grundsätzliche Änderung der EU-Politik ist nicht durchsetzbar, denn im Primärrecht der EU sind neoliberale und militaristische Politiken und Institutionen regelrecht einzementiert, wie Gerald Oberansmayr in dem Jubiläumsbuch der Solidar-Werkstatt erklärt. Das Primärrecht der EU hat Verfassungsrang und kann nur geändert werden, wenn die Parlamente aller Mitgliedsstaaten darüber abstimmen. Genaueres habe ich in den folgenden beiden Bausteinen beschrieben: 232. Quo vadis, EU? und 264. Die Alternative zur EU.

Dafür setzt sich das Wahlbündnis  EU-STOP ein (in Auswahl):

Was das Wahlbündnis stoppen will (in Auswahl):

Bereits 1994 wurde der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) gegründet. Er umfasst die EU-Staaten und die EFTA-Staaten Island, Liechtenstein und Norwegen. Diese Länder bilden einen gemeinsamen Markt, in dem die Freiheiten des Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs gelten. So gesehen hätte Österreich nie der EU beitreten müssen.

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278. Eine Doppelheiligsprechung als Zeichen der Zeit  -  30. April 2014

Papst Franziskus I hat am 27. April 2014 – vor einer Million Menschen - zwei seiner Vorgänger heiliggesprochen. Dabei steht Papst Johannes XXIII für die Reformer. Papst Johannes Paul II steht für die Bewahrer. Die Doppelheiligsprechung wird daher von den Medien als „geschickter Schachzug“, als „päpstlicher Balanceakt“ bezeichnet.

Durch eine Heiligsprechung (Kanonisierung) erklärt der Papst, dass eine bestimmte verstorbene Person als heilig bezeichnet und verehrt werden darf. Voraussetzung ist, dass die Person im Volk verehrt wird und überdurchschnittlich tugendhaft gelebt hat. Außerdem muss die Person entweder das Martyrium erlitten oder ein Wunder ausgelöst haben.

Als Wunder werden nur unerklärliche Heilungen von Schwerkranken anerkannt. Und die Wunder müssen mit Gebeten in Verbindung stehen, die an den Kandidaten / die Kandidatin der Heiligsprechung gerichtet wurden.

Mit einer Heiligsprechung bekundet die Kirche das Vertrauen, dass der betreffende Mensch die Vollendung bei Gott bereits erreicht hat.

Die liturgische Verehrung der Reliquien und die liturgische Anrufung der heiliggesprochenen Person wird gestattet.

Was soll man zu einem Ereignis sagen, das eine Million Menschen angelockt hat?  Karol Józef Wojtyła wird vorgeworfen, dass sich sein Kondomverbot tragisch auf die Neuerkrankungen an Aids ausgewirkt hat und dass er verantwortlich für das Vertuschen von sexuellem Missbrauch war. Gegen Angelo Giuseppe Roncalli wurden keine Vorwürfe laut, es dürften auch keine möglich sein.

Im Lauf der Geschichte gab es immer wieder problematische Heiligsprechungen. In unserer Zeit erregte die Heiligsprechung von Josemaría Escrivá, der das Opus Dei gegründet hat, massiven Widerspruch. Es wird ihm vorgeworfen, ein Naheverhältnis zu katholischen Faschisten, besonders zu General Franco, gehabt zu haben und den Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende durch Augusto Pinochet als „nötiges Blutvergießen“ bezeichnet zu haben.

Es ist mir ein Anliegen, auf die Auswüchse der Heiligenverehrung hinzuweisen. Dazu gehören für mich vor allem die Verehrung der Reliquien und der damit verbundene peinliche Altarkuss, den der Priester am Beginn jeder Eucharistiefeier vornimmt.

Wir alle werden nach dem Tod mit allen Einzelheiten unseres irdischen Lebens konfrontiert, mit allen Emotionen, Gefühlen, Gedanken, Taten und Unterlassungen. Das alles gilt es zu bearbeiten, bis unsere Reinigung, Heilung und Heiligung abgeschlossen ist, die natürlich schon während unseres Lebens auf der Erde beginnt.

Ob es im Zuge dieses Vorgangs nötig wird, dass ein Wesen eine weitere Existenz auf der Erde durchleben will oder muss, ist eine herausfordernde und offene Frage.

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277. Ein neues Pfingsten  -  27. April 2014

Als ich im Jahr 1991 50 Jahre alt wurde, hat mir eine alte Freundin der Familie ein leeres Notizbuch geschenkt und im Begleitbrief geschrieben: „Mögest Du Deine derzeitige Schaffenskraft weiterhin behalten und halte alle Deine Gedanken fest!“

Das war der Beginn meiner literarischen Tagebücher. Bis heute sind es 26 an der Zahl. Ich habe dort vor allem Lyrik festgehalten, aber auch Prosa, Biografisches und Zitate. Trotz eines Inhaltsverzeichnisses ist es mir immer schwerer gefallen, in dieser Sammlung einen bestimmten Text zu finden oder eine Auswahl zusammenzustellen. Daher habe ich nun den Inhalt der Tagebücher, soweit er nicht zu privat bzw. nicht zu schlecht ist, in eine Access-Datenbank eingetragen. Es sind 3.522 Datensätze geworden. Die habe ich nun mit der Suchfunktion, der Abfragemöglichkeit und der Berichtsmöglichkeit der Datenbank im Griff.

Als Beispiel für „Biografisches“ bringe ich jetzt eine Eintragung vom 14. Oktober 2013.

Heute Morgen kurz vor dem Aufwachen hatte ich folgenden Traum:

Mit einer blauen Tinte, die so schwach ist, dass ich mich frage: "Wird man das später noch lesen können?", schreibe ich: Es gibt ein neues Pfingsten, das über den Bereich der Christen hinausgeht. Beharrlichkeit führt zu einem neuen Erwachen und Langmut führt zu einer neuen Entwicklung.

Im Wachzustand fällt mir dazu ein:

1. Zeugendes Gebären, aus der Stille heraus.

2. Ich gieße meinen Geist aus über alles Fleisch. (Joel 3,1.)

3. Ich mache alles neu. (Offb 21,5.)

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276. Morgen früh, wenn Gott will …  -  16. April 2014

„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“, heißt es in dem von Johannes Brahms vertonten Wiegenlied.

Mit großer Dankbarkeit können Kinder und Erwachsene, alle Menschen, alle Wesen, die am Abend einschlafen, am Morgen feststellen, dass sie wieder aufgewacht sind, auf unserer Erde. Der neue Tag ist ein Geschenk, das mit Liebe und Sorgfalt entgegengenommen und gestaltet werden will.

Ein bestimmtes Bild von Gott ist dabei nicht erforderlich, ebenso wenig das Wort „Gott“. Himmel und Erde wirken zusammen. Unter dem Himmel kann man dabei die kosmischen Kräfte oder den Einfluss der übersinnlichen Welt verstehen.

Für das Verständnis dieses Zusammenwirkens haben wir unsere sieben Sinne. Ich habe zwei Aufstellungen von sieben Sinnen gefunden:

1. Gesichtssinn, Gehör, Geruchssinn, Geschmackssinn, Tastsinn, der innere Sinn (Zustandssinn), Ewigkeitssinn.

2. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, der Gleichgewichtssinn und der Körpersinn (Eigenwahrnehmung).

Meiner Erfahrung entspricht es, dass der Gleichgewichtssinn untrennbar mit dem Gehör verbunden ist.

Je nach der weltanschaulichen Einstellung kommt man übrigens zu einer verschiedenen Anzahl von Sinnen. Die Neurowissenschaft spricht von zehn Sinnen, die Anthroposophie von zwölf Sinnen.

Lasst uns mit allen Sinnen das Leben meistern, das Leben, das mit dem Tod nicht endet.

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275. Geht’s der Wirtschaft gut …  -  06. April 2014

„Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.“ Das ist ein Slogan, den die Wirtschaftskammer Österreich vor Jahren in einer Plakataktion propagiert hat und der bis heute von Wirtschaftskammer und Wirtschaftsbund gerne verwendet wird.

In der von AK und ÖGB herausgegebenen Zeitschrift „Arbeit & Wirtschaft“ wurde dieser Slogan am 15.3.2012 von Elke Radhuber umgedreht. In einem Artikel mit dem Titel "Geht’s uns allen gut, geht’s auch der Wirtschaft gut" schrieb sie: „Warum das so ist, hat eine Reihe von Hintergründen. Der offensichtlichste ist wohl, dass die Kaufkraft bzw. der private Konsum die Motoren einer gesunden Realwirtschaft und einer guten Wirtschaftsentwicklung sind. Weiters handelt es sich auch bei Verteilungsgerechtigkeit um ein wichtiges Element, weil damit hochspekulativen Transaktionen vorgebeugt wird.“

Und Bundeskanzler Werner Faymann sagte auf einer Wahlkampfveranstaltung am 29. August 2013: „Geht es den Menschen gut, geht es auch der Wirtschaft gut! Der Wirtschaft kann es gar nicht gut gehen, wenn sich der Reichtum im Land auf einige wenige konzentriert und sich die breite Masse nichts leisten kann.“

Moreau schrieb im Jänner 2008 in der Zeitschrift brennstoff Nr. 11 unter dem Titel „Es geht uns gut. Eine Anleitung zur geistigen Selbstverteidigung”:

„Das maßgebliche ‚Bedürfnis’ der Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen, zinsgierigen, kapitalistischen Ausprägung ist der Profit. Die (neoliberalistische) Wirtschaftspolitik versucht daher Rahmenbedingungen herzustellen und gesetzlich zu verankern, die in erster Linie der Profitmaximierung dienen. Das ist der Kern der wirtschaftlichen Globalisierung. Den globalen Wettbewerb gewinnt das Unternehmen mit dem höchsten Gewinn. Ein ‚Standort’ gilt als umso wirtschaftsfreundlicher, je niedriger etwa Produktions- und Lohnkosten sind, je lascher Sozial- und Umweltgesetzgebung gehandhabt werden und je weniger Steuern Unternehmer und Kapitalbesitzer zahlen müssen.“

„Je niedriger die Löhne sind, desto höher ist der Profit. Dann geht’s der Wirtschaft gut.“

„Je weniger das ‚Bedürfnis’ der Wirtschaft nach Profit durch Umweltschutzgesetze eingeschränkt wird, desto attraktiver wird der Standort für schmutzige Industrien.“

„Steuern sind eine ernste Gefahr für die Profitmaximierung. Der Staat könnte mit dem Steuergeld allerlei Unfug anrichten, etwa Bildung, Krankenhäuser, Pensionen, Kunst und Kultur, den öffentlichen Verkehr und vieles mehr finanzieren. Darum gehören a) die Unternehmens- und Vermögenssteuern gesenkt und b) die vorgenannten staatlichen Leistungen allesamt privatisiert, damit die Gewinne endlich dorthin fließen, wo sie rechtmäßig hingehören – z. B. in Konzernkassen.“

Die Worte von Moreau haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Das vielen Menschen einleuchtende Fazit ist: Wir brauchen eine totale Umordnung und Neuorientierung der Wirtschaftspolitik.

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274. Der innere Messias  -  30. März 2014

In meiner Schweizer Zeit lernte ich ein jüdisches Schwesternpaar kennen, was mir zu einem tieferen Verständnis des Judentums verhalf. In dieser Zeit machte ich am 20. November 2001 die folgende Eintragung in mein literarisches Tagebuch. (Der Begriff Messias bedeutet Gesalbter.)

Über gewisse Dinge muss man schweigen.

Das zahlenmäßig winzige Judentum hat dem zahlenmäßig riesigen Christentum 2000 Jahre lang widerstanden und hat nicht eine historische Persönlichkeit als Messias anerkannt.

So hat das Judentum die tiefe Sehnsucht nach dem Messias durch die Jahrhunderte bewahrt und hat uns die einzige Möglichkeit erhalten, nämlich dass die Erfüllung dieser Sehnsucht nicht von außen, sondern von innen kommt.

Die königliche Salbung Davids ist allen Menschen zugedacht.

Die Strahlung eines jeden Gesalbten verändert nicht nur ihn selbst, sondern auch sein Umfeld.

Aber niemand kann sagen: "Ich bin das." "Ich tue das."

Jeder kann es sein und tun, erst unbewusst, dann mehr und mehr bewusst.

Niemand kann es sagen.

Über gewisse Dinge muss man schweigen.

Darüber muss man schweigen.

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273. Die ultimative Meditation  -  27. März 2014

Es ist, wie es ist. Die Bedeutung dieses Satzes habe ich zum ersten Mal vor 13 Jahren erkannt und ich habe ihn am 5. März 2001 in mein literarisches Tagebuch eingetragen.

Es ist, wie es ist. Das ist nicht nur ein Satz fürs Denken, sondern auch fürs Fühlen und für den Körper. Wenn dieser Satz im Denken, Fühlen und im Körper lebendig ist, unabhängig von der momentanen Befindlichkeit, unabhängig von Gesundheit und Krankheit, so ist das Meditation. Wenn er in Bezug auf die letzten, entscheidenden Dinge des Lebens präsent ist, so ist das die ultimative Meditation. Präsent besonders in Bezug auf alles, was man im irdischen Leben verlieren kam, auch in Bezug auf den Verlust des Heims, der geraden Glieder, des Augenlichts, auch in Bezug auf den Verlust des Lebenspartners. Präsent in Bezug auf den eigenen Tod.

Und was niemand weiß, bevor es soweit ist: Präsent im Augenblick des eigenen Todes.

Lassen wir uns tragen, von Bewusstheit und Übung.

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272. Menschen ausrotten  -  8. März 2014

Ingeborg Bachmann hat, als sie in ihrer letzten Lebenszeit am „Todesarten“-Projekt arbeitete, den Satz geschrieben:

"Mit Wölfen könnte ich mich verständigen, mit Menschen nicht."

Und ich habe, als ich im August 2000 auf der dänischen Insel Bornholm war, ein starkes Naturerlebnis so beschrieben:

ostsee
wind
wellen
wasservögel
menschen ausrotten

Auf solche Gedanken kann man schon kommen, wenn man mit ansehen muss, wie die Menschheit die Natur zugrunde richtet. Aber vielleicht ist es doch nicht unvermeidlich, dass die Menschheit ausstirbt. In letzter Zeit wurde ich auf die Bücher und Ideen von Daniel Quinn aufmerksam gemacht. Er spricht vom Großen Vergessen. Wir glauben, dass mit unserer Zivilisation die Menschheitsgeschichte erst begonnen hat, dass unsere Zivilisation Sinn und Ziel der Menschheitsgeschichte ist, dass es keine anderen Kulturen gibt, sondern nur inferiore Wilde. In Wirklichkeit gibt es eine Fülle von Kulturen, die wir alle auf der gleichen Ebene wie unsere Zivilisation sehen müssen, denen wir ihren Lebensraum zugestehen müssen, soweit die zivilisierte Menschheit sie noch nicht zerstört hat und ihre Trägerinnen und Träger noch nicht umgebracht oder korrumpiert hat.

In letzter Zeit habe ich auch begonnen, das Buch „Der Hass auf den Westen“ von Jean Ziegler zu lesen, der mit dem Obigen vergleichbare Ideen entwickelt und betont, dass die jahrhundertelangen Verbrechen des Sklavenhandels und der Kolonialisierung ins Bewusstsein gebracht und aufgearbeitet werden müssen, dass Genugtuung und Entschädigung geleistet werden muss. Der Geist der Kolonialisierung ist nicht tot, er lebt in wirtschaftlicher Übervorteilung und Unterdrückung weiter.

Welche Chance haben wir denn, dass das geschieht? Ohne ein neues, weites Bewusstsein der Einsicht und Reue, der Vergebung und Akzeptanz bei den „westlich“ Zivilisierten und bei denen, die andere Lebensformen bewahren, wird es nicht möglich sein. Andere Lebensformen bewahren nicht nur indigene Kulturen, sondern auch unsere Bergbauern. Überheblichkeit und Hass steuern sonst wirklich auf die Ausrottung der Menschheit zu, nicht auf die Vernichtung der Erde. Die Erde hat einen langen Atem.

(Siehe auch: 329. Der Erde den Rücken kehren?.)

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271. Computerlyrik  -  2. März 2014

Es gibt aufwendige Programme, die nach variablen Vorgaben Gedichte generieren können und dabei sogar grammatikalisch korrekte Wortendungen erzeugen. Damit hatte ich nichts am Hut, als ich im September 1983 zwei kleine Fortran-Programme schrieb, die aus konstanten Definitionen einfache fünfzeilige Gedichte erzeugen konnten.

Das erste Programm verwendete fünf Arrays für jeweils sechs Elemente, nämlich 1. Adjektive, 2. Substantive, 3. Verben, 4. Zeit- und Ortsbestimmungen und 5. Objekte. Aus jedem Array wurde mittels Zufallszahlengenerator ein Element ausgewählt und die Elemente wurden in fünf Zeilen untereinandergestellt. Ich bringe drei Beispiele des Outputs:

bittere
zitronen
zeigen
für einen augenblick
die sonne
–––––––––––––––
schwebende
tulpen
vernichten
zu mittag
schwere gewitterwolken

–---------------
fallende
affenbrotbäume
verhüllen
am morgen
ein paar schäferwölkchen
––––––––––––––

Das zweite Programm verwendete einen zweidimensionalen Array, wobei die eine Dimension den fünf Arrays aus dem ersten Programm entsprach, die andere Dimension der Lage der Elemente im Gedicht. Aus der einen Dimension des Arrays wurde wieder mittels Zufallszahlengenerator ein Element ausgewählt; die andere Dimension wurde dazu verwendet, um mittels Permutation das ausgewählte Element an eine beliebige Stelle des Gedichts zu bringen. Ich bringe drei Beispiele des Outputs:

zu mittag
fallende
tomaten
verhüllen
den mond
–––––––––––––––-
in der nacht
erzeugen
hyazinthen
schwere gewitterwolken
saure
–––––––––––––––-
die sterne
erzeugen
in zeitloser weite
süße
tulpen
––––––––––––––––

Mit Johann Nestroy (Die Papiere des Teufels oder Der Zufall) sage ich dazu:
„Das is wohl nur Chimäre, aber mich unterhalt´s!“

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270. Die Zeit drängt immer mehr  -  20. Februar 2014

In seinem Buch „Die Zeit drängt“ hat Carl Friedrich von Weizsäcker 1986 festgestellt: „Die Menschheit befindet sich heute in einer Krise, deren katastrophaler Höhepunkt wahrscheinlich noch vor uns liegt. Deshalb ist entschlossenes Handeln nötig.“

28 Jahre später haben wir den katastrophalen Höhepunkt fast erreicht. Man könnte Tag und Nacht Petitionen unterschreiben, die Verbrechen gegen Menschen, Tiere, Pflanzen, die Natur, gegen alle Wesen anprangern und verhindern wollen.

In dieser Situation habe ich in der Nacht von gestern auf heute das unten folgende Gedicht geschrieben. Die erste Strophe ist mir wörtlich in einem Traum eingegeben worden. Ich halte sie für eine Warnung des Unbewussten, die sehr ernst genommen werden muss.

blast trübsal
über alle berge
denn die urschnecke
hat sich verschlossen
sie hat sich
von uns abgewandt

sprecht klartext
durch alle täler
um die menschen
zur besinnung
zu bringen

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269. Der Übergang  -  15. Februar 2014

Am 27. Februar 1995 habe ich in meinem literarischen Tagebuch aufgeschrieben, wie ein sterbenskranker Freund und ich seinen Übergang zu dem Leben nach dem Tod erfahren haben. Hier ist der Eintrag:

Ernsti, oder Ernest, ist nun tot. In den letzten zwei Monaten habe ich ihn von Zeit zu Zeit besucht, zu Hause und im Spital, aber auch viel durch Gerhilds Erzählungen mitbekommen. Gerhild war ja eine von den vier Frauen, die ihn in der schwersten Zeit als halbe Krankenschwestern betreut haben.

Ernest hat sich in diesen zwei Monaten in wunderbarer Weise verwandelt, langsam und unaufhaltsam. Er ist transparent geworden für seinen verborgenen goldenen Kern. Offenheit, Dankbarkeit, Liebe traten immer stärker hervor, und ein immer deutlicheres Wissen darüber, wohin er jetzt gehen würde.

Parallel dazu sprach er auch von Fahrten ins Sommerhaus, vom Skifahren im nächsten Winter.

Die entscheidende Tiefe bekam er, als die Leber nicht mehr wollte, als er keine weißen Blutkörperchen mehr besaß. Wenige Stunden vor seinem Tod, in der Intensivstation, zerfiel sein Körperinneres immer mehr, doch als er mich beim Verabschieden zum letzten Mal anblickte, leuchtete in seinen Augen in strahlender Freude das unzerstörbare Leben, von dem er schon ganz stark ergriffen war.

Durch die elenden Schmerzen hindurch ein Erkennen, ein Bewusstsein jenseits aller Schmerzen. Ein wunderbarer, strahlender Weg zum letzten Atemzug, und danach Frieden auf seinem Gesicht.

Ernest und ich haben in diesen Wochen und besonders beim Abschiednehmen wortlos über die letzten Dinge miteinander gesprochen, und wir haben einander viel gesagt, miteinander viel erlebt. Es gibt keine Worte, die das ausdrücken können, aber was ich niedergeschrieben habe, wird mir eine Gedächtnisstütze sein.

Welche Probleme haben wir Überlebenden angesichts dieses unzerstörbaren Lebens, das in jedem von uns vorhanden ist, das uns eint, das das Einzige ist, was von uns übrig bleiben wird?

Wir, sein Freundeskreis, haben eine neue Qualität des Umgangs miteinander gewonnen.

Feedback von Noé im Schreiber-Netzwerk:

Das ist ein kurzer, aber ein sehr eindringlicher Text, eindringlich, weil er eindringt ins Herz und in die Tiefe des Gefühls...

Feedback von IDee im Schreiber-Netzwerk:

Hallo, ein ganz wunderbarer Text, gefühlvoll und ohne Schnörkel.

Feedback von Angélique Duvier im Schreiber-Netzwerk:

Hallo Werner, deine Geschichte hat mich zutiefst berührt, da ich sehr Ähnliches bei/mit meinem Vater erlebt habe, auch er hat kurz vor seinem Ende viel geredet, über sein Leben, seine Träume, seine Gedanken, auch ich kann es nicht in Worten wiedergeben, es wird jedoch immer in meinem Herzen sein. Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast!

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268. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn  -  8. Februar 2014

So lautet der Schluss von Psalm 150 in der Luther-Bibel. In der Einheitsübersetzung lautet er: „Alles, was atmet, lobe den Herrn.“

Im hebräischen Original steht an dieser Stelle das Tetragramm, also steht eigentlich hier: „Alles, was atmet, lobe JHWH.“

Das Tetragramm wird aber von Juden und Jüdinnen bis auf den heutigen Tag niemals ausgesprochen, sondern man sagt statt dessen Adonai („mein Herr“, eigentlich „meine Herren“).

Wenn man auf Gott nicht das Bild eines hohen Herrn projizieren will, kann man nach den Vorschlägen der Bibel in gerechter Sprache auch sagen: „Alles, was atmet, lobe den Lebendigen“ oder „Alles, was atmet, lobe die Lebendige“ oder „Alles, was atmet, lobe die Schechina“.

Alles, was atmet - das sind durchaus nicht nur die Menschen. Lungenatmung gibt es auch bei allen anderen Säugetieren sowie bei Schnecken, Amphibien, Reptilien und Vögeln. Tracheenatmung gibt es bei Insekten, Tausendfüßlern und Spinnen. Kiemenatmung gibt es bei Fischen und bei vielen Wirbellosen.

Neben dieser aeroben Atmung gibt es bei Einzellern auch noch die anaerobe Atmung, bei der die Basis nicht Sauerstoff ist.

Wenn man den Begriff der Atmung so weit fasst, kann man zu Recht schreiben, wie ich es in meiner Bearbeitung von Psalm 150 getan habe: „Alles, was Leben hat, lobe Gott“ - lobe den Lebendigen, die Lebendige, die Schechina, die Anwesenheit Gottes bei seinem Volk und das heißt bei allen Menschen und allem, was existiert.

Ich möchte das Lob Gottes heute nicht mehr auf das beschränken, was die Naturwissenschaft unter Leben versteht. Rhythmische, der Musik entsprechende Prozesse gibt es überall im Mikrokosmos und im Makrokosmos. Als kleines Kind konnte ich vor dem Einschlafen oft die Sphärenharmonie hören. Und Karlfried Graf Dürckheim hat einmal gesagt:

„Der Ton des Seins erklingt ohne Unterlass. Die Frage ist, ob wir als Instrument so gestimmt sind, dass er in uns widertönt und wir ihn hören.“

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267. Die Rechte der Natur  -  1. Februar 2014

Die Rechte der Natur sind unumgänglich. Seit im Jahr 1962 das Buch „Der stumme Frühling“ von Rachel Carson herauskam, ist das offensichtlich. Zu diesem Thema habe ich am 26. Februar 1993, also vor fast 21 Jahren, die folgende Notiz verfasst:

Die Deklaration der Menschenrechte erfolgte im Jahr 1790. Im 19. Jahrhundert wurde die Behandlung der Geisteskranken humaner. Man nahm ihnen die Ketten ab und peitschte sie nicht mehr aus.

Seit einigen Jahren gibt es eine Tierrechtsbewegung, ausgehend von dem in Australien lebenden Philosophen Peter Singer. Noch sind die Tiere unserer willkürlichen, auch physischen Gewaltherrschaft ausgeliefert.

Es gibt aber auch Pflanzenrechte und Rechte der unbelebten Natur. Jeder Baum, jeder Berg hat sein Recht. Den indianischen Kulturen ist das selbstverständlich.

Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation hat zu der unabdingbaren Notwendigkeit geführt, dass das menschliche Bewusstsein im großen Stil, bei vielen Menschen seine Qualität verändere. Wenn wir nicht lernen, die Rechte der gesamten Natur zu achten, können wir auf dieser Erde nicht überleben.

Soweit die Notiz. Und am 4. September 1993 habe ich das folgende Gedicht verfasst, zu einem Ereignis, das mir damals sehr weh getan hat:

Der Nachbar
hat die große Pappel
in seinem Garten
fällen lassen.
Eine starke, freie Persönlichkeit
ist nicht mehr.
Ein Zentrum der göttlichen Strahlung
ist verschwunden.

Feedback von Chayya Schneider:

Ja, lieber Werner, genau so ist es! Wir sind alle EINS und jede Mücke, die leidet, spüren wir energetisch auch. Menschen, die „angeschlossen“ sind dem morphogenetischen Feld, fühlen das alles mit - die anderen sind eben zu und verschlossen.

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266. Wie Katzen zu Schülern wurden  -  19. Januar 2014

Am 24. September 1983 gelangte das Musical CATS im Theater an der Wien zur deutschsprachigen Erstaufführung. Gerhild, meine Frau, und ich haben es damals zweimal gesehen: einmal im Zuschauerraum und einmal auf der Bühne, wo auf beiden Seiten Zuschauertribünen aufgebaut waren.

Unsere Tochter Christiane war damals in der siebenten Klasse Gymnasium, und die Mädchen waren im Cats-Fieber. Im Frühjahr 1984 gab die siebente Klasse den Maturaklassen eine Vorstellung, wie es zum Abschied üblich war. Es traten aber nicht die Jellicle-Katzen auf, sondern die Polliple-Schüler. Katzen waren zu Schülern geworden. Der neue Text war von mir, in Anlehnung an den Text von Michael Kunze. Ich bringe ein Beispiel.
































Die Mädchen brüllten das mit Begeisterung in den Raum, in dem ihre Lehrerinnen und Lehrer saßen. Die Gender-Problematik, dass sie eigentlich keine Schüler, sondern Schülerinnen waren, spielte vor dreißig Jahren noch keine Rolle.

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265. Ich bin ein gottgläubiger Heide  -  15. Januar 2014

Als Gerhild, meine Frau, und ich heute mit dem Hund im Wald waren, kam es zu folgendem Gespräch zwischen uns:

Werner: Ich habe gestern im Qur’an gelesen, dass die Juden und Christen nicht über Ibrahim, also Abraham, streiten sollen, denn er lebte lang vor der Offenbarung der Tora und des Evangeliums. Er war ein gottgläubiger Heide, der zu Gott keine anderen Personen hinzufügte.

Gerhild: Ein gottgläubiger Heide bin ich auch.

Werner: Hast du nicht auch etwas mit Jesus von Nazaret zu tun?

Gerhild: Das kann ich nicht abstreiten, auch mit Maria. Aber die ganzen Dogmen lehne ich ab, besonders das Dogma von der Dreifaltigkeit.

Werner: Das lehne ich auch ab. Ich bin auch ein gottgläubiger Heide. Aber ich mag das Wort Heide nicht.

Sure 3,65-68 habe ich übrigens in der Übersetzung von Heinz Gstrein gelesen. Da lautet der Abschnitt so:

„Volk des Buches!
Warum streitet ihr über Ibrahim?
Tora und Evangelium wurden doch erst nach ihm herabgesandt?
Ja, ihr! Ihr möget streiten über Dinge,
über die ihr ein Wissen habt;
doch was streitet ihr über etwas,
worüber ihr kein Wissen habt!
Allah hat Wissen,
ihr habt kein Wissen!
Ibrahim war weder Jude noch Nazaräer,
er war vielmehr ein gottgläubiger Heide.
Er gehörte nicht zu denen,
die Gott (andere Wesen) beigesellen.
Mehr Recht auf Ibrahim haben die Menschen,
die ihm nachfolgen.“

Ich habe andere Übersetzungen der Sure 3 mit dieser verglichen. Dass Heinz Gstrein hier das Wort „Heide“ verwendet, ist nicht vertretbar. In den anderen Übersetzungen wird Abraham als ein Gott ergebener Hanif, also ein vorislamischer Monotheist, oder einfach als ein Muslim bezeichnet.

Ich bin ein Gott ergebener Muslim.

(Siehe auch: 179. Jeder Mensch ist von Natur aus Muslim.)

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264. Die Alternative zur EU  -  12. Januar 2014

Die APA berichtete gestern, dass der Gesetzesentwurf der Konservativen für ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft nach dem britischen Unterhaus nun auch das Oberhaus passiert hat. Trotzdem ist es noch möglich, dass die Opposition das Gesetz durch eine Reihe von Änderungsanträgen zu Fall bringt. Premierminister David Cameron will vor dem Referendum Kompetenzen nach London zurückholen.

Kompetenzen zurückholen klingt gut, denn die Entmündigung der demokratisch gewählten Regierungen durch die ohne Wahl ernannte Kommission schreitet voran, besonders was die Budgethoheit betrifft. Es geht jedoch nicht darum, Kompetenzen nach London zurückzuholen, sondern Kompetenzen in alle Mitgliedsländer der EU zurückzuholen.

Ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft klingt gut, denn das Primärrecht der EU hat das neoliberale Wirtschaftsmodell festgeschrieben. Außerdem forciert die EU die Aufrüstung und will in der weltweiten Durchsetzung ihrer egoistischen Interessen den USA gleichkommen. Die Abhaltung eines Referendums über die EU-Mitgliedschaft in Großbritannien könnte Beispielwirkung haben.

Die Politik der egoistischen Einzelinteressen kommt immer mehr ans Ende ihrer Möglichkeiten. Leider ist es nicht gesagt, dass diese Politik einen Wendepunkt erreicht, wenn London mehr Kompetenzen erhält oder sogar die EU verlässt.

Eine Alternative zur EU wird immer notwendiger, eine Alternative, die auf Partnerschaft zwischen den Ländern beruht. Damit sie zustande kommt, ist eine vielfache Änderung der politischen Gesinnung unverzichtbar.

(Siehe auch: 232. Quo vadis, EU?)

Ergänzung vom 25. Januar 2014:

Die APA meldete heute, dass das britische Oberhaus den Textvorschlag für die Frage zur Volksabstimmung am späten Freitag mehrheitlich abgelehnt hat. Der Vorgang wurde damit an das Unterhaus zurücküberwiesen, was das Verfahren erheblich verzögern dürfte. Das Oberhaus kam zu dem Schluss, dass die Formulierung der Referendumsfrage irreführend sei. Ein Alternativvorschlag wurde jedoch nicht unterbreitet.

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263. Die unverzeihliche Sünde  -  6. Januar 2014

Das Serapionstheater ist eine alte Liebe von mir, und so waren Gerhild und ich vorgestern im Wiener Odeon, das seit 25 Jahren die Spielstätte des Serapionstheaters ist und als ehemalige Getreidebörse über einen imposanten Stiegenaufgang und herrliche Säle verfügt. Die aktuelle Produktion heißt PaRaDiSo.

„Die Kunst bildet, als ein Kind der Freiheit, eine Brücke zwischen Materiellem und Geistigem und schafft somit eine Balance, einen Ausgleich zwischen diesen Gegensätzen. Das macht sie zu einem der letzten Paradiese im Leben der Menschen.“ (Aus der Beschreibung der Produktion auf der Website des Odeon.)

„Wo aber einem Menschen seine innere Freiheit genommen wird und dadurch die Möglichkeit der selbstständigen Beziehungen zur geistigen Welt, da beginnt bereits der Kampf gegen das, was die Religionen den Heiligen Geist nennen, und das ist eine Sünde, welche gegen die ganze Menschheitsentwicklung gerichtet ist und deshalb nicht verziehen werden kann.“ (Aus dem Programm von PaRaDiSo.)

Die Sünde gegen den Heiligen Geist wird im Matthäusevangelium (Mt 12, 31-32) als ein Ausspruch Jesu thematisiert. Ich bringe den Abschnitt in zwei Übersetzungen.

„Deshalb sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung des Geistes (= gegen den Geist) wird nicht vergeben werden. Auch wenn jemand ein Wort (= eine Schmähung) gegen den Menschensohn ausspricht, wird es ihm vergeben werden; wer aber gegen den heiligen Geist spricht, dem wird es weder in dieser Weltzeit noch in der künftigen vergeben werden.“ (Menge-Bibel.)

„Deshalb sage ich euch, jede Sünde und jede Gotteslästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Verleugnung der Geistkraft wird nicht vergeben werden. Allen, die mich ablehnen, wird vergeben werden, die jedoch die heilige Geistkraft verleugnen, denen wird nicht vergeben werden, weder in dieser Welt noch in der kommenden.“ (Bibel in gerechter Sprache.)

Es geht also um die Verleugnung der innersten Triebkraft, die die Welt zur Vollendung führt.

Solange ein Mensch auf der Erde lebt, kann er sich besinnen und die heilige Geistkraft als das erkennen und annehmen, was sie ist. In diesem Augenblick beginnt sie, sein Leben zu gestalten.

Wenn ein Mensch gestorben ist, beginnt die Aufarbeitung seines irdischen Daseins. Das ist ein Prozess, in dem seine Bindung an Raum und Zeit immer mehr zerfällt. Auch während dieses Prozesses kann er sich besinnen und die heilige Geistkraft als das erkennen und annehmen, was sie ist. In diesem Augenblick beginnt sie, alle Möglichkeiten zu gestalten, die er dann hat.

Dass die Sünde gegen die heilige Geistkraft unverzeihlich ist, bedeutet meiner Meinung nach, dass jeder Mensch an seine Verantwortung der heiligen Geistkraft gegenüber gebunden ist, dass niemand ihm diesen Prozess abnehmen kann, weder in dieser Welt noch in der kommenden.

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262. Frieden schließen  -  1. Januar 2014

Gestern war in Purkersdorf wieder einmal ein evangelischer „Altjahresgottesdienst in anderer Form“. An einem Teil des Abends konnten alle Anwesenden im Kirchenraum frei herumgehen. Es gab verschiedene Stationen, an denen man sein Leben in Rückblick und Ausblick betrachten konnte. Was mich besonders anzog, war ein kreisrundes Becken, mit Sand gefüllt, daneben dünne Kerzen, dazu ein Schild: „Meinen Dank bringe ich vor dich.“

Ich zündete eine Kerze an und steckte sie in den Sand. Ich empfand ganz stark Dankbarkeit, nur Dankbarkeit, für alles, was ist, so, wie es ist. Es kamen keine Wünsche und keine Klagen.

Die Kerzen brannten der Reihe nach herunter. Zum Teil verbogen sie sich durch die Hitze. Am Ende des Gottesdienstes brannte nur noch ein winzig kleiner Kerzenstummel in diesem Becken.

Ich empfand ganz intensiv, dass ich dabei bin, Frieden zu schließen. Ich in mir und mit allem, was ist, und mit allen Wesen. Wenn das viele Menschen machen, wird eine andere Welt entstehen.

Ich verabschiedete mich von dem Becken mit den drei Gesten, die ich in Zusammenhang mit dem Konzert entwickelt habe, das Devakant am 11. Dezember 2013 in Wien gegeben hat. Ich legte die Hände zum Namaste aneinander. Dann kreuzte ich sie über meiner Brust. Schließlich breitete ich die Arme aus.

Die drei Gesten bedeuten: Ich würdige die Buddha-Natur in allem, was ist. Ich nehme es in meine Liebe auf. Ich verbreite meine Liebe über die ganze Welt.

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261. Wie man sich verständigen kann  -  1. Januar 2014

In der Nacht von vorgestern auf gestern hatte ich einen Traum, in dem mir ein Zitat eines Jesuitenpaters mit slawischem Namen gezeigt wurde. Das Zitat lautete:

„Es gibt keine Verständigung über den Glauben,
aber es gibt eine Verständigung über die Liebe.“

Am Tag vor dem Traum hatte ich in „JA - die neue Kirchenzeitung“ von einem neuen vatikanischen Dokument mit dem Titel „Erziehung zum interkulturellen Dialog in der katholischen Schule - Zusammen leben für eine Zivilisation der Liebe“ gelesen.

Das geträumte Zitat gibt dazu einen treffenden Kommentar. Und ich werde dadurch an einen Satz erinnert, den ich früher einmal formuliert habe und der zu meinen Lebensleitlinien gehört:

„Ich glaube nichts und ich vertraue bedingungslos.“

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260. Das Leben neu setzen  -  30. Dezember 2013

In dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier ist die Rede von einem Buchautor, einem „melancholischen Mann, der die portugiesische Sprache neu hatte setzen wollen, weil sie in der alten Form so abgegriffen war.“ (S. 88.)

Letzten Endes muss man in jedem Augenblick des Lebens das Denken und Fühlen neu setzen. Warum also nicht die Sprache?

Braucht neues Denken und Fühlen nicht immer wieder ein erneuertes Sprechen?

Ist es nicht notwendig, immer wieder Masken abzulegen, Rollen fallen zu lassen? Man muss lernen, die Worte so zu setzen, dass Innen und Außen Hand in Hand gehen. Das Innere und Äußere der Worte und Sätze, das Innere und Äußere der Gedanken und Gefühle.

Damit Himmel und Erde einander berühren, damit sich das Irdische klärt. Wie sonst soll der Taumel der Vernichtung gestoppt werden, Mensch gegen Mensch, Mensch gegen Natur.

Jeder Mensch ist verantwortlich. Es müssen Gruppen entstehen, in denen es keinen Gruppenzwang mehr gibt, von denen keiner mehr ausgestoßen wird.

(Siehe auch: 259. Aus allen Rollen fallen.)

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259. Aus allen Rollen fallen  -  27. Dezember 2013

Am 29. Mai 1998 habe ich ein Gedicht geschrieben, das in der Fassung vom 9. Mai 2004 so lautet:

rollen

spielen

und

auf einmal

aus allen rollen

fallen

durch den rost

fallen

durch alle fallen

fallen

auf den grund

fallen

auf der erde

gehen
mit neuen augen

Dieses Gedicht ist in den letzten Tagen ganz stark in meine Erinnerung zurückgekommen und ich habe mir gedacht: „Nun verstehe ich es neu und tiefer.“

Ganz authentisch leben, jede Rolle vermeiden: Das gehört aufs Neue zu meinem permanenten Übungsprogramm.

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258. Das Lichtkreuz  -  18. Dezember 2013

Aus dem Meer von Leid und Elend - Leid von Menschen, von Tieren, von Pflanzen -, in dem die Erde immer mehr versinkt, wähle ich willkürlich zwei Beispiele aus.

1. Die Netzfrauen haben auf ihrer Website am 16. Dezember 2013 neue Berichte über Fukushima online gestellt. Unter der Überschrift „Die Retter werden zu Todgeweihten“ berichten sie:

Vom Flugzeugträger USS Ronald Reagan aus wurden im März 2011 dort Evakuierungseinsätze nach dem schweren Erdbeben und Tsunami unternommen. Die Besatzungsmitglieder retteten mit Sprüngen vom Schiff in den Ozean Menschen und sie tranken das Meerwasser nach dessen Entsalzen, verwendeten es zum Kochen und zum Duschen. Tepco und die japanische Regierung wussten, dass die erste Kernschmelze bereits fünf Stunden nach dem Erdbeben passiert war, doch sie informierten den Flugzeugträger nicht.

51 Crew-Mitglieder in ihren Mittzwanzigern leiden nun unter Schilddrüsenkrebs, Leukämie, rektalen und gynäkologischen Blutungen. Piloten mit ausgezeichnetem Sehvermögen haben jetzt Gehirntumore und erblinden.

2. Im Werkstatt-Blatt 4/2013 gibt es einen Bericht über den Einsatz von Veronika und Jussuf Windischer, ehrenamtlichen Mitarbeitern von Pax Christi, im von Israel besetzten Westjordanland. Das Ehepaar war von 15. April bis 15. Juli 2013 dort. Aus der Fülle der Untaten, mit denen sie dort konfrontiert wurden, greife ich nur Folgendes heraus:

„Erwachsene Männer sind oft den Tränen nahe, wenn sie mir zeigten, dass man Industrieabwässer in ihre Pflanzungen ableitete. Die Pflanzungen waren kaputt. Ein Hirte weidete seine Schafe auf seinen Feldern, den Siedlern war es zu nahe. Der 75-jährige Hirte wurde von hinten niedergeschlagen, man brach ihm beide Arme und den Fuß. Wir besuchten ihn nach der Attacke.“

„Dort, wo Palästinenser lebten, dort sind Militärgebiete, dort sind illegale Siedlungen, dort herrscht absolutes Siedlungs- und Bauverbot für Palästinenser - das ist die Area C. 67 % der Fläche Palästinas ist Area C. Die palästinensische Bevölkerung wurde vertrieben, das Gebiet steht unter der völligen Kontrolle der israelischen Verwaltung und der Armee (IDF). Dies ist ein klarer und anerkannter Bruch des Völkerrechts.“

Gerhild, meine Frau, sagt, sie lese solche Berichte nicht mehr, denn sie könne dort sowieso nicht helfen.

Ich lese sie trotzdem und denke dabei an das, was ich in meinem Buch „Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen“ im Kapitel „Der kosmische Jesus“ geschrieben habe:

Die Manichäer sprachen vom Jesus patibilis (wörtliche Übersetzung: vom empfindsamen Jesus), also vom Jesus, der überall im Kosmos vorhanden ist und mit allem mitempfindet. Und im Sinn eines strengen Dualismus sprachen sie vom Lichtkreuz, vom Licht, das in der Finsternis der Materie gekreuzigt ist und zur Auferste­hung strebt.

Ja, die Materie ist durchlichtet, und in der Nachfolge Jesu will ich immer mehr ein Teil der Durchlichtung sein. Dazu gehört, das alles zu wissen, mit jedem Leid, von dem man erfährt, mitzuempfinden und mitzufühlen, auch wenn man nur in seinem eigenen Lebensbereich aktiv werden kann.

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257. Menschensohn oder Mensch?  -  16. Dezember 2013

„Wir sind Kirche“ Deutschland gibt derzeit ausgezeichnete Adventkalenderblätter heraus (als Newsletter und online). Für die Bibelzitate wird dabei die Bibel in gerechter Sprache verwendet. Das Zitat für den 14. Dezember lautet:

„Ich sage euch, Elija ist schon gekommen, und die Leute haben ihn nicht erkannt, sondern ihm angetan, was sie wollten. Auch der Mensch wird durch sie leiden müssen.“ (Mt 17,12.)

Im Münchener Neuen Testament, das eine möglichst wörtliche Übersetzung bietet, lautet der Vers so:

„Ich sage euch aber: Elias kam schon, aber nicht erkannten sie ihn, sondern sie taten an ihm, was sie wollten; so wird auch der Sohn des Menschen leiden von ihnen.“

Nach dem Erlebnis auf dem Berg, wo Jesus verklärt wurde, geht er mit Petrus, Jakobus und Johannes wieder zu den anderen zurück, und er sagt ihnen nach der Bibel in gerechter Sprache:

„Erzählt niemand von der Erscheinung, bis der Mensch von den Toten auferstanden sein wird.“ (Mt 17,9.)

Derselbe Vers lautet im Münchener Neuen Testament:

„Zu keinem sprecht von dem Gesicht, bis dass der Sohn des Menschen aus Toten erweckt ist.“

Dann kommt die Frage nach dem Propheten Elija, und der Autor des Matthäusevangeliums fügt hinzu, dass die drei Jünger durch die Antwort Jesu verstanden, dass er von Johannes dem Täufer redete.

Das geläufige Verständnis sagt, dass sich Jesus hier schon als die eschatologische Gestalt des Menschensohns in Vollmacht zeigt. Doch „Sohn des Menschen“ kann auch einfach „Mensch“ bedeuten, und die Bibel in gerechter Sprache nimmt hier die zweite Bedeutung auf. Was kann ich daraus lernen?

Aus Mt 17,9: Wenn dir eine übersinnliche Erscheinung geschenkt wird, dann erzähle nicht gleich allen Menschen davon, sondern warte, bis du nicht mehr zu den „Toten“ gehörst, bis dich diese Erscheinung verlebendigt hat.

Aus Mt 17,12: Wenn du dem Propheten Elija und dem Messias Jesus nachfolgst, wirst auch du leiden müssen, psychisch oder sogar physisch.

Ergänzung vom 27. Dezember 2013:

Auch im koptischen Text des apokryphen Evangeliums der Maria gibt es einen Ausdruck, der mit Menschensohn oder Mensch übersetzt werden kann. In der von mir erarbeiteten Übersetzung lautet das so:

„Achtet darauf, dass euch niemand in die Irre führt, mit den Worten: „Seht hier!“ oder „Seht dort!“ Denn der Menschensohn [oder: das Kind der Menschheit] ist in euch. Geht ihm nach! Wer ihn [oder: es] sucht, wird ihn [oder: es] finden.“ (4.34-36.)

Die Formulierung „Kind der Menschheit“ ist abgeleitet von „child of true humanity“ (Karen L. King).

Wer das Kind der Menschheit in sich findet, kann feststellen, dass es ganz innig mit dem Menschensohn Jesus verbunden ist.

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256. Die zehnte Prophezeiung von Celestine  -  10. Dezember 2013

Nach dem Buch „Die Prophezeiungen von Celestine - Ein Abenteuer“ habe ich nun auch das Buch „Die zehnte Prophezeiung von Celestine“ gelesen. Die Bücher von James Redfield beruhen auf seiner Erfahrung als Therapeut. Wie ich hat auch er ein Modell entwickelt, um die Dinge verständlich zu machen, die über das rein Materielle hinausgehen. Es ist ein ganz anderes Modell als meines, und die Geschichte der zehnten Prophezeiung ist zum Teil mit fantastischen Erfahrungen verbunden. Trotzdem habe ich auch aus diesem Buch wieder viel gelernt, vor allem, was die Methodik betrifft.

Ich zitiere nun drei Stellen aus dem Buch, die in Dialogform verfasst sind.

1. „‚Mit anderen Worten’, warf ich ein, ‚gibt es deiner Meinung nach keine organisierte Verschwörung auf unserem Planeten und keine satanische Macht, der irgendein Mensch zum Opfer fallen kann.’
‚Absolut nicht. Es gibt nur die menschliche Angst und die bizarren Verhaltensformen, mit denen wir diese Angst abschütteln wollen … Und wenn wir manche Leute als von Grund auf böse bezeichnen, benutzen wir die Idee des Satanischen, um sie zu entmenschlichen und damit endgültig abschreiben zu können.’“ („Die zehnte Prophezeiung von Celestine“, S. 172/173.)

Dieses Zitat ist aus dem Kapitel „Eine innere Hölle“, das dem Phänomen des Bösen gewidmet ist. Es spricht sich gegen das aus, was uns lähmt, was uns dazu verleitet, zu sagen: „Es ist eh schon alles verloren, wir können nichts mehr machen.“

In meinem Buch „Jesus für alle - Die Abenteuer Gottes“ habe ich zwei Kapitel dem Phänomen des Bösen gewidmet. Es sind die Kapitel „Das Böse in der Welt“ und „Böses Tun im Namen des Guten“. Einen kurzen Abschnitt aus dem Kapitel „Das Böse in der Welt“ habe ich auf Video gesprochen. Wer will, kann sich das auf YouTube anschauen und anhören.

In meinen Ausführungen habe ich betont, dass es nur das böse Tun gibt, nicht den bösen Menschen. Daher tut es mir auch immer weh, wenn ich die Formel von den „Menschen guten Willens“ höre, eine Formulierung, die auf einer falschen Übersetzung aus dem Griechischen beruht (Lk 2,14) und mit einschließt, dass es „Menschen bösen Willens“, also durch und durch böswillige Menschen gebe.

James Redfield betont, dass es die Kräfte der Angst und die Kräfte der Liebe gibt und dass wir der Liebe zum Sieg verhelfen sollen. Das entspricht mir total.

2. „‚Du sprichst von Leuten, die in gewalttätige oder zerrüttete Familien hineingeboren werden, und dergleichen?’
‚Ja, … ich spreche von einer Umwelt, die so gestört, einengend und angsteinflößend ist, dass sie die gleiche Angst und Wut unaufhörlich hervorbringt, Generation für Generation. Wer in solche Situationen eintritt, hat sich mit Absicht und Klarheit dazu entschlossen.’
Die Vorstellung erschien mir zu weit hergeholt. ‚Warum sollten Seelen sich bewusst in derartigen Situationen inkarnieren?’
‚Weil sie fest von ihrer Stärke überzeugt sind und vorhaben, den Zyklus des Unheils zu durchbrechen und alle Beteiligten von ihren Schwächen zu heilen.’“ („Die zehnte Prophezeiung von Celestine“, S. 174/175.)

Auch dieses Zitat ist aus dem Kapitel „Eine innere Hölle“.

Für mich gibt es keinen Zweifel, dass wir alle schon leben, bevor wir auf der Erde geboren werden, dass wir präexistent sind. Besonders in meinem Buch „Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen“ habe ich das ausgeführt. Für James Redfield ist es außerdem so, dass jedes Wesen wiederholt auf der Erde geboren wird. Ich behandle die Frage der Wiedergeburt anders als James Redfield. Meine christliche, meine buddhistische, meine gesamte Lebenserfahrung führen mich dazu, diese Frage offen zu lassen.

Der Gedankengang, dass ich mir die Situation in meiner Geburtsfamilie bewusst ausgesucht habe, um die Fähigkeit der Heilung zu entfalten, ist für mich total plausibel. Vieles aus meiner Lebensgeschichte ergibt sonst keinen Sinn.

3. „‚Die Sache ist die, dass wir Gott bei einem wahren Gebet nicht zum Handeln auffordern, sondern umgekehrt. Gott teilt uns mit, an seiner Statt auf Erden einzugreifen, seinen Willen zu tun. Wir sind die Abgesandten der Gottesmacht auf diesem Planeten.’“ („Die zehnte Prophezeiung von Celestine“, S. 253.)

Diesem Zitat entspricht in meinen Schriften Folgendes: Immer wieder betone ich, dass Jesus nicht ein für alle Mal die ganze Welt erlöst hat, sodass wir uns bequem zurücklehnen können und nichts mehr zu tun brauchen. Im Gegenteil. Jesus hat uns einen Weg gebahnt. Es geht darum, ihm nachzufolgen, selbst diesen Weg einzuschlagen, jeder Mensch auf seine ganz persönliche Weise. Es ist ein großes Glück, ähnlich Gesinnte zu finden.

Ja, es ist ein großes Glück, auf der Erde geboren zu sein. Lassen wir diese Gelegenheit nicht ungenützt verstreichen.

Ergänzung vom 11. Dezember 2013:

„Wenn wir von unserer Angst befreit sind, befreit unser Dasein automatisch die anderen.“ (Nelson Mandela.)

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255. Die Prophezeiungen von Celestine und Jesus  -  28. November 2013

Vor ungefähr einem Jahr habe ich das Buch „Die Prophezeiungen von Celestine - Ein Abenteuer“ auf einem Flohmarkt erworben, zum Kilopreis. Und jetzt endlich habe ich dieses zwanzig Jahre alte Buch gelesen. In vielen Zügen wird in diesem Buch eine Weltsicht vertreten, die mit meiner kompatibel ist.

Das Buch hat neun Kapitel. In jedem Kapitel wird eine der Prophezeiungen behandelt. Fiktiv handelt es sich um Prophezeiungen der Maya. De facto stammen die Prophezeiungen vom Autor, James Redfield. Ich bringe ein Zitat aus dem letzten Kapitel, das der neunten Prophezeiung gewidmet ist.

„Sämtliche Religionen, so behauptet das Manuskript, versuchen die Verbindung zwischen der Menschheit und einer höheren Instanz herzustellen. Und alle Religionen sprechen von der göttlichen Wahrnehmung im Gläubigen selbst, eine Wahrnehmung, die uns erfüllt und uns zu etwas anderem, Besserem macht, als wir es sind. In dem Augenblick, als man Führer bestimmte und sie damit beauftragte, Gottes Willen den Menschen zu erklären, anstatt ihnen zu zeigen, wie sie den Weg dorthin finden können, wurde die Religion allerdings korrumpiert. Im Manuskript steht, dass irgendwann in der Geschichte ein Einzelner die exakte Art und Weise, sich mit der göttlichen Quelle zu verbinden, erfahren wird und so ein dauerndes Beispiel für die Möglichkeit dieser Verbindung gibt … Hat nicht Jesus genau dieses getan?“ („Die Prophezeiungen von Celestine“, S. 288/289.)

Das Logion 39 des Thomasevangeliums sagt: „Die Pharisäer und die Schriftgelehrten haben die Schlüssel zur Erkenntnis erhalten und haben sie versteckt. Sie sind selbst nicht hineingegangen und haben die, die hineingehen wollten, daran gehindert.“

Das Wort „Pharisaios“ im koptischen Text wird im Projekt Metalogos mit dem englischen Wort „dogmatists“ wieder­gegeben, was Dogmatiker, Rechthaber, Prinzipienreiter bedeutet.

Ist es nicht so bis auf den heutigen Tag, dass religiöse Führer dieser Versuchung erliegen?

Und Nachfolge Jesu, bedeutet das nicht, dass es unsere Aufgabe ist, so zu werden wie er? In meinem Buchmanuskript „Jesus aus dem Sand - Etüden zu den Evangelien des Thomas und der Maria“ habe ich das thematisiert.

In dem Evangelium der Maria (5.8) sagt Maria: „Ich, ich sah den Herrn in einer Vision.“

Die Seiten 11 bis 14 des Evangeliums fehlen. Niemand weiß, ob die verloren gegangenen Seiten auch die Vision enthalten. In meinem Buchmanuskript habe ich eine entsprechende Vision erfühlt, erdacht. Hier ist sie:

Du, nur du. Ich wage es nicht, „mein Du“ zu sagen. Ich habe dich gesehen, wie du über die Brücke kamst. Eigentlich hattest du kein menschliches Aussehen. Du hattest keinen Kopf, keinen Leib, keine Arme und Beine. Du warst voll Licht, in einer Fülle von Farben, auch in solchen Farben, die menschliche Augen nicht sehen können. Es waren strahlend helle und sehr dunkle Farben. Du hattest alle Dunkelheiten aufgenommen. Du kamst direkt auf mich zu.

Auf einmal sah ich viele Menschen. Ich sah, dass zwischen uns beiden und den anderen ein Graben war. Und ich sah, wie sich der Graben langsam mit Wasser füllte. Und ich wusste, dass die anderen zu uns gehörten. Sie versuchten, auf unsere Seite zu kommen. Aber sie schafften es nicht. In mir war die verzweifelte Frage, wie ich ihnen helfen könnte.

Da hörte ich deine Stimme tief in meinem Inneren. Sie sagte: „Geh zu ihnen.“ Und ich ging über das Wasser zu ihnen. Ich streckte meine Arme nach ihnen aus, aber sie sahen mich nicht. Doch ich wusste: Irgendwann, vielleicht nach Jahren, vielleicht nach Jahrhunderten, werden sie mich sehen. Und dann werden sie mit mir über das Wasser gehen.

Von dieser Vision bin ich tief berührt. Denn nun weiß ich, dass du viele rufst, so wie du mich gerufen hast.

Jesus ruft alle. Er ruft dich und mich. Und er sagt: „Komm, folge mir nach.“

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254. Am tiefsten Punkt des Strudels  -  25. November 2013

Vor einigen Tagen ist mir ein Erlebnis eingefallen, das viele Jahre zurückliegt. Ich schwamm zwischen Greifenstein und Kritzendorf die Donau hinunter. Dort, wo der sogenannte Durchstich einmündet, war ein starker Strudel. Ich geriet in den Strudel und er zog mich hinunter bis auf den Grund. Unten angekommen ging ich in die Hocke und stieß mich kräftig ab. Seitlich vom Strudel wurde ich wieder an die Oberfläche geschleudert und schwamm weiter.

Was kann ich aus diesem Erlebnis lernen?

  1.  Das ist eine gute Methode, um einem Strudel zu entkommen.
  2.  So kann man sich auch in Situationen verhalten, in denen man ganz down ist.
  3.  Das kann im Augenblick des Todes geschehen, wenn man sich konfrontiert.

Jeder Augenblick des Lebens ist neu, und auch der Übergang zum Leben nach dem Tod wird ganz neu sein.

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253. Papa ohne Hirn und Mama ohne Hirn  -  17. November 2013

Unseren Kindern habe ich gern Geschichten erzählt, wenn auf einer Wanderung der Weg kein Ende nehmen wollte, aber auch sonst. Für diese Geschichten habe ich eine Familie erfunden. Die Eltern nannte ich Papa ohne Hirn und Mama ohne Hirn. Die Tochter nannte ich Wurscht und den Sohn Egal. Es kam aber auch vor, dass die Kinder sagten: „Papa, erzähl mir eine Geschichte. Da soll vorkommen ein Regenschirm, ein Taschentuch und eine Brieftaube.“ Sie durften beliebige drei Gegenstände nennen.

Eine Geschichte des zweiten Typs habe ich vor circa zehn Jahren in mein Theaterstück „zeitspannen“ eingebaut. Die Geschichte geht so:

Vor vielen Jahren gingen einmal ein linker Fuß und ein rechter Fuß auf der Landstraße dahin. Der rechte Fuß war gut aufgelegt und trällerte ein Lied. Der linke Fuß wollte schon nicht mehr laufen und jammerte über die Steine, die ihn drückten. Da kamen sie zu einem Brunnen. „Hier wollen wir rasten!“ rief der linke Fuß und sprang fußüber ins Wasser hinein und der rechte Fuß sprang hinterdrein.

Dann saßen sie ganz erfrischt neben dem Brunnen, als ein Bauch daherkam. Der knurrte schon von Weitem und als er da war, sagte er: „Ich habe Hunger! Habt ihr etwas für mich?“

„Wir können dir nichts geben“, sagte der linke Fuß. „Wenn du etwas haben willst, musst du zu einer Hand gehen, nicht zu einem Fuß!“

Der rechte Fuß wollte aber doch gerne etwas hergeben und öffnete mit seinen Zehen den Sack und holte eine Tube heraus. „Wir haben Fußcreme! Magst du sie haben?“

„Nein!“ antwortete wütend der Bauch. „Fußcreme kann man doch nicht essen!“ Und knurrend ging er weiter.

Bald darauf kam ein Herz daher, das weinte und weinte, und als es da war, sagte es gar nichts.

„Was ist los mit dir?“ sagte mitleidig der rechte Fuß. Doch dann sah er es und erschrak: „Oh, du bist ja gebrochen!“

„Das trifft sich gut“, sagte der linke Fuß, „denn ich will nicht mehr laufen und wenn wir dich dabei haben, können wir einen Teppich anfordern.“

Der linke Fuß streckte sich und winkte mit den Zehen, und schon kam ein weißer Teppich herbeigeflogen, der hatte oben und unten ein rotes Kreuz. Als das der Bauch sah, kam er auch ganz schnell wieder herbei und sie kletterten auf den Teppich, der linke Fuß, der rechte Fuß, das Herz und der Bauch. Der Teppich flog mit ihnen in die Stadt zum Krankenhaus. Das Herz wurde in eine Nährlösung gelegt und wuchs wieder zusammen, und der Bauch fand in der Nähe eine kostenlose Küche für die armen Leute, da bekam er eine Suppe.

Der rechte Fuß und der linke Fuß gingen schnell nachhause und machten zusammen eine Fußcremeorgie. Und damit ist die Geschichte aus.

Wieso muss der Bauch Hunger leiden? Und wieso ist das Herz gebrochen? Und wie kann man über diese Umstände hinwegkommen? Im Theaterstück deute ich Erklärungen an, die ich hier nicht verrate, um die Fantasie nicht einzuengen.

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252. Der Klangschalenweg  -  11. November 2013

Zu Weihnachten 2011 habe ich eine Klangschale bekommen, die nach traditionellem Verfahren aus sieben verschiedenen Metallen in Nepal handgehämmert wurde. Sie hat einen ganz besonderen Klang und eine Zeit lang habe ich sie gern verwendet. Dann hat sie ein Dornröschendasein geführt. Als ich vor einiger Zeit das Buch „Bevor wir euch verlassen - Botschaften der Wale und Delfine an die Menschen“ von Patricia Cori las, hat mich das dazu geführt, die Klangschale wach zu küssen und aus ihrem Dornröschendasein zu befreien. Seither steht sie auf dem niedrigen Tischchen vor den Sitzgelegenheiten im Andachtsraum und neben ihr liegt das Buch „Alle meinen den einen Gott“ von Heinz Gstrein. Von diesem Buch habe ich in dem Baustein 251. Alle meinen den einen Gott berichtet. Jeden Tag bei der Morgenandacht schlage ich nun das Tagesevangelium in der Evangelien-Harmonie von Little Gidding auf und schaue nach, ob es einen Paralleltext aus den heiligen Schriften der anderen Religionen gibt, der mich anspricht.

Die Morgenandacht beginnt und endet mit dem Anschlagen der Klangschale und dem vertieften Hören auf sie. Es ist eine große Klangschale und ihre Schwingung ist nicht nur zu hören, sondern man kann sie mit dem ganzen Körper spüren. Und dieses Spüren endet nicht, wenn man den obertonreichen Klang nicht mehr hört. Das Schwingen geht weiter und führt meinen Körper, meine ganze Existenz in die Stille hinein.

Meine Klangschale steigert die Zentrierung und die Wachheit. Sie hat einen erweckenden Klang.

Wie oft habe ich früher beim Zazen den Ton einer kleinen Klangschale gehört! Im Dürckheim-Zentrum in Todtmoos-Rütte, im Haus der Stille bei Graz, bei Karl Obermayer in Wien, bei Heinrich Jahna in seinem japanischen Garten in der Hinterbrühl.

Vor circa zehn Jahren habe ich in der Schweiz an einem Klangschalenseminar von Marcel Kocaman teilgenommen. Er wurde in Nepal durch die Behandlung mit Klangschalen von einer schweren Krankheit geheilt und ist danach selbst zu einem Fachmann für Klangschalentherapie und Klangschalenmassage geworden. Bei einer Demonstration, die während des Seminars stattfand, lag ich am Rücken und auf meinem Körper wurden Klangschalen angeschlagen.

Alles das ist in mir lebendig geblieben.

Auf den Websites von Klangschalenfachleuten wird oft Hazrat Inayat Khan zitiert, der gesagt hat: „Wer das Geheimnis der Töne kennt, kennt das Mysterium des ganzen Weltalls.“

Ergänzung vom 12. Dezember 2013:

Gestern war ein Konzert mit Devakant in Wien. Die Übungen mit der Klangschale haben mich gut darauf vorbereitet. Ab dem zweiten, dritten Musikstück fiel mir auf, dass der Schlusston jeweils ein offenes Ende erschließt. Die Musik geht nach dem Ende weiter, unhörbar, aber ihr eigenes Wesen und das Wesen von Devakant übertragend. Die Musik, die den Kosmos konstituiert, hört niemals auf.

Nach dem letzten Musikstück, als alle applaudierten, hat Devakant uns gegenüber die Hände zum Namaste aneinandergelegt und dann über seiner Brust gekreuzt. Es ging von Herz zu Herz.

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251. Alle meinen den einen Gott  -  1. November 2013

Heute ist Allerheiligen, und das Tagesevangelium sind die Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium.

Der Titel des Bausteins 251 ist zugleich der Titel eines Buches: „Alle meinen den einen Gott - Lesungen aus den heiligen Büchern der Weltreligionen - Ausgewählt und übertragen von Heinz Gstrein“. Dieses Buch ist 1981 erschienen und ich konnte es vor einigen Wochen antiquarisch erwerben. Heinz Gstrein war der Gemeinschaft in Little Gidding verbunden. In diesem kleinen englischen Dorf gab es von 1626 bis 1657 eine anglikanische religiöse Gemeinschaft. Inspiriert von deren Spiritualität, wurde in den 1970er-Jahren in Little Gidding die Gemeinschaft von Christus dem Sämann gegründet, die bis 1998 bestand.

Die erste Gemeinschaft in Little Gidding hat eine Evangelienharmonie verfasst, einen durchlaufenden Bericht mit den Worten aller vier Evangelisten. Die Evangelienharmonie von Little Gidding hat 150 Kapitel. Jedem dieser Kapitel stellt Heinz Gstrein in seinem Buch ausgewählte Texte aus folgenden Religionen gegenüber: Judentum, Islam, die altpersische Religion Zarathustras, Hinduismus, Buddhismus, die Religion der Sikhs und Daoismus.

Das 40. Kapitel enthält die Auswahl der Zwölf und die Seligpreisungen nach Matthäus und Lukas. Ich zitiere nun einen Ausschnitt aus diesem Kapitel:

„(Lk) Selig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.
(Mt) Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.
(Lk) Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.
(Mt) Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.
(Lk) Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden.
(Mt) Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.
Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
Selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.
Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich.“

Heinz Gstrein stellt Texte aus dem Granth (dem heiligen Buch der Sikhs), aus dem „Evangelium“ Buddhas und aus dem Qur’an dazu. Als Beispiel bringe ich den Abschnitt XXIV,43 aus dem „Evangelium“ Buddhas.

Hart ist es, das zu begreifen: Die ihr eure Speise verschenkt, werdet gestärkt; die ihr eure Kleider anderen anlegt, werdet verschönt; die ihr eure Häuser zu Wohnungen von Reinheit und Wahrheit hergebt, gewinnt großen Reichtum.

Der Barmherzige ist es, den alle lieben. Seine Freundschaft wird hoch gepriesen. In Todestrauer wird Ruhe und Freude ihn erfüllen. Wenn er leidet, ist es nicht zur Strafe. Ihm öffnet sich die Knospe seines Lohns zur duftenden Blüte und reifen Frucht.

Das Buch von Heinz Gstrein liegt in unserem Andachtsraum bei der Klangschale. Es ist immer wieder eine Herausforderung, die verschiedenen Blickwinkel einzunehmen.

Gerhild, meine Frau, und ich machen von Zeit zu Zeit Eucharistiefeiern, ohne dass ein Priester oder zur Leitung Beauftragter anwesend ist. Dabei berufen wir uns nicht auf das allgemeine Priestertum aller Getauften, denn Jesus war kein Priester und wir fühlen uns bei ihm in guter Gesellschaft. Dabei können wir, wenn Heinz Gstrein eine passende Stelle bereithält, einen von ihm ausgewählten Text als erste Lesung vor der Lesung des Evangeliums verwenden.

(Siehe auch: 348. Glücklich oder verraten?.)

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