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BAUSTEIN 201 - 250

250. Die Menschheit im Mikrowellenherd vergessen  -  22. Oktober 2013

Mit diesen Worten endet ein Gedicht, das ich am 29. September 2001 geschrieben habe. Und im Jahr 2004 brachte die ZeitenSchrift einen Artikel mit folgendem Titel und Untertitel: "Erschwertes Überleben im globalen Mikrowellenherd - Lange bevor man mit der Mikrowelle für Küche und Handy Milliarden zu verdienen begann, waren die Gefahren dieser Technologie bekannt."

Die Handy-Problematik ist nicht Thema dieses Bausteins. Hier geht es mir um den Mikrowellenherd. Dass seine Verwendung unbedenklich ist, wird von vielen Quellen versichert. Trotzdem lässt mir das Thema keine Ruhe, ausgehend von einem Erlebnis, das ich vor zwei Wochen hatte. Gerhild, meine Frau, und ich waren zu Besorgungen in Wien unterwegs. In einem der stillen Durchgänge, die für Wien typisch sind, fanden wir ein vegetarisches Café, ein Lokal mit einer Atmosphäre von Ruhe und Liebe. Ich bestellte das Tagesmenü, ein ostasiatisches Eintopfgericht. Es kam mit viel Salat, war gut gewürzt und schmeckte wie tot. Es kam aus der Mikrowelle.

Die Auswirkungen von Mikrowellenherden wurden in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs und darauf aufbauend in Russland ab 1957 untersucht. Die Untersuchungen führten zu Verboten von Mikrowellenherden. Diese Verbote wurden später wieder aufgehoben. 1989 erarbeiteten zwei Schweizer Forscher (Bernard Blanc und Hans U. Hertel) eine Studie, die zu folgendem Ergebnis kam: "Nahrung, welche direkt oder indirekt mit Mikrowellen bestrahlt wird, verursacht im Blut von Menschen, die solche Nahrung aufnehmen, pathogene Veränderungen, wie sie bei einem beginnenden Krebsprozess der Fall sind."

Der Schweizerische Verband für Elektroapparate für Haushalt und Gewerbe klagte Hertel wegen Geschäftsschädigung ein. Hertel verlor 1993 und 1994 durch alle Schweizer Gerichtsinstanzen hindurch und wurde erst 1998 durch den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte vollständig rehabilitiert.

"Blutuntersuchungen von Teilnehmern der Studie bestätigten die Verschlechterung der Blutwerte nach dem Verzehr von Mikrowellennahrung. Bei den Teilnehmern, die Nahrung aus dem Mikrowellenofen gegessen hatten, zeigten sich bereits 15 Minuten nach der Nahrungseinnahme verschlechterte Erythrozyt-, Hämoglobin-, Hämatokrit- und Leukozyt-Werte. Diese Ergebnisse ähneln den Werten, die bei Blutarmut diagnostiziert werden." (Aus: "Mikrowellen schaden der Gesundheit", Zentrum der Gesundheit, 1. 4. 2008 / 10. 7. 2012.)

Diese Ergebnisse zeigten sich nicht nach einmaliger, sehr wohl aber nach wiederholter Einnahme von Gerichten, die im Mikrowellenherd erhitzt wurden.

Ein weiteres Beispiel: "In den letzten Jahren mehrten sich die wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Antioxidantien aus frischen und vitalstoffreichen Lebensmitteln unsere Gesundheit schützen. Die Mikrowelle jedoch zerstört gerade diese Antioxidantien umfassender als jede andere Erhitzungsmethode." (Aus: "Mikrowellenkost macht schwach", Zentrum der Gesundheit, 19. 8. 2011 / 10. 7. 2012.)

Und die Moral von der Geschichte? Man kann nicht in jedem Restaurant erwarten, dass keine Mikrowelle verwendet wird, aber zuhause kann man die Verwendung von Mikrowellenherden vermeiden.

Feedback von Petra Krotz:

Ich habe in meiner Schule (HBLA) gelernt, dass sich Eiweiß - bzw. die molekulare Struktur von Eiweiß - in der Mikrowelle verändert. Daher sollte man keine Milchprodukte oder auch Fleisch in der Mikrowelle wärmen. Das war jedoch schon von ca. 20 Jahren.

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249. Fukushima? Hoffnungslos, aber nicht ernst  -  15. Oktober 2013

Karl Kraus hat den Satz "Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos" in seiner Zeitschrift "Die Fackel" umgedreht und hat geschrieben: "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst". Damals ging es auf den Ersten Weltkrieg zu. Und seither sieht man diesen Satz als einen typischen Ausdruck österreichischer Mentalität.

Hundert Jahre später ist die Lage der Erde prekär geworden. Und Fukushima gefährdet die gesamte Menschheit. Aber leider ist der Satz "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst" zu einem typischen Ausdruck des Verhaltens fast aller Menschen geworden.

Harvey Wasserman veröffentlichte am 20. September 2013 einen Artikel bei Global Research. Dieser Artikel wurde von Fee Strieffler ins Deutsche übersetzt und bei den Netzfrauen online gestellt. Er hat den langen Titel: "Der gefährlichste Moment in der Geschichte der Menschheit: Bei der Sicherung der Brennelemente im Lagerbecken der Einheit 4 in Fukushima geht es um unser aller Überleben!”

Ich bringe einige markante Abschnitte aus dem Artikel:

"Die Fukushima-Eigentümerin, die Tokyo Electric (Tepco), hat mitgeteilt, dass sie in spätestens 60 Tagen den Versuch starten muss, mehr als 1.300 abgebrannte Brennelemente aus einem schwer beschädigten, leckenden Lagerbecken zu bergen, das sich 100 Fuß (30,5 m) über dem Erdboden befindet. Das Becken ruht auf einem stark beschädigten Gebäude, das sich zur Seite neigt und spätestens beim nächsten Erdbeben oder auch schon früher einzustürzen droht. Die rund 400 Tonnen wiegenden Brennelemente in diesem Becken könnten 15.000-mal mehr radioaktive Strahlung freisetzen als die Bombe von Hiroshima."

"Wir wissen, dass schon Tausende von Tonnen stark verstrahlten Kühlwassers im Atomkraftwerk Fukushima angefallen sind ... Tepco braucht ständig neues Wasser, um die drei geschmolzenen Reaktorkerne der Anlage zu kühlen. Große Mengen des verstrahlten Wassers wurden bis jetzt in rund 1.000 riesigen, aber wenig stabilen Tanks gesammelt, die schnell und über die gesamte Anlage verstreut errichtet wurden. Viele lecken bereits. Alle könnten bei einem weiteren Erdbeben auseinanderbrechen; dann würden sich Tausende von Tonnen langlebiger Gifte in den Pazifik ergießen."

"In einem größeren Sammellagerbecken, das nur 50 Meter von der Einheit 4 entfernt liegt, werden mehr als 6.000 weitere abgebrannte Brennelemente gekühlt. Einige davon enthalten Plutonium. Weil dieses große Becken keine sichere Überdachung hat, könnte beim Einsturz eines benachbarten Gebäudes, bei einem Erdbeben oder einem weiteren Tsunami sein gesamtes Kühlwasser auslaufen. Insgesamt sind mehr als 11.000 Brennelemente über die ganze Anlage in Fukushima verteilt." Von der Anlage in Fukushima könnte 85-mal so viel tödliches Cäsium freigesetzt werden wie bei der Katastrophe in Tschernobyl.

"Abgebrannte Brennelemente müssen unbedingt unter Wasser aufbewahrt werden. Die darin enthaltenen Brennstäbe sind mit einer Zirconium-Legierung ummantelt, die sich, wenn sie mit Luft in Berührung kommt, spontan entzündet ... Eine Feuersbrunst könnte das ganze Bedienungspersonal dazu zwingen, aus dem Kernkraftwerk zu fliehen und die havarierte Anlage unkontrolliert sich selbst zu überlassen." Die abgebrannten Brennstäbe aus dem Kern der Einheit 4 sind verbogen, beschädigt und so brüchig, dass sie zu zerbröckeln drohen.

"Mit Überwachungskameras wurde festgestellt, dass in dem beschädigten Kühlbecken bereits eine beunruhigende Menge von Bruchstücken liegt ... Wenn ... die Brennstäbe mit Luft in Berührung kommen, werden sie sich entzünden und Radioaktivität in unvorstellbarer Menge in die Atmosphäre freisetzen. Die Kühlwanne könnte auch zusammen mit den Brennelementen auf den Boden stürzen; der sich dort auftürmende, Radioaktivität abstrahlende Schuttberg könnte sogar explodieren. Die dabei entstehende radioaktive Wolke würde die Gesundheit und Sicherheit von uns allen bedrohen."

"Eine neue Kernschmelze in der Einheit 4 würde einen Jahrhunderte andauernden tödlichen Strom von Radioaktivität ausgießen." Der in Fukushima drohende gesamte radioaktive Fallout könnte weltweit die Umwelt und unsere Zivilisation zerstören. Es geht um das Überleben der Menschheit.

"Weder Tokyo Electric noch die Regierung Japans können dieses gewaltige Problem allein lösen. Wenn es versäumt wird, ein aus den besten Wissenschaftlern und Ingenieuren unseres Planeten bestehendes Team mit der Lösung des Problems zu beauftragen, ist das nicht zu entschuldigen. Es bleiben uns höchstens noch zwei Monate zum Handeln."

Daher hat Harvey Wasserman eine Petition gestartet, die an den Generalsekretär der Vereinten Nationen und an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gerichtet ist und in der die Weltgemeinschaft aufgefordert wird, durch die Vereinten Nationen die Kontrolle über die unglaublich gefährliche Aufgabe zu übernehmen, die abgebrannten Brennstäbe zu bergen, die sich bei der Einheit 4 in einem Becken 100 Fuß über dem Erdboden befinden. Diese Petition wurde bis zum 11. Oktober 2013 von 80.000 Personen unterschrieben.

In einer weiteren Petition wird die japanische Regierung aufgefordert, die Verantwortung für die Verhinderung der weiteren Kontaminierung des Pazifik zu übernehmen, nationale und internationale unabhängige Experten für die Lösung der Probleme einzusetzen und die Wiederaufnahme des Betriebs anderer Kernkraftwerke aufzuschieben.

Aus den heutigen Nachrichten: "Japan zittert vor einem der heftigsten Taifune der vergangenen Jahre. Wipha nimmt Kurs auf die Multimillionenstadt Tokio und die Atomruine von Fukushima. Schon bereitet sich deren Betreiber auf radioaktive Wassermassen vor." Der Artikel lässt keine adäquate Tätigkeit von Tepco erkennen. Der Taifun wird die japanische Hauptinsel morgen erreichen. (Nach einem Artikel in Focus Online vom 15. Oktober 2013.)

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248. Papst Franziskus und das innere Licht  -  7. Oktober 2013

Jorge Mario Bergoglio, der bis dahin Erzbischof von Buenos Aires war, wurde am 13. März 2013 zum Papst der römisch-katholischen Kirche gewählt. Am 1. Oktober 2013 erschien in der Zeitung La Repubblica ein von Eugenio Scalfari geführtes Interview mit ihm. Ich bringe den Ausschnitt des Interviews, der ein besonderes Erlebnis behandelt. (In der deutschen Übersetzung, die Die Welt am 4. Oktober 2013 veröffentlicht hat.)

"Eugenio Scalfari: Tragen Sie den Mystiker in sich?

Papst Franziskus: Ich bewundere die Mystiker. Auch Franziskus hat etwas von einem Mystiker. Ich glaube aber nicht, dass ich etwas von einem Mystiker habe. Man muss sich über die Bedeutung des Wortes vergewissern. Dem Mystiker gelingt es, das Tun, das wirklich Geschehene, die Ziele abzustreifen und sich so aufzurichten, dass er die Kommunion mit den Seligen erlangt. Das sind Momente von nur kurzer Dauer, sie erfüllen aber ein komplettes Leben.

Eugenio Scalfari: Ist Ihnen das schon einmal widerfahren?

Papst Franziskus: Sehr selten. Beispielsweise, als mich das Konklave zum Papst erwählte. Bevor ich die Wahl annahm, bat ich darum, mich für einige Minuten in den Raum neben dem Balkon, der auf den Petersplatz hinausführt, zurückziehen zu dürfen. Mein Kopf war komplett leer, mich hatte eine große Angst erfasst. Um sie vorbeiziehen zu lassen und mich zu beruhigen, schloss ich die Augen. Jeder Gedanke verschwand, auch derjenige, mich zu weigern das Amt anzunehmen. Dann durchdrang mich auf einmal ein helles Licht. Es dauerte nur einen Augenblick, aber mir erschien es unendlich lange. Dann erlosch das Licht, ich erhob mich und ging in das Zimmer, in dem die Kardinäle auf mich warteten. Ich unterschrieb, der Kardinal Camerlengo zeichnete gegen. Und auf dem Balkon erschallte 'Habemus Papam'."

Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Jorge Mario Bergoglio dieses innere Licht geschenkt worden ist, um ihn zu beauftragen. Jeder Mensch ist mit einem Auftrag hier auf der Erde. Die Momente, in denen man beschenkt wird, kommen immer überraschend, in der Stille, aber auch im Alltag. Sie führen zu Hingabe und Gewissheit.

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247. Der transzendent-immanente Gott  -  1. Oktober 2013

In meinen Bausteinen habe ich immer wieder etwas über den transzendenten, nicht aber über den immanenten Gott geschrieben. Ich habe zum Beispiel geschrieben:

Für mich ist Gott keine Person und er ist transzendent. Man kann nicht mit ihm verschmelzen. Man kann nichts über ihn sagen, außer dass er die Urliebe ist und uns immer neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnet, über alle unsere Vorstellungen von Zeit und Ewigkeit hinaus. (In: 195. Meine Arbeit mit den Bodhisattva-Gelübden.)

Das eigenste Innere der Menschen ist transzendent und es besteht in ihnen eine Bewegung, die sich dem transzendenten Gott oder Urgrund annähert. (In: 216. Der neue Mensch, die neue Welt.)

Ich habe gerade ein Buchmanuskript abgeschlossen. Der Titel ist: "Das Ende der Paradigmen - Spurensuche für eine neue Zeit". Das Einleitungskapitel, nach dem Vorwort, heißt: "Die Eucharistie als Lebensgefühl und Realität". Aus diesem Einleitungskapitel bringe ich nun einen kurzen Abschnitt:

Gott ist für mich der oder das Transzendente schlechthin. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, dass ein Mensch im Nirvāna oder in Gott aufgeht, weder im irdischen Leben noch nach dem Tod. Denn Gott ist die Quelle unfassbarer und niemals versiegender Liebe, die uns immer neue Horizonte bietet, über jegliches Verständnis von Zeit und Ewigkeit hinaus, in einem Leben, das durch den Tod radikal abgeschnitten wird und doch mit ihm nicht endet.

Und doch ist Gott auch der oder das Immanente schlechthin. Gott lebt in mir und in allem, was ist. In Gott fallen die Gegensätze zusammen, wie Nikolaus von Kues gesagt hat, und damit auch Transzendenz und Immanenz. Gott ist die Liebe. Gottes Liebe steht über Liebe und Hass.

Auch Jesus ist ein Mensch, der auf der Erde gelebt hat. Auch er verschwindet nach seiner Auferstehung nicht ununterscheidbar in Gott. Er entfaltet sich als die Wirkmacht Gottes im Universum. Alles, was existiert, hat er als seinen Leib angenommen. In allem, was existiert, strömt sein Blut. Das Strömen seines Blutes kann auch als das Strömen der Geistkraft Gottes gesehen werden. An allem, was geschieht, hat er Anteil, an jeder Freude und ganz besonders an jedem Leiden. Er ist nicht in der Welt permanent gekreuzigt. Aber er geht doch ganz besonders in die Tiefe eines jeden Leidens hinein, als der Heilende oder das heilende Prinzip, das keine Verzweiflung übrig lässt, wenn man sich ihm anvertraut.

Der kosmische Jesus löst die Hervorbringung von allem aus und treibt die Vollendung von allem voran. Er ist immer da, jetzt und hier. Er wird in und mit allem gequält, was gequält wird. Er wird in und mit allem befreit, was befreit wird. Und er ist selbst das befreiende Element.

Soweit das Zitat aus dem Einleitungskapitel. Wir, alle Menschen, sind aufgefordert, in der Nachfolge Jesu ein Teil des schöpferischen und des befreienden Elements zu werden. Dazu haben wir vielfältige Möglichkeiten. Es muss sich nicht jeder Mensch direkt auf Jesus berufen.

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246. Come, come, whosoever you are  - 21. September 2013

Die Singing Buddhas, zu denen ich in meiner Schweizer Zeit gehörte, laden zu ihren Veranstaltungen mit folgendem Satz ein: Come, come, whosoever you are ....

Dieser Satz entspricht meiner Lebenseinstellung seit mehr als vierzig Jahren. Als ich 1972 im Neuen Institutsgebäude der Universität Wien eine Ausstellung mit Vortrag über den Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry (heute Puducherry) und das internationale Siedlungs-Experiment Auroville organisierte, war es bereits meine Intention, dass jeder Mensch mit jedweder Weltanschauung willkommen ist.

Die rote Erde von Auroville. Ich hatte bei den ersten Aushubarbeiten für den Bau des Matrimandir, des Tempels der Mutter, mitgeholfen. Bei der Abreise hatte ich bereits Wurzeln geschlagen und musste meine Wurzeln schmerzhaft aus der roten Erde ziehen.

Die Singing Buddhas gehören zum Osho-Umfeld. Und von Osho kommt auch die Verwendung des Satzes, mit dem die Singing Buddhas einladen. Der Satz entspricht seiner Haltung den Menschen gegenüber. Unter dem Titel "Come, Come, Yet Again Come" wurden in einem Buch bzw. Audiobuch in 22 Kapiteln Fragen von Leuten und die Antworten Oshos zusammengefasst. Das erste Kapitel hat den Titel: "Whoever Knocks Is a Welcome Guest" ("Wer auch immer anklopft, ist ein willkommener Gast").

In diesem Kapitel sagt Osho zu einem Fragenden (in meiner Übersetzung): "Ich nehme dich an, mit totaler Liebe und völligem Respekt." Und er rezitiert ein Gedicht, das er dem persischen Mystiker und Dichter Rumi zuschreibt:

Come, come, whoever you are;
wanderer, worshipper, lover of learning ….
It does not matter.
Ours is not a caravan of despair.
Come, even if you have broken your vow a thousand times.
Come, come, yet again come.

In meiner Übersetzung aus dem Englischen:

Komm, komm, wer auch immer du bist;
als einer, der wandert, der anbetet, der es liebt zu lernen.
Es spielt keine Rolle.
Es ist uns nicht bestimmt, eine Karawane der Hoffnungslosigkeit zu sein.
Komm, selbst wenn du dein Gelübde tausendmal gebrochen hast.
Komm, komm, komm immer wieder.

Es ist wahrscheinlich, dass dieser Text nicht wirklich von Dschalaluddin Rumi ist. Er ist nicht in den frühesten Manuskripten, die Rumi zugeschrieben werden. Und man findet das Gedicht auch bei Abu Sa`id Abil Khayr, der zwei Jahrhunderte vor Rumi lebte. (Nach einer Konkordanz von Ibrahim Gamard, die bei Dar-Al-Masnavi veröffentlicht wurde.)

Der Text ist in verschiedenen Versionen bzw. Übersetzungen überliefert. Bei Dar-Al-Masnavi fand ich die folgende Übersetzung von Nevit Ergin:

Come again, please, come again, whoever you are.
Religious, infidel, heretic or pagan.
Even if you promised a hundred times
and a hundred times you broke your promise,
this door is not the door of hopelessness and frustration.
This door is open for everybody.
Come, come as you are.

In meiner Übersetzung aus dem Englischen:

Komm wieder, bitte komm wieder, wer auch immer du bist.
Religiös, ungläubig, häretisch oder heidnisch.
Selbst wenn du hundertmal etwas versprochen hast
und dein Versprechen hundertmal gebrochen hast,
dieses Tor ist nicht das Tor der Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung.
Dieses Tor ist für jedermann offen.
Komm, komm, so wie du bist.

So ist Gott. Und so entstehen die herrlichen Facetten des Diamanten, zu dem unser Leben geschliffen wird.

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245. Die drei Siebe  -  14. September 2013

Als Gerhild und ich vor ein paar Tagen im La‘Akea bei dem Singkreis mit Emy Berti waren, hing an der Wand eine Anekdote. In der Formulierung, die dort wiedergegeben ist, agiert der griechische Philosoph Sokrates, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte. Die Anekdote wird aber auch dem türkischen Geschichtenerzähler Mullah Nasruddin zugeschrieben, der vielleicht im 13./14. Jahrhundert lebte. Sie geht so:

DIE DREI SIEBE

Zu Sokrates kam einmal ein Mann. Er sagte: „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen.“

„Warte“, meinte Sokrates. „Hast du das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe geschüttet?“
„Welche Siebe meinst du?“, antwortete der Mann.

„Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Ist das, was du mir über meinen Freund erzählen willst, auch wahr?“, fragte der Philosoph.
„Ich weiß es nicht“, entgegnete der Mann, „ich habe es nur von anderen gehört.“

„Aber du hast das, was du mir erzählen willst, doch ganz bestimmt durch das zweite Sieb geprüft, durch das Sieb der Güte. Ist das, was du mir über meinen Freund sagen willst, etwas Gutes?“
Der Mann wurde unsicher. „Nein, etwas Gutes ist es nicht.“

„Aber bestimmt“, meinte Sokrates, „hast du doch das dritte Sieb benützt und geprüft, ob es nützlich ist, mir das von meinem Freund zu erzählen.“
„Nützlich? Eigentlich nicht“, gab der Besucher zu.

„Wenn das, was du mir über meinen Freund sagen willst, weder wahr, noch gut, noch nützlich ist, dann behalte es lieber für dich“, sagte Sokrates und er lächelte und ging seiner Wege.

Statt "nützlich" wird auch das Wort "notwendig" verwendet. In einer Variante der Geschichte, die vom Mullah Nasruddin erzählt wird, endet sie so:

„So dann“, lächelte der Mullah, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit."

Ich kannte diese Geschichte nicht und nahm sie mir gleich zu Herzen. Wenn ich etwas erzählen wollte, fragte ich mich: Geht es durch die drei Siebe?

Dann kam ich darauf, dass es nicht nur um das Weitererzählen geht. Ich fragte mich: Ist es überhaupt sinnvoll, das zu denken und zu fühlen? Wenn ich es nicht für sinnvoll halten konnte, ließ ich es gehen. Etwas gehen lassen, heißt nicht, es zu verdrängen! Und es ist notwendig, die inneren Stimmen zu unterscheiden. Es gibt die liebende Stimme im Innersten und es gibt boshafte Stimmen, die einen auf ihren engstirnigen Weg führen wollen.

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244. UniversalChant  -  4. September 2013

Ich habe UniversalChant im Oktober 2011 kennengelernt, als der Govinda Express ein Konzert in Wien gab. Gerhild und ich wussten davon, weil Veetkam, der Perkussionist, ein alter Freund von mir ist.

UniversalChant ist eine Initiative von Kavi, der (vor allem in Wien) Mantra-Konzerte, Kirtan-Abende und Workshops für internationale Künstler organisiert, "weil er die Glückseligkeit, die er durch das Singen erfahren hat, mit allen teilen möchte. Dies ist eine Einladung, gemeinsam zu singen, zu beten und zu tanzen."

"Die Mantra- und Kirtan-Abende basieren auf indischen Texten und deren Verschmelzung mit westlichen Rhythmen und Melodielinien. Es ist eine frohe, manchmal zarte – manchmal kraftvolle Musik. Alle unsere 'Konzerte' sind Mitsingkonzerte. WIR sind die EINE Stimme der neuen Zeit!"

Da ich nicht mehr in der Schweiz lebe und daher nicht mehr mit den Singing Buddhas singen kann, bin ich froh, dass es Kavi und seine Initiative gibt.

Gerhild und ich waren vorgestern auf Einladung von Kavi bei einem Singkreis mit Emy Berti. In der Einladung konnten wir lesen: "Die Italienerin mit der goldenen Stimme kommt wieder nach Wien. Wonnevolle Lieder der Hingabe und innige indische Gebete werden uns zum Thema unseres Lebens führen … Liebe!" Und wir wurden nicht enttäuscht.

Emy Berti begann den Abend, indem sie erklärte, dass wir nicht im Kopf bleiben, sondern den Kopf mit dem Herzen verbinden sollen. Und im Laufe des Abends wuchs die innere Präsenz und Gemeinsamkeit. Wir sangen einfache Mantras, die sich auf Brahmā, Vishnu, Shiva und Krishna bezogen, und jedes Mantra wurde oft wiederholt.

Das letzte Lied klingt in mir immer noch weiter. Es ist ein Lied, das ich auch gemeinsam mit den Singing Buddhas gesungen habe. Es hat folgenden Text:

        Govinda Hare Gopāla Hare
        He Prabhu Deena Dayala Hare

Nach dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren ist "Govinda" eine Anrede für Krishna, mit der zum Ausdruck gebracht wird, dass er der Kenner der Erde und der Sinne und der Beschützer der Kühe ist. Und "Gopala" ist ein Name für den jungen Krishna, als er unter den Kuhhirten lebte. Krishna wird übrigens als eine Inkarnation Vishnus angesehen.

Auf der CD "Motion of Devotion" der Singing Buddhas kann man im Begleittext zu dem Lied lesen: "'Prabhu' ist eine sehr süße und innige Art, 'Gott' zu sagen. 'Deena Dayala' ist der Aspekt des Göttlichen, der sich jenen mit Mitgefühl und Gnade zuwendet, die reinen Herzens seine Nähe suchen."

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243. Ich lebe wieder vegetarisch  -  2. September 2013

Ich lebte schon einmal vegetarisch, sieben Jahre lang, irgendwann in der Zeit von 1980 bis 1990. Ich begann als Ovo-Lacto-Vegetarier, ging weiter als Lacto-Vegetarier, wurde dann Veganer und endete bei der Sonnenkost (reine Rohkost). Als mir dies nicht mehr geheuer war, wechselte ich den Naturarzt. Beide waren übrigens Vollmediziner. Zu dieser Zeit hatte ich etwa 15 Kilo abgenommen. Als der neue Arzt zu mir sagte: „Sie sind ja schon mehr bei den Engerln [wienerisch für Engelchen] als bei uns auf der Erde!“, wusste ich: Nun ist es Zeit, damit aufzuhören. Aber in diesen Jahren hatte ich die verschiedensten Zustände von Dichte kennengelernt, von erdhaften bis zu ganz ätherischen, und meine Durchlässigkeit wurde erheblich gesteigert.

Chayya, eine Schweizer Freundin, setzt sich unermüdlich für die Tiere ein, indem sie auf Facebook deren Leid vor Augen führt und Tierrechte einfordert. Das hat bei mir innerlich viel bewegt.

Den letzten Anstoß hat mir vor Kurzem Lutz, ein Freund aus Deutschland, gegeben. In einer E-Mail schrieb er, er sei Vegetarier geworden, und wies auf einen Bericht hin, den die Schweizer Tierärztin Christiane Haupt über ihr Pflichtpraktikum an einem Schlachthof verfasst hat. Sie war gezwungen, dieses Praktikum zu absolvieren, um nicht fünf Studienjahre zu verlieren und ihre Zukunftspläne zu begraben. Ihr Bericht endet mit den Worten: "Irgendwann ist der letzte all dieser nicht endenwollenden Tage gekommen. Irgendwann halte ich die Praktikumsbestätigung in Händen, einen Papierwisch, teurer bezahlt, als ich je für irgend etwas bezahlt habe. Die Tür schließt sich, eine zaghafte Novembersonne geleitet mich über den kahlen Hof zum Bus. Schreie und Maschinenlärm werden leiser. Als ich die Straße überquere, biegt ein großer Viehtransporter mit Anhänger in die Zufahrt zum Schlachthof ein. Schweine auf zwei Etagen, dicht gedrängt. Ich gehe ohne einen Blick zurück, denn ich habe Zeugnis abgelegt, und jetzt will ich versuchen zu vergessen, um weiterleben zu können. Kämpfen mögen nun andere; mir haben sie in jenem Haus die Kraft dazu genommen, den Willen, die Lebensfreude, und sie gegen Schuld und lähmende Traurigkeit getauscht. Die Hölle ist unter uns, vieltausendfach, Tag für Tag. Eines aber bleibt immer, jedem von uns: Nein zu sagen. Nein, nein und abermals nein!" (Siehe: "Um eines kleinen Bissens Fleisches willen...".)

Und nun lebe ich wieder vegetarisch, ovo-lacto-vegetarisch. Gerhild, meine Frau, geht total liebevoll darauf ein. Die letzte Konsequenz, um die Tiere nicht zu missbrauchen, wäre es, vegan zu leben. Auskunft darüber gibt z.B. die Website von Dr.med. Ernst Walter Henrich (www.provegan.info). In seinem Vorwort schreibt er: "Die vegane Ernährung enthält keinerlei tierliche Bestandteile und ist, sofern richtig und abwechslungsreich durchgeführt, die gesündeste Ernährung und das Beste für Umwelt, Klima, Tiere und Menschen ... Die Ernährungsgewohnheiten der Industrienationen haben dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, auf den Klimawandel, auf die Umwelt insgesamt, auf das Schicksal der Tiere, auf das Schicksal von Millionen hungernder Menschen und auf den Hungertod von Millionen Kindern ... Wichtig ist zu wissen, dass die vegane Ernährung nicht einmal Askese oder wirklichen Verzicht, sondern Schlemmen pur bedeutet, wie die veganen Kochbücher und veganen Restaurants eindrucksvoll beweisen."

Der erste Schritt ist getan. Es ist der Schritt, der es erlaubt, auch im Urlaub in den Restaurants noch essen zu können. Wird es weitere Schritte geben? Nur in liebevoller Übereinstimmung mit Gerhild. Und mit Produkten aus dem eigenen Garten. Vor hoch verarbeitetem Soja und vor Fleischersatzprodukten aus der Seitan-Reihe wird man sich hüten müssen. Der Weg des historischen Buddha etwa ist ein Weg der Mitte, der alle Extreme meidet.

Feedback von Chayya Schneider:

Es ist mir eine große Freude, dass ich bei Dir etwas bewirken konnte, und ich danke Dir dafür im Namen der Tiere, deren Herzen - Dank Dir - weiterschlagen dürfen!

Was meine veganen Erfahrungen anbelangt - da müsste ich etwas mehr Zeit haben, um genauer zu schauen. Jedenfalls habe ich ganz tolle Blutwerte, bin präsenter, durchlässiger, feinfühliger, fühle mich "reiner" und vor allem habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn die süßen Kälbchen meine Hand lecken auf meinen Spaziergängen. Meist mit Tränen in den Augen gebe ich ihnen dann den Segen...

Ich habe bemerkt, dass die meisten Menschen unbewusst total Schuldgefühle haben, was sie da eigentlich machen. Sie ziehen einfach mit der Konditionierung mit, leben oberflächlich und verdrängen.

Was Veganismus anbelangt, sind da Statistiken von asiatischen Ländern, die besagen, dass dort anstatt jede achte Frau, wie bei uns, nur etwa jede 10.000ste Frau Brustkrebs hat, weil sie keine Molkereiprodukte essen. Dasselbe gilt für Prostatakrebs. Dass viiiiele Krankheiten durch den Fleischkonsum kommen, ist wohl kein Geheimnis mehr!  Die Natur wehrt sich... Das kann ja doch nicht sein, wie es ist!!!

Und - in der Bibel steht: Du sollst nicht töten. Es steht nicht: Du sollst keine Menschen töten!...

Ich wünsche Dir von Herzen wundervolle Erfahrungen und ein neues Erblühen!

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242. Was ist Liebe?  -  24. August 2013

Gestern gab es zwischen meiner Frau und mir folgenden Dialog:

Werner: Ich liebe dich.

Gerhild: Aus welchem Grund?

Werner: Dafür gibt es keinen Grund. Wenn es einen Grund gäbe, könnte der ja wegfallen und dann wäre vielleicht die Liebe zu Ende. Nur eine Liebe, die keinen Grund hat, besteht auf Dauer.

(Siehe auch: 149. Du bist mein Du - ich bin dein Mu.)

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241. Allāhu akbar  -  17. August 2013

Die Singing Buddhas, zu denen ich in meinen Schweizer Jahren gehört habe, singen Lieder aus vielen spirituellen Traditionen. Eines davon ist das folgende:

Allāhu akbar Allāhu akbar
Lā ilāha illā llāh
Allāhu akbar

Diese einfachen Zeilen werden immer wieder gesungen, wie auch in Taizé einfache Gesänge immer wieder gesungen werden. Sie gehören zum islamischen Gebetsruf.

"Allāhu akbar" bedeutet "Gott ist unvergleichlich groß".
"Lā ilāha illā llāh" bedeutet "Es gibt keinen Gott außer Gott".

Gestern Abend wollte ich Gerhild, meiner Frau, dieses Lied vorsingen. Da die Melodie des Anfangs sehr ähnlich einem anderen Lied ist, bin ich unversehens in dieses andere Lied gerutscht:

Ehre sei Gott in der Höhe
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede den Menschen
die guten Willens sind

Es tut mir jedes Mal weh, von den Menschen guten Willens zu hören.

In der Nacht, in der Jesus geboren wird, verkündet ein Engel den Hirten, den Verachteten, die keinen gesellschaftlichen Status haben, die Geburt des Messias. Und ein ganzes Heer von Engeln lobt Gott im griechischen Originaltext mit den folgenden Worten (Lk 2,14):

Δόξα ν ψίστοις θε κα π γς ερήνη ν νθρώποις εδοκίας

εδοκία (eudokia) ist hier im Genetiv. Dabei möchte ich bleiben, wenn es auch eine Textvariante gibt, bei der das Wort im Nominativ steht.

In der lateinischen Vulgata wird das so übersetzt:

Gloria in altissimis Deo et in terra pax in hominibus bonae voluntatis

Hier haben wir also die homines bonae voluntatis, die Menschen guten Willens.

Die wörtliche Übersetzung des Griechischen ist anders. Im Münchener Neuen Testament lautet sie so:

Herrlichkeit in (den) Höhen für Gott und auf (der) Erde Friede bei (den) Menschen (des) Wohlgefallens.

Friede bei den Menschen, die Gott gefallen? Auch damit bin ich nicht glücklich. Gott schließt niemand von seiner Liebe aus. Ein paar Verse vorher (Lk 2,10) sagt der Engel zu den Hirten:

Fürchtet euch nicht; denn siehe, ich verkünde euch große Freude, welche sein wird dem ganzen Volk.

In mir beginnt wieder das Lied zu singen: "Allāhu akbar ..."

Mouhanad Khorchide schreibt in seinem Buch "Islam ist Barmherzigkeit - Grundzüge einer modernen Religion": "Die islamische Formel Allāhu akbar ... bedeutet auf Deutsch 'Gott ist größer'. Die Formel sagt jedoch nicht größer als was ... [Sie] will uns sagen, dass Gott größer ist, als wir es uns vorstellen können. Egal wie man Gott denkt, Gott ist größer." Gott spielt nicht seine Allmacht aus, um uns für sich zu gewinnen. Er ist größer. Er ruft uns mit Liebe und Barmherzigkeit zu sich. "Auch wenn der Mensch sündigt, bleibt Gott dem Menschen zugewandt, denn seine Barmherzigkeit ist bedingungslos und absolut." (S. 64-65.)

Das ist mein Gott.

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240. Undogmatisches Christentum  -  16. August 2013

In meinem Buch "Jesus ohne Dogmen - Die christlichen Wahrheiten neu formuliert" komme ich ohne die metaphysischen, dem Hellenismus entstammenden Begriffe aus. Mit einer Ausnahme: Das Wort "Logos" kann man nicht umgehen. Jesus ist nach dem Johannesprolog das Mensch gewordene Wort Gottes. Wenn man das Verständnis des 1. Mose-Buches auf ihn anwendet, ist er das Sprechen Gottes, mit dem Gott alles schafft, erhält und verwandelt.

Ich habe eine Internet-Recherche mit dem Begriff "Undogmatisches Christentum" gemacht. Bereits auf der ersten Seite, unter den ersten zehn Ergebnissen, habe ich Folgendes gefunden:

Die Freien Christen für den Christus der Bergpredigt orientieren sich wie die Urchristen an der Bergpredigt. Nach ihrem Verständnis hat Jesus keine Kirche gegründet und haben die kirchlichen Institutionen seine Lehre verfälscht. Sie empfehlen die Internet-Zeitschrift "Der Theologe", die von einem ehemaligen lutherischen Pfarrer herausgegeben wird.

Die Website Freies Christentum weist auf den Bund für freies Christentum hin, der sich für eine persönlich verantwortete, undogmatische, weltoffene Form des christlichen Glaubens einsetzt und dem der interreligiöse Dialog ein besonderes Anliegen ist. Albert Schweitzer ist das bekannteste Mitglied des Bundes.

Nach einem Beitrag auf dieser Website unterscheidet Albert Einstein in seinem Artikel "Religion und Wissenschaft" drei Formen von Religion: die Furcht-Religion, die moralische Religion und die kosmische Religion. In dem Artikel sagt Einstein: "Die religiösen Genies aller Zeiten waren durch diese kosmische Religiosität ausgezeichnet, die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gedacht wäre."

"Göttliches Wirken offenbart sich, so Einstein, im Gesetz der Kausalität. Gott ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Es ist ein Gott, dem die Gesetze des Universums folgen müssen, nicht einer, der belohnt und straft." Das ist ein Gottesverständnis, das die Brücke von den abrahamitischen Religionen zum Buddhismus bildet.

Die kosmische Gemeinschaft derer, die sich mit allen Menschen und mit allen anderen Wesen im Kosmos verbunden weiß, "kann als Sauerteig wirken für eine friedlichere und gerechtere Welt. Sie ist konfessions- und religionsübergreifend." Wer ihr zugehört, "arbeitet ohne Berührungsängste mit anderen religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaften zusammen. Denn man kann sich in mehreren religiösen Gemeinschaften zu Hause zu fühlen."

Das Forum freier Christen ist eine Initiative für ein freies, anthroposophisch und sakramental vertieftes, überkonfessionelles Christ-Sein. Nach ihrem Verständnis hat das Urchristentum ein geschwisterliches, allgemein-priesterliches Christ-Sein und sakramentales Handeln praktiziert und ist ein solches heute und für die Zukunft wieder not-wendig.

"Das ist für uns ... ein konkreter, 'radikal-christlicher' Weg, frei, 'von unten', der sich tat- und liebevoll auf das Du, und damit auch auf die soziale und politische Welt, auf die ganze Schöpfung richten will."

Die diesen Weg gehen, wollen ihren Mitmenschen auch sakramental beistehen. Es werden Überlegungen zu einem über die Priester-Weihe hinausgehenden Sakrament der allgemeinen Christ-Weihe angestellt.

Zusammenfassend sage ich: Ich gehöre allen diesen Bestrebungen und nicht nur ihnen. In mir sind Elemente der römisch-katholischen Kirche, der evangelischen Kirche, mehrerer buddhistischer Richtungen.

In diesen Tagen lese ich das Buch "Islam ist Barmherzigkeit - Grundzüge einer modernen Religion" von Mouhanad Khorchide. In mir sind auch Elemente eines solchen Islams.

Ich gehöre der Menschheit.

(Siehe auch: 179. Jeder Mensch ist von Natur aus Muslim.)

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239. Aionios - ewig oder zeitlich?  -  5. August 2013

Das Münchener Neue Testament, das so griechisch wie möglich, so deutsch wie nötig übersetzt, übersetzt die Stellen, auf die es mir hier ankommt, wie folgt:

"Besser für dich ist es, hineinzugehen ins Leben als Krüppel oder Lahmer, als, zwei Hände oder zwei Füße habend, geworfen zu werden ins ewige Feuer." (Mt 18,8b.)

"Geht weg von mir, [ihr] Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitete für den Teufel und seine Engel." (Mt 25,41b.)

"Und weggehen werden diese zu ewiger Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben." (Mt 25,46.)

Hier spricht nicht Hass, sondern diese Formulierungen sollen die Menschen aufwecken, warnen.

Das griechische Wort, das jeweils mit "ewig" übersetzt wird, ist  αώνιος (aionios), zum Äon oder zu den Äonen gehörig. Im Langenscheidt Fremdwörterbuch finde ich für Äon die Bedeutungen "sehr langer Zeitraum, Zeitalter; Ewigkeit". Die Brockhaus Enzyklopädie macht mich allerdings darauf aufmerksam, dass die Bedeutung "Ewigkeit" im Sinn von "Zeit ohne Grenzen" zu verstehen ist.

Das Buch "The Vocabulary of the Greek Testament" (herausgegeben von James Hope Moulton und George Milligan) sagt bezüglich aionios: "In general, the word depicts that of which the horizon is not in view ..." ("Im Allgemeinen beschreibt das Wort dasjenige, von dem der Horizont nicht in Sicht ist ...")

Gelehrte haben die Verwendung von aion und aionios anhand von vielen Stellen in der Septuaginta und im Neuen Testament diskutiert. Darauf gehe ich in diesem Baustein nicht ein.

Was heißt "zeitlich"? Etwas dauert an in der Zeit, wie wir sie kennen, im Werden und Vergehen.

Was heißt "ewig"? Entweder: Etwas dauert zeitlich unbegrenzt an. Oder: Etwas hat mit Zeit nichts zu tun.

Die menschliche Existenz geht für mich über eine so verstandene Zeit und Ewigkeit hinaus. Nach dem Tod geht unsere Entwicklung weiter und wir werden langsam aus der Zeit herausgezogen. Wir müssen uns mit dem auseinandersetzen, was das irdische Leben war, und müssen alles mitnehmen und transformieren. Was war unser Körper? Was waren unsere Empfindungen und Gefühle? Was waren unsere Worte, unsere Taten und Unterlassungen? Was lernen wir daraus? Wir lernen auf der Erde und das Lernen geht nach dem Tod weiter.

Dabei können die Wesen, die als Menschen auf der Erde geboren wurden, in Höllen und Himmel geraten. Doch die höllischen Zustände sind endlich. Die himmlischen Zustände sind endlich.

Es gibt keine "ewige Hölle". Was wäre das für ein Horrorsystem, in dem eine zeitliche Untat eine ewige Strafe zur Folge hätte. Und wir können auch anders denken als im Sinn von Belohnung und Bestrafung.

Es gibt keinen "ewigen Himmel". Was wäre das für ein Horror, in einer endlosen Idylle zu leben, in der die Geretteten zusammen mit Gott unter sich sind.

Durch Jesus und in Jesus haben wir die Nähe zu Gott. Das entspricht meiner Erfahrung.

Wenn wir mit der Verarbeitung unserer irdischen Existenz fertig sind, sind wir die Auferstandenen. Dann stehen wir vor der Fülle neuer Möglichkeiten, für uns, für alle, für alles.

Ob wir mehr als einmal auf der Erde geboren werden, lasse ich offen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:

Erste Möglichkeit: Wir stehen die Verarbeitung unserer irdischen Existenz nicht durch. Dann agieren wir vielleicht als lästige Geister, die das, womit sie sich nicht selbst konfrontieren wollen, auf der Erde lebenden Menschen aufzudrängen versuchen. Oder dann werden wir wiedergeboren, in einer irdischen Existenz, die uns das, was wir lernen sollen, erneut vor Augen führt.

Zweite Möglichkeit: Wir werden zu Auferstandenen und werden doch wieder auf der Erde geboren, als liebende Bodhisattvas, die anderen helfen.

Und ich selbst? Ob ich einmal oder öfter geboren werde, der Sinn meines Lebens kann nur sein, in der Nachfolge Jesu Gott zu gehören und der Menschheit und dem Kosmos. Aus dem, was ich unabhängig von Zeit und Ewigkeit bin, in die Zeit hinein zu wirken, und letzten Endes in alle Zeiten. Immer neue Überraschungen zu erleben, immer neue Horizonte aufmachen zu helfen, von der Wirklichkeit her, die der Buddhismus Nirvāna nennt.

Was ist unser Ziel? Niemand wird definitiv nur um sich selbst kreisen. Niemand wird sich definitiv der Liebe verschließen.

(Siehe auch: 213. Und wieder Karma.)

Feedback von Wilhelm Gatzen:

Zeit und Ewigkeit, was ist das?

Für mich als Physiker ist die Zeit eine der vier Dimensionen der Raumzeit. Materie (und Energie im physikalischen Sinne) sind in mathematischer Formel in vierdimensionaler Raumzeit verknüpft. Die Verknüpfung ist untrennbar. Raum und Zeit gibt es ohne Materie nicht. Das ist nicht anschaulich vorstellbar. Eine Definition von Zeit in Worten gibt es nicht. So soll Einstein gegen Ende seines Lebens gesagt haben: "Jetzt habe ich so lange über Raum und Zeit nachgedacht und mir fällt nichts Besseres ein als: 'Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.'"

Die Zeit, in der wir leben, begann vor rund 13,5 Milliarden Jahren mit dem Urknall oder Big Bang. Da hat nichts geknallt! Urknall ist nur eine Arbeitsbezeichnung für den Vorgang des Anfangs des Universums. Wir wissen immer noch nicht brauchbar, was da eigentlich geschehen ist. Von diesem Ereignis an schreitet die Zeit in die Zukunft fort.

Es gibt Spekulationen unter den Astrophysikern, wie das denn mit Materie und Zeit und Raum weitergehen könne. Aber das sind nur Spekulationen.

Ewigkeit als unendliche Zeit zu definieren, geht nicht. Denn die Zeit hat im Urknall offensichtlich einen Anfang.

Die Menschen machen bis heute aber einen gravierenden Fehler: Sie missachten das Bilderverbot in Dtn 5,8 und Dtn 4,16-18 oder Ex 20,4. In moderner Sprache könnte man das zusammenfassen als: Du sollst Dir von Gott und dem Himmel und den Engeln und vom Teufel und der Hölle kein Bild machen, das irgendjemandem oder irgendetwas gleicht, das es hier auf dem Planeten Erde gibt.

Zudem muss ich als Physiker sagen: Unser Gott hat keine materiellen Bestandteile; er besteht auch nicht zum Teil aus Atomen und Molekülen. Wenn das nämlich so wäre, dann könnten wir eben diese Materie einsammeln und mit einer Rakete in die Tiefen des Weltraums schicken. Dann wären wir Gott los! Weil aber Gott nicht aus Materie besteht, lebt er außerhalb der Zeit.

Anmerkung vom 8. August 2013:

In meinem Buch "Vom Tod zum Leben - Ein Buch für das Leben und den Tod aller Wesen" behandle ich im Kapitel "Der präexistente Kosmos" die Urknalltheorie und alternative Theorien. Eine dieser Theorien postuliert, dass Zeit keinen Beginn und kein Ende hat.

Ich schreibe dort (hier gekürzt):

Im Stadium der Präexistenz existiert der Kosmos im heutigen Sinn nicht. Daher kann die Frage, wie er entstanden ist, nur so beantwortet werden, dass er aus nichts (an Material) bzw. aus dem Nichts (als philosophische Größe) entstanden ist. Das Nichts kann man auch als die vollkommene Stille ansehen, in der die Sphärenmusik nicht erklingt. Solche Stille füllt keinen Raum und erstreckt sich in keiner Zeit, denn Raum und Zeit gibt es in diesem Stadium nicht.

Es kann nicht beschrieben werden, wie das geschieht, doch auf einmal öffnet sich der Raum, fließt die Zeit, ist der erste zarte Ton der Sphärenmusik da. Wie merkwürdig, dass man das als einen großen Knall oder Krach (Big Bang = Urknall) bezeichnet.

Ich beende das Kapitel mit den Worten (gekürzt):

Die Präexistenz des Kosmos ist das Nichts und die absolute Stille. Diese nicht beweisbare Aussage trifft meiner Meinung nach zu, unabhängig davon, ob man eine unendliche Zeit annimmt oder nicht. Denn auch eine unendliche Zeit kann nur aus dem Untergrund des Nichts hervortreten oder emporgehoben werden.

Und vergessen wir nicht, was Karl Popper betonte: Es gibt keine empirische Verifikation einer physikalischen Theorie. Alles, was die empirische Wissenschaft erreichen kann, ist die Falsifikation von physikalischen Theorien. Alle physikalischen Theorien, die wir entwerfen, sind falsch verglichen mit der Gesamtheit der beobachtbaren physikalischen Wirklichkeit. Daher müssen alle physikalischen Theorien falsifizierbar sein.

Anmerkung vom 22. August 2013:

Mouhanad Khorchide entwickelt in seinem beispielhaften Buch "Islam ist Barmherzigkeit - Grundzüge einer modernen Religion" eine Erklärung der Frage der Hölle, die mit meiner kompatibel ist. Für ihn ist Gott Barmherzigkeit und Liebe. Die Vorstellung von einem belohnenden und bestrafenden Gott wird für ihn Gott nicht gerecht. Gott geht jedem Menschen immer nach und gibt ihm Eingebungen für den rechten Weg. Sollte der Mensch sich immerzu Gott verweigern, bis zu seinem Tod, so geht ihm Gott nach dem Tod weiterhin nach. Das menschliche Leben - vor und nach dem Tod - ist ein Prozess der Transformation. Bei beharrlicher Verweigerung führt dieser Prozess durch Zustände der Hölle.

"Der Koran relativiert an mehreren Stellen die Dauer des Aufenthalts in der Hölle, so heißt es z.B. in Sure 78, Vers 23: "Sie verweilen darin [in der Hölle] für lange Zeit", oder: "Die Hölle ist euer Verdienst. Verweilt darin auf ewig, es sei denn, Gott will es anders" (Koran 6,128); ich verwende hier das Wort 'ewig', weil dies so in allen Übersetzungen wiedergegeben wird, obwohl das arabische Wort ālid 'lange Zeit' und nicht 'ewig' bedeutet." (S. 56.)

"Einer der bekanntesten Gelehrten der islamischen Tradition, Ibn Quayyim al-Ǧawziyya (gest. 1350 n. Chr.), war ebenfalls der Auffassung, dass der Aufenthalt in der Hölle keineswegs ewig sei, irgendwann würde sie leer werden." (S. 57.)

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238. Guten Morgen, Menschheit  -  1. August 2013

Martin Luther hat den Menschen die Freiheit von kirchlichen Amtsautoritäten vor Augen gestellt. Er sagte, Jesus allein solle die Menschen leiten und ihre Beschäftigung mit der Bibel könne ihnen alles zeigen, was zu einem guten und heilsamen Leben gehört.

Darüber gehe ich hinaus.

Eine meiner Lebensleitlinien ist der Satz: "Selber schauen, selber denken, selber leben." Mit "Selber schauen" ist Schauen in jeder Hinsicht gemeint und durchaus auch das übersinnliche Schauen. Wer sich von gechannelten Botschaften abhängig macht oder davon, was sogenannte Eingeweihte sagen, bleibt ja wieder an Autoritäten hängen, anstatt selber zu schauen, selber zu denken, selber zu leben.

Jesus verkörpert den Sauerteig, der den Teig der Erde durchwirkt, wie niemand sonst. Selbst immer mehr ein Teil dieses Sauerteigs zu werden, ist das eigentliche, erfüllende, glücklichmachende Leben. Die Natur ist eine unvergleichliche Lehrmeisterin, wenn man ihre Aspekte nicht isoliert. Biblische und apokryphe Schriften teilen Wesentliches mit, aber nur, wenn man sie von seinem eigenen Inneren her gestaltet.

Wenn Menschen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen, wenn sie es wagen, den Tendenzen, die in den Abgrund ziehen, zu widerstehen, dann kann sich Bitterkeit auflösen, dann können Verletzungen vieler einzelner Wesen und ganzer Völker, menschlicher und nichtmenschlicher, geheilt werden. Wenn sie es wagen, wenn sie die Gefährdung ihrer Existenz nicht scheuen, wenn sie den Strom der unermesslichen Liebe überall hinleiten.

Dann kann das geschehen, wozu die Menschheit da ist.

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237. Kirchenaustritt: Ja oder Nein?  -  1. August 2013

Kirchenaustritt ist für mich nichts Neues. Am 20. Januar 1972 trat ich zum ersten Mal aus der römisch-katholischen Kirche aus. Ein halbes Jahr vorher hatte ich mit Frau und zwei kleinen Kindern sechs Wochen im Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry (heute Puducherry) verbracht, zu einer Zeit, als die Mutter (Mira Alfassa) noch lebte. Am 23. Februar 1977 wurde ich in Wien wieder in die Kirche aufgenommen. Vorher hatte ich das Buch von Rudolf Steiner über das Johannes-Evangelium gelesen und einschneidende innere Erlebnisse gehabt.

Am 17. Februar 1997 trat ich zum zweiten Mal aus der römisch-katholischen Kirche aus, nachdem sie mir mehr und mehr fremd geworden war. Als sich in meiner Schweizer Zeit in meinem Leben Grundlegendes geordnet hatte, trat ich am 6. Dezember 2004 in Bern wieder in die Kirche ein.

Seither habe ich mich massiv mit dem Christentum auseinandergesetzt. Auch meine frühere Beschäftigung mit Buddhismus und Daoismus habe ich wieder aufgenommen. Tausende Seiten von Büchern sind entstanden, die zum Großteil veröffentlicht worden sind. Auch die Bausteine gehören zu meiner Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens.

Meine Frau und ich gehören zur römisch-katholischen und auch zur evangelischen Pfarrgemeinde in Pressbaum, wo wir jetzt leben. Wir besuchen die evangelischen Gottesdienste mit Abendmahl genauso wie die katholischen. Auch in der altkatholischen Gemeinde in Wien 15 werden wir gerne als Gäste aufgenommen. Außerdem sind wir Mitglieder der Plattform "Wir sind Kirche" Österreich, eines Vereins zur Förderung von Reformen in der römisch-katholischen Kirche.

Eine ganze Reihe von christlichen Gebeten habe ich neu bearbeitet. Dazu gehören insbesondere das Apostolische Glaubensbekenntnis und das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, denn die traditionellen dogmatischen Formulierungen der Glaubensbekenntnisse sind für mich nicht mehr akzeptabel. Das hat vor allem die Arbeit an meinem Buch "Jesus ohne Dogmen - Die christlichen Wahrheiten neu formuliert" bewirkt. In diesem Buch habe ich eine Sicht auf Jesus entwickelt, die frei von allen Dogmen ist.

Immer wieder feiern meine Frau und ich zuhause einen Gottesdienst mit Abendmahl, ohne dass ein Amtsträger irgendeiner Kirche anwesend ist. Im Mittelpunkt dieser Gottesdienste steht ein Hochgebet, das ich in freier Umgestaltung des zweiten Hochgebets der römisch-katholischen Kirche formuliert habe. Solche Eucharistiefeiern sind keinen kirchlichen Zwängen unterworfen. Sie sind allen Christinnen und Christen und darüber hinaus allen Menschen zugänglich, die das Bedürfnis haben, daran teilzunehmen. Je mehr solche Feiern stattfinden, umso mehr wird ein ganz neues Kapitel in der Geschichte der Religionen aufgeschlagen. Zu den Feiern von Gerhild und mir kommen aber bisher nur selten andere Menschen. Das liegt vor allem an der jahrhundertealten, um nicht zu sagen jahrtausendealten Einschüchterung der Menschen durch die sogenannte Orthodoxie.

Jesus von Nazaret ist für mich von zentraler Bedeutung für das Weltgeschehen vom Beginn bis zum Ende aller Zeiten. Eine meiner Lebensleitlinien ist jedoch der Satz geworden: "Ich glaube nichts und ich vertraue bedingungslos." Und alle Machtansprüche der römisch-katholischen Kirche oder anderer Kirchen lehne ich konsequent ab.

Ich gehöre keiner Kirche, keiner Institution, keinem Apparat mehr. Bis zum heutigen Tag sehe ich das nicht als Grund, zum dritten und letzten Mal auszutreten.

Ich gehöre der Menschheit.

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236. Der Hund mit den Haifischzähnen  -  1. August 2013

Vor einigen Tagen hatte ich einen eindringlichen Traum. Ein Mensch und ich bildeten ein Team. Ein untersetzter, bulldoggenartiger Hund kam herbei. Er hatte ein furchtbares Gebiss, wie ein Haifisch. Er verbiss sich in einen Körperteil des Menschen. Doch letzten Endes schafften wir es, uns von dem Hund zu befreien.

"Mit Entsetzen verfolgen wir die absolut unverhältnismäßige Entscheidung der österreichischen Asylbehörden und der zuständigen Innenministerin, wonach acht pakistanische Asylwerber, die im Flüchtlingscamp vor und in der Votivkirche in Wien aktiv waren, nun in ihren Verfolgerstaat Pakistan abgeschoben werden."

"Jeder halbwegs objektive Beobachter weiß, dass die Abgeschobenen dort massive Bedrohung bis hin zum Mord erwartet. Der österreichische Rechtsstaat zeigt sich in dieser Angelegenheit von seiner hässlichsten Seite." (SOS-Mitmensch Burgenland.)

"Laut dem Wiener Polizeipräsidenten Gerhard Pürstl sind acht pakistanische Männer aus dem Wiener Servitenkloster bereits abgeschoben worden ... Der Polizeipräsident betonte, dass die Polizei lediglich die Entscheidungen der unabhängigen Gerichte (über die einzelnen Asylanträge) exekutiere." (Der Standard, 30. Juli 2013.)

"Die Regierung von Australien hat eine gigantische Kohlemine genehmigt, deren Emissionen das Weltnaturerbe Great Barrier Reef gefährden könnten ... Ab 2015 wollen der indische Konzern GVK und sein australischer Partner Hancock Coal im Bundesstaat Queensland jährlich bis zu 30 Millionen Tonnen Kohle fördern." (News auf orf.at, 23. August 2012.)

"Das Great Barrier Reef ist der größte lebende Organismus der Erde. Ein Viertel aller in den Weltmeeren vorkommenden Arten sind dort zuhause. Doch seit Jahren stirbt das Riff langsam ab. In den letzten drei Jahrzehnten hat es die Hälfte seiner Korallen verloren und das mit zunehmender Geschwindigkeit."

"Und dennoch plant die Bergbauindustrie riesige neue Häfen in einer Anlage namens Abbot Point im Nordosten Australiens (direkt am Great Barrier Reef). Dies soll den weltweiten Export der abgebauten Kohle erleichtern." (Avaaz, 26. Juli 2013.)

Weitere Beispiele gefällig? Es gibt hunderte.

Für viele Juristen und Juristinnen geht es nicht mehr um die Menschen, sondern um die Paragraphen.

Für viele Manager und Managerinnen geht es nicht mehr um die Menschen und die anderen Wesen der Erde, sondern um die Kosten und den Gewinn.

Für viele Politiker und Politikerinnen geht es nicht mehr um die Menschen und die anderen Wesen der Erde, sondern um die Paragraphen und die Kosten und den Gewinn.

Hat sie alle der Hund mit den Haifischzähnen gebissen?

Vor einigen Tagen hatte ich einen eindringlichen Traum. Ein Mensch und ich bildeten ein Team. Ein untersetzter, bulldoggenartiger Hund kam herbei. Er hatte ein furchtbares Gebiss, wie ein Haifisch. Er verbiss sich in einen Körperteil des Menschen. Doch letzten Endes schafften wir es, uns von dem Hund zu befreien.

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235. Lasst den Amboss klingen  -  16. Juli 2013

Urlaubstage in Diex, in Kärnten, in 1160 Meter Höhe, mit Gerhild, meiner Frau. In mir klingt noch das Lied nach, das die Singgemeinschaft im Nebenraum gesungen hat, als wir im Gasthof beim Abendessen saßen. Im Inneren höre ich auch noch das helle Klingen der Schieferplatten, die in diesen Tagen auf das Dach der Wehrkirche genagelt werden, von einem Team von Spezialisten, die wie Bergsteiger angeseilt sind und kein Gerüst brauchen.

Rund um die Wehrkirche liegt der Friedhof. Vorne auf einem der Gräber steht ein Amboss. Und darüber ist ein Gedicht angebracht. Ich bringe die erste Strophe:

"Wenn meine letzte Stunde schlägt,
dann lasst den Amboss klingen.
Sein helles Lied mich leichter trägt
hinaus auf seinen Schwingen."

Hier ist ein Schmied begraben, und ich stelle mir vor, wie ein Amboss hinter seinem Sarg hergerollt wurde und wie ein Hammer diesen Amboss zum hellen Klingen brachte, an das Klingen erinnernd, das den ganzen Kosmos durchzieht.

Das helle Lied des Amboss, wohin hat es den Schmied getragen? Dorthin, wo die Unterschiede zwischen Diesseits und Jenseits aufgelöst werden.

Feedback von Gerhild Krotz:

Ich bin der Meinung, dass die Unterschiede zwischen Diesseits und Jenseits aufgelöst sind.

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234. Vergänglichkeit  -  30. Juni 2013

Jetzt ist die Zeit, wo die Lilien in unserem Garten am schönsten blühen. Gestern war Sonnenschein und sie zeigten sich in voller Kraft. Heute regnet es und einige Blütenblätter sind schon auf der Erde.

Gestern Nachmittag waren Gerhild und ich auf einem tollen Fest. Ich nahm mir dabei auch die Zeit, die Menschen in Ruhe anzusehen. Wir alle werden unaufhaltsam älter. Und die ganz Alten werden hinfällig.

Vor sechseinhalb Jahren ging ich in Pension. Seither kommt wieder und wieder ein Traum mit dem immer gleichen Motiv: Ich bin zwar in Pension, aber ich arbeite in meinem Beruf weiter und muss schauen, dass ich auch Geld dafür bekomme. Vor wenigen Tagen und in der Nacht von gestern auf heute hatte der Traum einen neuen Schluss. Er zeigte mir, dass die Zeit dieser Weiterarbeit nun bald vorbei ist.

Eine Änderung oder sogar eine Wende kündigt sich an. Es wird noch nicht der Tod sein, doch auch der Tod ist eine Änderung oder Wende.

In jedem Vergänglichen ist der Keim des Neuen verborgen, bei allem, was existiert.

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233. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit  -  23. Juni 2013

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Auf der Suche nach dem gewonnenen Augenblick
Auf der Suche nach der ungelebten Zeit
Auf der Suche nach dem gelebten Leben
Auf der Suche nach Saat und Ernte

Auf der Suche nach dem Bewusstsein da und dort
Auf der Suche nach dem endlichen Bewusstsein
Auf der Suche nach dem unendlichen Bewusstsein
das das endliche enthält
Auf der Suche nach dem individuellen Bewusstsein
das das kollektive enthält

Es ist alles da
Es ist gegeben
Wann wird es wahrgenommen?
Wann wird es umfassend wahrgenommen?
Wann wird es in die Realität umgesetzt?

Wann kommt es zum Klingen?
Wann kommt es zum Verstummen?
Es klingt und es verstummt
Wann wird das Verklungene in den Kosmos integriert?
Wann wird jedes irdische Wesen davon erfasst sein?

So wird die Erde Erde
So wird der Mensch Mensch
Lassen wir es zu

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232. Quo vadis, EU?  -  14. Juni 2013

In einem Blog-Beitrag von Duderich habe ich Folgendes gefunden:

"Die Erkenntnis, dass sich nicht nur die Währungsunion, sondern auch das gesamte neoliberale Ideologiekonstrukt bereits überlebt hat und der (ökonomische, ökologische und soziale) Kollaps bei ungeänderter Weichenstellung unabwendbar ist, macht sich in immer mehr Köpfen breit."

"Das Gebaren der Regierungen lässt nur einen Schluss zu: Sie dienen nicht dem Wohl des Volkes, sondern dem Wohl der Profiteure dieses kranken Systems. Diese Profiteure sind reich und mächtig genug, politische Entscheidungsträger in ihrem Sinne zu manipulieren."

Die Konsequenz für den Blogger ist, dass es eines breiten Widerstandes der Bürgerinnen und Bürger bedarf, um die Weichenstellung doch noch zu ändern.

Ein Beispiel solchen Widerstandes ist die Solidar-Werkstatt Österreich. Sie ist eine antimilitaristische und EU-oppositionelle Initiative, die für ein aktiv neutrales Österreich und für eine solidarische Gesellschaft eintritt. Das aktuelle Programm der Solidar-Werkstatt wurde 2007 formuliert und steht ein für eine Friedensrepublik Österreich. Die Solidar-Werkstatt feiert 2013 ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass hat sie das Buch "'Denn der Menschheit drohen Kriege...' - Neutralität contra EU-Großmachtswahn" herausgegeben. Der erste Teil des Buchtitels ist ein Zitat aus einem Text, den Bertold Brecht 1952 geschrieben hat. Dieser Text ist prophetisch. Den Schluss des Textes gebe ich hier wieder:

"Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden."

Nicht das wörtliche Zerschlagen von Händen, umso mehr aber das Unwirksammachen von zerstörerischen Aktivitäten ist dringend erforderlich.

In dem Jubiläumsbuch der Solidar-Werkstatt ist eine Fülle von Fakten und Argumenten zusammengetragen. Einige wenige Beispiele gebe ich hier wieder.

Seit 2007 werden zwei EU-Kampfgruppen (Battlegroups) pro Halbjahr einsatzbereit gehalten. Innerhalb von fünf Tagen soll die Entscheidung über den Einsatz getroffen sein und nach weiteren zehn Tagen sollen sie im entsprechenden Einsatzland kampfbereit sein. Es geht um Einsätze in einem Gebiet von 6.000 km rund um Brüssel. "Die rohstoffreichen Regionen Nord- und Zentralafrikas, des Nahen und Mittleren Ostens werden damit offiziell zum 'Hinterhof' der EU erklärt." Bisher hat es noch keinen Einsatz gegeben. (S. 11.)

Auch österreichische Soldaten gehörten schon zweimal (2011 und 2012) zu EU-Kampfgruppen. Dazu ein treffender Kommentar, der zu einem Zeitungsartikel im Standard abgegeben wurde: "Österreich hat in dieser NATO-geführten Truppe als neutrales Land nichts verloren."

Mit dem Vertrag von Lissabon, der am 1. Dezember 2009 in Kraft trat, wird permanente Aufrüstung - wörtlich die "schrittweise Verbesserung der militärischen Fähigkeiten" - zur Pflicht für die Mitgliedstaaten erklärt. Der EU-Rat kann nun entscheiden über Militäreinsätze "zur Bekämpfung des Terrorismus ... unter anderem auch durch die Unterstützung für Drittländer bei der Bekämpfung des Terrorismus in ihrem Hoheitsgebiet". Neben militärischer Beistandsverpflichtung ist auch eine "Solidaritätsklausel" enthalten, die sich leicht für Militäreinsätze im Inneren der EU sowie für "Präventivkriege" instrumentalisieren lässt. (S. 14.)

Der Sozialstaat in Europa wurde vom Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi 2012 in einem Interview zum "Auslaufmodell" erklärt. Harte neoliberale Austeritätsprogramme gewinnen an Boden. Durch die Deregulierung des Arbeitsmarktes sank in Irland 2011 das Lohnniveau für Jobanfänger in den nicht regulierten Bereichen um etwa 25 Prozent. Der IWF/EU-Plan in Portugal sieht massive Einschnitte bei Pensionen, Gesundheit und Schulen vor. Eine 2012 in Frankreich eingerichtete "Wettbewerbskommission " will die Lohnnebenkosten um 30 Milliarden Euro senken, um die französische Industrie wieder wettbewerbsfähig zu machen. (S. 47.)

Die EU möchte Schluss machen mit dem Einfluss der nationalen Parlamente auf die Wirtschafts-, Budget- und Sozialpolitik. "Die entsprechenden Beschlüsse auf EU- bzw. Euro-Staaten-Ebene erfolgen im Halbjahrestakt und heißen: Europäisches Semester, EU-Six-Pack, Euro-Plus-Pakt, Fiskalpakt, EFSF, ESM, Two-Pack, usw." Dafür werden Sozialversicherungssysteme, insbesondere bei den Pensionen, ebenso in Frage gestellt wie Kollektivverträge bei Lohnverhandlungen. Eine Studie der europäischen Kommission fordert die Senkung gesetzlicher Mindestlöhne und die Kürzung von Arbeitslosenunterstützungen. (S. 47/48.)

Die Doktrin von Freihandel und Kapitalverkehrsfreiheit ist im EU-Primärrecht festgeschrieben. "Auf dieselbe Weise, wie Deutschland seit Einführung der Währungsunion durch permanente Exportüberschüsse andere EU-Staaten niederkonkurriert und nun zur politischen Unterwerfung zwingt, wollen die EU-Mächtigen offensichtlich im globalen Maßstab gegenüber dem Rest der Welt vorgehen." Die Kommission fordert 2010: "Die EU-Handelspartner müssen sich dazu verpflichten, den ungehinderten Fluss von Investitionen aller Art zu gewährleisten und zu schützen." Dadurch wird die Krise nicht überwunden, sondern zum Weltwirtschaftskrieg ausgeweitet, und Wirtschaftskriege können rasch in offene militärische Konfrontationen umschlagen. (S. 49/50.)

Unter der Überschrift "Perspektiven des Widerstandes" ruft das Buch daher auf zu einem Solidarstaat statt eines Konkurrenzregimes, zur Ablehnung eines Europa der Konzerne und Generäle, zu Neutralität statt EU-Großmachtswahn. "Die EU ist kein 'neutrales' Gefäß, in das man beliebige politische Inhalte einfüllen könnte. Sie ist ein Projekt der Machteliten der großen Nationalstaaten und Konzerne, um imperiale Macht nach außen und einen hemmungslosen, autoritären Kapitalismus nach innen abzusichern. In den EU-Verträgen sind neoliberale und militaristische Politiken und Institutionen regelrecht einzementiert, sodass sie dem demokratischen Meinungsstreit weitgehend entzogen sind. Abrüstungsbefürworter und Anhänger einer solidarischen Ökonomie befinden sich in diesem Europa der Konzerne und Generäle außerhalb des Verfassungsbogens." (S. 56.)

Gerald Oberansmayr, der den Hauptteil des Buches geschrieben hat, tritt daher dafür ein, dass Österreich aus diesem "imperialen System" ausbricht und seine demokratische Souveränität zurückgewinnt, damit der Raum für emanzipatorische Alternativen wieder aufgemacht wird, nach innen wie nach außen. Nur so kann die österreichische Neutralität zurückgewonnen und eine aktive Friedenspolitik geleistet werden. "Die Neutralität ermöglicht einem Kleinstaat des Nordens wie Österreich, sich für eine Politik der Solidarität mit den Ländern des Südens und für weltoffene Allianzen mit anderen Neutralen und Blockfreien zu öffnen, um sich gemeinsam für friedliche Konfliktbeilegung, internationale Abrüstung, Auflösung von Militärpakten und eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung zu engagieren." (S. 58.)

Die Solidar-Werkstatt ist daher der Meinung: "Wer Sozialabbau, Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus ernsthaft bekämpfen will, wer Errungenschaften wie Sozialstaat und Neutralität verteidigen und weiterentwickeln will, darf die Frage des EU-Austritts nicht länger tabuisieren."

Wer Interesse hat, das österreichische EU-Austritts-Volksbegehren zu unterstützen, findet viele Informationen und das Formular für die Unterstützungserklärung hier: EU-Austritt Blogspot.

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231. Schauen lernen  -  6. Juni 2013

Gestern am späten Nachmittag sind wir ins Waldviertel gefahren, zu fünft in einem Auto. Der Manhartsberg ist die Grenze zwischen dem Weinviertel und dem Waldviertel. Dort fuhren wir zum ersten Mal durch einen dichten Wald, und der starke Wechsel der Atmosphäre brachte mich dazu, zu schauen, mit Herz und Sinnen und über die fünf physischen Sinne hinaus. Bei der weiteren Fahrt schaute ich immer wieder. Wie anders ist ein Wald als eine Wiese, wie sehr unterscheidet sich ein Waldstück von einer locker stehenden Baumgruppe oder von einem singulären Baum.

Wir ließen das Auto auf dem von Bäumen umgebenen Parkplatz beim Waldviertler Hoftheater in Pürbach stehen. Ich wendete mich einem Baum zu und erlebte seine Freude darüber, dass er beachtet wird. Das Hoftheater hat einen Innenhof, der mit alten Pflastersteinen gepflastert ist. Ich wendete mich diesen Steinen zu und erlebte ihre Lebendigkeit, die in ihrer Geschichte festgehalten ist.

Als wir nach der Premiere mit den Theaterleuten im Theatercafé beisammensaßen, wendete ich mich den Menschen zu und schaute besonders auf ihre Hände. Ich sah nicht ihre Lebensgeschichte im Detail, aber ich sah doch, wie alles geworden ist, sodass sie so sind, wie sie sind.

Die Naturwissenschaft unterscheidet zwischen dem Lebendigen und dem Leblosen, doch wie ich so schaute, konnte ich keinen Unterschied entdecken. Die Natur, ob "belebt" oder "unbelebt", ist glücklich, wenn wir sie bemerken, und ist bereit, uns in Fülle zu schenken. Beim Nachhausefahren in der Nacht schaute ich besonders auf die Straßen und sah, welche Last Asphalt und Beton für sie sind.

Wenn alle Menschen schauen würden, würde die Welt anders aussehen. Wir würden nicht der Natur immer mehr Gewalt antun und ihre Fähigkeiten, uns zu beschenken, immer mehr fesseln und knebeln. Das Schauen trägt auch zu unserer Gesundung bei, zu unserem Freiwerden von Streit und Depressionen. Denn je mehr man aufmerksam ist, je mehr man schaut, umso weniger kann sich Müll im Kopf breitmachen.

Was wir im Waldviertler Hoftheater gesehen haben? "Wir saufen uns nicht zu Tode", eine Komödie von Michael Korth, die in einer Klinik für den Alkohol-Entzug spielt. Auf science bei ORF.at kann man lesen: "1,2 Millionen Österreicher sind alkoholgefährdet, 8.000 Menschen sterben hierzulande jedes Jahr an den Folgen des Alkoholkonsums. Bei Jugendlichen, die zu viel über den Durst trinken, liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld."

Hängt das nicht alles zusammen?

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230. Gott in tausend Strahlen  -  3. Juni 2013

Vor einer Woche war Dreifaltigkeitssonntag. Betrachten wir die Dreifaltigkeit in undogmatischer Weise.

Werfen wir einen Blick auf die beiden Schöpfungsberichte der Bibel.

"Wir wollen Menschen machen - als unser Bild." (1 Mose 1,26 in der Bibel in gerechter Sprache.)

"Adonaj, also Gott, bildete Adam, das Menschenwesen, aus Erde vom Acker." (1 Mose 2,7 in der B.i.g.S.)

"Dann formte Adonaj, also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hatte, zu einer Frau und brachte sie zu Adam, dem Rest des Menschenwesens." (1 Mose 2,22 in der Bibel in gerechter Sprache.)

Mann und Frau sind die beiden Seiten des ursprünglichen Menschenwesens. Das ursprüngliche Menschenwesen, das zu Mann und Frau wird, ist ein Bild Gottes.

Vater, Sohn und Geist sind drei Weisen, wie Gott mit uns Beziehung aufnimmt. In der Dreifaltigkeit fehlt das Weibliche. Nach der Aussage der beiden Schöpfungsberichte muss es auch eine weibliche Weise geben, wie Gott mit uns Beziehung aufnimmt. Die indigenen Religionen, aber auch die Essener, sprechen von Mutter Erde, und Mutter Erde ist für sie mehr als ein Geschöpf.

Gott zeigt sich uns in tausend Strahlen. Im Zentrum dieser Strahlen ist Jesus in innigster Einigkeit mit Gott. Jesus ist die Brücke zur Transzendenz Gottes. In der Strahlkraft der tausend Strahlen zeigt sich das, was wir den Heiligen Geist nennen.

Seit Langem gehe ich davon aus, dass Jesus eine kongeniale Gefährtin gehabt hat. Der auferstandene Jesus holt uns alle zu sich. Sie ist die Erste, die er zu sich geholt hat, die er in seine innigste Einigkeit mit Gott mit hineingenommen hat.

(Für Hinweise auf den mütterlichen Gott in der Bibel siehe auch: 151. Gott ist die Leere und die Fülle.)

(Siehe auch bei der Uni Münster: Mutter Erde - die Mutter allen Lebens.)

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229. Mein persönliches Totem  -  21. Mai 2013

In dem Buch, das ich gerade lese, fand ich heute Folgendes: "Ein Weg, um zu einer neuen Ebene des Verständnisses zu gelangen, besteht darin, in sich zu blicken und zu erkennen, welches Wildtier, welcher Baum oder welche Pflanze einen besonders anzieht. Jeder Mensch hat ein persönliches Totem." (Aus: "Die Botschaft der weisen Alten - Der spirituelle Rat der Großmütter", Carol Schaefer, S. 175.)

Ich fühlte mich dadurch sehr angesprochen und setzte mich auf die Bank unter dem Haselnussstrauch, die dem Biotop gegenüberliegt. Auf einmal sah ich ein Wesen, das über den Rand eines Wassers lugte. Es war nicht das Wasser des Biotops. Und auch das Wesen war nur übersinnlich zu sehen. Es war ein Delfin, ein weiblicher Delfin. Und sie war so fröhlich.

Ich fragte sie: "Was kann ich dir geben?"

Sie antwortete: "Hab keine Angst vor dem Nehmen."

Ich fragte sie: "Was gibst du mir?"

Sie antwortete: "Ich komm in deinen Kopf, in dein Gehörsystem."

Ich fragte sie: "Was tust du dort?"

Sie antwortete: "Lass mir Zeit."

Wir sagten beide: "Ich freu mich über deine Gegenwart."

Ich fragte sie: "Was magst du denn gern?"

Sie antwortete: "Eine Schale Milch."

Als ich von der Bank aufstand, fiel mein Blick auf den kleinen blaugrauen Steindelfin, der seinen Platz vor dem Biotop hat.

Als ich später im Garten arbeitete, kam ein Gewitter auf. Nach dem Gewitter ging ich mit einer Schale Milch zum Biotop und vollführte ein Ritual. Ich begann damit, indem ich keine Frage stellte, sondern einfach aufmerksam war und das tat, was ich innerlich spürte.

Ich spritzte ein wenig Milch in jede der vier Himmelsrichtungen. Indem ich das mit dieser pasteurisierten und homogenisierten Milch tat, verband ich die industrialisierte Menschheit mit der Erde, um die Menschheit und dadurch auch die Erde zu reinigen.

Den Rest der Milch leerte ich ins Wasser des Biotops. Indem ich das tat, verband ich die industrialisierte Menschheit mit dem Wasser, um die Menschheit und dadurch auch das Wasser zu reinigen.

Ich hob die Arme in die Höhe und senkte dann Arme und Oberkörper in die Tiefe. Indem ich das tat, verband ich Himmel und Erde, um ihre zerstörte Beziehung wiederherzustellen.

Schließlich machte ich die Gebärde des Namaste in alle vier Himmelsrichtungen, zuerst nach Osten, dann nach Westen, dann nach Norden, dann nach Süden, um zur Ausbreitung des Friedens beizutragen.

Es geht darum, die Erde zu heilen und den Frieden zu bringen.

Ergänzung vom 18. September 2013:

Vorgestern begann ich das Buch "Bevor wir euch verlassen - Botschaften der Wale und Delfine an die Menschen" von Patricia Cori zu lesen. Aus dem Cover-Text: "Gedankliche Hilferufe kurz vor einem Massensterben von Walen und Delfinen machten aus der medialen Autorin ein Sprachrohr der Meeressäuger."

Gestern ging ich mit einer Schale Milch zum Biotop, um wieder einmal ein Ritual zu vollführen. Am Beginn stand ich eine Zeit lang in der Haltung des Namaste da. Und auf einmal war ich mit den Delfinen verbunden, auf der übersinnlichen Ebene. Oberhalb von mir sah ich ihre Köpfe und sie waren voll Freude und Fröhlichkeit. Und auf einmal kamen sie von unten herauf, mit ganz starker und zielgerichteter Kraft, und ich sah ihre mächtigen Leiber.

Wenn wir es zulassen, werden sie uns bei der Heilung der Erde helfen, und bei der Heilung von uns selbst. Wir sind ein Teil der Erde.

Ergänzung vom 29. September 2013:

Bis auf das Schlusskapitel habe ich das Buch von Patricia Cori nun fertig gelesen. In diesen Tagen hat sich mein Bewusstsein signifikant verändert. Gestern Abend im Bett habe ich Gerhild, meiner Frau, von der Wirkung des Buches auf mich erzählt:

1. Ich habe jetzt in einem viel größeren Ausmaß begriffen, dass alle Spezies, die auf der Erde existieren, gleichwertig sind. Ich habe das früher auch gesagt, aber jetzt ist es mir durch Mark und Bein gegangen. Vieles, was wir Menschen tun, um die Erde zu schonen, ist ja doch egoistisch gedacht. Wir fühlen uns als Mittelpunkt und das andere ist unsere Umwelt. Das ist mir gründlich vergangen.

2. Ich konzentriere mich fast täglich auf die vier grundlegenden Bodhisattva-Gelübde. Das erste lautet: Zahllos sind die Wesen; ich gelobe, sie alle zu befreien. Wenn wir uns dieser Aufgabe weihen, werden wir zu Miterlösern. Nun habe ich aber verstanden, dass es darum geht, auch zu Mitschöpfern zu werden. Wir werden der Erde und uns selbst und allen Wesen nur dann Gutes tun, wenn wir unser schöpferisches Potenzial voll einsetzen.

Nachdem ich mit Gerhild darüber gesprochen hatte, lag ich immer noch ganz nah bei ihr im Bett. Und auf einmal spürte ich in meinem Hinterkopf die Cetaceaner (die Wale und Delfine), wie sie ihre Klänge durch die Meere weben - durch die physischen und die anderen Meere. Davon war ich - und bin ich - im Innersten berührt und ergriffen. Ich bin für Weiteres bereit.

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228. Natur spüren  -  19. Mai 2013

Ich sitze beim Biotop, und der Haselnussstrauch umgibt mich von beiden Seiten und von oben. Von Zeit zu Zeit bewegt der Wind seine Zweige leicht. Weiter oben in der Birke singt eine Amsel.

Der Winter war in diesem Jahr lang, aber nun ist Pfingsten und der Frühling ist voll da. Meine Aufmerksamkeit für die Natur ist wie neu erwacht.

Vor einiger Zeit, als es auf der Magnolie noch volle Blüten gab, einige Blüten aber schon fielen, ging ich zur Magnolie hin und drückte mein Bedauern darüber aus, dass ich nicht früher gekommen war. Und sie antwortete mir.

Dann begrüßte ich den Hartriegel, der seitlich hinter der Magnolie wächst und mit vielen weißen Blüten auf dem Höhepunkt seiner Kraft war. Und er antwortete mir.

Ein paar Tage später, beim Rasenmähen, ließ ich an der Seite vom Schwimmbecken Vergissmeinnicht, Gänseblümchen und Gundelrebe stehen, an einer Stelle, wo ich früher immer gemäht hatte, und sie waren dankbar dafür.

Die Deucia ist jetzt mit ihren weißen Blüten in voller Kraft und sie drückt ihre Freude darüber aus.

In der Natur ist nichts stumpf und dumm, alles kann mit uns Kontakt aufnehmen und freut sich, wenn wir es bemerken.

Als ich 1997 eine Schamanenausbildung begann, die ich leider nicht bis zum Ende durchhielt, lernte ich, mit den Bergen zu sprechen, wenn ich im Hochgebirge war. Diese Fähigkeit ist mir bis heute erhalten geblieben.

Als ich 2003 zusammen mit Beduinen und Kamelen in der tunesischen Wüste war und neun Tage unter freiem Himmel ohne Zelt übernachtete, lernte ich, die Tageszeiten zu spüren. Als ich ein paar Monate später in Zürich an der Limmat stand und in den Nachthimmel blickte, begriff ich, dass das keine Sache der Wüste war, sondern meines ganzen Lebens, unabhängig davon, wo ich mich aufhalten würde. Und so spürte ich gestern, als Gerhild und ich nach der Sauna am Kamin saßen, wie der Abend machtvoll hereinbrach.

Die Natur ist voll Macht und voll Dankbarkeit und Freude, wenn wir uns ihr zuwenden, und sie ist bereit, uns mit ihrer Fülle zu beschenken. Und was tut die Menschheit stattdessen in ihrer Insensibilität?

"Der Amazonas, der größte biologische Schatz der Erde, bedeckte einst vierzehn Prozent der Erdoberfläche. Heute sind es lediglich noch sechs Prozent. Die restlichen Regenwälder könnten innerhalb von weniger als vierzig Jahren von multinationalen Konzernen abgeholzt worden sein. Annähernd die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten würden dann ausgelöscht oder extrem gefährdet sein. Viele Heilmittel für lebensbedrohende Krankheiten gäbe es dann nicht mehr." (Aus: "Die Botschaft der weisen Alten - Der spirituelle Rat der Großmütter", Carol Schaefer, S. 78.)

Die Welt würde anders aussehen, wenn Menschen, die Entscheidungen gegen die Natur treffen, die Natur spüren könnten. Auf die eine oder die andere Weise müssen sie es lernen. Es ist noch nicht aller Tage Abend.

(Siehe auch: 194. Der Haselnussstrauch.)

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227. Der Schmetterling als Symbol für Transformation  -  18. Mai 2013

"In den Legenden der Hopi ist der Schmetterling ein Symbol für die spirituelle Transformation."

Die Raupe, aus der später der Schmetterling wird, sieht nur das, was genau vor ihr liegt. Doch in der Finsternis des Kokons findet eine große Wandlung statt.

"Die Hopi glauben, dass diese Dunkelheit auch für Menschen eine Vorstufe zur spirituellen Transformation darstellt."

Nach der Hopi-Mythologie verlässt der Schmetterling den Kokon erst dann, wenn er wirklich dazu bereit ist. Wenn er den Kokon geöffnet hat, "nimmt er vorerst sitzend seine neue Umgebung wahr, als wolle er sich mit den Elementen des Lebens verbinden: dem Wasser, der Luft, dem Feuer und der Erde."

Dann beginnt er mit den Flügeln zu schlagen und steigt in die Lüfte empor. "In diesem Moment nimmt er die Welt aus einer ganz anderen Perspektive wahr, eine Welt voller Schönheit und Größe tut sich vor ihm auf." (Aus: "Die Botschaft der weisen Alten - Der spirituelle Rat der Großmütter", Carol Schaefer, S. 61.)

Es geht hier nicht um den Menschen als Einzelwesen, das auf sich selbst bezogen ist, und es geht nicht um eine Transformation, die nur irgendwo in seinem Gemüt stattfindet.

Der Mensch als Raupe sieht vor sich den Zustand seiner Familie, seines Landes, der Erde unter dem Blickwinkel: "Was kann ich schon tun?"

Der Mensch in der Dunkelheit des Kokons wird seinen persönlichen Lebenserfahrungen ausgesetzt und hat die Chance, daran zu reifen.

Der Mensch, der den Kokon geöffnet hat, beginnt, sich mit den Kräften des Lebens zu verbinden.

Der Mensch, der als Schmetterling in die Lüfte emporgestiegen ist, nimmt die Welt aus einer ganz anderen Perspektive wahr. Er ist nun fähig, ein Leben der Schönheit und Größe zu verwirklichen.

Bin ich so weit? Bist du so weit?

Die Menschheit als Raupe versucht ohne viel Aussicht auf Erfolg den Folgen ihrer kurzsichtigen Aktionen zu entkommen.

Die Menschheit in der Dunkelheit des Kokons wird ihren kollektiven Lebenserfahrungen ausgesetzt und hat die Chance, daran zu reifen.

Die Menschheit, die den Kokon geöffnet hat, beginnt, sich mit den Kräften des Lebens zu verbinden.

Die Menschheit, die als Schmetterling in die Lüfte emporgestiegen ist, nimmt die Welt aus einer ganz anderen Perspektive wahr. Sie ist nun fähig, ein Leben der Schönheit und Größe zu verwirklichen.

Wird die Menschheit stecken bleiben, bevor sie das erreicht?

"Alle Kreaturen haben ein Recht auf Leben."

"Wir haben unser Gleichgewicht verloren. Wir haben das Grün aus dem Gesicht von Mutter Erde herausgeschnitten. Wir verunreinigen Gewässer, ihr Blut."

Ich füge hinzu: Nicht nur den anderen Kreaturen, auch vielen Menschen verweigern wir ihr Recht auf Leben.

"Gemeinsam mit unserem Gehirn haben wir von unserem Schöpfer den Auftrag bekommen, uns um die Schöpfung zu kümmern und die vier Elemente - Erde, Luft, Wasser und Feuer - auszubalancieren." (Aus: "Die Botschaft der weisen Alten", S. 26.)

Es wird höchste Zeit, dass wir diesen Auftrag wahrhaftig verstehen lernen und ihm gerecht werden.

"Die Prophezeiungen aller Völker, denen die dreizehn Großmütter angehören, stimmen darin überein, dass nun das Zeitalter der Klärung heranbricht." (Aus: "Die Botschaft der weisen Alten", S. 19.)

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226. Hat Jesus die Kreuzigung überlebt?  -  14. Mai 2013

Zu dieser Frage wurden in der Geschichte vier verschiedene Antworten gegeben. Bevor ich auf diese Antworten eingehe, werfe ich einen Blick auf einen Abschnitt des Zweiten Bundesbuchs, der nur im Johannesevangelium überliefert ist.

"Weil es nun Rüsttag (d.h. Freitag) war, trugen die Juden, damit die Leichen nicht während des Sabbats am Kreuz blieben – dieser Sabbattag war nämlich ein hoher Festtag –, dem Pilatus die Bitte vor, es möchten ihnen (d.h. den Gekreuzigten) die Schenkel mit Keulen zerschlagen und sie dann (vom Kreuz) herabgenommen werden. So kamen denn die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Schenkel, ebenso auch dem andern, der mit (Jesus) gekreuzigt worden war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er bereits tot war, zerschlugen sie ihm die Schenkel nicht, sondern einer von den Soldaten stieß ihn mit seiner Lanze in die Seite; da floss sogleich Blut und Wasser heraus. Ein Augenzeuge hat dies bezeugt (= mit Bestimmtheit ausgesagt), und sein Zeugnis ist zuverlässig, und jener (d.h. der Betreffende) weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr zum Glauben kommt. Dies ist nämlich geschehen, damit das Schriftwort erfüllt würde (2 Mose 12,46; Ps 34,21): 'Es soll kein Knochen an ihm zerbrochen werden.' Und noch eine andere Schriftstelle lautet (Sach 12,10): 'Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.'" (Joh 19,31-37 in der Übersetzung der Menge-Bibel.)

Das Johannesevangelium ist später als die anderen drei Evangelien entstanden, ca. 90 - 100 n.Chr. im kleinasiatischen Raum. Es hatte jedoch vorzügliche Quellen, was eine Reihe von historischen Details betrifft, und enthält in Joh 13,1 das einzig akzeptable Datum für den Tod Jesu, nämlich den Tag vor dem Pessachfest. "Der Freitag, der da gemeint ist und der dem ersten Tag des Frühlingsfestes, der zufällig zugleich Sabbat war, vorausging, lässt sich astronomisch ermitteln als der 7. April 30 nach heutigem Kalender." (Aus: "Der Jesusbericht des Vierten Evangeliums", Folker Siegert.)

Die Bitte um das Zerschlagen der Schenkel, was das Eintreten des Todes beschleunigt, da der Gekreuzigte dann absackt und erstickt, und die Erwähnung des Augenzeugen legen nahe, dass es sich auch bei Joh 19,31-37 um ein historisches Detail handelt.

Dieser Abschnitt lässt allerdings die Frage offen, ob Jesus wirklich tot war oder ob er nur betäubt oder bewusstlos war. Wie konnte bei dem Lanzenstich Blut und Wasser herausfließen?

Das beweist, dass Jesus noch lebte: "Der ehemalige Chef der Narkoseabteilung des Glasgow Royal Infirmary, Dr. W. B. Primrose, geht in einem Buch zu diesem Thema davon aus, dass Christus lebendig ins Grab gelegt wurde: 'In diesem speziellen Falle sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass nach dem Lanzenstoß immer noch Blutzirkulation vorhanden war.' Diese aber hört mit dem letzten Herzschlag auf." (Aus: "Am Kreuz gestorben oder bewusstlos?" auf www.bibelkritik.ch.)

Das beweist, dass Jesus nicht mehr lebte: "Anscheinend um mit dem Tod doppelt sicher zu gehen, stieß der Legionär seine Lanze durch den fünften Zwischenraum zwischen den Rippen, aufwärts durch das Pericardium und in das Herz. 'Und es kam sogleich Blut und Wasser heraus.' Das heißt, es gab eine Flut wässriger Flüssigkeit von dem Sack, der das Herz umgibt, und wir haben postmortem die Evidenz, dass unser Herr nicht den üblichen Kreuzigungstod durch Erstickung starb, sondern an Herzversagen durch Schock und eine Einengung des Herzens durch Flüssigkeit im Pericardium." (Aus: "A Physician's View of the Crucifixion of Jesus Christ", C. Truman Davis auf www.cbn.com.)

Wie man sieht, kommen ein nicht christlicher Arzt und ein christlicher Arzt zu gegenteiligen Erklärungen.

Wie oben erwähnt, hat es auf die Frage, ob Jesus die Kreuzigung überlebt hat, vier verschiedene Antworten gegeben.

1.   Er hat die Kreuzigung überlebt und ist nachher seinen Jüngerinnen und Jüngern begegnet. Diese Antwort schließt sich der Meinung von W. B. Primrose an und geht allen Ernstes davon aus, dass ein Gekreuzigter, der am Freitag durch Geißelung, Dornenkrönung, Annagelung und Grablegung gegangen ist, frühmorgens am Sonntag herumspazieren und Leute anreden kann. Was alle diese Folterungen mit dem Körper Jesu gemacht haben, hat C. Truman Davis drastisch beschrieben.

2.   Er wurde gekreuzigt und ist gestorben, hat aber keine Schmerzen empfunden, denn sein Leib war nur ein Scheinleib. Als Beispiel für diese Anschauung bringe ich ein allgemein gehaltenes Zitat über die Gnosis.

     "Christus kommt auf die Erde, um die Menschen zur Erkenntnis des göttlichen Funkens in ihnen und somit zur Erlösung zu führen. Hierzu benötigt er einen Scheinleib und schlüpft im Rahmen der Theophanie bei der Taufe in die Person von Jesus. Dieser zeigt den Menschen einen Weg zur Überwindung der materiellen Existenz, um damit der Macht des Demiurgen zu entkommen. Die von letzterem inszenierte Kreuzigung ist in Wirklichkeit der Höhepunkt des Heilswerks, da der Erlöser nicht leidensfähig ist und in diesem Akt seinen Scheinleib verlassen kann, um zum Pleroma zurückzukehren." (Aus: "Abitur 2005 Evangelische Religion, Hinweise für den Lehrer".)

3.   Nicht er, sondern ein anderer Mann wurde an seiner Stelle gekreuzigt.

      Der Qur'an tadelt die Juden wegen ihrer Ablehnung Jesu: "Und weil sie sagten: 'Wir haben den Messias Jesus, den Sohn der Maria, den Gesandten Gottes, getötet'. Doch sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen nur so ... Doch nein! Gott hat ihn zu sich erhoben. Und Gott ist allmächtig, allweise." (Sure 4, 157-158.)

Die Mehrheit der islamischen Ausleger sagt dazu, dass ein anderer Mann, der Jesus ähnlich sah, gekreuzigt wurde. Die Sure enthält keine Angaben über Jesu Todesart und -zeitpunkt.

4.   Jesu Leiden war echt. Er ist am Kreuz gestorben und wurde begraben. Er ist auferstanden, unabhängig davon, ob das Felsengrab am Sonntagmorgen leer war oder nicht. Jeder Mensch geht nach seinem Tod auf die Auferstehung zu, die nicht erst am Ende aller Zeiten erfolgt. Bei Jesus war das wohl blitzartig, waren wohl keine langen Läuterungsprozesse, die wir "Hölle" und "Himmel" nennen, erforderlich.

Der auferstandene Jesus ist zugleich der kosmische Jesus, der die Welt zur Vollendung führt. Nicht er allein, sondern zusammen mit anderen. In der heutigen Zeit ist die Heilung der Erde dringend erforderlich, bevor sie zugrunde gerichtet wird.

In unseren Kirchen tragen die meisten Kreuze noch immer einen leidenden Korpus, in drastischer Darstellung. Natürlich kann man den leidenden Korpus auch als Bild der leidenden Erde sehen. Richten wir trotzdem den Blick lieber auf den kosmischen Jesus und nehmen wir mit Freude und Entschlossenheit an der Heilung der Erde teil.

Feedback von Hans Pirker, Internist:

Soweit ich mich erinnere, hat Professor Bankl, ehemaliger Pathologe im KH St. Pölten, in einem seiner Bücher über die Kreuzigung geschrieben. Er meinte, dass Jesus infolge seiner vorangegangenen Torturen, die mit hohem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust verbunden waren, und infolge seiner hohen Sensibilität (auch das kann eine Rolle spielen) am Kreuz bald verschieden ist.

Das Ziel einer Kreuzigung war letztlich der Tod des Delinquenten. Dass dieser bei Jesus nicht stattgefunden haben soll, erscheint mir unwahrscheinlich. Es handelt sich dabei um einen Erstickungs- und Kreislauftod. Vor allem die Ausatmung wird behindert. Der Lanzenstich kann einerseits den Tod sichern und schien andrerseits ein Zeichen des bereits eingetretenen Todes zu sein, wenn Blut und Wasser austraten. So habe ich es jedenfalls beim Lesen der betreffenden Bibelstelle immer verstanden. Nach Kreislaufstillstand beginnen die festen Blutbestandteile nach unten zu sinken, die flüssigen bleiben oben: Blut und Wasser. Wasser kann sich auch in der Lunge angesammelt haben. Letztlich kann sich auch Wasser im Herzbeutel befunden haben, wenn dieser beim Lanzenstich geöffnet wurde.

Ergänzung zu diesem Feedback:

Das Buch von Hans Bankl ist wohl „Woran sie wirklich starben: Krankheiten und Tod historischer Persönlichkeiten“. Der Produktbeschreibung bei Amazon kann man entnehmen, dass Bankl die medizinischen Aspekte des Kreuztodes des Jesus von Nazaret beschreibt.

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225. Himmel oder Hölle  -  7. Mai 2013

Als Kinder haben wir gern ein "Himmel oder Hölle" gefaltet und längs der einen Achse blau, längs der anderen Achse rot angemalt. Wir spielten es zu zweit. Das eine Kind hielt das "Himmel oder Hölle", das andere Kind zeigte die Achse an, längs der es geöffnet werden sollte. Bot das geöffnete Spiel die blaue Farbe, kam das Kind in den Himmel, andernfalls in die Hölle.

Schon als Kinder hatten wir Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod verinnerlicht, von einem Himmel, in dem immer eitel Wonne herrscht, und von einer Hölle, in der man gemartert wird, von einem Himmel als Ort der Belohnung und von einer Hölle als Strafkolonie.

Die Theologie sagt auch, die Hölle sei kein Ort, in dem man in alle Ewigkeit gequält wird, sondern der Zustand der endgültigen Trennung von Gott. Diese zweite Auslegung ist meiner Meinung nach allerdings nicht weniger sadistisch als die erste.

Die Kirchenoberen bläuen den Menschen ein, dass sie Sünder seien, dass sie schuldig seien. Natürlich gebe es auch die Befreiung von Schuld und Sünde, besonders durch das Wirken Jesu, aber es werden nicht alle befreit. Die Matthäusapokalypse behauptet: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt, wird er zwischen den Gesegneten und den Verfluchten unterscheiden. Zu den Letzteren wird er sagen: "Hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bereitet ist!" (Mt 25, 41.)

Die Menschengeschichte zeigt: Angst vor Strafe bessert nicht. Es ist außerdem zynisch, sich für eine zeitliche Schuld eine ewige Strafe auszudenken und dann zu sagen, wer endgültig von Gott getrennt bleibe, habe das mit freiem Willen so gewählt.

Ich behaupte nicht, dass es keine Schuld gibt. Aber ich meine, dass man über das Denken von Schuld und Strafe hinauskommen muss zu einem Denken von Liebe und Lernen. Wir sind auf der Erde, um zu lernen. Jeder Mensch braucht einen Freiraum, in dem er lernen kann. Liebe heißt, diesen Freiraum zur Verfügung zu stellen, aber nicht unbegrenzt. Schaden muss begrenzt werden. Das Lernen endet nicht mit dem Tod. Nach dem Tod gehen wir durch Zustände des Himmels und der Hölle, aber all das sind nur Durchgänge zu unserer eigentlichen Bestimmung.

Paulus will überall, wo er hinkommt, einige retten (1 Kor 9,22). Das ist mir zu wenig. Es geht darum, alle Menschen zu befreien. Es geht um eine kollektive Hebung des Bewusstseinsniveaus, damit alle irdischen Wesen befreit werden und nicht nur die Menschen. Menschen, die sich nicht mehr als Krone der Schöpfung sehen, können von anderen irdischen Wesen viel lernen.

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224. Wolfspirit  -  29. April 2013

Als ich vor einigen Wochen den Dokumentarfilm "Auf der Spur der Küstenwölfe" in der ZDF-Mediathek sah, durfte ich miterleben, wie Gudrun Pflüger auf einer Wiese im kanadischen Küstenregenwald von Wölfen besucht wurde, die noch nie zuvor einen Menschen gesehen hatten. Gudrun legte sich flach ins Gras. Die Wölfe umkreisten Gudrun, von der Leitwölfin wurde sie sanft berührt. Dann spielten die Wölfe noch lange in ihrer Nähe, während sie aufrecht saß und ihnen zusah. In ihrem Buch "Wolfspirit - Meine Geschichte von Wölfen und Wundern" beschreibt sie das Urvertrauen, das mit diesem Erlebnis innig verbunden ist. "Es gibt keine passenden Worte, für den Zustand, in dem ich bin. Ich weiß nur: Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt, so als Mensch und zugleich so als ein Teil der Natur." ("Wolfspirit", S. 218.)

Chester Starr (Lone Wolf) von der Heiltsuk First Nation hat einmal gesagt: "Ein Wolf wird sich nicht zeigen, außer wenn er versucht, dir etwas mitzuteilen."

Und Pauline, eine weise Frau der Heiltsuk-Community, schrieb in einem Brief: "Gudrun, deine Arbeit, die noch getan werden muss, ist von höchster Bedeutung für die Heilung der Erde." ("Wolfspirit", S. 219.)

Was teilte die Leitwölfin Gudrun mit? Sie übertrug ihr die Ausdauer und Stärke, die notwendig waren, um eine als unheilbar geltende Krankheit zu überstehen. Denn einen Monat, nachdem der Film fertig gedreht war, wurde bei Gudrun ein aggressiver Gehirntumor festgestellt, durchschnittliche Lebenserwartung eineinhalb Jahre.

Es ist Gudrun gelungen, aus der Situation mit dem Gehirntumor heil hervorzugehen. Schon dadurch hat sie Bedeutendes für die Heilung der Erde getan. Die Zeit ihrer Heilung ist ein Modell für die Zeit der Heilung der Erde. Zu solcher Heilung gehört, dass man wie Gudrun Tiere und alle Teile der Natur gleichrangig zu den Menschen sieht.

In dem Buch bringt Gudrun - mit großem erzählerischem Talent - ihre Lebensgeschichte, als Leistungssportlerin, als Biologin und Wolfsforscherin, als Frau, als Mensch. In allem wurden ihr Körper und ihr Geist darauf vorbereitet, Heilung zu erreichen, zu verkörpern, weiterzugeben. Sie hat eine Lebenserfahrung gewonnen, die weit über ihr Alter hinausgeht, die alterslos ist.

Das Buch ist aus dem Innersten geschrieben, für Menschen, die es in ihrem Innersten aufnehmen können. Einige Jahre, bevor der ZDF-Film gedreht wurde, sah Gudrun einen schwarzen Wolf, der auf der offenen Eisfläche eines Sees zusammengerollt und seelenruhig schlief. Was macht das mit Gudrun? "Es stillt für ein paar Atemzüge dieses allen Menschen innewohnende Verlangen nach dem Einswerden mit allem, was ist." ("Wolfspirit", S. 175.)

Erwecken wir alle den Wolfspirit in uns! Wir brauchen ihn dringend, um die Erde zu heilen.

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223. Die Bedeutung des Kreuzes  -  19. April 2013

Jesus hat kein Kreuz auf Golgota hinaufgetragen und er ist nicht an einem Kreuz gestorben. Ein komplettes Kreuz, das als Hinrichtungsgalgen hätte dienen können, hätte schon vom Gewicht her kein Mensch schleppen können.

Bei dieser Art von Hinrichtungen im römischen Reich war es so: Der Verurteilte wurde an den Querbalken angebunden. Den musste er zur Hinrichtungsstätte schleppen. Dort steckte ein Pfahl in der Erde. Der Verurteilte wurde mit einer Seilwinde hochgezogen, sodass der Querbalken auf dem Pfahl auflag. Das ergab kein Kreuz, sondern ein Tau. Es ist anzunehmen, dass es bei Jesus und den beiden Männern, die mit ihm zusammen hingerichtet worden sind, nicht anders verlaufen ist. Das Schild, das Pilatus herstellen ließ, war an dem Querbalken befestigt. Nur dadurch entstand die Kreuzform.

In der römisch-katholischen Pfarre Wien-Hütteldorf finden im dritten Jahr Donnerstagsgebete für neue Wege in der Kirche statt. In diesem Jahr gibt es dabei ein Gebet, das mit dem ganzen Körper gemacht wird. Man streckt die Arme zum Himmel - man beugt sich und lässt die Arme zur Erde fallen - man richtet sich wieder auf und breitet die Arme aus.

In der Nacht auf heute hatte ich einen Traum, in dem ich mich im buddhistischen Zentrum in Scheibbs in einem Meditationsraum sah. Man saß mit dem Oberkörper zwischen Himmel und Erde aufgerichtet und mit weit geöffneten Beinen, sodass die Knie dem Boden ganz nahe waren.

Im Daodejing des Laozi geht es immer wieder um die Verbindung von Himmel und Erde und um das Fruchtbarmachen dieser Verbindung im täglichen Leben der Menschen und der Völker.

Ein solches Kreuz ist christlich, buddhistisch, daoistisch, weltweit verständlich. Der senkrechte Balken verbindet Himmel und Erde. Dabei ist sowohl der Himmel der Vögel und Sterne (englisch: sky) gemeint als auch der Himmel, aus dem uns Hilfe zukommt (englisch: heaven). Der waagrechte Balken führt in die Weite des Gebens und Nehmens zwischen den Menschen und zwischen allen Wesen.

Unsere Aufgabe ist es, während unserer irdischen Existenz dieses Kreuz zu realisieren, das Kreuz des ausgewogenen Weges, als Einzelmensch und als Menschheit. Je weniger Frieden zwischen den Menschen herrscht und je mehr die Erde zerstört wird, umso dringender wird es, dass diese Aufgabe kollektiv erfasst wird.

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222.Die Bodhisattva-Gelübde im Detail  -  12. April 2013

Vor vielen Jahren habe ich die vier grundlegenden Bodhisattva-Gelübde  abgelegt, für mich allein, ohne Zeugen. Später habe ich begonnen, die vier Bodhisattva-Gelübde täglich zu erneuern, in der folgenden Form:

• Zahllos sind die Wesen; ich gelobe, sie alle zu befreien.
• Maßlos sind die Gedanken und Gefühle von Gier, Hass und Verblendung; ich gelobe, sie alle zu lassen.
• Ungezählt sind die Tore der Wahrheit; ich gelobe, sie alle zu durchschreiten.
• Unvergleichlich ist der Weg der Erfahrung; ich gelobe, ihn mutig zu gehen.

Das sage ich in der Hingabe an den transzendenten Gott und in der Verbundenheit mit Jesus, Gerhild, meiner Frau, und Siddhārtha. Das mag für einen sogenannten Christen erstaunlich klingen, doch für mich gibt es zwischen den Religionen keine Barrieren.

• Zahllos sind die Wesen; ich gelobe, sie alle zu befreien.

Alle Wesen haben für mich einen unendlichen Aspekt, neben ihrer offensichtlichen Endlichkeit, soweit sie auf der Erde oder im Kosmos geboren oder entstanden sind. Sterne, Planeten, Berge, Täler, Flüsse, Seen, Blumen, Bäume, Fische, Vögel, Bienen, Schlangen, Wölfe, Bären, Schafe und Menschen sind in die naturwissenschaftlich erfassbare Existenz getreten. Wesen vor ihrer Geburt oder nach ihrem Tod sowie Elementarwesen und Engel sind naturwissenschaftlich nicht erfassbar, was nicht heißt, dass Menschen keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen können.

Alle diese Wesen sind hier gemeint. Zahllos sind sie in dem Sinn des Kinderliedes, das da sagt: "Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?" Ihnen wird eine grundsätzliche Befreiung in Aussicht gestellt und ich stimme in die Verbreitung der Kraft dieser Befreiung mit ein.

Auch ich gehöre zu den zahllosen Wesen. Ich darf auch auf mich nicht vergessen.

• Maßlos sind die Gedanken und Gefühle von Gier, Hass und Verblendung; ich gelobe, sie alle zu lassen.

Hier habe ich das Wort "unerschöpflich" durch das Wort "maßlos" ersetzt, denn für mich haben die Dummheit und das Böse nicht die gleiche Unendlichkeitsqualität wie die Weisheit und das Gute. Maßlos sind erstere wohl, doch durch das rechte Maß kann ich sie alle in mir erkennen und lassen, kann ich zusammen mit allen Wesen, die diesem Gelübde oder einem ähnlichen Weg folgen, allen Wesen helfen, die Gedanken und Gefühle von Gier, Hass und Verblendung zu erkennen und zu lassen.

• Ungezählt sind die Tore der Wahrheit; ich gelobe, sie alle zu durchschreiten.

Auch dort, wo mir etwas zuwider ist, ist ein Tor der Wahrheit verborgen. Auch außerhalb der Lehren, die irgendjemand verkündet, ist ein Tor der Wahrheit verborgen. Entweder ist dies meine einzige irdische Existenz oder ich habe - letzten Endes ichlos - eine Mehrzahl oder Vielzahl von irdischen Existenzen. So oder so ist in mir eine Dimension, die über alle Zeiten und Räume hinausgeht, zu der das ganzheitliche Säen und Ernten gehört, die alle Tore der Wahrheit zu durchschreiten und damit zu offenbaren hat.

• Unvergleichlich ist der Weg der Erfahrung; ich gelobe, ihn mutig zu gehen.

Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Kein Wesen ist dazu da, den Erfahrungen eines anderen Wesens unterwürfig zu folgen. Jedes Wesen ist dazu da, seinen eigenen Weg der Erfahrung zu gehen, zu dem untrennbar das Lassen von Gier, Hass und Verblendung gehört und der Beitrag zu dem Vielklang aller Wesen, die in immer größerer Freude ihre Möglichkeiten entfalten, die ihnen aus der Transzendenz Gottes, aus dem letzten Urgrund, in unerschöpflicher Weise zur Verfügung gestellt werden.

(Siehe auch: 195. Meine Arbeit mit den Bodhisattva-Gelübden.)

Feedback von Franz Ritter:

Das Bodhisattva-Gelübde leitet mich auch bewusst oder unbewusst durch den Tag, meine Arbeit mit Naikan, im Haus, im Garten. Es lässt mich jedes Tun in Freude beginnen und vollenden. Ähnlich, wie Du es siehst, gibt es auch für mich in (wahrer) Religion keine Grenzen. Ein Wort vom Dalai Lama ist dabei ein Leitwort für mich geworden: Wahre Religion beginnt dort, wo alle Religionen enden.

Feedback von Felix Fischer:

Ich finde Ihren Text hochinteresant und werde ihn in der nächsten Zeit ein paarmal lesen. Für mich als Buddhist und aus dem Katholischen kommend ist er sehr anregend, weil ich auch diese geistigen Gleitbewegungen vollführe.

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221. Die roten Schuhe  -  29. März 2013

Joseph Ratzinger hatte als Papst Benedikt XVI. immer rote Schuhe getragen. Am Morgen nach seiner Wahl zum Papst Franziskus I. verließ Jorge Mario Bergoglio die Kirche Santa Maria Maggiore in weißem Ornat, aber mit schwarzen Schuhen. Als er ein paar Tage später feierlich in sein Amt eingeführt wurde, trug er ebenfalls schwarze Schuhe. Dabei waren für den neuen Papst drei Gewänder und drei Paar rote Schuhe in verschiedenen Größen vorbereitet, aber er rührte die roten Schuhe nicht an.

In der römisch-katholischen Kirche darf nur der Papst rote Schuhe tragen, sie gelten als ein Hinweis auf das Blut des gekreuzigten Jesus und auf das Blut der Märtyrer. In der Antike waren rote Schuhe dem römischen Kaiser als dem Pontifex maximus vorbehalten. Als die christliche Kirche Staatskirche wurde, übernahm der Bischof von Rom mit dem Titel die roten Schuhe. Nach einer anderen Quelle trugen im römischen Reich auch die Senatoren rote Schuhe, mit einer Sichel als Schmuck.

Im Märchen sind rote Schuhe den Frauen zugeordnet. Hans Christian Andersen hat ein gleichnamiges Märchen geschrieben, in dem ein Mädchen rote Schuhe bekommt, die sie dazu zwingen, immerfort zu tanzen. In ihrem Buch "Die Wolfsfrau" beschreibt Clarissa Pinkola Estés anhand dieses Märchens, wie leicht seelisch ausgehungerte Frauen in Fallen tappen, die sie in ein zwanghaftes Verhalten führen können. In einem modernen Märchen findet eine Frau rote Schuhe, mit denen sie laufen kann, als hätten ihre Füße Flügel, um ihrer Tochter, der es im Kindbett nicht gut geht, Hilfe zu bringen.

"Rote Schuhe stehen für die Aufgabe der Selbstdisziplin, allgemeiner für die Überantwortung des Individuums an fremde Mächte." (Ortwin Pelc, "Mythen der Vergangenheit", S. 135.)

"Rote Schuhe meinen in unserer heutigen Wahrnehmung beinahe ausschließlich die roten Schuhe von Frauen als erotisches Zeichen." (Ortwin Pelc, "Mythen der Vergangenheit", S. 131.)

Die Huren in Wismar mussten im Mittelalter rote Schuhe tragen. (Nach: Matthias Schulz, "Mythos Mittelalter", Der Spiegel 44/2005.)

Jorge Mario Bergoglio waren vermutlich nicht alle Implikationen der roten Schuhe bewusst. Er weigerte sich aus Schlichtheit, die roten Schuhe zu tragen. Sie abzulegen, war in jeder Hinsicht eine gute Idee.

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220. Das hirnlose Billigfleischessen  -  8. März 2013

Unsere Kinder haben meiner Frau zum 70. Geburtstag eine Fahrt zum Wolfsforschungszentrum im Wildpark Ernstbrunn (Niederösterreich) geschenkt. Seither ist Gerhild Mitglied der Google-Gruppe "Sigrid's Info Service", die von der engagierten Dame ins Leben gerufen wurde, die uns im Wildpark geführt hat.

Durch Beiträge in dieser Google-Gruppe wurde ich auf das Thema aufmerksam gemacht, das den Titel dieses Bausteins bildet. Und es hat mich betroffen gemacht.

Im australischen WAtoday.com.au ist am 22. Februar 2013 ein Artikel von Marc Bekoff mit dem Titel "Who are you eating: that is the question" erschienen. Ich bringe einige Zitate aus diesem Artikel in meiner Übersetzung.

"Die meisten Menschen kennen die Zwangslage der Tiere nicht, die sie essen. Und doch müssen wir uns klar machen: Wenn ein Tier auf dem Teller ist, ist es nicht die Frage, was zum Essen da ist, sondern wer zum Essen da ist. Industriell gehaltene Tiere sind empfindungsfähige Wesen."

"Für mich gibt es keinen Zweifel, dass Tiere leiden und um Hilfe schreien, wenn sie zu Mahlzeiten verarbeitet werden. Vom Beginn ihrer Aufzucht über den Transport zu den industriellen Schlachthäusern bis zu der Stunde, wo sie das Schlachten anderer hören, sehen und riechen und wo dann endlich ein Bolzen in ihr Gehirn getrieben und ihre Kehle durchgeschnitten wird, ist ihr Leben vom Leiden geprägt."

Und das ist noch nicht alles. Industrielle Tierhaltung verursacht enorme Umweltschäden. Durch sie werden große Mengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre geblasen. Wenn alle Leute in den Vereinigten Staaten an einem Tag der Woche kein Fleisch und keinen Käse essen würden, hätte das dieselbe Auswirkung, wie wenn 7,6 Millionen Autos in der Garage bleiben würden. Und "bis 2025 werden wahrscheinlich circa 64 % der Menschheit in Gebieten mit Wassermangel leben, wobei der Nutztiersektor für mehr als 8 % des globalen menschlichen Wasserverbrauchs verantwortlich ist."

In einem am 5. März 2013 veröffentlichten Wissenskommentar in der Presse mit dem Titel "Was alles gegen das hirnlose Billigfleischessen spricht" knüpft Kurt Kotrschal, der Leiter des Wolfsforschungszentrums, mit seiner kräftigen Ausdrucksweise an den Artikel von Marc Bekoff an. Er weist darauf hin, dass in der frühen Geschichte der Menschheit - und in indigenen Gemeinschaften bis heute - Tiere in Maßen und in spirituellen Kontexten getötet wurden, wobei die Würde und Bedürfnisse der zu tötenden Tiere geachtet wurden. Und er stellt fest, dass gegen gelegentlichen Konsum von Fleisch aus bekannter Herkunft wenig einzuwenden ist. Aber nicht nur die Ethik spricht gegen hirnloses Billigfleischessen.

"Nicht Tiere werden gehalten, sondern Fleisch wird produziert; von dem dann mindestens ein Drittel weggeworfen wird, weil Handel und Konsumenten das so spielen."

"Nicht das Töten ist das eigentlich Widerliche, sondern die großindustrielle Verdinglichung Wesensverwandter. Was uns ja gleichzeitig selbst ein Stück weit entmenschlicht."

"Etwa 60 Milliarden Hühner weltweit werden jährlich unter meist unsäglichen Bedingungen in weniger als 60 Tagen zur Schlachtreife herangezogen. Sie und die Milliarden Lachse, die in Netzkäfigen gemästet werden, verzehren ein Vielfaches ihres Körpergewichts an Proteinfutter – zumeist aus Fischmehl, was wiederum einen der Hauptfaktoren für das Leerfischen der Meere darstellt. Industriefleisch oder -fisch zu essen beschleunigt zudem unseren Weg in die ökologische Katastrophe."

Auch für Menschen, denen alle diese Zusammenhänge bewusst sind, ist es nicht leicht, sich auf eine der Lage des Planeten entsprechende Ernährung umzustellen. Das zeigt ein Interview mit Gerhard Weißgrab, dem Präsidenten der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, das am 27. Februar 2013 im Standard unter dem Titel "Darum sind nicht alle Buddhisten Vegetarier" veröffentlicht worden ist.

Die erste der fünf buddhistischen Ethikregeln lautet: "Ich übe mich darin, keine fühlenden Wesen zu schädigen oder zu töten."

Trotzdem sind nicht alle Buddhistinnen und Buddhisten Vegetarier. Denn nach dem buddhistischen Weg soll eine Umstellung der Ernährung durch Einsicht erfolgen und nicht durch Verbote oder Vorschriften.

Die Menschheit muss noch viel bewusster leben lernen. Gerhard Weißgrab im Interview: "Es wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die industrielle Fleischproduktionsindustrie weit zurückgedrängt und durch eine vernünftige Haltung auf Biobauernhöfen ersetzt wird - ohne verrückte Tiertransporte, teilweise quer durch Europa."

Für Gerhard Weißgrab war es ein langer Weg, Vegetarier zu werden. "Er habe zwar immer ein Unbehagen beim Verzehr von Fleisch gespürt, es aber erst an einem gewissen Punkt geschafft, darauf zu verzichten. Nachdem er die Entscheidung getroffen hatte, sei die Umstellung der Ernährung kein Problem mehr gewesen."

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219. Act, don't react  -  5. März 2013

Ich lese gerade das Buch "Memoirs of an Ordinary Mystic" von Dorothy MacLean. 1949 traf sie in Kalifornien den spirituellen Lehrer Vitvan, der um sechs Uhr Morgenlektionen gab. "His phrase 'Act, don't react' has been invaluable, though it took me years to understand what he meant, and even more years to put it into practice." ("Sein Satz 'Agiere, reagiere nicht' war von unschätzbarem Wert, obwohl ich Jahre brauchte, um zu verstehen, was er meinte, und noch mehr Jahre, um es in die Praxis umzusetzen." Dorothy MacLean, S. 33.)

Für mich hat dieser Satz große Bedeutung. Denn ich hatte eine sehr dominante Mutter und musste in meiner Kindheit immer wieder Dinge tun, die mir nicht entsprachen. Solches Tun und die flauen Gefühle und Gedanken, die dabei kommen, sind typische Beispiele unfreier Reaktionen. Genauso die Schuldgefühle, die beim Nichtgehorchen kommen. Details aus meiner Kindheit führe ich nicht an.

Damit hatten sich Verhaltensmuster eingespielt, die auch in meinem Erwachsenenleben da waren. Bis zum heutigen Tag kann die Versuchung zu solchen Reaktionen oder Schuldgefühlen bei mir auftauchen oder die Versuchung, Schwierigkeiten zu vermeiden. Ich kann mich aber jetzt zurücknehmen und bewusst darauf eingehen. Dieser kleine Schritt, der oft nur Sekundenbruchteile benötigt, gelingt mir jetzt schon gut, bevor ich etwas sage oder tue.

Es geht also darum, nicht unbewusst zu reagieren, sondern seine bewusste Aktion in das Geschehen einzubringen. Aber bitte mit Liebe.

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218. Schwer ist es, Buddhas Lehre wahrhaftig zu vernehmen  -  25. Februar 2013

Im Zendo der Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte in Todtmoos-Rütte habe ich im Dezember 1981 einen Spruch abgeschrieben, der in voller Länge in meinem Baustein 186. Zusammenschau ohne Grenzen festgehalten ist. Der Schlusssatz lautet: "Schwer ist es, Buddhas Lehre wahrhaftig zu vernehmen."

Ich mache nun aus diesem Satz zwei Sätze. Dabei sage ich nicht "der Buddha" oder "der Christus", sondern ich verwende die historischen Namen.

"Schwer ist es, Siddhārthas Lehre wahrhaftig zu vernehmen."
"Schwer ist es, Jesu Lehre wahrhaftig zu vernehmen."

Der erste Spruch hat in mir den zweiten hervorgerufen. Ich frage mich: Ist es nicht bei Jesus genauso?

In einem Baustein kann ich die eine wie auch die andere Lehre nicht wahrhaftig darstellen. Man kann sie überhaupt nicht darstellen. Man kann sie nur leben und aus dem Leben heraus etwas formulieren, was aber wieder von einem anderen Leben beantwortet werden muss, vielleicht in einer ganz anderen Weise.

Im Buddhismus geht es nicht darum, für sich allein etwas zu erlangen, sondern etwas zu erlangen, das als Schatz an andere Wesen weitergegeben werden kann. Es geht nicht einfach darum, ein Arhat zu werden, also ein Mensch, der vollständig Gier, Hass und Verblendung abgelegt hat. Im Mahāyāna-Buddhismus wird gelehrt, dass ein Arhat letzten Endes zu einem Bodhisattva werden muss. In dem Baustein 217. Wiedergeburt ohne ein Ich habe ich den Bodhisattva so charakterisiert: "Ein Bodhisattva leistet tätige Hilfe und ist bereit, das Leid aller Wesen auf sich zu nehmen und karmisches Verdienst auf andere Wesen zu übertragen." (Aus dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren.)

Im Christentum geht es nicht darum, für sich allein etwas zu erlangen, sondern etwas zu erlangen, das als Schatz an andere Wesen weitergegeben werden kann. Es geht nicht einfach darum, Gott zu lieben und sich an dieser Liebe zu erfreuen. Genauso notwendig ist es, den Mitmenschen zu lieben, denn jeder Mensch ist kostbar, ohne Ausnahme. Ebenso wichtig ist es, jedes Wesen auf der Erde zu lieben, denn jedes Wesen ist kostbar, ohne Ausnahme. Die indigenen Religionen wissen das. Es geht darum, tätige Hilfe zu leisten, bereit zu sein, das Leid aller Wesen auf sich zu nehmen und in stellvertretender Weise eigene Verdienste anderen Wesen darzubringen.

So gesehen ist der Grundgedanke des Buddhismus, dafür zu sorgen, dass kein Wesen verloren geht. So gesehen ist der Grundgedanke des Christentums, dafür zu sorgen, dass kein Wesen verloren geht.

Wir können nicht einfach sagen, Siddhārtha hat alles für uns getan, denn er fordert uns klar auf, selbst Erfahrungen zu sammeln. Wir können nicht einfach sagen, Jesus hat alles für uns getan, denn er fordert uns klar auf, ihm nachzufolgen.

Ich bin mit Siddhārtha von Herz zu Herz verbunden und lasse mich von ihm zu immer neuer Wachheit inspirieren. Ich bin mit Jesus von Herz zu Herz verbunden und folge ihm nach. Seine außerordentliche Bedeutung für die Menschheit wird durch nichts übertroffen.

Feedback von Gerhard Weißgrab:

Ich habe Ihre beiden letzten Blog-Beiträge gelesen und finde sie den Themen "wahrhaftig werdend!" Sie enthalten keinen Gedanken, dem ich nicht sofort voll beitreten kann. Zwei Inspirationen sind mir dabei in den Sinn gekommen und sind für mich ganz wesentliche Ansätze. Erstens, das Bewusstsein, dass wir mit unseren Begriffen und unserer Sprache immer nur an der Oberfläche bleiben können, trotzdem brauchen wir sie, müssen uns aber der Unzulänglichkeit bewusst bleiben, und zweitens das Bewusstsein einer erforderlichen Demut, mit welcher wir uns an die großen Lehren annähern müssen, wenn wir eine Chance des Verstehens haben wollen. Es gibt kaum Menschlicheres, aber gleichzeitig auch Lächerlicheres, als einen Streit über die richtige oder die falsche Religion.

Sie haben Ihren zweiten Beitrag mit einem Satz beendet, der meiner Meinung nach überhaupt alle theologischen oder buddhologischen Interpretationen überflüssig macht, er drückt nämlich ganz einfach das aus, worum es geht: "Ich will vor allem ein Wesen sein, ein liebendes und geliebtes Wesen."

Mehr ist dazu gar nicht zu sagen, alle Religionen, sofern es um deren wahre Essenzen geht, sind Wegweiser dort hin!

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217. Wiedergeburt ohne ein Ich  -  21. Februar 2013

Bei den Umfragen des 1990 - 1993 World Value Survey gab folgender Prozentsatz der Befragten an, an Wiedergeburt (Reinkarnation) zu glauben:

Schweiz                                        36 %
Österreich                                     29 %
Westdeutschland (alte Bundesländer) 26 %
Ostdeutschland (neue Bundesländer)  13 %

Offen ist die Frage, was die Befragten darunter verstanden. Daher erläutere ich jetzt die buddhistische Sicht. Wer oder was wird denn nach dieser Sicht eigentlich wiedergeboren?

„Wenn wir Karma und Wiedergeburt richtig verstehen wollen, dann müssen wir diese im Licht des ‚Nicht-Ich’ betrachten. Beide verkünden ganz deutlich das ‚Nicht-Ich’ und doch ziehen die meisten Menschen dies überhaupt nicht in Betracht, sondern sprechen von ‚meinem’ Karma und von ‚meiner’ Wiedergeburt. Besonders ‚meine’ Wiedergeburt ist absurd.“ (Aus: Ayya Khema, „Das Herz der Lotusblume“, S. 80.)

„Es gibt zwar nach der Lehre des Buddha eine ‚Wiedergeburt’, aber kein ‚Ich’, das da ‚wiedergeboren’ wird. Wiedergeboren wird lediglich Konditionierung und Anhaftung. Um diese Konditionierung und Anhaftung bildet sich ein neues ‚Ich’, das aber mit dem alten ‚Ich’ nichts mehr zu tun hat ...“ (Ikkyu auf www.allmystery.de.)

„Der Vorgang der Wiedergeburt ist keine Seelenwanderung: Es gibt kein Ich, keine Seele oder dergleichen, das von einem Zustand zum anderen wandern könnte. Nein, Wiedergeburt ist ein reiner Bedingungszusammenhang, bei dem ein vorhergehender Zustand einen späteren bedingt, ohne dass irgendein substantielles Substrat bleiben würde. Darin unterscheidet sich übrigens Wiedergeburt nicht von dem, was während des Lebens ständig geschieht.“ (Aus: Alois Payer, „Karma und Wiedergeburt im Buddhismus“.)

„Auf der einen Seite gibt es mangels Seelenwanderung keine die Existenzen verbindende Identität, auf der anderen Seite haben wir eine bedingende kausale Abhängigkeit der Existenzen, die man am ehesten als eine Art Impulsweitergabe bezeichnen kann. Eine Vorexistenz bestimmt durch ihr Bewusstsein die Qualität der Nachexistenz.“ (Aus: Bernhard Peter, „Seelenwanderung und Wiedergeburt in den indischen Großreligionen“.)

Und doch gibt es im Buddhismus noch etwas anderes: „Bodhisattva heißt im Mahāyāna-Buddhismus ein Wesen, das ... solange auf das Eingehen ins vollständige Nirvāna verzichtet, bis alle Wesen erlöst sind. Die sein Handeln bestimmende Eigenschaft ist das Erbarmen, getragen von höchster Einsicht und Weisheit. Ein Bodhisattva leistet tätige Hilfe und ist bereit, das Leid aller Wesen auf sich zu nehmen und karmisches Verdienst auf andere Wesen zu übertragen. Der Weg eines Bodhisattva beginnt mit dem Fassen des sogenannten Erleuchtungsgedankens (Bodhichitta) und dem Ablegen des Bodhisattva-Gelübdes.“ (Aus dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren.)

Ein (männlicher oder weiblicher) Bodhisattva, der auf der Erde lebt, stirbt irgendwann. Und dann? Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder er wirkt von einem nicht-irdischen Bereich auf die Erde, oder er wird wiedergeboren. Wie kann er das, wenn es doch kein Ich gibt? Eine buddhistische Meinung ist, dass der Bodhisattva dann einen kontinuierlichen Buddhaaspekt verkörpert.

Die vier grundlegenden Bodhisattva-Gelübde habe ich vor vielen Jahren abgelegt, für mich allein, ohne Zeugen. Später dann habe ich den Erleuchtungsgedanken fallen gelassen. Noch später habe ich begonnen, die vier Bodhisattva-Gelübde täglich zu erneuern, in einem weiten Sinn, der über die buddhistischen Lehren hinausgeht.

Ich habe letzten Endes kein Ich. Aber will ich einen kontinuierlichen Buddhaaspekt verkörpern? Ja und nein. Ich will vor allem ein Wesen sein, ein liebendes und geliebtes Wesen.

(Siehe auch: 195. Meine Arbeit mit den Bodhisattva-Gelübden.)

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216. Der neue Mensch, die neue Welt  -  13. Februar 2013

Karl Barth verwendete ca. 1920 in seinen Römerbrief-Kommentaren oft Ausdrücke wie "der neue Mensch", "die neue Welt", betonte aber jedes Mal, dass dies nie in unserer Zeit, in unserer Welt stattfinden werde. Der neue Mensch, die neue Welt sei "das ewige Futurum". (Gefunden bei Martin Walser.)

Heinz Kappes sagte ca. 1970 in einer Vortragsreihe über Sri Aurobindo: "Die rationale, technisierte Welt hat Dimensionen angenommen und manipuliert Kräfte, die über das Maß des jetzigen Menschen hinausgehen."

Dieses Zitat bringt zum Ausdruck, dass sich die Menschheit das ewige Futurum nicht mehr leisten kann.

In meinen Büchern "Jesus für alle" (im Kapitel "Die Auferstehung der Erde") und "Vom Tod zum Leben" (im Kapitel "Die Erde jetzt") entwerfe ich ein Schichtenmodell der Erde, und zwar mit dem Grundbegriff "Integral". Dabei verstehe ich unter dem Integral das eine Ganzheit bildende Moment. Die entscheidende Schicht ist dabei das Christus-Integral, das alles ins Sein ruft und vollendet. Um die Katastrophenszenarios, die uns ins Haus stehen, noch zu verhindern oder abzumildern, ist ein Übergang zur Transparenz notwendig, der nicht mehr nur einzelne Individuen ergreift, sondern kollektiv erfolgt.

Erforderlich ist Transparenz gegenüber allem, was auf der Erde geschieht, gegenüber den Wirkungen in der Erlebniswelt der einzelnen Menschen und gegenüber den globalen Wirkungen. Ein Beispiel: Nur wenn ein Mensch, der die Macht hat, ein Regenwaldgebiet großflächig zu zerstören und die Lebensmöglichkeit für viele Pflanzen und Tiere und Indigene zu vernichten, die Konsequenzen der Zerstörung am eigenen Leib spürt, kann in ihm ein Sinneswandel entstehen, aber auch nur dann, wenn er mit diesem Sinneswandel nicht mutterseelenallein dasteht.

Erforderlich ist Transparenz darüber hinaus gegenüber dem transzendenten Gott oder Urgrund. Ein Beispiel: Richard Dawkins schreibt über den Gotteswahn. Er definiert in seinem Buch, was er unter Gott versteht. Aber Gott kann man nicht definieren. Man kann ihn oder es nicht einordnen. Aber ihn oder es zu spüren, ordnet das Leben und gibt immer neue Horizonte.

Erforderlich ist Transparenz auch gegenüber dem eigenen Inneren. Das eigenste Innere der Menschen ist transzendent und es besteht in ihnen eine Bewegung, die sich dem transzendenten Gott oder Urgrund annähert. Die Theologie sagt, dass Jesus im Innersten mit Gott eins ist. Die Bewegung, die ich gerade erwähnt habe, führt dazu, dass jeder Mensch, dass darüber hinaus jedes Wesen mit dem transzendenten Gott eins wird. Es handelt sich um ein unendliches Werden, das nie zu einer statischen Erfüllung kommt.

Diese Fülle der Transparenz ist einzelnen Menschen bekannt und sie sind dabei, sie mehr und mehr zu leben. Das wird für die Erde als Ganzes nur durch die kollektive Entfaltung wirksam. Ohne eine besondere Emanation des Christus-Integrals kann es diese Entfaltung nicht geben. Doch das Christus-Integral beginnt bereits, die Schleusen dafür zu öffnen. Es ist noch nicht viel von dieser Emanation zu spüren und ihre kollektiven Wirkungen können noch übersehen werden.

Es ist unsere Aufgabe, uns in dieser Situation so zur Verfügung zu stellen, dass die Schleusen weiter aufgehen, dass die Menschheit auf ein neues Niveau gehoben wird. Gehen wir's an, mit unserem Herzen, unserem Hirn und unseren Händen!

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215. Vom Welthochgebet zur Welteucharistiefeier  -  6. Februar 2013

In meinem Buch "Jesus für alle - Die Abenteuer Gottes" gibt es ein Kapitel mit dem Titel "Das Welthochgebet". In diesem Kapitel habe ich eine Abwandlung des zweiten Hochgebets der römisch-katholischen Kirche entwickelt und das Gebet auf die ganze Welt bezogen, nicht in dem Sinn, dass "Christinnen und Christen" für die "Welt" beten, sondern in dem Sinn, dass wir alle zu der einen Welt gehören. In unseren Eucharistiefeiern verwenden meine Frau und ich dieses Hochgebet immer noch fast unverändert, nur die Epiklese haben wir um eine weitere Variante bereichert. Welche Epiklese wir verwenden, wird am Beginn der Feier entschieden.

In meiner ursprünglichen Formulierung wird die Schechina, die Einwohnung ausgedrückt: "Wir haben hier Brot und Wein und bitten dich: Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit Leib und Blut des auferstandenen Jesus in ihnen wohnen und uns immer mehr mit ihm und untereinander verbinden."

Stattdessen sagen wir jetzt in der Regel: "Wir haben hier Brot und Wein und bitten dich: Sende deinen Geist auf uns herab und reinige, heile und heilige uns, damit wir Leib und Blut des auferstandenen Jesus in diesen Gaben erkennen und uns immer mehr mit ihm und untereinander verbinden."

Nun gebe ich ein Beispiel dafür, in welcher Art ich das approbierte Hochgebet verändert habe. Bei den Bitten gegen Schluss der approbierten Fassung heißt es: "Wir bitten dich: Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut, und lass uns eins werden durch den Heiligen Geist."

Stattdessen beten wir: "Wir bitten dich: Lass uns durch Brot und Wein Jesu Leib und Blut aufnehmen, damit wir immer mehr verwandelt werden und den Frieden bringen."

In unseren Eucharistiefeiern weichen wir auch in anderer Hinsicht vom Standard ab. Bei uns gibt es keinen Bußritus, bei dem sich alle Menschen als Schuldige, als Sünder bekennen, unabhängig von ihrer Lebenssituation. Stattdessen gibt es eine Gewissenserforschung. Und es gibt nicht nur frei gesprochene Fürbitten nach Evangelium und Predigtgespräch, sondern es gibt auch frei gesprochenen Dank und Lobpreis nach dem Gloria.

Unsere Eucharistiefeiern nenne ich ab jetzt Welteucharistiefeiern, denn alle Menschen dieser Erde sind dazu eingeladen. Und sollte ein Haustier dabei sein, wie ein Hund oder eine Katze, so stört auch das nicht.

Im Mai 2011 feierten wir in der Wiener Gruppe von "Wir sind Kirche" mit dem indischen Jesuitenpater Cyril Desbruslais eine "indische" Eucharistiefeier. Er erzählte uns, dass bei ihm zuhause das Om-Zeichen auf dem Tabernakel ist, dieses Zeichen, das im Hinduismus die Gegenwart des Absoluten bedeutet. Und er erzählte uns, dass in seinem Priesterseminar alle zur Kommunion eingeladen sind, ob sie nun Hindus, Moslems oder Christen sind.

Meine Frau und ich feiern unsere Eucharistiefeiern ohne indische Elemente, aber im Geist der Hingabe an den transzendenten Gott und der unverbrüchlichen Verbundenheit mit Jesus und mit allem, was ist. Über die Enge einer Konfession sind wir hinaus.

(Siehe auch: 175. Die kosmische Messe, 287. Vom Welthochgebet zur Welteucharistiefeier.)

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214. Friedwald  -  27. Januar 2013

In meiner Schweizer Zeit kannte ich zwei Schwestern, deren Eltern ihre Ferien jahrelang in Sils-Maria im Engadin verbrachten, in dem Ort, wo auch Friedrich Nietzsche gerne weilte. Auf Wunsch der Eltern streuten die zwei Schwestern ihre Asche in den Silser See, erst die Asche des Vaters, später dann die Asche der Mutter. So hatten sie ihren Friedsee.

Menschen, die weniger radikal sind, denken an einen Friedwald. Auch mit der Idee des Friedwalds wurde ich zuerst in der Schweiz konfrontiert. Sie wurde dort von Ueli Sauter eingeführt, als ein langjähriger Freund von ihm starb, der in London gelebt hatte, aber in der Schweiz begraben werden wollte. Ueli Sauter pflanzte einen Baum und brachte die Asche des Freundes in die Wurzeln ein. Dann machte er diese Art der Bestattung bekannt. Mittlerweile betreibt seine FriedWald GmbH in der Schweiz 62 Friedwälder. Da in der Schweiz keine Urnenbestattung vorgeschrieben ist, kann die Asche direkt der Erde übergeben werden. In Deutschland bieten die GDS Bestattungen 29 Friedwälder an, die RuheForst GmbH betreibt 37 Ruheforste.

Am 28. September 2012 wurde der erste Friedwald in Österreich eröffnet, der Friedwald Schöcklland in Kumberg bei Graz,  und in einer ökumenischen Zeremonie vom katholischen Generalvikar und einer evangelischen Vikarin geweiht. Der erste Friedensforst Österreichs wurde am 12. Oktober 2012 in Klagenfurt-Sattnitz eröffnet und vom katholischen Diözesanbischof sowie vom evangelischen Superintendenten geweiht. In Deutschland und Österreich muss bei dieser Art von Bestattung eine biologisch abbaubare Urne verwendet werden.

Auf Ueli Sauters Website www.friedwald.ch kann man lesen: "Mit dem 'FriedWald' ist eine einfache und stimmungsvolle Bestattungsart gefunden, die zudem alle Voraussetzungen für einen Bestattungsplatz außerhalb der normalen Friedhöfe erfüllt. Die Asche des Verstorbenen wird in den Wurzelbereich eines Baumes oder Strauches eingebracht. Der Baum nimmt die Asche als Nährstoff auf und wird so zu einem Sinnbild für das Fortbestehen des Lebens und ist zudem eine sehr persönliche Erinnerung an den Verstorbenen. Die FriedWald-Bäume werden durch den Förster in einem ausgewählten Waldstück bezeichnet und können dann frei ausgesucht werden. Ein FriedWald ist jederzeit frei zugänglich und bleibt bis zu 99 Jahre durch einen Grundbucheintrag geschützt."

Gästebucheintragungen bei Ueli Sauter:

"Ich finde das eine gute Sache, denn der Mensch ist ja aus der Natur erschaffen worden und soll auch wieder zu ihr zurückkehren."

"Ein Baum lebt und damit der Verstorbene in einer anderen Form auch."

"Wer einmal gefühlt hat, welche Kraft und welche Verbundenheit ein Baum einem Menschen übermitteln kann, der wünscht sich, seine letzte Ruhe dort zu finden."

Wäre das nicht auch etwas für dich und mich? Ich habe ja vermutlich noch einige Jahre Zeit. Vielleicht gibt es bis dahin auch einen Friedwald im Wiener Raum.

Ergänzung vom 6. April 2013:

Es gibt ihn schon, den Friedwald im Wiener Raum. Die Naturbestattung GmbH führt in Wien-Mauerbach den "Wald der Ewigkeit". Zwölf mächtige Bäume stehen auf einer Lichtung, von Wald umgeben. Die Bäume tragen Bandagen mit Namen, wie Baum des Friedens, Baum der Freiheit, Baum der Liebe. Die Asche kann in einer biologisch abbaubaren Urne bei einem der Namensbäume oder bei einem kleineren Baum ohne Namen im Wald der Ewigkeit beigesetzt werden. Sogar einen Familienbaum kann man haben - Preis auf Anfrage. In jedem einzelnen Fall muss ein Ansuchen um Bewilligung beim Magistrat gestellt werden. Das erledigt die Firma.

Die Naturbestattung GmbH hat noch viele andere Angebote. Ich gebe zwei Beispiele. Die Asche kann in einer wasserlöslichen Urne von einem Schiff aus der Donau übergeben werden. Sie kann auch in einer Urne oder als Aschenstein auf einer Almwiese in Werfenweng/Salzburg beigesetzt werden.

Bei der Naturbestattung GmbH gibt es ein Formular, mit dem man die Firma schon zu Lebzeiten mit der Durchführung und Überwachung der eigenen Naturbestattung beauftragen kann.

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213. Und wieder Karma  -  23. Januar 2013

Nyānatiloka Mahāthera war der erste deutsche buddhistische Mönch und lebte vor allem in Ceylon (heute Sri Lanka). Sein Buddhistisches Wörterbuch "ist der erstmalige Versuch eines authentischen und umfassenden Wörterbuches buddhistischer Lehrbegriffe". Es erschien 1950 in englischer und 1952 in deutscher Sprache. Die zweite, revidierte Auflage, die von seinem Schüler Nyānaponika Mahāthera herausgegeben wurde, wird bis heute unverändert nachgedruckt.

Karma (Sanskrit) bzw. Kamma (Pali), wörtlich "Wirken", "Tat", bedeutet nach diesem Wörterbuch  genau genommen den heilsamen oder unheilsamen Willen, der sich in körperlichen Taten, in Worten oder bloß in Gedanken äußert. Die Wirkung reift entweder bei Lebzeiten oder in der nächsten Geburt oder in einer späteren Geburt. Das Wirken kann auch in höllische oder himmlische Bereiche führen. Die Wurzeln des heilsamen Wirkens sind Gierlosigkeit, Hasslosigkeit (Güte) und Unverblendung (Einsicht). Die Wurzeln des unheilsamen Wirkens sind Gier, Hass und Verblendung. Die Wesen sind Eigner und Erben des Wirkens. Das Sprechen von "Wesen" ist aber bloß konventionell.

Ein wahres Verständnis der buddhistischen Karmalehre erfordert einen tiefen Einblick in die Unpersönlichkeit (anatta) und Bedingtheit (paccaya) aller Daseinsphänomene. In ihnen zeigt sich bloß das durch Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen im Gange befindliche Geistige und Körperliche. Kein Täter ist außerhalb der Taten zu sehen, kein die Karmawirkung Erfahrender außerhalb der Karmawirkung. "Darum sagen eben die alten Meister:

Nicht findet man der Taten 'Täter',
kein 'Wesen', das die Wirkung trifft.
Nur leere Dinge ziehn vorüber:
Wer so erkennt, hat rechten Blick." (Visuddhi-Magga XIX.)

Wie stehe ich dazu? Auch für mich sind Menschen keine Personen. Ich spreche von Wesen, die als Menschen auf der Erde geboren sind. Wenn ich genau hinschaue, ist in den Wesen das Individuelle und das Kosmische, das Einzelne und das Ganze nicht trennbar. Die Wesen gehen durch Lernprozesse. Zeit und Raum haben in ihrem Leben zweierlei Bedeutung: Es gibt die Zeit und den Raum, innerhalb derer sie sich in ihrem irdischen Leben bewegen, und es gibt die Zeiten und Räume, die ihr Wirkungsfeld in ihrem über das Irdische hinausgehenden Leben sind.

Die Wesen können in Höllen und Himmel geraten. Doch die höllischen Zustände sind endlich. Die himmlischen Zustände sind endlich. Die Wesen sind unendlich. Ob sie auf der Erde wiedergeboren werden, lasse ich offen.

Es gibt viele Arten von Bedingtheit. Die Systemtheorie spricht von Singularitäten, bei denen eine kleine Ursache eine große Wirkung hervorruft. Die Chaostheorie spricht von fraktalen Strukturen, die bei beliebiger Vergrößerung oder Verkleinerung immer selbstähnlich sind und im Raum-Zeit-Kontinuum keine ganzzahlige Dimension haben.

Es gibt viele Arten von Bedingtheit. Heilsame und unheilsame Einwirkungen überschreiten die Grenzen, die man irrtümlich zwischen Wesen zieht. Segen ist übertragbar. Wesen leben integrierend. Das Integral eines Wesens geht über alle Grenzen. In der Leere ist alles aufgehoben, ist alles von Liebe durchtränkt.

Liebe ist überpersönlich.

(Siehe auch: 206. Karma.)

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212. Die weiße Bisonfrau  -  13. Januar 2013

Laut einer Sage der Lakota schickte ihnen Wakan Tanka vor langer Zeit eine schöne Frau in weißem Gewand. Sie brachte zwei Geschenke: die heilige Pfeife und sieben heilige Riten. Die wichtigsten dieser Riten waren der Sonnentanz, die Reinigungsriten in der Schwitzhütte und die Visionssuche. "Nach der Übergabe der Geschenke verwandelte sich die Frau in ein weißes Bisonkalb und verschwand." (Nach: www.indianerwww.de.)

Die weiße Bisonfrau kündigte damals an, dass sie eines Tages machtvoll wiederkehren werde, um allen Naturvölkern und der Natur selbst beizustehen. Danach werde die "Große Reinigung der Erde" beginnen. Man werde den Zeitpunkt ihrer Rückkehr daran erkennen, dass in Amerika weiße Bisonkälber geboren würden. Solche Geburten gibt es in den USA tatsächlich seit den Neunzigerjahren. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium untersuchte das Phänomen eingehend und bestätigte, dass es sich bei den weißen Büffeln nicht um Albinos, sondern um reinrassige Wildbisons handelte. (Nach: www.erdenhueter-kristalle.de.)

Ich bringe nun zwei Beispiele.

Am 20. August 1994 wurde auf einer Farm in Madison (Wisconsin) ein weißes, weibliches Büffelkalb geboren. Es bekam den Namen "Miracle" ("Wunder"). "Weiß kam sie auf die Welt, ihre Jugend verbrachte sie in rotem, dann gelbem Fell und als erwachsene Büffelkuh trug sie braun. Genau wie es die geistigen Führer der Lakota vorhergesagt hatten." Sie wurde zehn Jahre alt. Seit 1976 hatten die Indianer Religionsfreiheit und seit der Geburt von Miracle übten sie wieder die alten Zeremonien wie den Sonnentanz aus. (Nach: www.indianer-web.de.)

Am 16. Juni 2012 wurde auf einer Farm in Goshen (Connecticut) ein weißes Bisonkalb geboren. Hunderte Mitglieder der Stämme der Lakota, Mohawk, Seneca und Cayuga reisten zu der Farm, um diese Geburt zu feiern. Sie gaben dem Kalb den Namen "Yellow Medicine Dancing Boy". Nach DNA-Untersuchungen ist das Kalb kein Albino. Seine Geburt ist für die Indianer ein Zeichen der Hoffnung auf Einheit und eine bessere Zukunft. "Experten zufolge ist die weiße Farbe bei Bisons sehr selten - nur eins von zehn Millionen Tieren ist weiß." (Nach: www.blick.ch/news.)

"In Amerika gab es einst rund dreißig Millionen Bisons. Zwischenzeitlich drohte den Tieren die Ausrottung. Inzwischen hat sich ihre Zahl wieder auf etwa eine halbe Million erhöht." (Aus: www.spiegel.de/panorama.)

"Seit der Geburt der weißen Büffelkälber erleben weltweit immer mehr Menschen das Phänomen, dass die weiße Büffelfrau sich ihnen während ihrer Meditationen zeigt bzw. ihnen Visionen schenkt oder geistige Botschaften zukommen lässt, obwohl viele dieser Menschen noch nie etwas von ihr oder ihrer Geschichte gehört hatten." (Nach: www.erdenhueter-kristalle.de.)

Das kann ich nicht nachprüfen. Für liebevolle Geistwesen, die der Erde helfen wollen, bin ich jedenfalls offen.

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211. Warten auf Godot  -  13. Januar 2013

In Samuel Becketts 1952 veröffentlichtem Theaterstück "Warten auf Godot" warten die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir auf einen Godot, der nie kommt. Als der Autor gefragt wurde, was mit Godot gemeint sei, antwortete er: "Wenn ich das wüsste, hätte ich es im Stück gesagt."

Es gibt viele Möglichkeiten, Godot zu sehen. Hier ist eine davon: "Godot wird mit Verweis auf das englische Wort God und die französische Diminutiv-Endung -ot als kleiner Gott gedeutet, auf dessen Ankunft der Mensch vergeblich hofft." (Aus dem Wikipedia-Artikel über das Stück.)

Warten wir auf die Ankunft von jemand oder etwas?

Christen warten auf die Wiederkunft Jesu Christi.

Juden warten auf die Ankunft des Maschiach (Messias).

Muslims warten auf die Ankunft des Mahdi.

Buddhisten warten auf die Ankunft des Maitreya.

Hinduisten warten auf die Ankunft des Kalki.

Estragon und Wladimir warten vergeblich.

Und wir?

Vertrauen wir auf uns selbst, auf unser eigenes Herz und auf unsere eigenen Hände, in der Nachfolge Jesu, auf dessen Wiederkunft wir nicht warten müssen, denn er ist da, in jedem Teil des Kosmos.

(Siehe auch: 62. Der kleine Gott.)

Ergänzung vom 14. Januar 2013:

In einem Feedback wurde ich gefragt:
1) Wer ist mit "wir" gemeint?
2) Warten die Christen auf die Wiederkunft Jesu Christi oder warten sie nicht?

Meine Antwort:
1) "Wir", das sind alle, die das lesen. In der Situation von Estragon und Wladimir oder in ganz anderen Situationen.
2) Christen warten heißt für mich, es gibt Christen, die warten.
In römisch-katholischen Eucharistiefeiern spricht die Gemeinde während des Hochgebets die folgende Akklamation: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
Ich spreche mit, aber ich sage stattdessen: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, du bist da in Herrlichkeit.

Ergänzung vom 3. Februar 2013:

Warten auf Godot kann auch heißen: Warten auf den Tod. Die braune, raue Schale Tod enthält die schimmernd weiße Kokosnuss des Lebens, das mit dem Tod nicht endet. Und sie enthält die Kokosmilch der reinigenden, heilenden und heiligenden Energie.

Und ist der Tod nicht der Lebensspender, genau jetzt, genau in diesem Augenblick?

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210. Alter, Krankheit und Tod  -  4. Januar 2013

Siddhārtha, der historische Buddha, der als Kronprinz ein üppiges Leben führte, wurde bei vier Ausfahrten mit einem Alten, einem Kranken, einem Toten und einem Mönch konfrontiert. Die ersten drei Gestalten zeigten ihm das Leid in der Welt, die vierte Gestalt zeigte ihm seine Bestimmung. So sagt es die Legende.

Seit Jahren gebe ich mich bewusst dem transzendenten Gott hin, wobei ich Alter, Krankheit und Tod immer einschließe.

Im Jahr 2012, meinem 71. Lebensjahr, bin ich körperlich deutlich schwächer geworden, zum ersten Mal in meinem Leben. Die tägliche, bewusste Vorbereitung auf Alter, Krankheit und Tod wird daher aus meinem irdischen Leben nicht mehr weichen.

Einer der zentralen Begriffe des frühen Buddhismus ist Leiden (Sanskrit: Duhkha, Pali: Dukkha). Leidhaftigkeit wird als eines der drei Merkmale des Daseins angesehen. Die Wahrheit vom Leiden ist die erste der vier edlen Wahrheiten. In einem frühen Pali-Text wird sie so beschrieben: "Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden, Sorge, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung sind Leiden; mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; von Liebem getrennt sein, ist Leiden; nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden; kurz gesagt, die fünf Anhaftungsgruppen sind Leiden." (Aus: Nyānatiloka, "Das Wort des Buddha", S.17.)

Die fünf Anhaftungsgruppen sind die fünf Daseinsgruppen, sie umfassen alles Körperliche und Psychische. Der Mensch, der durch Gier, Hass und Verblendung gefesselt ist, ist nach dem Buddhismus grundsätzlich ein Leidender, auch in allem Angenehmen, das er erlebt.

Für mich handelt es sich dabei um philosophische Aussagen, nicht um Aussagen der Erfahrung. Im Buddhismus wird die Wichtigkeit der Erfahrung betont. Was erfahren wird, ist das Dharma (Sanskrit) oder Dhamma (Pali). Dieser Begriff bedeutet sowohl das kosmische Gesetz als auch die Lehre des Buddha als auch die Wirklichkeit. Was erfahren wird, ist nicht die voraussetzungslose Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit in Übereinstimmung mit der Lehre.

Die Basis der Erfahrung ist die erste Stufe des zur Leidenserlöschung führenden Pfades, die rechte Erkenntnis. "Was aber ist rechte Erkenntnis? Erkenntnis des Leidens, Erkenntnis der Leidensentstehung, Erkenntnis der Leidenserlöschung, Erkenntnis des zur Leidenserlöschung führenden Pfades. Das nennt man rechte Erkenntnis." (Aus: Nyānatiloka, "Das Wort des Buddha", S.45.)

Dem Menschen, der nicht bereit ist, die Wirklichkeit in Übereinstimmung mit der Lehre zu sehen, wird gesagt:

"Wenn du in deinem eigenen Unverstand
und wegen deiner engstirnigen Ansichten
die Lehre der Erwachten verächtlich machst
und jene, die der edlen, heiligen Lehre folgen,
so endest du wie der Bambus,
der an seinen eigenen Früchten stirbt."
(Aus: "Dhammapada - die Weisheitslehren des Buddha", Munish B. Schiekel, Vers 164.)

Mir geht es bei durchaus buddhistischer Geisteshaltung um die Voraussetzungslosigkeit. Unter diesem Gesichtspunkt formuliere ich die erste edle Wahrheit um und sage ohne Bewertung: Geburt ist Geburt, Altern ist Altern, Krankheit ist Krankheit, Sterben ist Sterben. Sorge ist Sorge, Jammer ist Jammer, Schmerz ist Schmerz, Trübsal ist Trübsal und Verzweiflung ist Verzweiflung. Mut ist Mut, Zuversicht ist Zuversicht, Hoffnung ist Hoffnung, gute Laune ist gute Laune und Vertrauen ist Vertrauen. Unliebes ist Unliebes. Liebes ist Liebes. Erlangen ist Erlangen. Nicht Erlangen ist nicht Erlangen. Das Körperliche ist das Körperliche. Das Psychische ist das Psychische.

Da alles Irdische vergänglich ist, wird jeder Mensch einmal von Liebem getrennt werden. Wer darunter leidet, lebt nicht in der Gegenwart.

Da alles Irdische vergänglich ist, gilt es, das Unvergängliche im Vergänglichen zu entdecken. Und so gehe ich mit Gelassenheit auf Alter, Krankheit und Tod zu, mit meinem Bewusstsein im Jetzt, mit meiner Aufmerksamkeit auf rechte Erkenntnis gerichtet, die von keiner vorformulierten Lehre bestimmt wird.

(Siehe auch: 162. Die grauenerregende Herrlichkeit.)

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209. Beginn einer neuen Ära  -  28. Dezember 2012

Der Kalender der Maya besteht aus drei verschiedenen Teilkalendern, die in Zyklen laufen. Der dritte Teilkalender ist die sogenannte "Lange Zählung". Der Zyklus der "Langen Zählung" endet nach einigen Hypothesen am 21. oder 23. Dezember 2012. Damit beginnt eine neue Ära. Hat das eine bloß rechnerische oder eine spirituelle Bedeutung?

Carlos Barrios, ein Maya-Ältester und -Priester, hat mit seinem Bruder Gerardo fast 600 Maya-Älteste interviewt. Er sagte vor einem Jahr: "Die Welt wird nicht enden. Sie wird transformiert werden."

"Wir sind nicht mehr in der Welt der Vierten Sonne, aber wir sind noch nicht in der Welt der Fünften Sonne. Wir sind in der Zeit dazwischen. In dieser Übergangszeit gibt es ein enormes globales Zusammentreffen von Umweltzerstörung, sozialem Chaos, Krieg und kontinuierlichen Änderungen der Erde."

"Die Menschheit wird weiter bestehen, aber in einer anderen Weise. Die materiellen Strukturen werden sich ändern und wir werden menschlicher sein können."

"Carlos glaubt, dass die dunkle Seite daran arbeitet, die Einigkeit durch Leugnung und Materialismus zu blockieren. Sie bemüht sich auch, diejenigen zu vernichten, die mit dem Licht arbeiten, um ein höheres Niveau der Erde zu erreichen. Sie mag die Energie der alten, abnehmenden Vierten Welt, den Materialismus. Sie will keine Änderung. Sie will keine Einigkeit. Sie will auf diesem Niveau bleiben und hat Angst vor dem nächsten."

"Die dunkle Macht der abnehmenden Vierten Welt kann nicht zerstört oder überwältigt werden. Sie ist zu stark und zu eindeutig, und das ist die falsche Strategie. Die Dunkelheit kann nur transformiert werden, wenn sie mit Einfachheit und Offenherzigkeit konfrontiert wird. Das führt zu Einigkeit. Einigkeit ist ein zentrales Konzept für die Welt der Fünften Sonne."

"Wir müssen zusammenarbeiten, für den Frieden und für das Gleichgewicht mit der anderen Seite. Wir müssen für die Erde sorgen, die uns ernährt und beschützt. Wir müssen alle Kräfte darauf ausrichten, Einigkeit zu erreichen, und zwar jetzt, die andere Seite zu konfrontieren und das Leben zu bewahren."

"Lasst uns Unterschiede respektieren und nach der Einigkeit trachten."

"Wir leben in einer Welt der Energie. Eine wichtige Aufgabe in dieser Zeit ist es, zu lernen, die Energie von allem und jedem zu spüren oder zu sehen - von Menschen, Pflanzen und Tieren."

"Eine einfache, aber wirksame Gebetstechnik ist es, weiße oder himmelblaue Kerzen anzuzünden. Denke an einen Augenblick des Friedens. Sprich deine Intention in die Flamme und sende das Licht zu den Führern, die die Macht haben, Krieg zu führen oder Frieden zu schließen." (Aus: "What the Mayan Elders Say About December 2012", 12. Januar 2012, gefunden auf wakeup-world.com, Übersetzung von Werner Krotz.)

Heute ist bereits der 28. Dezember 2012. Am 21. Dezember gab es eine große Feier der authentischen Maya in Tikal, einer antiken Stadt der Maya mit bemerkenswerten Stufentempeln. Das guatemaltekische Fernsehen berichtete live. Bereits einen Tag vorher begannen die Massen nach Tikal zur Gran Plaza zu strömen. Nach der Feier beklagten die Maya, der touristische Wahnsinn hätte an den Tempeln Zerstörungen angerichtet.

Am 23. Dezember 2012 hatte ich gegen 14 Uhr ein starkes inneres Erlebnis, das mir sagte, die neue Ära habe nun begonnen.

Ich hoffe, dass ich recht habe, denn die Situation der Menschheit und der Erde ist äußerst prekär und droht zu kippen.

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208. Alles hat seine Zeit  -  17. Dezember 2012

Der entsprechende Text im biblischen Buch Kohelet (Koh 3,1-8) wird in der Bibel in gerechter Sprache so wiedergegeben:

Für alles gibt es eine Zeit –
Zeit für jedes Vorhaben unter dem Himmel:
Zeit zu gebären                 und Zeit zu sterben,
Zeit zu pflanzen                und Zeit, Gepflanztes auszureißen.
Zeit zu töten                    und Zeit zu heilen,
Zeit einzureißen                und Zeit zu bauen.
Zeit zu weinen                  und Zeit zu lachen,
Zeit zu trauern                  und Zeit zu tanzen.
Zeit, Steine zu werfen,       und Zeit, Steine zu sammeln,
Zeit zu umarmen                und Zeit, das Umarmen zu meiden.
Zeit zu suchen                  und Zeit, verloren zu geben,
Zeit zu bewahren               und Zeit wegzuwerfen.
Zeit auseinanderzureißen     und Zeit zusammenzunähen,
Zeit zu schweigen              und Zeit, Worte zu machen.
Zeit zu lieben                    und Zeit zu hassen,
Zeit für den Krieg               und Zeit für den Frieden.

Mich hat es abgestoßen, dass in diesem Text Liebe und Hass, Krieg und Frieden gleichrangig aufgezählt werden. Daher habe ich in meinem Buch "Botschaft ohne Grenzen" im Hinblick auf die Menschen, die sich ganz hingeben können, den Text wie folgt geändert:

Glücklich ist der Mensch, der sich ganz hingeben kann.
Was er tut, tut er im Namen Gottes.
Was er lässt, lässt er im Namen Gottes.
Und er weiß, dass alles seine Zeit hat.
Empfangen hat seine Zeit   und Gebären hat seine Zeit.
Säen hat seine Zeit           und Ernten hat seine Zeit.
Planen hat seine Zeit         und Ausführen hat seine Zeit.
Roden hat seine Zeit         und Bauen hat seine Zeit.
Spinnen hat seine Zeit       und Weben hat seine Zeit.
Lachen hat seine Zeit        und Weinen hat seine Zeit.
Schweigen hat seine Zeit   und Reden hat seine Zeit.
Segnen hat seine Zeit       und Heilen hat seine Zeit.
Suchen hat seine Zeit       und Finden hat seine Zeit.
Ahnen hat seine Zeit         und Wissen hat seine Zeit.
Glauben hat seine Zeit       und Hoffen hat seine Zeit.
Lieben hat seine Zeit         und Vollenden hat seine Zeit.

Als ich Gerhild, meiner Frau, unlängst diesen Text wieder zeigte, hat sie protestiert. Sie meinte: "Menschen, die in ihrem Leben doch auch Leid erfahren, können sich mit einem Text nicht identifizieren, in dem das Leid ausgeklammert wird." Daher habe ich zwei Zeilen hinzugefügt:

Glücklich ist der Mensch, der sich ganz hingeben kann.
Was er tut, tut er im Namen Gottes.
Was er lässt, lässt er im Namen Gottes.
Und er weiß, dass alles seine Zeit hat.
Empfangen hat seine Zeit               und Gebären hat seine Zeit.
Säen hat seine Zeit                       und Ernten hat seine Zeit.
Planen hat seine Zeit                     und Ausführen hat seine Zeit.
Roden hat seine Zeit                      und Bauen hat seine Zeit.
Spinnen hat seine Zeit                   und Weben hat seine Zeit.
Lachen hat seine Zeit                    und Weinen hat seine Zeit.
Schweigen hat seine Zeit               und Reden hat seine Zeit.
Segnen hat seine Zeit                    und Heilen hat seine Zeit.
Hass Verstehen hat seine Zeit         und vor Hass Schützen hat seine Zeit.
Vor Scherben Stehen hat seine Zeit  und neu Beginnen hat seine Zeit.
Suchen hat seine Zeit                    und Finden hat seine Zeit.
Ahnen hat seine Zeit                      und Wissen hat seine Zeit.
Glauben hat seine Zeit                   und Hoffen hat seine Zeit.
Lieben hat seine Zeit                     und Vollenden hat seine Zeit.

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207. Verstehen und lieben  -  11. Dezember 2012

Gestern Abend, als wir nach der Sauna schon im Bett waren, sagte ich zu Gerhild, meiner Frau: "Je besser ich dich verstehe, umso mehr liebe ich dich. Und je mehr ich dich liebe, umso besser verstehe ich dich. Ist das nicht ein Kreis?"

Sie antwortete: "Nein, das ist eine Spirale."

Ist das nicht bei allem und jedem so? Je besser man etwas versteht, umso mehr liebt man es. Und je mehr man es liebt, umso besser versteht man es.

Ja kann man denn alles lieben? Auch das Ekelhafte? Auch das Mörderische?

Hier ist nicht die Liebe gemeint, die das Gegenteil von Hass ist. Es ist eine Liebe gemeint, die kein Gegenteil hat und daher nicht in Hass umschlagen kann. Wer von dieser Liebe erfasst ist, wirkt an der Befreiung aller mit, an der Befreiung der Menschen und aller anderen Wesen.

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206. Karma  -  1. Dezember 2012

"Karma" ist ein Begriff, der in unserer Zeit nicht nur von Buddhisten und Hinduisten gerne verwendet wird. Man spricht von "gutem" und von "schlechtem" Karma.

In einem Internet-Forum gefunden: "Ich glaube schon daran, dass es so zurückschallt, wie man es in den Wald hineinruft - was meiner Meinung nach auch etwas mit Karma zu tun hat."

Nach www.palikanon.com bezeichnet Karma (wörtlich "Wirken", "Tat") genau genommen den heilsamen oder unheilsamen Willen.

"Karma bedeutet also keineswegs das Ergebnis des Wirkens, oder gar das Schicksal von Menschen oder ganzen Völkern, wie unter dem Einfluss der Theosophie die beinahe allgemeine Auffassung im Westen ist."

Auf der Website der Zeitschrift "Ursache & Wirkung" (www.ursachewirkung.at) fand ich den Artikel "Was ist Karma?" von Karl-Heinz Brodbeck. Ich zitiere nun aus diesem Artikel.

"Nicht nur in esoterischen Kreisen geistern über Karma allerlei seltsame Vorstellungen herum, die einer kritischen Prüfung nicht standhalten würden. Buddha warnte davor, über den Bereich der karmischen Wirkungen nachzugrübeln; das führe nur zu Wahnsinn."

"Der Buddha hat mehrfach betont, dass nicht jegliches Ereignis durch Karma bedingt ist. Eine Krankheit kann auch natürliche Ursachen haben."

"Wer versucht, einen Jemand hinter dem Karma zu finden, verfällt, wie der Buddha sagte, dem Wahnsinn ... Deshalb hat der Buddha die Antwort auf die Frage verweigert, ob jemand oder niemand wiedergeboren wird."

"Weil wir auf vielfältige Weise von anderen Lebewesen abhängig sind (und sie von uns), ist die dieser Tatsache adäquate Motivation das Mitgefühl. Gegenseitige Abhängigkeit, Leerheit und Mitgefühl sind nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe Wirklichkeit ... Erst wer ohne Blick auf karmischen Lohn in freier Entscheidung Mitgefühl praktiziert, der handelt wirklich ethisch und bereitet die Erkenntnis der Leerheit vor."

"Die Welt gegenseitiger Abhängigkeit, die karmische Welt erscheint zeitlich und räumlich ausgedehnt. Im Sterbeprozess endet mit unserer Verkörperung auch die Grundlage dieser Weltillusion. Raum und Zeit weichen einem offenen Jetzt. Man kann erkennen, dass 'Ich' eine Illusion war. Wenn ein Mann seine Frau schlug, dann erkennt er im Sterbeprozess, dass sein Bewusstsein nie von ihr getrennt war. Er erleidet nun seine eigenen Schläge aus der Perspektive seiner Frau, durch die Panoramaerkenntnis des reinen Bewusstseins, die aufscheinende Buddha-Natur. Das ist vollkommene Gerechtigkeit."

Der Buddha forderte "in seiner berühmten Rede an die Kalamer alle Menschen auf, nur das zu glauben und anzunehmen, was man jeweils selbst erkannt hat."

Solches Verständnis transzendiert alle Dogmen, auch ein Karmagesetz als Dogma.

Je tiefer wir im Verständnis gehen und je freier wir werden, desto mehr nähern sich die verschiedenen Weltanschauungen einander an.

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205. Himmel und Hölle im Dhammapada  -  20. November 2012

Das neunte Kapitel des Dhammapada handelt von den bösen Taten. Ich bringe nun den Vers 126, wobei ich wieder aus den drei Übersetzungen des Dhammapada in die deutsche Sprache einen eigenen Text mache:

Einige werden auf der Erde wiedergeboren,
die Übeltäter in den Abgründen der Hölle,
die Guten gehen weiter in den Himmel,
doch wessen Triebe vollkommen erloschen sind,
der kehrt nicht wieder.
[oder: der tritt in das Nirvāna ein.]

Die Anātman-Doktrin, die die Unpersönlichkeit des Daseins aussagt, ist eine der zentralen Lehren des Buddhismus. Und doch spricht dieser Vers von der Wiedergeburt. Was wird also wiedergeboren? Als Beispiel einer Antwort auf diese Frage bringe ich ein Kōan aus der Zen-Tradition, das ich bei www.zenkreis.de gefunden habe:

Wenn der Buddha nach der Wiedergeburt gefragt wurde und auch danach, was denn wiedergeboren wird, dann zündete er eine Kerze an. Eine zweite Kerze zündete er an der ersten Kerze an. Dann blies er die erste Kerze aus. Er erklärte hierzu: "Das eine Leben ist verlöscht, das andere konnte jedoch nicht ohne das erste entstehen, und dennoch ist das zweite anders als das erste."
Was wird wiedergeboren?

Meine Antwort dazu: Ich bin keine Person, ich habe keine Substanz, kein Wesen, aber ich bin ein Wesen.

Der Vers 126 sagt aus, dass ein Wesen nicht nur auf der Erde wiedergeboren werden kann, sondern auch in der Hölle oder im Himmel.

Ein Bodhisattva ist nach dem Mahāyāna-Buddhismus ein Wesen, das solange auf das Eingehen ins Nirvāna verzichtet, bis alle Wesen befreit sind. Für mich liegt es auf der Hand, dass erst recht von einem Wesen, das nicht wiederkehrt, Ströme der Liebe ausgehen, die zur Befreiung aller Wesen beitragen.

Genauso wenig wie das Königtum Gottes ist das Nirvāna ein Gebiet, das man betreten kann. Man muss von räumlichen und zeitlichen Vorstellungen absehen.

Auch für mich sind Himmel und Hölle nur Durchgangsstadien auf dem Weg der Befreiung. In meinem Baustein 91. Über die Auferstandenen habe ich geschrieben:

"Die Wesen, die als Menschen auf der Erde gelebt haben, nach ihrem Tod durch Höllen und Himmel gegangen sind und ihre Integrationsarbeit abgeschlossen haben, sind die Auferstandenen."

In meinem Buch "Jesus für alle" habe ich im Kapitel "Das Böse in der Welt" geschrieben:

"Jenseits von dem, was wir 'Hölle' nennen, und jenseits von dem, was wir 'Himmel' nennen, beginnt unser eigentliches Glück und unsere eigentliche Freiheit."

Und in meinem Buch "Vom Tod zum Leben" habe ich im Kapitel "Der Mensch zwischen Tod und Auferstehung" über das Geschehen nach dem Tod geschrieben:

"Schmerz, Angst, Hass, Ärger, Verzweiflung, Enttäuschung, Zynismus, Bitterkeit, Trauer, Schuld, Verlegenheit, Scham usw. führen zu Erlebnissen, die dem Wesen eine Hölle von endloser Dauer vorspiegeln. Das Wesen fühlt sich vielleicht zur Flucht getrieben und beginnt endlos scheinende, ausweglose Wanderungen. Oder es fühlt sich gefangen und sucht vergeblich einen Ausweg. Freude, Wonne, Entzücken, Begeisterung, Seligkeit, Unschuld, Wohlbehagen, Heiterkeit usw. führen zu Erlebnissen, die dem Wesen einen Himmel mit ewigem Bestand vorgaukeln. Das Wesen glaubt vielleicht, dass nun alles erreicht und alles erfüllt ist, und es lässt sich auf einen Tanz ein, der letzten Endes zur Erschöpfung führt.
Alle höllischen und himmlischen Vorstellungen müssen vollständig losgelassen werden."

In den beiden erwähnten Büchern habe ich die Beschreibung dessen, was aus meiner Sicht mit uns nach dem Tod geschieht, im Detail ausgearbeitet.

Ist es nicht wunderbar, wie vielfältig das Leben, das mit dem Tod nicht endet, beschrieben werden kann?

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204. Der Traum der Laternenanzünder  -  11. November 2012

In dem Baustein 201. Liebe und Hass im Dhammapada habe ich von dem japanischen Zen-Mönch Ryōkan Daigu berichtet. In dem Buch "Eine Schale, ein Gewand - Zen-Gedichte von Meister Ryōkan" habe ich folgende Zeilen gefunden:

"Illusion und Erleuchtung kann man nicht trennen." (S. 30.)

Wenn du es festhältst, ist es Illusion. Wenn du es nicht festhältst, ist es Erleuchtung.

"Täuschung und Erleuchtung? Zwei Seiten einer Münze." (S. 43.)

Darum lass die Finger davon.

"Schau dich um! Außer diesem ist nichts." (S. 45.)

Wenn es durch dich hindurchfährt wie ein zeitloser Blitz.

Statt "Erleuchtung" sage ich lieber "klare Sicht".
Putze deine Brille.
Lege die Brille ab.
Lege den Kopf ab.

Im Februar 2003 habe ich das folgende Gedicht geschrieben:

erleuchtung
ist der traum
der laternenanzünder
doch dann
kommt der tag
und wer braucht
am tag
noch laternen?

Der Tag, der die Nacht gegessen hat.
Die Nacht, die den Tag gegessen hat.

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203. Ein Urwesen sein  -  1. November 2012

Ein Gedicht von Werner Krotz:

ein urwesen wohnt
in allen menschen und dingen
nun
wo dieses urwesen
aus deinem tiefen inneren heraus leuchtend
dein äußeres durchstrahlt
bist du die denkbar schönste frau
gerhild

Ein Gedicht von Gerhild Krotz:

Ein Urwesen hat seine
    Wurzeln in der Vergangenheit.
Ein Urwesen entfaltet sich
    in der Gegenwart.
Ein Urwesen öffnet sich
    den Gedanken an die Zukunft.

So ein Urwesen darf ich sein.

Diese beiden Gedichte haben Gerhild und ich am 28. Juli 2004 mit nur wenigen Minuten zeitlichem Abstand geschrieben, ohne dass einer vom Gedicht des anderen wusste.

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202. Die zehn Gebote  -  15. Oktober 2012

Die zehn Gebote stammen aus der Tora und wurden von den christlichen Kirchen angepasst. Ich beginne mit einer Übersicht.
































Anmerkung: Luthers Katechismus folgt bei den letzten beiden Geboten nicht 5.Mose, sondern 2.Mose. Er führt das Haus getrennt an und die Frau in einem Atemzug mit Knecht, Magd und Vieh. Das habe ich geändert, denn es macht die Frau zur Sklavin, was den beiden Schöpfungsberichten klar widerspricht.

Anmerkung: Im katholischen Katechismus und in Luthers Katechismus kommt das Verbot, sich ein Gottesbildnis zu machen, nicht vor.

Anmerkung: Die schwammige Formulierung "Du sollst nicht Unkeuschheit treiben" hat viele Kinder und Jugendliche unglücklich gemacht.

Ich formuliere nun Regeln, die den Geboten entsprechen. So wie ich es oben und jetzt wieder einteile, sind es nicht zehn, sondern elf Abschnitte. Einige Regeln haben zwei Seiten.
















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201. Liebe und Hass im Dhammapada  -  12. Oktober 2012

Das Dhammapada ist eine Sammlung von 423 Versen, im Pali-Dialekt niedergeschrieben. Die meisten Verse sind rhythmische Vierzeiler mit acht Silben pro Zeile. Die Sammlung wurde auf dem dritten Konzil, 253 v.Chr., in den buddhistischen Kanon aufgenommen. Nach Thich Nhat Hanh gibt es keinen Zweifel daran, dass die 423 Verse authentische Lehren des historischen Buddha enthalten.

Im Folgenden bringe ich Beispiele. Ich besitze drei Übersetzungen des Dhammapada in die deutsche Sprache und mache daraus einen eigenen Text.

Das Dhammapada enthält 26 Kapitel. Das erste Kapitel besteht aus Verspaaren. Das Paar 5 und 6 behandelt Liebe und Hass:

Durch Hass kann man nie und nimmer
den Hass zur Ruhe bringen.
Durch liebende Güte kommt der Hass zur Ruhe.
Das ist ein unabänderliches Gesetz.

Die Unwissenden sehen es nicht ein,
dass man sich im Streit zügeln muss.
Doch wer die rechte Einsicht hat,
in dem kommt aller Streit zur Ruhe.

Das Paar 3 und 4 geht so:

"Er hat mich beschimpft und geschlagen,
er hat mich niedergeworfen und beraubt!"
Wer solche Gedanken festhält,
in dem kommt der Hass nie zur Ruhe.

"Er hat mich beschimpft und geschlagen,
er hat mich niedergeworfen und beraubt!"
Wer solche Gedanken loslässt,
in dem kommt der Hass bald zur Ruhe.

Für den Menschen, der die rechte Einsicht hat, kann die Antwort auf Hass nur die liebende Güte sein. Zur rechten Einsicht gehört es, bei Gedanken an Vergangenes die Bitterkeit und den Vorwurf loszulassen. Es geht um die Einsicht in die Vergänglichkeit und das Eigentliche in der Vergänglichkeit.

Einen vollendeten Ausdruck dieser Geisteshaltung bietet Ryōkan Daigu, der von 1758 bis 1831 lebte und ein japanischer Zen-Mönch der Sōtō-Schule war. Nach sechzehn Jahren Schulung ging er als Bettelmönch auf Wanderschaft und ließ sich schließlich als Einsiedler nieder. "Er schrieb Gedichte und wurde auch als Kalligraph geschätzt. Seine Haiku, Waka und Gedichte im chinesischen Stil (Kanshi) sind poetischer Ausdruck seiner Zen-Erfahrung und gehören zu den schönsten Zen-Gedichten der japanischen Literatur." (Aus der Kurzbiografie von Ryōkan Daigu auf www.daigu.org.)

Sein Schriftstellername Daigu bedeutet "großer Narr". Er ist bekannt für sein sanftes Gemüt und seine Liebe zu Kindern. Aus der Geisteshaltung des Nicht-Haftens kam er zu vorbehaltloser Annahme aller Lebensumstände. Als ein Dieb ihm die letzte Habe aus seiner ärmlichen Einsiedelei gestohlen hatte, schrieb er folgendes Haiku:

Der Dieb ließ ihn da:
Dort im Fensterrahmen steht
der leuchtende Mond.

(Anekdote und Haiku zitiert nach dem Lexikon der östlichen Weisheitslehren.)

Ergänzung vom 28. Okober 2012:

In der deutschen Übersetzung von Munish B. Schiekel lautet das obige Gedicht so:

Der Dieb ließ ihn zurück -
den Mond
im Fenster.

Im Original ist das Gedicht ein Haiku. Im Deutschen ein Haiku daraus zu machen, ist nicht leicht. Im obigen Haiku sind die Zeilen vertauscht und dem Mond wurde ein Eigenschaftswort hinzugefügt. Auch ich habe eine Bearbeitung versucht und habe geschrieben:

Der Dieb ließ sie da -
die Stille und auch den Mond
oben im Fenster.

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